Er sah müde aus in den ersten Tagen des Januars. In seinen Weihnachtsferien habe ihn eine heftige Erkältung gepackt, erzählen Mitarbeiter. So ging der Chef etwas angeschlagen ins wichtigste Jahr seiner Karriere.

Einen Durchhänger kann sich Thomas Gottstein nicht leisten – 2017 wird er der entscheidende Mann auf dem hiesigen Bankenplatz. Am Investorentag vom Herbst 2015 hatte CEO Tidjane Thiam das Kernstück der neuen Strategie der CS enthüllt: einen Teilbörsengang des Juwels des Unternehmens, des Schweizer Geschäfts, das Ende November in einer eigenen Bank namens Credit ­Suisse (Schweiz) AG gebündelt wurde. Festgelegter Termin des IPO: die zweite Hälfte dieses Jahres.

Kampf mit den Regulatoren

Viel Arbeit also für den 52-Jährigen, der in seiner fast 20-jährigen Karriere bei der CS die oft zermürbende Führung grosser Organisationen lange bewusst gemieden hatte – als Investment Banker ein begnadeter Kundenmann, war er am liebsten an der Front tätig.

Gut möglich, dass er mitunter an diese Tage zurückdenkt. Denn in seiner neuen Rolle muss er sich auch mit Leuten herumschlagen, bei denen sein einnehmender Charme wenig nützt. Allen voran: Mark Branson, Direktor der Finma. Mehr als einmal sei er verärgert von den Meetings mit den Regulatoren zurückgekehrt, wissen Vertraute. Kein Wunder: Die Finanzmarktaufsicht hat seinen ursprünglichen Plan zum Bau der Schweizer Universalbank in vielen Teilen zerschossen.

Von Auflagen geplagt

So darf die neue Schweizer Bank keinen eigenen Handel haben. Zu gefährlich nach Ansicht der Regulatoren. Die Folge: Die Bank ist nur eine halbe Bank, unfertig, weil ein Kernstück des Geschäfts fehlt. Der Handel muss nun von aussen – von der Mutter CS – erbracht werden.

Doch es drohen weitere Auflagen. So will die Finma, dass die Bank die übergeordneten Dienste, also IT, Risk oder Legal – zusammengefasst ein Bereich mit über 2000 Mitarbeitern – ebenfalls nicht in der Schweizer Einheit, sondern bei der Mutter unterbringt. Diese Dienste soll die CS in einer «Global Service Company» bündeln. Die Folge: Gottstein könnte die Kosten in einem der wichtigsten Bereiche der Bank nicht selber kontrollieren. Die Gespräche darüber sind noch im Gang, doch die Chancen Gottsteins stehen schlecht, berichten Quellen, die mit den Entscheiden der Finma vertraut sind.

Zweifel an Unabhängigkeit

Auch bei anderen Themen ist das Seilziehen noch nicht ausgestanden, etwa bei der Frage der Zusammensetzung des Verwaltungsrats der Schweizer Tochter. Der im Herbst präsentierte Verwaltungsrat der neuen Credit Suisse (Schweiz) AG dürfte gewichtige Änderungen erfahren und um zwei bis drei neue Mitglieder ergänzt werden, sagt ein Mitglied des Gremiums. Der Grund: Die Finma sehe die notwendige Unabhängigkeit der bestehenden Mitglieder vor dem Hintergrund eines Teilbörsengangs nicht gewährleistet.

Von den sieben Verwaltungs­räten stehen fünf auch in Diensten der Mutter, Thiam als CEO, Urs ­Rohner als Präsident und Severin Schwan, Alexander Gut sowie Andreas Koopmann als Verwaltungsräte der CS Group. Herrscht CS-intern die Ansicht, dass zumindest diejenigen Verwaltungsräte, die auf Gruppenebene als unabhängig gelten – Roche-Chef Schwan, Ex-KPMG-Mann Gut, Nestlé-Vizepräsident Koopmann –, dies logischerweise auf der Ebene der Tochter sein sollten, so sieht das die Finma anders.

Erneuerung im VR

Das Denken der Regulatoren ist geprägt von der «Too big to fail»-Pro­blematik: Im Krisenfall muss die Schweizer Einheit vollständig aus der Mutter herausgelöst und so gerettet werden können. Die Befürchtung der Finma: Die in der Gruppe tätigen Verwaltungsräte könnten im Krisenfall zu lange zögern, den Entscheid einer Abtrennung schnell und mit nötiger Härte zu fällen.

