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BILANZ-Serie Sepp Blatter, Teil II: Der Pate gewinnt immer

Joseph S. Blatter (Foto: Roth und Schmid, Keystone)

Joseph S. Blatter, der Präsident des Weltfussballs, hat alle seine Gegner vom Spielfeld getrieben. Mit Raffinesse und einer generalstabsmässigen Planung. Ein Lehrstück für Machterhaltung in Spitzenpositionen.

Veröffentlicht 30.06.2004

Joseph S. Blatter sitzt im edlen Club des Restaurants Sonnenberg in Zürich zu Tisch. Der Patron des Fussballs bestellt einen Seeteufel. Sein Walliser Chardonnay steht eisgekühlt bereit. In der «Kantine» des Weltfussballverbandes Fifa weiss man um die Vorlieben des allmächtigen Präsidenten. Seit seinem Amtsantritt 1998 in Paris hat der heute 68-jährige Visper all seine Gegner vom Spielfeld gejagt. Vier Jahre haben ihm genügt, die härtesten Widersacher zu verdrängen, sie in die Frührente zu treiben oder als Freunde einzugemeinden. Clever, raffiniert, kaltblütig.

Entscheidend war der Mai 2002. Zuerst eine Sitzung in Zürich, dann der Fifa-Kongress in Seoul. Aber im Club des Sonnenbergs sagt Joseph S. Blatter heute nur: «2002 war ein schreckliches Jahr, da haben Sie Recht.»

Im Mai 2002 bekämpfte der Oberwalliser zwei grosse Gegnerschaften: Erstens hatten die Dirigenten der Macht im europäischen Fussballverband, in der Uefa, nach ihrer Niederlage in der Präsidentschaftswahl von Paris 1998 nicht aufgegeben. Hinter ihrem Präsidenten Lennart Johansson rüstete vor allem der CEO, der Bayer Gerhard Aigner, zu neuen Attacken.

Auf dem Sonnenberg sah sich ab 1998 die Fifa-Mannschaft vom Team der Uefa ständig unter Druck gesetzt.

Für Blatter war in der Fussball-Sportpolitik die Gefahr plötzlich überall greifbar. Ein Buch des britischen Autors David Yallop («How They Stole the Game»), das über die unsauber abgelaufene Wahl 1998 berichtete, steigerte die Nervosität zusätzlich. Blatter vermutete Aigner und die Uefa als Informanten hinter Yallop. Das war die erste Front.

Zweitens musste der Präsident eine Fraktion im eigenen Haus um den Generalsekretär Michel Zen-Ruffinen fürchten. Zen-Ruffinen war ein ehemaliger Schiedsrichter, damals 39, Jurist, Walliser, bilingue und sprachbegabt wie Blatter. Ein talentierter Mann, der 1986 als Praktikant zur Fifa gestossen war und Chef der Rechtsabteilung wurde. Der montags von Sitten her in Zürich einflog und um zehn Uhr im Büro eintraf. Zen-Ruffinen wurde am 4. Dezember 1998 Blatters operativer Chef. Ausgerechnet bei Blatter, der meist um sieben Uhr auf dem Sonnenberg auftaucht und vor wichtigen Sitzungen schon einmal um vier Uhr in der Früh zur Arbeit geht. Michel Zen-Ruffinen war die zweite Front gegen Blatter.

Der Rechtehandel ist eröffnet
Geschäfte mit der Zukunft


Die Fifa ist seit 2002 transparenter. Meistens. Bei der Vergabe der Hospitality-Rechte 2006 war sie es nicht.


Die Arbeit wird Joseph S. Blatters Team beim Weltfussballverband Fifa in den nächsten Monaten nicht ausgehen. Noch in den Monaten August und September werden der Walliser und sein inzwischen zum Fifa-Generalsekretär aufgestiegener Ex-Finanzchef, Urs Linsi, das Rennen um die kommerziellen Rechte beschleunigen. Zum Verkauf stehen die Lizenzen für die Weltmeisterschafts-Endrunden 2010 (Gastgeber Südafrika) und 2014 (Gastgeber noch nicht bestimmt, aller Voraussicht nach aber Brasilien). Das erste Angebot ist auf dem Tisch. Die noch junge Firma International Sports and Entertainment Group (ISE) mit Adresse am Bahnhofplatz in Zürich ist bereit, 2,8 Milliarden Franken zu bezahlen. ISE wird von zwei Werbegiganten alimentiert, von der französischen Publicis und der japanischen Dentsu. Man darf auf die Gegengebote der Konkurrenz gespannt sein. Was werden die Zuger Infront Sports & Media (ehemals Kirch-Sport) oder die SportFive-Gruppe (25 Prozent Bertelsmann, 75 Prozent Advent International als Eigentümer) dem entgegenhalten? Bisher ist kein Angebot bei der Fifa auf dem Sonnenberg eingegangen.


