Es sind Arbeitstage, wie sie Hansueli Loosli liebt. Tagwacht ist kurz nach 4 Uhr, dann geht es im Aargau auf die Autobahn nordwärts Richtung Basel. Im schwarzen ­Audi  A4 steigt Looslis Blutdruck regelmässig, wenn auf der Gegenfahrbahn die Coop-Laster aus dem Warenlager Pratteln BL vorbeibrausen. Dann weiss der Chef: Die Logistik funktioniert, die Ware wird auch heute rechtzeitig bei der Kundschaft sein. Es wird wieder ein Loosli-Tag. Nur einmal in zehn Jahren war dies nicht der Fall. Die Lastwagenflotte auf der Gegenspur blieb aus. Loosli hatte auf seinem Handy die Message, die ihn kurz nach drei Uhr in der Früh alarmierte, übersehen: «Wir haben mit der automatischen Bestellübermittlung ein Problem.» Ein einziges Mal. Denn Coop ist eine geölte Maschine und ihr Chefmaschinist Loosli der Takt­geber im Schweizer Detailhandel. Eben durfte er wieder glänzen: das beste Jahresergebnis plus die Totalfusion des Acht-Milliarden-Konzerns TransGourmet. Die halbe Welt scheint sich nach dem Vielfahrer (80 000 Kilometer im Jahr) zu richten. Sogar sein früherer Erzkonkurrent, Anton Scherrer, zeigt sich ihm gegenüber ausnehmend kulant. Scherrer ist VR-Präsident der Swisscom und wollte sein Amt eigentlich diesen Frühling dem designierten Nachfolger Loosli übergeben. Dieser ist zurzeit gewöhnliches VR-Mitglied. Im Herbst 2009 wurde – vorbildliche Kommunikation – der Wechsel auf dem Präsidentenstuhl angekündigt. Lex Loosli. Der Auserkorene aber hat derzeit keine Zeit für höhere Aufgaben. Die Swisscom, immerhin ein Staatsbetrieb, muss warten. Also durfte ausgerechnet Scherrer, als Ex-Migros-Konzernchef jahrelang Looslis Top-Widersacher, eine Speziallösung für den viel beschäftigten Coop-Chef zimmern. Scherrers Begeisterung hielt sich in Grenzen, als der Kronprinz für seine Nachfolge auf einen späteren Antritt pochte. Mehrmals haben Scherrer und Loosli die Stabübergabe besprochen. Ein Rückzieher Looslis stand nicht zur Debatte. Immerhin hatte er sich mit einer brillanten Präsentation gegen 34 Swisscom-Präsidiums-Anwärter durchgesetzt. Zur Diskussion stand dagegen ein Jobsharing von Scherrer und Loosli, was wiederum für Loosli ein No-go bedeutete. Also einigten sich der Ex-Migros- und der Noch-Coop-Chef auf eine Zwischenlösung. Loosli wird an der Generalversammlung im April zwar als Präsident gewählt, tritt aber sein Amt erst im September an. Scherrer lässt sich nolens volens nochmals als Präsident mit Verfallsdatum wählen. Und weil die Statuten von Coop einen Verwaltungsrat vorsehen, der «aus sieben bis neun Mitgliedern» besteht, muss an der Swisscom-Generalversammlung auch noch schnell die entsprechende statutarische Änderung vorgenommen werden. Wer Loosli als Präsidenten will, muss Fantasie und Geduld aufbringen. Halbstarker Riese. Dieses Paket – eine verzögerte Übergabe samt Statutenänderung – winkte der Swisscom-Verwaltungsrat am 16.  Februar an seiner Sitzung in Bern durch. Ohne Murren, wiewohl man im Gremium etwas überrascht war, dass Loosli tags zuvor an der Coop-Bilanzpressekonferenz angekündigt hatte, er werde bei der Swisscom erst später zur Verfügung stehen. Nicht alle VR-Mitglieder wurden vorgängig im Detail über die Verschiebungsgespräche informiert. Ein Kraftakt im Swisscom-VR, der ganz dem Gusto Looslis entspricht. Er sagt: «Etwas Aussergewöhnliches muss nicht schlecht sein» (siehe Interview). Das Aussergewöhnliche kann er gut gebrauchen, denn die Integration des Grosshändlers TransGourmet benötigt seine volle Aufmerksamkeit. Wenn auch die Dimensionen der Läden, der Palettenzahl und des Umsatzes gigantisch sind, bezüglich Rendite ist TransGourmet bestenfalls ein Halbstarker. Letztes Jahr erwirtschaftete der Gigant einen Gewinn von nur rund 55 Millionen Franken – eine Rendite von etwas über einem halben Umsatzprozent. Auf einem Euro-Sparkonto der Bank Coop bekäme man mehr Zins auf diesem Umsatz. Skeptisch ist auch die Zürcher Kantonalbank. Ihre Einschätzung von Coop: «Die Vollkonsolidierung der TransGourmet wird die Reingewinnmarge der Coop-Gruppe reduzieren. Durch den vollständigen Kauf von TransGourmet wird sich im laufenden Jahr auch die Bilanzqualität verschlechtern.» Ob Loosli mit der TransGourmet-Einverleibung wirklich die Supercard gezogen hat, muss sich erst weisen. Der transnationale Grosshandelsriese verfügt über alle Ingredienzen, die als anspruchsvoll gelten: in unterschiedlichen Ländern aktiv (von Frankreich bis Russland), in verschiedenen Geschäftsfeldern tätig (Spitalverpflegung, Cash & Carry), mit widerborstigen Gewerkschaften