Die Konsequenz dieser Haltung: Damit wird auch der frisch portierte und als unabhängig geltende heutige Präsident der CS Schweiz, Alexandre Zeller, Ex-Chef der SIX Group, ab dem 28. April nicht mehr als unabhängig durchgehen – an der dann stattfindenden Generalversammlung soll er wie vorgeschlagen in den Gruppen-VR gewählt werden. Wie strikt das Denken der Finma in diesem Thema ist, zeigt sich aktuell etwa daran, dass sie die CS auch bei einer ­anderen Tochter, dem Kleinkredit– und Leasinginstitut Bank Now, zu Änderungen zwingt: Wie die «Bilanz» aus guter Quelle weiss, muss die CS bis 2018 zwei der sieben Verwaltungsräte auswechseln. Bisher hatte die CS alle Mitglieder aus ihren Reihen bestellt.

Dynamischster Bereich ausgelagert

Einen Hinweis auf das generell gespannte Verhältnis mit den Regulatoren lieferte Gottstein jüngst im Interview mit der CS-internen Pu­blikation «Bulletin»: Hierzulande neige man dazu, sich die «Vorteile selber zu nehmen». Jetzt gehe es aber darum, «dass die Schweiz nicht härtere Regulierungen früher einführt als alle anderen und dass diese nicht ständig verändert werden».

Doch nicht nur von aussen spuckt man Gottstein in die Suppe. Einige der Erschwernisse für die volle Entfaltungskraft einer Schweizer Universalbank sind ihm schon vorweg von seinen Chefs selber auferlegt worden. So ist einer der ­dynamischsten Wachstumsbereiche nicht unter seinem Dach: das Offshore Private Banking, jenes Geschäft also, das von reichen aus­ländischen Privatkunden in der Schweiz gebucht wird. Konkurrent UBS etwa hat es seiner Schweizer Einheit zugeordnet.

Für die richtige Balance

Bei der CS aber ist dieses Geschäft im Bereich International Wealth Management (IWM) von Konzernleitungskollege Iqbal Khan untergebracht. Auch das Asset Management, für das noch im ersten Quartal ein Joint Venture mit der Schweizer Bank geformt werden soll, sowie Drehscheibenfunktionen wie der Chief Investment Officer sind unter dessen Ägide.

Dies ist bereits im Rahmen der neuen Strategie vom Herbst 2015 so festgelegt worden. Der Hintergrund: Die Bank­leitung unter Präsident Rohner und CEO Thiam wollte bewusst eine Struktur, die durch die Balance von fünf starken Teilen (Schweiz, Asien, Internationales Wealth Management, Investment Banking, Global Markets) gekennzeichnet ist. Wäre auch das Offshore Private Banking bei Gottstein gelandet, wäre das Gewicht dieses Teiles übergross, die gewünschte Balance nicht mehr gegeben.

Auf langsames Wachstum beschränkt

Das Konzept gehe zurück auf den über Jahre vorgespurten strategischen Plan von Rohner, die Bank so zu bauen, dass man Teile habe, die man gegebenenfalls in Koopera­tionen einbringen könne, sagt ein ehemaliges Konzernleitungsmitglied, das mit dem Präsidenten darüber gesprochen hat. Eine derartige Struktur macht durchaus Sinn, ermöglicht sie doch, Teile zu verkaufen oder zu fusionieren. Das Konzept einer Schweizer Universalbank habe er schon 2012 in einer Präsentation skizziert, verriet Rohner einmal der «Bilanz».

Das Problem der «Balance»-Lösung aus der Sicht von Gottstein: Mit dem Schweizer Offshore Private Banking fehlt ihm einer der wichtigsten Wachstumsbereiche im Markt. Was ihm bleibt – «eine Schweizer Bank für Schweizer Kunden» («Neue Zürcher Zeitung») –, ist zwar grundsolide, doch weitaus weniger dynamisch. Die Schweizer Bevölkerung wächst, aber nur langsam. Die Märkte sind gesättigt und massenhaft mit Konkurrenten besetzt. Im Firmenkundengeschäft etwa haben von Julius Bär über Raiffeisen bis hin zu international bestens vernetzten Playern wie BNP Paribas viele aufgerüstet, und im Kleinkundengeschäft haben Konkurrenten wie die UBS, Raiffeisen oder die Kantonalbanken den Markt weitgehend durchdrungen.

Dividendengeschichte

Eine griffige Wachstumsstory wäre Garant dafür, Investoren für den Teilbörsengang zu locken. Gottstein selber – als Investment Banker mit den Mechanismen eines IPO bestens vertraut – hat im CS-«Bulletin» gesagt, man müsse den Investoren die sogenannte «Equity Story», das Argumentarium für die neuen Aktien, in wenigen Minuten erklären können. Dabei könne die Equity Story «eine Wachstums- oder eine Dividendengeschichte» sein.