Erstmals in der Geschichte der bisher meist unter der Hand und in engen Beziehungsgeflechten vorgenommenen Rechtevergaben scheint in den kommenden Monaten ein Bieterrennen stattzufinden, das diesen Namen auch verdient. Das hat zwei Gründe: Erstens belebt die Konkurrenz, die in den letzten zwei Jahren nach der Implosion des zuvor monopolisierend wirkenden Kirch-ISL-Apparates entstanden ist, das Geschäft. Zweitens werden Blatter, Linsi und Co. im Entscheidungsprozess transparenter als je zuvor vorgehen müssen. Auch dies eine Folge der nach dem Krisen- und Skandaljahr 2002 stark verbesserten Corporate Governance im Weltverband.


Dass dabei jedoch noch immer personelle Verstrickungen und Vorlieben eine überaus grosse Rolle spielen werden, lässt die im Frühjahr vorgenommene Vergabe der Hospitality-Rechte für die WM-Endrunde 2006 erahnen. Hospitality steht für das Bewirten und Umsorgen von mehr als 4500 VIPs pro WM-Spiel und wächst sich immer mehr zu einem einträglichen Geschäft aus. Diese Rechtevergabe war das eigentliche Vorspiel zum Haupt-Event, dem Match um die TV- und Marketing-Rechte.


Der nur zweiköpfige Ausschuss der Fifa-Finanzkommission mit dem Argentinier Julio H. Grondona und Jack Warner (Trinidad und Tobago) hatte im Frühling in Sachen Hospitality vorgespurt, das Exekutivkomitee diesen Vorentscheid später abgesegnet. In der Folge war vor allem das deutsche Organisationskomitee der WM 2006 gänzlich unzufrieden mit dem Beschluss und seinem Exekutivmitglied Gerhard Mayer-Vorfelder. Zu allem Überfluss hatte Fifa-Generalsekretär Urs Linsi in den folgenden Nachverhandlungen mit den WM-Gastgebern kein Gehör für deren korrigierende Vorschläge für eine Mischlösung. Äusserst hartherzig habe der Zofinger verhandelt, kolportieren deutsche Quellen. Über Linsi sprechen sie seither mit einer Mischung aus Ärger und Bewunderung.


Zu Ärger bestand in der Tat Anlass, war die Vergabe des Hospitality-Geschäfts 2006 zuletzt doch etwas undurchsichtig abgelaufen. Im letzten Moment hatte sich der Branchenneuling ISE mit einem Angebot von 270 Millionen Franken gegen die erfahrene und mit der Fifa eng verbundene Infront und SportFive durchgesetzt. Die beiden boten zwar nur je 250 Millionen Franken, hatten jedoch jeder für sich hervorragende operative Partner an Bord. Bei Infront wollte der im Formel-1-Zirkus tätige österreichische Caterer Do&Co mittun, bei SportFive Deutschlands Vorzeige-Caterer Käfer. ISE hingegen führte in den Bewerbungsunterlagen bewusst keinen Partner auf, weil sie die eigene Organisation mit gegenwärtig zehn Personen im inneren Kreis möglichst klein halten will.


Noch am Abend nach der Vergabe der Lizenz an ISE wechselte der Edel-Caterer Käfer die Seite und heuerte an der Bahnhofstrasse an. Nicht allein dieser spontane Wechsel dünkt eigenartig. Auch das offenkundige exakte Wissen bei ISE um des Gegners Offertenhöhe lässt darauf schliessen, dass auf Seiten der Fifa ein Informationsleck bestand.

«Ich weiss nicht, was er im Kopf gehabt hat», sagt Blatter und nimmt im Club einen Bissen vom Seeteufel.

Joseph Blatter, wie war das Verhältnis zwischen Ihnen und Zen-Ruffinen wirklich?

«Wenn er am Montagmorgen von Sitten ankam und ich ihm begegnete, sagte er: Bonjour monsieur le président, comment ça va, monsieur le président? Avez-vous bien passé votre weekend, monsieur le président?»

