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CEO-Rating 08: Die besten Chefs

Sollen Aktionäre ihr Geld auf eine Firma setzen – oder auf eine Person? Bei Anlagefonds gibt es längst einen Personenkult um die besten Manager. Wir zeigen, welche Schweizer CEO für ihre Aktionäre am meisten Wert geschaffen haben.

Von Dirk Ruschmann
18.07.2008
Die Getränke waren gut gekühlt, die Ergebnisse herausragend, und dennoch flossen Tränen. Als Mitte Februar die ABB-Beschäftigten in der Kantine am Hauptsitz in Oerlikon auf ihren Rekordgewinn anstossen sollten, herrschte bedrückte Stimmung. Nur Tage zuvor war der beliebte CEO Fred Kindle abgetreten. Als er selbst vor die Mitarbeiter trat, was kaum einer erwartet hatte, und sich für die schöne Zeit bedankte, wurden zahlreiche Augen feucht – auch seine eigenen. Zügig verschwand Kindle wieder. Kindle, der sich im vergangenen Jahr an die Spitze unserer CEO-Liste hochgearbeitet hat, nennt bis heute keine Gründe für den Rückzug. Das Pressecommuniqué berichtete wolkig von «unüberbrückbaren Differenzen» in der Führung des Unternehmens. So hört es sich an, wenn Ehepartner eine zackige Scheidung durchziehen. Überhaupt war es ein Jahr der Abschiede. Und wer bisher nicht an Déjà-vus gelitten hatte, den befiel die Krankheit spätestens beim Beobachten des Köpferollens in den Schweizer Teppichetagen. Fred Kindle, ­Peter Wuffli bei der UBS, Bâloise-CEO Frank Schnewlin – alle drei sind an ähnlichen Konstellationen gescheitert: an strategischen Meinungsverschiedenheiten und Machtkämpfen mit ihren Präsidenten. TRENNUNG TROTZ LEISTUNG. Peter Wuffli konnte oder wollte nicht deutlich machen, dass die verheerenden Spielwiesen für die UBS-Investment-Bankers vor allem Marcel Ospel zu verantworten hatte, der unbedingt «die Nummer eins» werden wollte. Frank Schnewlin arbeitete sich bei der Bâloise-Versicherung im Tagesgeschäft ab, konnte diese aber nicht aus dem strategischen Niemandsland zwischen Regionalanbietern und Grossver­sicherungen befreien. Bis dem Präsidenten und Alphamännchen Rolf Schäuble der Geduldsfaden riss. Er verscheuchte Schnewlin und versuchte, die Bâloise durch Zusammenspannen mit der deutschen Gothaer zu vergrössern – ohne Erfolg. Für Fred Kindle schliesslich begann der Stuhl zu wackeln, als die Aktionäre Anfang Mai Hubertus von Grünberg zum Präsidenten wählten. Die atmosphärischen Missklänge waren schon nach einigen Monaten so schrill, dass weder der geschäftliche Erfolg noch der absehbare Trennungsaufruhr hinreichten, Kindle und von Grünberg aneinanderzuketten. Drei CEO mussten sich verabschieden, deren operative Verdienste unbestritten sind, die ihren Aktionären anständige Wertsteigerungen verschafften – denen aber vielleicht die Lust zum Visionären etwas abging und auch das Quäntchen Brutalität und der Wille zur Macht. Gute Arbeit allein jedenfalls, das zeigt das BILANZ-Rating, reicht nicht, um sich im Chefsessel zu halten. Fred Kindle hat sogar sehr gut gearbeitet. Er steigerte den Wert der ABB im Durchschnitt um 63 Prozent pro Dienstjahr – dank einer «Kombination aus operativen Verbesserungen und einem hervorragenden Marktumfeld», wie ihm Interims-CEO Michel Demaré bescheinigt. Kindle hat der ABB, einst ein Sammelsurium kleiner Königreiche, Disziplin eingeimpft, sie «führbarer gemacht» und «ein motiviertes Team zusammengestellt, diesem vertraut und es arbeiten lassen», sagt Demaré: «Er war keine One-Man-Show.» Eindrücklich hat ABB unter Kindle die Renditen gesteigert, weit über den Schnitt der Branchenfirmen, und dies bei sinkendem Kapitaleinsatz. Die Investoren bedanken sich mit einem «Future Growth Value» von fast 29 Milliarden Franken: So hoch sind die