Inzwischen scheint der Dividendenaspekt im Vordergrund zu stehen. «Simpel und pragmatisch» sei die neue Schweizer Bank, sagte Gottstein in einem Interview mit der «Financial Times». Da lässt sich dann aus der Not leicht eine Tugend machen: Dass das Schweizer Offshore Private Banking nicht dabei ist, trägt schliesslich zur Stabilität bei, hat dieser lange von der Steuerflucht geprägte Bereich doch in der Vergangenheit für verschiedene, mitunter teure Skandale gesorgt. Auch diese Massnahme war darum wohl ganz im Sinn der Finma.

Bisherige Aktionäre im Nachteil

Wachstum muss Gottstein aber trotzdem liefern. Ziel ist eine jährliche Zunahme um 2 Prozent bei gleichzeitigen Kosteneinsparungen in Höhe von 3 Prozent. Die Ziele für die Schweiz wurden am jüngsten Investor Day nochmals bestätigt. Dabei war Gottsteins Bereich der einzige, dessen Vorgaben von CEO Thiam nicht zurückgestutzt wurden.

Die Bankspitze ist überzeugt, in der Schweiz auf Jahre hinaus gute und stabile Erträge zu erwirtschaften – und damit auch die eigenen Aktien anzufeuern.

Doch so positiv das ist – sogar damit ist ein Problem verbunden. Denn in den Kreisen der bisherigen Aktionäre der CS hat die Frage an Bedeutung gewonnen, warum man ­eigentlich die Früchte eines so erfolgreichen Geschäfts zu 30 Prozent anderen überlassen solle, wie das bei einem Gang an die Börse der Fall wäre.

Kapitalbeschaffung im Zentrum

Bei der Bekanntgabe der IPO-Pläne durch Thiam 2015 stand der Kapitalgedanke stark im Vordergrund. Ein Verkauf von 20 bis 30 Prozent der Schweizer Bank im Rahmen eines IPO würde viel Geld in die Kassen der Mutter Credit Suisse spülen und die dünne Kapitaldecke der Bank um zwei bis vier Milliarden Franken aufstocken, wie Analysten hochrechneten.

Es wurden zwar noch eine Reihe anderer Gründe angeführt, warum ein Börsengang gut sei, etwa weil es intern für einen Ruck sorgen und den versteckten Wert 
der Einheit aufzeigen würde, doch derlei Gründe wirkten vorgeschoben. Im Kern war die Sache klar als Kapitalbeschaffungsvehikel angelegt.

Die von den USA jüngst verordnete Strafzahlung wegen der Geschäfte in der Finanzkrise in Höhe von 5,3 Milliarden hat dem Kapitalpuffer einen gehörigen Schlag versetzt. Doch paradoxerweise hat die Busse diese Thematik sogar etwas entschärft, hatten die Konkurrenten doch deutlich mehr zu berappen: 16,7 Milliarden waren es bei der Bank of America, 7,2 Milliarden bei der Deutschen Bank.

Zweifel des Investors

Vor diesem Hintergrund gab es kurz nach Neujahr ein bemerkenswertes Interview mit einem der grössten Aktionäre der CS Group, David Herro von der US-Gesellschaft Harris Associates, die laut CS-Webpage 5,17 Prozent der Aktien hält und damit 1,7 Milliarden Franken in die Bank investiert hat. Angesichts des nicht übermässig teuren Settlements mit den USA und der verbesserten internen Profitabilität sei ein Börsengang der Schweizer Einheit vielleicht gar nicht mehr nötig, sagte Herro zum Nachrichtendienst Bloomberg.

Ob dies ein Zeichen ist, dass die Investoren generell an der Notwendigkeit eines IPO zweifeln, ist unklar: Die meisten Grossaktionäre der CS geben zu derlei Fragen keine Auskunft. Gut möglich aber, dass die Aussicht, die stabilen Schweiz-Gewinne nicht mit einer Horde externer Minderheitsaktionäre teilen zu müssen, in den Augen der bisherigen Aktionäre an Attraktivität gewinnt. Dass es generell fraglich ist, ein IPO im Kerngeschäft zu machen, hatte auch Sergio Ermotti, CEO des Konkurrenten UBS, in einem Interview in der «Neuen Zürcher Zeitung» angetönt: «Die Schweizer Bank ist für uns so wichtig, dass es nicht in Frage kommt, einen Teil davon zu verkaufen.»

Nur noch eine «Option»

Ein bemerkenswertes Zeichen ist, dass sich intern an einzelnen Stellen in dieser Sache ein neues Wording zu etablieren beginnt, und zwar auf der Ebene der CS-Konzernleitung wie des CS-Schweiz-Verwaltungsrats. So ist im Umfeld von Wealth-Management-Chef Khan aufgefallen, wie konsequent ein IPO als «Option» bezeichnet wird. Auch CS-Schweiz-Präsident Zeller nennt den Teilbörsengang gegen aus­sen gerne eine «Option»: Der Börsengang erfolge «according to market conditions», beeilt er sich dann jeweils zu betonen.