Monsieur Blatter, was antworteten Sie?

«Dann sagte ich: Ça va? La famille? Des problèmes? Er sagte: Des problèmes? Non, non. Und dann war er weg.»

Sie hatten in all den Jahren keine Ahnung von Problemen zwischen Ihnen beiden?

«Nein.»

Zwischen Zen-Ruffinen und Blatter war die Beziehung schon früh vergiftet. Stein des Anstosses war eine Personalrochade. Am Tag nach seiner Wahl im Mai 1998 hatte Blatter den Juristen Flavio Battaini als seinen persönlichen Berater eingestellt. Musste Blatter seinem Generalsekretär Zen-Ruffinen Negatives mitteilen, war es von da an Battaini, der die Nachricht überbrachte.

Da sich das Management der Fifa nie vollzählig und regelmässig zum Gedankenaustausch traf, war Battainis Bedeutung als Bindeglied gross. Zen-Ruffinen selber hatte sich stets dagegen gewehrt, eine wöchentlich Direktionssitzung abzuhalten. Blatter sass im Hauptgebäude, Zen-Ruffinen in einem zweiten Haus.

Ende 2000 kündigten Zen-Ruffinen und der von ihm von der Credit Suisse zur Fifa geholte Finanzchef Urs Linsi Battainis Vertrag. Sie stellten den lästigen Juristen frei. Ohne Wissen des Präsidenten. Blatter war fuchsteufelswild, als er im fernen Australien telefonisch davon erfuhr. Er konnte die Kündigung nicht rückgängig machen. Von diesem Zeitpunkt an war die Beziehung zwischen ihm und dem Generalsekretär definitiv zerstört.

Bald schon holte der Präsident zum Gegenschlag aus. Spätestens als der vertraglich mit der Fifa eng verbundene Sportvermarkter ISL/ISMM aus Zug kommerziell zu schlingern begann, sah Blatter die Chance gekommen. Im Frühling 2001 hievte er den einst verstossenen Mitstreiter Guido Tognoni am verdutzten Zen-Ruffinen vorbei an Bord. Tognoni, Bündner, ehemaliger Journalist, Marketingfachmann und Fifa-Direktor, kam von der Uefa. Blatter übergab ihm nach mehreren Treffen im Zürcher Prominentenrestaurant Kronenhalle die Causa ISL/ISMM. Die Zuger Firma war mittlerweile in Konkurs gegangen. Tognoni sollte die Rechte in eine zu gründende Fifa-eigene Vermarktungsfirma überführen. Das gelang vorzüglich. Im April 2001 kochte Zen-Ruffinen vor Wut. Als Personalchef hatte er Tognonis Anstellung verhindern wollen.

An der zweiten Front blieb die Uefa nicht untätig. Uefa-Präsident Johansson präsentierte an der Sitzung des Fifa-Exekutivkomitees vom 13. Juni 2001 einen Katalog mit 25 unangenehmen Fragen an die Adresse von Blatter. Darin bemängelte die Uefa zu Recht die pekuniäre Lage des Weltverbandes nach dem ISL/ISMM-Debakel. Damit war die Auseinandersetzung um die Finanzen eröffnet, die einer Kampagne gegen den Präsidenten gleichkam und in der Endausmarchung in Seoul gipfeln sollte. Spätestens an jenem 13. Juni 2001 in Zürich begann der Kampf ums Präsidium.

Noch im selben Jahr schlossen sich die beiden Fronten gegen den amtierenden Präsidenten. In Zürich und Umgebung trafen sich Uefa-Spitzen wie Gerhard Aigner mit Michel Zen-Ruffinen im Geheimen zu Strategie- und Informationssitzungen. Nicht selten benutzten sie bei ihrem klandestinen Treiben Privatwohnungen oder die Büros von Beratern im Zürcher Seefeld.

«Ich merkte damals, dass ausserhalb der Fifa irgendetwas geschah. Ich hatte meine Antennen schon aufgestellt und sah, wer da kam», sagt Joseph Blatter.

Joseph Blatter, wer kam? Uefa-Präsident Lennart Johansson?

«Ein chinesisches Sprichwort sagt: Siebenmal sollst du deine Zunge drehen, bevor Du eine Antwort gibst.»

Wer kam?

«Sie haben den Namen vorher schon genannt.»

Gerhard Aigner?

