Den letzten Auftritt verband CS-Chef Oswald Grübel mit einem Paukenschlag: An der Pressekonferenz vom 15. Februar präsentierte er seinen Nachfolger. Es war vom Zeitpunkt wie von der Person her eine Überraschung. Denn Brady Dougan, der die Bank künftig operativ führen wird, gehörte nicht zum engeren Kreis der Papabili, welche die Presse als Kandidaten ausgemacht hatte.

Weil man zudem erst im Herbst mit der Wahl eines Nachfolgers rechnete, kamen Spekulationen auf, Grübel habe dem VR seinen Mann aufs Auge gedrückt. Schliesslich bestehen beste Beziehungen zwischen Dougan und Grübel, seit Grübel in den Jahren 1996 und 1997 im Handelsbereich Dougans direkter Vorgesetzter war.

Doch wenn man an einen grübelschen Überraschungscoup glaubt, unterschätzt man nicht nur die entscheidende Rolle, welche der Verwaltungsrat bei der Auswahl des neuen CEO gespielt hat, sondern auch den breiten Support, den Dougan im Rat geniesst. Der gesamte Verwaltungsrat sei intensiv in das Auswahlverfahren einbezogen worden, sagt VR-Präsident Walter Kielholz. Der Besetzung des CEO-Postens sei ein neun Monate langer Auswahlprozess vorangegangen, mit dem Ziel «per Anfang 2007 eine Lösung zu finden, die von allen – auch vom bisherigen CEO Oswald Grübel – getragen wird».

Laut Insidern hatte der Amerikaner Dougan wichtige Fürsprecher im Gremium, etwa Richard Thornburgh, der einst mit Dougan im Investment Banking gearbeitet hat.

Auch Präsident Kielholz schätzt Dougan. Die beiden kennen sich seit 1994, als Dougan bei der erfolgreichen Derivatetochter der CS, Credit Suisse Financial Products, war. An CS Financial Products zu zwanzig Prozent beteiligt war der Rückversicherungskonzern Swiss Re, bei dem Kielholz seit 1993 als Mitglied der Geschäftsleitung amtete. «Ich habe ihn damals als jemanden kennen gelernt, der intensiv und gründlich arbeitet», sagt Kielholz über Dougan. «Sein hoher Arbeitseinsatz, sein zurückhaltender Stil und seine Fähigkeit zur Teamarbeit passen gut zur Schweizer Mentalität», ist der Präsident auch heute noch überzeugt.

Dass die nicht immer gleich tickenden Alphatiere Grübel und Kielholz sich bezüglich Dougan einig waren, geht nicht nur auf die eindrückliche Leistung zurück, die Dougan in seinem Geschäftsbereich Investment Banking in den letzten Jahren hinlegte. Sie ist auch vor dem Hintergrund einer bereits Jahre zurückliegenden Übereinstimmung der Interessen von Kielholz, Dougan und Grübel bezüglich der Ausschaltung eines mächtigen CS-Repräsentanten zu sehen: John Mack.

Mack war Dougans Chef im Investment Banking und stand ihm lange vor dem Licht. Mack war zudem von Ende 2002 bis Mitte 2004 Co-CEO der Bank und damit der Mann, mit dem Grübel die Macht lange teilen musste. Und dieser John Mack war auch jener Mann, welcher der strategischen Neuorientierung der Bank im Wege stand.

Der Amerikaner Mack war im Sommer 2001 zur Bank geholt worden, von Lukas Mühlemann, der die CS Ende 2002 verliess. Der Berufung von Mack waren schwierige Zeiten für die Investment-Banking-Tochter der Bank, Credit Suisse First Boston (CSFB), vorausgegangen. Unter Sparten-Chef Allen Wheat war ein System gehätschelter Starbanker installiert worden, das aus dem Ruder zu laufen drohte. Haudegen Wheat musste gehen.

Als möglicher Nachfolger stand Dougan ganz oben auf der Liste. Er war wie Wheat von der US-Bank Bankers Trust gekommen und die Nummer zwei im Team. Doch erstens war Dougan mit 41 Jahren noch recht jung. Zweitens waren die Umstände ungünstig, beeinflussten doch die Skandale bei CSFB auch die Karriere Dougans – zumindest vorübergehend.