Auch wenn die CS in der Tat von Anfang an sagte, die Marktkonditionen spielten für den Entscheid eine Rolle, so war doch klar, dass der Börsengang von Thiam als weit mehr als nur eine «Option» angekündigt wurde. «Die Credit Suisse will den Gewinn steigern und Kapitalwachstum generieren (...) durch den Ausbau ­ihrer Universalbank im Schweizer Heimmarkt, mit einem partiellen IPO, plangemäss bis Ende 2017», hiess es in der Pressemitteilung von 2015. Auch in Gottsteins Worten tönte es bisher wenig nach «Option»: «Der Börsengang der Schweizer Einheit ist weiterhin für 2017 vorgesehen. Daran wollen wir festhalten», sagte er im Mai 2016 gegenüber der «Handelszeitung».

Mitarbeiter freuen sich

Mit der Frage muss sich in letzter Instanz Präsident Rohner herumschlagen. Um die Frage, wann genau der Verwaltungsrat der CS-Gruppe den finalen Entscheid in dieser Sache fällen soll, macht die Bank ein grosses Geheimnis. Derweil gehen Gottstein und seine Leute zielgerichtet ihren Weg: Für das zweite Quartal plant die Bank einen Investorentag nur für die CS Schweiz, wie zu hören ist.

Im Umfeld von Gottstein ist die Motivation für einen Börsengang ungebrochen. Gottstein hat mancherlei Vertrauten aus seiner langen Zeit bei der CS mit an Bord, etwa den langjährigen Chef des Schweizer Investment Bankings, Marco Illy, der das IPO für die CS machen darf. Die Bank will aber noch weitere Syndikatsbanken für den Börsengang einspannen; Namen wurden noch keine bekannt gegeben.

Doch auch in breiten Kreisen der Mitarbeiter begrüsst man einen Börsengang. Jahrelang musste die Schweizer Belegschaft mit ansehen, wie das Geld, das hierzulande verdient wurde, von den Investment Bankern in den USA mit riskanten Deals und happigen Bussengeldern wieder verpulvert wurde. Kein Wunder, freuen sich die Mitarbeiter auf die eigenen Schweizer Aktien: Sie gehen davon aus, dass diese besonders gut performen werden.

Verteilkämpfe und Gerangel

Doch schon da zeigt sich eine Grundproblematik des Deals: Mit einer eigenen Schweizer Aktie wird das Solidaritätsgefühl in der Gruppe arg auf die Probe gestellt. Es drohen Verteilkämpfe und Abgrenzungsgerangel sowie ein Seilziehen um die Ressourcen. Zudem führt das Ganze zunächst einmal zu einem Kostenschub, weil die neue Tochter Stäbe und Compliance-Strukturen aufbauen muss. Vor noch nicht langer Zeit sang die CS lieber das Hohelied auf die Synergien. So wurden vor einigen Jahren zahlreiche Doppelspurigkeiten und Reporting-Anforderungen als Grund genannt, die damalige Privatbankentochter Clariden Leu hart in die Muttergesellschaft zu integrieren.

Auch Gottstein trägt das Seine zu der Aufblähung der Strukturen bei: In der Geschäftsleitung der Schweizer Bank wimmelt es von Chefs. 13 Personen sind in der GL – mehr Leute sogar, als die Gruppe in der Konzernleitung hat. Er macht damit zwar viele aus seinem Umfeld glücklich, vermittelt jedoch auch den Eindruck, er wolle es jedem recht machen.

Vom Sparprogramm nicht verschont

Weiter unten in der Belegschaft indes stellt sich verschiedenenorts bereits Ernüchterung ein: Am Investorentag vom November hat CEO Thiam angekündigt, in den nächsten zwei Jahren eine zusätzliche Milliarde sparen zu wollen. 200 Millionen davon muss die Schweizer Einheit beitragen. Dem angekündigten generellen Sparprogramm der Gruppe werden in der Schweiz rund 1600 Stellen zum Opfer fallen. Nicht nur sind viele Mitarbeiter verängstigt, die Bank droht auch Kunden zu vergraulen. Zukünftig sollen kleinere Kunden, statt mit dem Berater zu sprechen, vermehrt auf standardisierte Dienstleistungen verwiesen oder auf digitale Kanäle umgeleitet werden.

Das Ziel, Investoren, Mitarbeiter und Kunden gleichermassen bei Laune zu halten, wird bei derlei Vorgaben mehr als nur schwierig – der Mann an der Spitze der Schweizer Einheit ist um seinen Job nicht zu beneiden.

Sehen Sie in der Bildergalerie unten, die zehn wichtigsten Persönlichkeiten - das «Who is who» - der Schweizer Finanzwelt:

 

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