«Als ehemaliger Korporal sagte ich mir: Achtung, Kommandoposten sichern, wir sind in Gefahr! Storen runter, Lichter löschen! Sollte eine grössere Gefahr auf uns zukommen, dann sichern wir uns mit Sandsäcken. Dann eilte ich in die Kaserne und holte noch Stacheldraht.»

Dann haben Sie gewartet?

«Inzwischen zum Leutnant aufgestiegen, stellte ich Beobachtungsposten auf und schickte Explorationsgruppen aus. Ich sah nicht, dass der Feind schon im Hause war.»

Ab Dezember 2001 ging es Schlag auf Schlag. Die im Geheimen vereinten Blatter-Gegner hatten ihren Plan geschmiedet: Der Präsident des afrikanischen Fussballverbandes, der in Paris lebende Kameruner Issa Hayatou, sollte am 29. Mai 2002 gegen Blatter in einer Kampfwahl antreten. Finanziert von einem französischen Rechtehändler, von dem umtriebigen Jean-Claude Darmont. Zuvor galt es, den amtierenden Präsidenten zu destabilisieren. Dazu dienten den Blatter-Gegnern die anhaltenden Querelen um die Fifa-Finanzen.

Auf dem Sonnenberg bei der Fifa selber brachte Kommandant Blatter seine Truppe in Position. Guido Tognoni gehörte dazu und ebenfalls der im Infight mit der EU gestählte und eloquente Berater Blatters, der Franzose Jérôme Champagne. Der servile und emsige Finanzchef Urs Linsi schlug sich auf Blatters Seite und versuchte, seinen Fehler, die Entlassung Battainis, wieder gutzumachen.

Beide Parteien versicherten sich juristischen Begleitschutzes. Die Uefa hatte Anwalt Rainer Schumacher aus Baden. Im März 2002 traten auf Seiten der Herausforderer ausserdem Anwalt Markus Dörig und PR-Berater Aloys Hirzel ins Geschehen ein. Blatter vertraute auf den bewährten Zürcher Anwalt René F. Simon als seinen engsten Adviser und eine Reihe weiterer Anwälte.

Die Fifa selber gab derweil ein jämmerliches Bild ab. Inzwischen auf rund 220 Personen angewachsen, war die auf fünf Häuser verteilte Organisation tief gespalten. Die Lager Blatter und Zen-Ruffinen belauerten einander. Sie waren geübt darin. Bereits Blatters Vorgänger, der Brasilianer João Havelange, hatte ein System installiert, das sich geheimdienstlicher Techniken bediente. Auf dem Sonnenberg gab es einige abhörsichere Telefonleitungen. Ausserdem schwirrten ergebene Botengänger und Kundschafter umher, die dem Präsidenten die Neuigkeiten aus der Welt der Fussball-Sportpolitik zutrugen.

Während im Frühling 2002 Zen-Ruffinens Personal angewiesen wurde, Beweise für Korruption gegen den Präsidenten zu sammeln und zu sichern, engte der Präsident den Aktionsradius seines Generalsekretärs beständig ein. Am Ende durfte er nicht einmal mehr die Administration besorgen. Die Schlösser einiger Bürotüren wurden ausgewechselt. Aus dem Archiv verschwanden ganze Dokumentationen und wichtige Korrespondenzen. In dieser hektischen Phase, Ende 2001 bis Mitte 2002, telefonierten Fifa-Leute vom Sonnenberg nicht mehr über Geschäftsleitungen. E-Mails wurden über private Adressen versandt. Handys blieben unbenutzt, weil sie als nicht abhörsicher galten. In Joseph Blatters Kommandoposten Fifa wuchs sich die Angst zu einer Paranoia aus. Jeder sah den Feind überall.

Das schmutzige Treiben gipfelte in anonymen Drohungen. Gemäss verschiedenen Zeugen soll im Frühling ein englischsprachiger Unbekannter Zen-Ruffinens Ehefrau im Wallis angerufen und ihr gedroht haben, ihre Kinder zu entführen, wenn sich ihr Mann in der Fifa künftig nicht ruhig verhalte. Sie floh mit den Kindern in panischer Angst.

