Von aussen unterscheidet sich das alte Bürgergeschäftshaus am Hirschengraben in Bern nicht gross von den angrenzenden Gebäuden. In seinem Inneren hat es aber so einiges von der jüngsten Schweizer ­Geschichte mitbekommen.

So hatte etwa der berüchtigte Financier Werner K. Rey seine Büros hier, und Michael Dreher soll von hier aus seine Mitte der 1980er Jahre gegründete Autopartei geführt haben. Drehers Partei­ war schon wieder auf dem absteigenden Ast, als 1995 Claude Longchamp mit seiner Firma GfS Bern einzog, mit der er den Puls der politischen Schweiz misst.

Verkauf vor Umzug

Doch jetzt geht auch diese Ära bald zu Ende. Im Oktober zügeln die Meinungsforscher in modernere Büros an die ­Effingerstrasse. Und auch sonst ist einiges im Umbruch bei GfS Bern. Denn Longchamp hat per 1. Mai nicht nur die operative Geschäftsleitung an seine beiden langjährigen Mitarbeiter Urs Bieri (43) und Lukas Golder (42) abgegeben, sondern ihnen auch gleich das Unter­nehmen ­verkauft.

Zu diesem gehört nebst dem Berner Büro mit seinem elfköpfigen Team auch die Hälfte des GfS-Be­fragungs­diensts mit umgerechnet rund 75 Vollzeitstellen, also das «Telefon­labor», über das die Umfragen gemacht werden.

Bieri und Golder arbeiten seit 20 respektive 17 Jahren für GfS Bern, beide sind als Werkstudenten während ihres Politologiestudiums an der Universität Bern zum Team gestossen – und beide sind dem Büro treu geblieben.

Weiterhin vor den Kameras

Jetzt zieht sich also der 59-jährige Longchamp zurück. Er tue dies nicht abrupt, nicht überhastet, sondern Schritt für Schritt, wie er betont. Bis 2019 will er Verwaltungsratspräsident bleiben. Auch seine Lehraufträge an den Universitäten Bern und Zürich will er behalten, er wird weiterhin das politische Geschehen auf Twitter kommentieren und seinen Blog als «Stadtwanderer» mit Geschichten aus seinem Lebensraum weiterführen.

«Vielleicht zwei Tage pro Woche» will er zudem im GfS-Bern-Büro präsent sein. Nicht um seinen Nachfolgern auf die Finger zu schauen, wie er beteuert, sondern um einzelne seiner Projekte weiter zu betreuen. Und der Mann mit der Fliege wird – vorläufig jedenfalls – auch weiterhin jeweils an Abstimmungssonn­tagen im Fernsehstudio stehen und die Resultate der Urnengänge kommentieren.

Rund 80 Projekte pro Jahr

An die 80 Projekte führt GfS Bern jährlich durch. Mehrheitlich handelt es sich dabei um quan­titative Umfragen via Telefon-, Face-to-Face- oder Online-Kontakte. Zu den Aufträgen gehören aber auch qualitative Forschungsprojekte sowie Medien- und Social-Media-Analysen.

Etwa die Hälfte der Aufträge zählt zur «Kommu­nikationsforschung». In diesem Bereich erstellt GfS Bern für ­Verbände, Nichtregierungsorganisationen oder Unternehmen Si­tuationsanalysen, erforscht gesellschaftlich umstrittene Themen oder sondiert das Terrain für Imagekampagnen.

Der Nischenplayer setzt auf Methodenmix

Viele Aufträge in der Kommunikationsforschung bleiben geheim. Nur rund ein Drittel werden veröffentlicht, etwa das Sorgen- oder das Jugendbarometer der Credit Suisse. In diesen Geschäftsbereich setzt GfS Bern grosse ­Hoffnungen. «Das ist in unserem Dialogzeitalter ein Wachstumsmarkt», sagt Golder.

Potenzielle Konkurrenten sind PR-Agenturen und vor allem die vergleichsweise grösseren Befragungsfirmen wie Link oder Demoscope. «Wir sind mit einem Umsatz von 4,1 Millionen Franken im Vergleich mit diesen Instituten ein Nischenplayer», sagt Golder. «Und mit unserem haus­eigenen Befragungsdienst auch ein Sonderfall.» Diesen will GfS Bern auch in Zukunft behalten. «Das ist wichtig, weil es uns den richtigen Methodenmix ermöglicht.»

50-prozentiger Sieger

In der Öffentlichkeit bekannt ist die Firma jedoch vor allem wegen ihres zweiten Standbeins, der Politikforschung. Hier sind die pres­tigeträchtigen Aufträge der SRG oder des Bunds angesiedelt. Und hier mussten Longchamp und seine Mitstreiter in jüngster Zeit auch Prügel einstecken.

Der Verlust der Aufträge für die Abstimmungs-Nachbefragung (Vox-Analysen) und für das SRG-Wahlbarometer wurde mit reichlich medialer Häme begleitet. Grundsätzlich sind Bieri und Golder aber zufrieden: «Wir bewerben uns jährlich etwa 160-mal – und gehen bei rund der Hälfte der Aufträge als Sieger vom Platz», sagt Urs Bieri. «Das ist eine gute Quote.»

