Grosser Auftritt von Tim Cook: Gleich mehrere neue Produkte stellte der Apple-Chef am gestrigen Abend vor. Neben einem neuen iPhone und den kabellosen Kopfhörern AirPods setzt der Techgigant auf eine zweite Serie der Apple Watch: Neu im Sortiment haben die Kalifornier eine Version aus Keramik für rund 1500 Franken und eine sportliche Apple Watch Nike+. Gleichzeitig muss Apple indes eine Niederlage hinnehmen: Die Luxusvariante der Apple Watch aus Gold, die bislang für über 10'000 Franken zu haben war, wird beerdigt.

Was bedeuten diese ambivalenten Meldungen für Apples Ambitionen als Uhrenhersteller und den Zustand der Branche, die zunehmend auf intelligente Uhren setzt? Immerhin war die Unruhe am Markt nach der Vorstellung der Apple Watch im Herbst 2014 gross: Eine der drängenden Fragen war, ob Apple eine Gefahr für die Schweizer Uhrenindustrie werden würde. Bis heute hat Apple keine Verkaufszahlen veröffentlicht, im Bereich Smartwatches scheint man gemäss Branchenexperten indes an der Spitze.

Apple ist Nummer zwei in der Uhrenbranche

Fakt ist, dass die Schweizer Hersteller nur einen Bruchteil ihrer Umsätze mit Uhren erwirtschaften, die im Preissegment der gewöhnlichen Apple Watch sind. Die ist ab rund 300 Franken zu haben. Für die Branche insgesamt scheint die Bedrohung also gering. Doch am Mittwoch meldete Cook erstmals einen Wasserstand, der immerhin aufhorchen liess: Apple sei mit Blick auf den Umsatz inzwischen zur weltweiten Nummer zwei hinter Rolex aufgestiegen, sagte er.

Jean-Claude Biver, Uhren-Chef des Luxuskonzerns LVMH, bestätigt auf Anfrage den Erfolg der Kalifornier: Bereits heute sei Apple die Nummer zwei am Markt – nach gerade mal 24 Monaten und ohne zuvor jemals eine einzige Uhr gebaut oder verkauft zu haben. Zum Vergleich: Rolex macht einen jährlichen Umsatz von knapp 5 Milliarden Franken. Die zweitgrösste Schweizer Marke ist Omega mit einem Umsatz von 2,5 Milliarden Franken.

«Unglaublich spektakuläre Fortschritte»

Den Aufstieg von Apple bewertet Uhrenmann Biver positiv. «Das beweist, dass ein echtes Potenzial in der Connected Watch liegt», sagt er. Zumal laut dem Experten bei intelligenten Uhren und Wearables «unglaublich spektakuläre Fortschritte» gemacht würden.

Die Produktdaten, die Apple gestern zu seiner Uhr lieferte, bestätigen diese Einordnung: Das Display der zweiten Generation leuchtet demnach doppelt so hell, der Prozessor läuft deutlich schneller und die Uhr hält einem Wasserdruck von bis zu 50 Metern stand. Die verbesserte Grafikleistung eröffnet mehr Möglichkeiten für Apps: Schon bald soll das Game «Pokémon Go» auch auf der neuen Version der Uhr zu spielen sein, ebenso das Spiel «Super Mario Run» (mehr zu den Funktionen in der Bildergalerie oben).

Luxusuhr: Apple zieht die Handbremse

Gleichzeitig sorgt der technische Fortschritt dafür, dass sich potenzielle Käufer zweimal überlegen werden, ob sie viel Geld für eine teure Uhr ausgeben, deren Technik schon bald veraltet ist. Das musste nun auch Apple spüren: Still und leise hat der Konzern die goldene Apple Watch von seiner Homepage genommen. Das Uhr aus 18-karätigem Gold startete bei 10'000 Franken – und kostete je nach Ausführung bis zu etwa 20'000 Franken.

Offenbar war jedoch die Nachfrage nach dem Luxusmodell so gering, dass Apple nun die Handbremse zog. «Kein Kunde ist bereit, viel Geld für eine goldene oder Diamant-Uhr auszugeben, wenn er weiss, dass diese Uhr nach ein paar Jahren obsolet wird», sagt Biver. Das musste nun auch Apple erkennen.

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