Auch in den Meetings des Fifa-Exekutivkomitees häuften sich die harten Rencontres: Am 18. Dezember 2001 verlangten 13 von 24 Komiteemitgliedern eine Untersuchung, erstmals fiel das Wort «Korruption». Am 29. Januar 2002 bot Blatter in einem Brief an, eine interne Ad-hoc-Untersuchungskommission zu bilden. Am 7. März traf sich eine 23-köpfige Gruppe in Zürich (ein Mitglied hatte sich krankheitshalber abgemeldet). Sie beschloss, umgehend eine Untersuchungskommission einzusetzen. Zwei Tage später änderte Blatter vor einer Folgesitzung eigenmächtig die Zusammensetzung der Kommission und trieb die Exekutive zur Weissglut. Damit nicht genug: Bereits vor deren dritter Befragungssitzung, am 11. April 2002, löste Präsident Blatter die inzwischen eingesetzte Gruppe kurzerhand auf. Er liess vormittags im Hotel Baur au Lac anrufen, wo die Kommissionsmitglieder logierten, und ausrichten, dass sie am Nachmittag nicht mehr erscheinen müssten. Die Untersuchungskommission sei suspendiert, weil vertrauliche Informationen nach draussen gelangt und somit die vereinbarten Regeln verletzt worden seien. Der zu Überprüfende hatte seine Prüfer entlassen. Die Anti-Blatter-Fraktion im Exekutivkomitee war erst überrascht und reagierte dann umso heftiger.

Es war Zeit für einen ersten Showdown. Die beiden Auseinandersetzungen – Uefa gegen Blatter, Zen-Ruffinen gegen Blatter – kulminierten am 3. Mai 2002. An der Sitzung des Exekutivkomitees der Fifa auf dem Sonnenberg legte Michel Zen-Ruffinen einen 31-seitigen Bericht vor, in dem er den Präsidenten der Korruption und der Zahlung von Schmiergeldern zu überführen versuchte. Wie stets seit Dezember standen vor dieser Sitzung 13 der 24 Exekutivmitglieder Blatter kritisch gegenüber. Für Blatter sahen die Dinge schlecht aus.

In einer ersten Vormittagspause entschwand ein sichtlich betroffener, bleicher Präsident der Runde für einige Minuten. Doch nach einigen Stunden präsentierte sich die Situation gänzlich neu. Blatter trat locker vor die wartende Journalistenschar und verkündete: «Jetzt fühle ich mich besser.»

Was war geschehen? In seinem Bericht hatte Zen-Ruffinen unter anderem einem anwesenden Exekutivmitglied vorgeworfen, von Blatter während zweier Jahre unrechtmässig Gelder erhalten zu haben. 100 000 Dollar genau. Das Gesicht des angesprochenen Mitglieds, des Russen Wjatscheslaw Koloskow, wurde aschfahl. Dumm nur, dass er zu Beginn der Sitzung noch zum Blatter-kritischen Lager gezählt hatte.

Wenig Gefallen am Stil des Papiers fand auch der Spanier Angel Maria Villar Llona. Der ehemalige Spitzenfussballer und Rechtsanwalt stiess sich an den zu scheinbaren Beweisen verdichteten Vermutungen. Er wandte sich dem Blatter-Clan zu. Es wurde offensichtlich, dass sich der gelernte Anwalt Zen-Ruffinen auf zu dünnem Eis bewegte. Zu viele der vorgeworfenen Verfehlungen hatte er selber mitgetragen. Auf einigen der kompromittierenden Dokumente hatte Zen-Ruffinen selbst unterschrieben.

Nach der Sitzung blieben elf gegen Blatter votierende Exekutivmitglieder, was noch immer eine imposante Zahl war, aber nicht mehr die Mehrheit. Ihnen blieb trotz geringen Beweisen nur noch der Weg vor ein ordentliches Gericht. Am 10. Mai 2002 zeigten sie ihren Präsidenten beim Ersten Staatsanwalt des Kantons Zürich wegen «Verdachts der Veruntreuung und der ungetreuen Geschäftsbesorgung» an.

Das war ein in der Geschichte der Fifa einmaliger Vorgang. Damit waren die Voraussetzungen für ein spannendes Finale an den bevorstehenden Fifa-Kongressen in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul vom 28. und 29. Mai 2002 geschaffen.