Telefon versus Online

Bei der SRG hat GfS Bern neu den Auftrag für die Hochrechnung anlässlich der eidgenössischen Wahlen hinzugewonnen, das Wahlbarometer jedoch verloren – an ­Michael Hermanns Sotomo GmbH. Das hat die öffentlich geführte Auseinandersetzung der beiden bekanntesten Politologen der Schweiz und den Methodenstreit, der sich dahinter verbirgt, beflügelt.

Ein Streit zwischen den vermeintlich Ewiggestrigen von GfS Bern und den Revoluzzern von Sotomo und Co., also zwischen jenen, die auf das Telefon setzen, und jenen, die das Heil in Online-Umfragen erkennen.

Imperfekte Wissenschaft

Doch das GfS-Bern-Team bleibt dabei: «Es gibt keinen methodisch besseren Weg als die Telefonumfrage», betont Bieri und verweist darauf, dass er mit dieser Meinung bei weitem nicht allein dastehe. So figurieren im Ranking der besten Prognoseinstitute, das vom US-Statistiker und -Wahlforscher Nate Silver erstellt wurde, auf den ersten 15 Rängen alles Institute, die auf Telefonbefragungen setzen. «Erst die Nummer 16 arbeitet mit Online-Umfragen», sagt Bieri.

Meinungsforschung ist keine ­genaue Wissenschaft, sie ist im­perfekt. Doch Bieri ist überzeugt, dass es letztlich für die Repräsentativität nichts Besseres gebe als eine Zufallsstichprobe – und diese kann man mit Online-Umfragen nicht bewerkstelligen, weil man da auf den Goodwill von Internet­nutzern angewiesen ist, irgend­einen Fragebogen auszufüllen.

Momentan vorne

Die onlineaffine Population wird immer übervertreten sein, ebenso wie die linken und rechten Pole. Und das lässt sich mit Gewichtungen nur schwer korrigieren. Deshalb beharrt wohl auch das Bundesamt für Statistik bei Umfragen auf dem Telefon, die Bundeskanzlei hat Online-Umfragen bei der Ausschreibung der Vox-Analyse gar explizit ausgeschlossen. Der Nachteil der Telefonbefragungen: Sie sind deutlich teurer.

Doch das Momentum spricht für die GfS-Bern-Crew: Denn sie hat mit ihren Umfragen bei den Abstimmungen vom 5. Juni klar besser abgeschnitten als etwa die Tamedia-Polito­logen Lucas Leemann und Fabio Wasserfallen mit deren Online-Umfragen.

Teurer und doch nicht besser

Aber auch Bieri und Golder müssen sich dem Zeitgeist anpassen, so wollen es die Auftraggeber. So setzen sie bei den Telefonbefragungen seit Ende 2014 auf ein «duales Verfahren». Das heisst: 80 Prozent Fixnetz, 20 Pro­zent Handy.

Doch am Befragungsresultat werde dies vorerst kaum etwas ändern, betont Bieri, dies hätten etliche­ interna­tio­nale Studien ­gezeigt. In Deutschland werde deshalb­ auf Handybefragungen verzichtet. «Handy-Umfragen haben spezifische Vorteile bei jüngeren Zielgruppen, sind aber bisher für die Repräsentation der Gesamtbevölkerung nur teurer und aufwendiger, aber nicht besser.»

Vox-Analyse reloaded?

Die Niederlage beim SRG-Wahl­barometer hat Longchamp weg­gesteckt. Empfindlich getroffen hingegen hat ihn der Verlust der Vox-Analyse Ende 2015 an das nationale Zentrum für die Forschung in den Sozialwissenschaften (Fors) in Kooperation mit dem Zentrum für Demokratie Aarau und dem Institut Link.

«Das ist meine grösste Niederlage in 30 Jahren», sagt Claude Longchamp. «Das war mein Lieblingsprojekt, ich habe es fast vom ersten Tag an ­begleitet.» Wie er, Golder und Bieri darauf ­reagieren wollen, ist noch unklar. «Wir haben uns noch nicht entschieden.» Unbestritten ist, dass ihnen der Name «Vox-Analyse» gehört. Nicht ausgeschlossen, dass sie auch in Zukunft Befra­gungen im Nachgang von Abstimmungen machen werden.

Wandern statt Kommentieren

Der Fall der Vox-Analysen habe aber nichts mit seinem Rücktritt zu tun, wie Longchamp betont. Dieser sei das Resultat eines zweijährigen Diskussionsprozesses mit Golder und Bieri und erfolge aus persön­lichen Gründen. Longchamp will sich seinen lang ersehnten Wunsch erfüllen und eine Weltreise machen, «einmal rundherum», wie er sagt. Und das, solange er noch fit und vor allem gut zu Fuss sei.

Denn er leidet an Gehbeschwerden, die Folge eines Unfalls, bei dem er vor 23 Jahren beide Beine brach und eine Zeit lang im Rollstuhl sass. Mitte 2017 soll es losgehen. Sicher für ein halbes Jahr, vielleicht sogar für ein ganzes. Eine neue Erfahrung für Longchamp, aber auch für die politisch interessierte Fernsehschweiz: In dieser Zeit wird er die Abstimmungsresultate nicht am Bildschirm kommentieren können. Diese Aufgabe soll Lukas Golder übernehmen – nicht mit Fliege, sondern mit Krawatte.

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