Wachstumserwartungen des Marktes, die den gesamten Unternehmenswert nach oben schiessen lassen (siehe «Wert und Wachstum» auf Seite 44). «Kindles finanzielles Vermächtnis ist so gut, dass auch sein Nachfolger noch davon profitieren wird», bestätigt Stephan Hostettler. Mit seiner Beratungsfirma Hostettler & Partner ist er auf wert­orientierte Unternehmenssteuerung spezialisiert. Er berechnet für BILANZ die Wertschöpfungsanalysen. Der Zweitplatzierte, Johannes de Gier, hat mit der Privatbank Julius Bär dem Abwärtstrend der Branche getrotzt. Die Anleger trauen den Banken praktisch kein Wachstum mehr zu, ausser eben Julius Bär, die sich als reiner Vermögensverwalter auf keine Investment-Banking-Abenteuer einlässt. «Diesem einfachen Geschäftsmodell werden wir ohne Kompromisse treu bleiben», versichert de Gier. Seinem Freund Marcel Ospel wollte de Gier allerdings keine Schmähungen nachrufen: Zwar, so de Gier, schaffe Fokussierung meist Mehrwert, «aber es können nicht alle dasselbe tun». Diejenigen, die tatsächlich etwas anderes tun, nämlich ein Investment Banking unterhalten, haben jedoch kräftig dafür bezahlt. Insbesondere die UBS, deren innerer Firmenwert implodierte. Der Ertrag auf das eingesetzte Kapital (ROE) fiel sogar ins Negative. Damit verglichen kam die Credit Suisse noch glimpflich weg, wurde aber von Anlegern mit Misstrauen bestraft: Negative Wachstumserwartungen drückten auf den Unternehmenswert und zeigten an, dass die Stabilität des Gewinnwachstums in Frage gestellt wurde. Da waren bei der UBS die niederschmetterndsten Nachrichten schon längst im Markt. LOW PROFILE STATT KULT. Nun haben auf beiden Seiten eher unspektakuläre Figuren das Ruder übernommen. Wuffli, der mit seinem biederen Auftreten bei­nahe Kultformat entwickelte, sowie Fasnachtsexperte Ospel sind Geschichte. Nun lässt sich der Karrierebanker Marcel Rohner von Rechtsanwalt Peter Kurer bewachen. Den kantigen Oswald J. Grübel bei der CS ersetzt Brady Dougan, der seine Redaktionsbesuche bei der «Neuen Zürcher Zeitung» sympathischerweise zu Fuss erledigt. Auf dem Weg durch die Bahnhofstrasse, mit Slippern und einer etwas zu kurz geschnittenen Hose, bedarf der «low profile»-Mann Dougan allerdings der Flankierung von zwei Schlips tragenden Zuarbeitern, um Bedeutung zu verströmen. Seine schwache Performance, verglichen mit Wuffli, hat Dougan vor allem seinem späten Amtsantritt kurz vor Ausbruch der Bankenkrise zu verdanken. Im zweiten Grossduell der Schweizer Wirtschaft sind die Unterschiede noch deutlicher. Roche-Chef Franz Humer beschert seinen Eigentümern eine Kapitalrendite, die mehr als doppelt so hoch liegt wie beim Erzkonkurrenten Novartis, der innere Firmenwert ist mit gut 150 Milliarden sogar dreimal so hoch. Im Branchenvergleich behauptet sich Novartis zwar gut, Roche ist aber in fast allem besser. ­Lediglich die Produkte-Pipeline ist bei Novartis etwas vielversprechender bestückt. Ausserdem tut Franz Humer, der Österreicher in Roche-Diensten, der guten Unternehmensführung Genüge und hat kürzlich Severin Schwan als CEO nachfolgen lassen. Humer beschränkt sich aufs Präsidieren, während das Ego von «Super-Dan» Vasella weiterhin zwei Stühle einnimmt. Dass der Novartis-Doppelchef prozentual besser als Humer abschneidet, liegt an unserem Rechenmodus: Die Erwartungen des Marktes an den Konzern, die beim Amtsantritt des CEO bestehen, lasten wie eine Hypothek auf diesem. Und diese Erwartungen waren im Fall Roche bei Humers Antritt so exorbitant, dass Humer sie trotz seinen beachtlichen Leistungen bei weitem verfehlen musste. Solche Probleme kennt der andere grosse alte Gastarbeiter aus Österreich nicht: Peter Brabeck war bei Nestlé