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Migros-Abbau 
Böses Erwachen im orangen Turm

Fabrice Zumbrunnen
Quelle: Keystone

Fabrice Zumbrunnen setzt um, was sein Vorgänger verschlafen hat. Die beliebte aber träge Genossenschaft kommt jetzt in der Gegenwart an.

Philipp Albrecht
Kommentar  
Von Philipp Albrecht
29.06.2018

Seit Jahren warnen Pessimisten, dass die Self-Scanning-Kassen in den Migros-Filialen zu Stellenabbau beim Verkaufspersonal führen würden. Das ist falsch. Der wahre Jobkiller im Schweizer Detailhandel ist die alte Denke angegrauter Manager.  
 
Der Onlinehandel und ein aufgeblasener Verwaltungsapparat führen dazu, dass der grösste private Arbeitgeber im Land in den letzten drei Jahren hunderte Beschäftigte auf die Strasse stellen musste. Heute Freitag wurde bekannt, dass die Migros 290 Stellen in den Bereichen Marketing, Kommunikation, Finanzen, IT und HR streichen wird.

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Zukauf statt eigene Innovationen 

Herbert Bolliger (64) führte den Migros Genossenschaftsbund (MGB) zwölf Jahre lang. Innovation hatte unter seiner Ägide nicht oberste Priorität. Wichtiger war, das Image der ohnehin schon beliebtesten Marke im Land noch mehr zu stärken. Und weil es der orange Riese nicht schaffte, eigene Pflänzchen im Onlinehandel aufzuziehen, kaufte er munter zu. Parallel wurden viele Millionen Franken ins Marketing gepumpt.
 
Zwar ist das Online-Schlachtross Digitec Galaxus die Nummer eins im E-Commerce, doch dahinter steckt ein gewaltiger Apparat von 1100 Angestellten. Darunter Redaktoren, die Beiträge darüber verfassen, welche Sonnenschirme am besten in unsere Gärten passen. Gleichzeitig hat die Migros unter Bolliger zugeschaut, wie der deutsche Start-up Zalando den Kleiderhandel im Internet an sich reisst.

Migros-Turm als Wasserkopf

Mehr als 100’000 Menschen stehen auf der Lohnliste der Mega-Genossenschaft. Sie profitieren von den besten Arbeitsbedingungen im Land. Die Migros steht durch ihren Gründer Gottlieb Duttewiler in einer sozialen Verantwortung, die noch stärker wirkt als jene der Staatsverwaltung. Doch der Migros-Turm am Zürcher Limmatplatz gilt bei den zehn regionalen Genossenschaften als Wasserkopf. Es heisst, die Marketing-Leute stünden sich gegenseitig auf den Füssen rum. Wer hier also über Jahre unnötig Personal aufbaut, verhält sich verantwortungslos. Wie sagt man so schön: Dutti würde sich im Grab umdrehen.

Migros Limmatplatz Zürich

Anfang Jahr wurde Herbert Bolliger von Fabrice Zumbrunnen (48) abgelöst. Der überraschte alle, als er gleich den Finger auf die Rentabilität legte. Der neue Chef will profitabler und effizienter werden. Er weiss, dass sich Coop im Schweizer Onlinehandel nicht mit der Nummer zwei zufrieden geben wird. Und die preissensiblen Konsumenten kaufen immer mehr Sneakers, Couchtische und Bodylotions bei ausländischen Playern.
 
Für Zumbrunnen war längst klar: Der träge Tanker Migros braucht einen kräftigen Schub. Das klappt nur, wenn man den Angestellten deutlich macht, dass ihr Platz im Unternehmen nicht in Stein gemeisselt ist. Der Stellenabbau ist die logische Konsequenz. Genauso logisch ist, dass es keine Kassiererinnen trifft. Im Gegensatz zu den Marketing-Abteilungen geht es in den Migros-Filialen weiterhin sehr effizient zu und her.