konfrontiert (CGT in Frankreich, Verdi in Deutschland) sowie mit den Tücken der Wirtschaftskrise. «Eine Riesenchance für uns alle», so Loosli Ende 2008 in der «Coopzeitung», als man mit der deutschen Handelsgruppe Rewe TransGourmet gründete. Rewe-Chef Alain Caparros damals: «Das neue Joint Venture wird eine stabile Zukunft haben.» Zwei Jahre später sah man das bei Rewe plötzlich anders. Man wolle auf die Geschäftsfelder Einzelhandel und Touristik fokussieren, der hälftige TransGourmet-Anteil passe nicht mehr ins Konzept, hiess es offiziell. Konkurrenten lästern, Rewe sei froh gewesen, dass man die sperrige TransGourmet vom Tisch hatte. Coop übernahm auf Mitte Januar 2011 die andere Hälfte. Intern lief die Sache unter dem Geheimcode Goldie. Per 11.  Januar 2011 lief auf der eigens für den Deal gegründeten Basler Goldie AG ein Aktienkapital von 520 Millionen Franken ein, das als Kapitalpolster für die TransGourmet Holding verwendet wird. In der Branche geht man davon aus, dass der ­gesamte Kaufpreis für Coop bei 1,5 Milliarden Franken lag. Zwar ist man bei Coop auf der Suche nach einem CEO für TransGourmet. Aber als VR-Präsident der Firma wird Loosli seine Hand auf dieses anspruchsvolle ­Engagement legen wollen. Es gibt viel zu tun. Bei TransGourmet France, immerhin einem Konzernteil mit 1,15 Milliarden Euro Umsatz, muss Hansueli Loosli zeigen, dass die roten Jahre überwunden sind. Der Radikalumbau war ein Kraftakt: Die Zahl der Lagerhäuser wurde fast ­gedrittelt. An diversen Standorten rief die Gewerkschaft CGT zur Arbeitsniederlegung auf. Harte Massnahmen. Auch in Deutschland ging es zur Sache. Dort ist TransGourmet mit den Marken Rewe Foodservice (Grossverbraucher-Zustelldienst) und Fegro/Selgros (Cash & Carry) aktiv und war damit zeitweilig defizitär unterwegs. Immerhin schaffte man es auch 2010 – im Gegensatz zu Frankreich – in die schwarzen Zahlen. Um diese zu erreichen, musste mit harten Mitteln eingegriffen werden. Gemäss der Gewerkschaft Verdi wurden mehrere 100 Mitarbeiter abgebaut. Die Rendite auf Stufe Ebit erreicht keine zwei Prozent. Um Looslis Ansprüchen zu genügen, muss die Marge verdoppelt werden. Keine einfache Aufgabe. Weil man in der Vergangenheit stark auf die Expansion in Rumänien und Polen setzte, wurde der Heimmarkt Deutschland vernachlässigt.­ In­ves­titionsstau, lautet der Befund. Wenn Gewerbler bei Fegro/Selgros Saucen in Drei-Kilo-Eimern, vorgeschnittene Peperoni-Salami in der Ein-Kilo-Verpackung und Gummibären in der 500er-Packung einkaufen, tun sie das in tristen, riesigen Hallen. Künftig sollen die Cash-&-Carry-Märkte aufgehübscht und umgebaut werden. Kostenpunkt je Markt: gegen zehn Millionen Franken. Das Verschönerungsprogramm kommt in einer Zeit, in der die Margen unter Druck sind. ­Allerdings gibt es auch einen Lichtblick: 2010 zog der Umsatz wieder an. Loosli in der «Lebensmittel Zeitung»: «Wir gehen unseren eigenen Weg und ­erwarten in den kommenden Jahren eine Wachstumsstory.» Einfach wird es nicht. Denn die Fegro/Selgros-Märkte arbeiten stets im Schatten des Weltkonzerns Metro, der mit seinen Cash-&-Carry-Märkten den Kampfplatz Deutschland beherrscht und insgesamt dreimal so viel Umsatz bolzt. Kommt dazu: Weil sich die wirtschaftliche Gesundung Deutschlands noch nicht voll aufs ­Konsumklima übertragen hat, ist bei Cash-&-Carry-Kunden wie Gastronomen, Kioskinhabern und anderen ­Gewerblern weiterhin Sparen angesagt. Offerieren Aldi und Lidl günstiger als die Cash-&-Carry-Märkte, dann wird halt beim Harddiscounter eingekauft. Selbst der Riese spürt das: «Im letzten Jahrzehnt haben Umsätze und Ertragsqualität bei den klassischen Metro-Cash-&-Carry-Märkten stark gelitten», sagt Commerzbank-Analyst Jürgern Elfers, «es dürfte auch für Fegro/Selgros sehr schwer gewesen sein, sich diesem Branchentrend entzogen zu haben.» Loosli will unbeirrt weiterkämpfen. Das TransGourmet-Engagement gilt intern auch als Mittel, um aus dem gesättigten Schweizer Markt auszubrechen und um Talenten die Chance zu bieten, selber einmal Auslandluft zu schnuppern. Etwa im wilden Osten. Ganz besonders hat Retail-Profi Loosli die Metro­pole Moskau im Visier. Bereits ist er mit vier Cash-&-Carry-Grossfilialen präsent. In ein paar Jahren, so sieht der Expan­sionsplan vor, sollen 50 bis 70 Grossmärkte rund um Moskau eröffnet sein. Dem Coop-CEO ist es ernst. Damit er seine Kunden auch im fernen Moskau versteht, hat er sich schon mal einen ­Russisch-Basiskurs aufs iPhone geladen – für alle Fälle.

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