nie mit übersteigerten Hoffnungen konfrontiert und konnte sich in relativer Ruhe dem Umbau des Nahrungsmittel-Supertankers widmen. Brabeck, der sich gern auf Motorrädern und in den Bergen herumtreibt, trieb die Renditen auf Branchenniveau hoch und band die zahlreichen Geschäftseinheiten neu zusammen. Dennoch begleitete Brabeck über Jahre hinweg die Skepsis der Investoren, wohl ausgelöst durch Mängel in der Krisenkommunikation (siehe Babymilch-Skandal), den «Cailler-Effekt» und zuletzt steigende Rohstoffpreise. Die daraus folgenden Bewertungsabschläge hat Brabeck aber im vergangenen Jahr komplett auflösen können, sodass Nachfolger Paul Bulcke ein kerngesundes Haus übernimmt. Insofern wird es Brabeck verschmerzen können, dass er im CEO-Rating nie ganz nach vorne kommen konnte: Auf Schnellbooten wie Julius Bär oder in Turnaround-Situationen wie bei ABB lassen sich nun einmal höhere Wachstumsraten realisieren als auf einem Flugzeugträger wie Nestlé. ROTE LATERNE FÜR SECHER. In der Versicherungsbranche schlägt sich Rolf Dörig mit seiner Swiss Life am besten. Dörig muss kaum Bewertungsabschläge der Investoren hinnehmen, während diese «Zürich»-CEO James Schiro jedes Jahr mehr Misstrauen entgegenbringen. Swiss-Re-Chef Jacques Aigrain fällt zurück, weil er sein Amt erst 2006 übernahm – zu einer Zeit, als die Profitabilität des Rückversicherers sehr hoch war. Damit verglichen sieht die Bilanz des schweizerisch-französischen Doppelbürgers unschön aus. Zum letzten Mal im Rating taucht der Brite Michael Pragnell auf. Ohne Lärm und Skandale hat der Syngenta-CEO eine respektable Performance abgeliefert und verabschiedet sich nun altershalber. Bereits abgegangen und damit nicht mehr vertreten sind der langjährige Synthes-Patron Hansjörg Wyss sowie die Marketing-Haubitze Heliane Canepa von Nobel Biocare. Neben den berüchtigten «heliazentrischen» Führungsmethoden, die sie letztlich den Rückhalt der Verwaltungsräte kosteten, hinterliess sie ihrem Nachfolger Domenico Scala einige Störungen in der Kommunikation mit staatlichen Zulassungsbehörden sowie organisatorische Mängel, die Scala lautstark öffentlich beklagte. Im Geschäft mit Zahnimplantaten agiert der jungdynamische Ex-Finanzchef von Syn­genta einstweilen noch glücklos. Am unteren Ende der Skala tummelt sich neben Aigrain auch Adecco-Chef Dieter Scheiff. Die rote Laterne hält Clariant-CEO Jan Secher, der es aber nicht einfach hat. Die Chemiebranche ist stark zersplittert, und entsprechend machtlos sind Lieferanten wie Clariant, sodass Secher den Anstieg der Rohstoffkosten nur zu einem Bruchteil an die Kunden weiterreichen kann. Also kappt er die Kosten, verstärkt das Engagement in Asien und will sich durch «aktives Portfoliomanagement», so ein Sprecher, an der Konsolidierung beteiligen. Pech für Secher, dass sich auch der Börsenindex SMI, den unser Rating abbildet, auf 20 Titel konsolidiert hat. Damit sind nicht nur Givaudan, Lonza und SGS aus unserem Radarbereich verschwunden, sondern auch Ciba – und damit Armin Meyer, in dem Secher einen Leidensgenossen für die Chemie-Aversion der Anleger hatte. Nun steht Secher allein im trüben Rampenlicht, was ihn derzeit kräftig ärgern dürfte: Während Clariant an der Börse seit Jahresbeginn rund 10 Prozent verloren hat, büsste Ciba fast 50 Prozent ein. Kein schöner Abschied für Meyer, der nach Jahren massiver Kritik sein Doppelmandat bei Ciba zum Jahreswechsel aufgegeben hat. Dagegen hat sich der Ex-CEO der ABB mit einer herausragenden Performance verabschiedet. Insofern gebührt Fred Kindle die letzte Ölung für den besten der zahlreichen Ausscheider des Jahres 2007.
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