In Seoul gab der Präsident des Weltfussballverbandes eine Meisterleistung. Bereits in der Einladung hatte er die zwei Kongresstage thematisch klug besetzt und zeitlich beschränkt. Die Planung war generalstabsmässig. Am ersten Tag war die ausserordentliche Versammlung der 202 Fifa-Verbände anberaumt. Dauer der Sitzung: von 9 Uhr vormittags bis lediglich 15 Uhr nachmittags. Es sollte ausschliesslich über die Finanzen diskutiert werden. Erst am Folgetag stand die Wahl auf dem Programm. Am ordentlichen Kongress würde der Präsident für die nächsten vier Jahre gekürt. Blatter, damals 66 Jahre alt, oder Issa Hayatou, sein 55-jähriger Herausforderer?

Der ausserordentliche Kongress, der am 28. Mai 2002 im Kongresssaal des Hotels Grand Hilton stattfand, nahm zuweilen groteske Züge an. Blatter leitete den Anlass vor 202 Verbandsdelegierten (197 davon mit Stimmrecht) selber. Er fordert zur schriftlichen Anmeldung der Votanten auf.

Ein geschickter Schachzug. Jede Anfrage um Redezeit wanderte fortan durch die Hände von Blatters politischem Berater, Jérôme Champagne, dann weiter zur Chefsekretärin, bevor sie beim Präsidenten selber landete. Blatter ordnete die Papierschnipsel auf seinem Pult und entschied nach eigenem Gutdünken, wer wann referieren durfte.

Der Herausforderer, der ansonsten eher träge Kameruner Hayatou, kam an diesem Tag erst gar nicht ans Mikrofon. Er geriet ausser sich, schrie unverständliche Sätze und näherte sich Blatter einmal bedrohlich. Nur elf Verbandsvertreter konnten am 28. Mai sprechen. «Blatter erzeugte damit einen unheimlich grossen Druck auf die Gegner», sagt ein Länderdelegierter im Rückblick bewundernd.

Blatter und sein Finanzchef, Urs Linsi, legten ein 106-seitiges Papier («Bericht über die Finanzen der Fifa») vor, das die Fifa-Finanzen in bestem Licht darstellte. Blatter kommentierte unbescheiden: «Dieser Bericht ist ein Meilenstein in der Fifa-Geschichte.» Linsi und die Auditoren der KPMG hatten ganze Arbeit geleistet. Blatters Team war gut vorbereitet.

Am Ende der Sitzung kam es zu tumultartigen Szenen: Um ihr Wort gebrachte Delegierte buhten und schrien.

Blatter, der es gewohnt war, dass die Menge ihm applaudierte, wirkte müde und abgekämpft. Zum ersten Mal in der Öffentlichkeit verschwand das maliziöse Lächeln von seinem Gesicht. Die Ärzte, die den 66-Jährigen ständig beobachteten, drängten mehrmals zu Unterbrüchen. Doch Blatter stand den Tag durch. Clever hatte er die Wut seiner Gegner noch gesteigert und sie hernach schon am ersten Tag verdampfen lassen.

Es kam die Nacht zwischen den beiden Kongressen und die finale Phase des Werbens um die Delegiertenstimmen. Blatters beste Offiziere, Urs Linsi, Jérôme Champagne, Guido Tognoni und Kommunikationschef Markus Siegler, warben um die 197 Delegiertenstimmen. Einige Exekutivmitglieder legten sich mächtig ins Zeug. Beispielsweise der aus Katar stammende Geschäftsmann Mohamed Bin Hammam, der Blatter für dessen globale Werbetour unmittelbar vor Seoul sein Privatflugzeug zur Verfügung gestellt hatte.

Die Gegenseite, die Uefa und die afrikanische Konföderation, blieb nicht untätig. Da wirbelte vor allem der Südkoreaner Mong-Joon Chung aus der Hyundai-Dynastie.

Den Herausforderern Blatters gelang es in jener Nacht nicht, Hayatous entscheidende Mankos wettzumachen. Sie hatten dessen Kandidatur zu spät portiert. Zu aller Unbill hatte sich ihr Kandidat an zwei Medienkonferenzen in Seoul stumm und missionslos präsentiert. Den Beobachtern und den Delegierten fiel es schwer, zu glauben, dass dieser meist dösende Mann die Fifa dereinst grundlegend würde renovieren können. Selbst im afrikanischen und europäischen Lager begann man zu zweifeln.

Am Folgetag, am 29. Mai 2002, war der Ärger vom Vortag verraucht, die Meinungen gemacht. Blatter hatte wieder zur der ihm eigenen Souveränität und rhetorischen Spitzfindigkeit zurückgefunden. Noch eine letzte Klippe hatte er zu umschiffen. Das gelang ihm meisterlich.