1999 und 2000 stand die CSFB im Visier der Justiz, die wegen umstrittener Aktienzuteilungen bei IPOs ermittelte. Die Zivilklagen wurden Ende 2006 von einem New Yorker Gericht zurückgewiesen. In den CS-internen Abklärungen wurden Dougan keine Verfehlungen nachgewiesen. «Der Fall wurde intern genauestens abgeklärt. Dougan hat sich in diesem Zusammenhang nichts zuschulden kommen lassen», betont die CS.

In die gleiche Periode fielen die Verletzung von Regeln der Börsenaufsicht durch eine Gruppe von CSFB-Tradern, die sich nach ihrem bevorzugten Feierabenddrink «Flaming Ferraris» nannten, sowie der Entscheid der Aufsichtbehörden in Indien, der CSFB nach Verfehlungen die Brokerlizenz zu entziehen.

Dougan war von 1996 bis 2001 Chef des Aktienhandels der CSFB – die Skandale breiteten sich also teilweise in seinem Verantwortungsbereich aus. Auch wenn er in keinem der Fälle persönlich involviert war, stellt sich doch die Frage, ob die Kontrolle in seinem Revier ausreichend war. Mühlemann wollte in dieser Situation auf einen völlig unbelasteten Mann von aussen setzen. Und wählte als Investment-Banking-Chef nicht Dougan, der auch in der engeren Wahl war, sondern John Mack von Morgan Stanley.

Damit begann eine schwierige Zeit für Dougan. Denn John «The Knife» Mack schaufelte bald Morgan-Stanley-Vertraute in die CS und reduzierte den Einfluss früherer Leistungsträger wie Dougan. Auch der heutige CS-VR Thornburgh, bis 2002 Finanzchef von CSFB, gehörte nicht zum Kreis der Mack-Boys.

Sich mit Mack herumzuschlagen hatte später auch – und vor allem – Oswald Grübel. Dieser war nach dem abrupten Mühlemann-Abgang mit Mack zum Co-CEO der Bank berufen worden. Die Lösung mit zwei gleichberechtigten Chefs galt von Anfang an als problematisch.

Es war Walter Kielholz, der diese Hängepartie beenden sollte, und zwar im Rahmen der strategischen Neupositionierung im Jahr 2004. Der Turnaround war vollbracht, nun wollte Kielholz die Bank für künftiges Wachstum neu ausrichten. Wichtig waren dabei zwei Veränderungen: erstens der Auftritt als integrierte Bank und zweitens die Auflösung der pikanten Doppelbesetzung auf dem Chefsessel. Als alleiniger Chef war vorgesehen: Oswald Grübel. Die Rolle von Mack musste neu definiert werden. Die Zeichen standen auf Sturm.

Mack und Dougan hatten das Heu längst nicht mehr auf derselben Bühne. Mack hatte Dougan 2004 demonstrativ aus dem Machtzentrum in New York entfernt und nach London abgeschoben. Dougan reagierte unzimperlich: Jetzt war er näher bei seinen Schweizer Chefs und soll gegen Mack agiert haben, schrieb das «Wall Street Journal»: «Einmal in London, begann Herr Dougan mehr Zeit mit hohen CS-Vertretern in Zürich, wie VR-Präsident Walter Kielholz und Herrn Grübel, zu verbringen.» Nun habe er aufzeigen können, was falsch lief bei CSFB.

Die CS-Oberen gegen Mack aufzurüsten, sei gar nicht nötig gewesen, bestreitet die CS diese Schilderung. Der Entscheid, auf Mack zu verzichten, sei vor dem grösseren Hintergrund des Strategiewechsels zu sehen. «Brady Dougan teilte unsere Vorstellungen über die zukünftige Strategie einer integrierten Bank in hohem Masse», sagt Kielholz. Bei Mack war das laut Insidern offenbar weniger der Fall. Mack, der Machtmensch, soll im Gegenteil einen Ausbau seines Bereichs durch einen Merger bevorzugt haben.

Der VR entschied, den ablaufenden Dreijahresvertrag von Mack nicht mehr zu erneuern. Es war Kielholz persönlich, der 2004 mit Dougan sprach und ihm den Job als Chef des Investment Banking anbot. Damit kam Dougan in eine Schlüsselposition. Bei einer Firma, die global tätig sei, solle es keine Limitierungen für Leute ohne Schweizer Pass geben, liess Kielholz den Amerikaner damals wissen. Mit einiger Fantasie konnte Dougan dies als Hinweis sehen, dass seine Ambitionen – bei gutem Geschäftsgang – für noch Höheres durchaus intakt waren. Im Februar 2007, knapp drei Jahre später, war es so weit.

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