Gleich zum Sitzungsbeginn um 9 Uhr morgens beschuldigte Mong-Joon Chung, Präsident des Gastgebers, des südkoreanischen Fussballverbandes, den Präsidenten, Auslöser für Krisen und Prestigeverlust der Fifa zu sein. Blatter hörte zu und sagte dann ironisch und auf einer vollkommen anderen Ebene spielend: «Ich danke meinem Gastgeber für diesen durchaus einzigartigen Willkommensgruss.»

Chung setzte sich konsterniert. Der Asiate, kulturell gezwungen zu absolutem Respekt vor dem Gast, hatte sein Gesicht verloren. Und den Wahlkampf, den er nicht für Hayatou, aber gegen Blatter hatte gewinnen wollen.

Blatter obsiegte im Machtkampf bereits nach dem ersten Wahlgang. 139 zu 56 Stimmen lautete das eindeutige Ergebnis. Die Sensation war perfekt, und Blatter konstatierte: «Das grosse Vertrauen in mich beweist, dass der Fussball sauber ist.»

Blatter jubelte, beide Arme ausgestreckt. Er ergriff die Hände seiner Sitznachbarn. Links von ihm sass der so gut wie entlassene Noch-Generalsekretär Michel Zen-Ruffinen, der Putschist aus dem Wallis. Lennart Johansson, den definitiv geschlagenen Uefa-Präsidenten, nahm Blatter wenig später in seine Arme, und präsentierte sich so den Fotografen. Der Koloss Johansson konnte nicht mehr ausweichen. Ein triumphaler Auftritt Blatters, dokumentiert für die mediale Ewigkeit. Blatter hatte an allen Fronten gesiegt.

Zwei Tage später zogen neun der elf abtrünnigen Exekutivkomitee-Mitglieder, darunter Johansson, ihre strafrechtliche Klage gegen den wiedergewählten Präsidenten in der Schweiz zurück. Der Schwede Johansson liess die Medien wissen, dass das Spiel verloren sei. Der Gewinner stehe fest. Jetzt gelte es, das Resultat zu akzeptieren. Im folgenden Frühling 2003 überbrachte er persönlich Blatter die Mitteilung, dass sein Uefa-Generalsekretär, Gerhard Aigner, auf Ende Jahr in den vorzeitigen Ruhestand trete. Der ärgste Widersacher Blatters hatte aufgegeben.

Als Epilog liess der Staatsanwalt am 3. Dezember 2002 die Anklage gegen Joseph S. Blatter fallen und wusch diesen rein. Der nie angehörte Zeuge Zen-Ruffinen, der Fifa-Generalsekretär, war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr im Amt. Nach der WM-Endrunde musste er Anfang Juli seinen Posten umgehend verlassen. Mit ihm gingen in den folgenden 18 Monaten rund siebzig Personen der Fifa-Belegschaft im Zürcher Hauptquartier.

Und der Herausforderer Hayatou? Dieser war zu Blatters Freund geworden. Er sitzt noch immer im Exekutivkomitee der wichtigsten 24 Fussballfürsten der Welt. Zusammen mit «monsieur le président».

Joseph Blatter, was hat Ihnen das «schreckliche Jahr 2002» Gutes gebracht?

«Es hat mir gezeigt, dass man an die Dinge glauben muss, die man tut. Dann macht man sie richtig.»

Was sind das für Dinge?

«Ich erkannte in Seoul, dass die Solidarität im Fussball stimmt. Der Kongress glaubt an das Gute im Fussball.»

Was ist das Gute?

«Eigentlich ist die Fifa die korrekte Anwendung der marxistischen Lehre. Jene, die mehr besitzen, sollen mit denjenigen, die weniger haben, teilen.»

Was zeigte Ihnen 2002 noch?

«Ich kam kampfgestärkt aus dem Jahr heraus. Ich habe erkannt, dass ich meine Limiten hinausschieben kann.»

Was noch?

«Wir haben in der Fifa ein internes Audit-Komitee etabliert. Da sitzen heute auch Kritiker mit drin. Wir haben also, wie Sie sehen, gelernt.»

Einer Ihrer Mitarbeiter sagt, dass Sie Konflikte nicht mögen. Ist dem so?

«Ich strebe eher den Konsens an.»

Joseph S. Blatter, Patron des Weltfussballs, hebt das Glas und lächelt fein.

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