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Banking: Das neue Leben des Thomas Matter

Der einstige Swissfirst-Banker will sich rehabilitieren: Seine Neue Helvetische Bank soll Drehscheibe für Beteiligungen an kleinen Firmen werden. Doch die Risiken sind gross.

Von Erik Nolmans
14.01.2011

Der letzte Schritt zur Gründung erfolgte in Bern: in der Kanzlei Bratschi Wiederkehr & Buob, wohin Thomas Matter die Mitaktionäre seiner neuen Bank zur ausserordentlichen Generalversammlung geladen hatte. Auf dem Programm standen am 7.  Januar die Festlegung der Statuten, die Wahl des Verwaltungsrats und die Erhöhung des Kapitals. Damit war der Weg frei für das Comeback des Jahres: die Rückkehr des einst ausgebremsten Finanzwunderkindes Matter in die Bankbranche.

Mit im Boot sind zwei Exponenten der Schweizer Wirtschaft: Philippe Gaydoul, Ex-Chef des Detailhändlers Denner und ein enger Freund von Matter, sowie Marcel Rohner, Ex-Chef der Grossbank UBS. Die Gaydoul Group hält 9,5 Prozent an Matters neuer Bank, Rohner 5 Prozent. Matter als Präsident wird 30 Prozent halten. «Ich glaube an das Geschäftsmodell, und ich glaube an Thomas Matter», erklärt Gaydoul sein Investment, das so fern von seinen sonstigen Aktivitäten liegt.

Die Bank hat ihren Sitz im Zürcher Seefeld. Den Namen wollen die Gründer erst nach Eintrag ins Handelsregister bekanntgeben. Wie BILANZ aus sicherer Quelle weiss, soll er Neue Helvetische Bank lauten. Es ist für Matter mehr als nur ein Neustart – es ist für ihn auch ein Signal seiner Rehabilitierung. Matter, in den neunziger Jahren Galionsfigur ehrgeiziger Jungbanker, fusionierte seine Swissfirst 2005 mit der Bank am Bellevue. Nach Angriffen in den Medien, die ihm die Bevorzugung einzelner Aktionäre vorwarfen, trat er als CEO von Swissfirst zurück, beteuerte aber seine Unschuld. Die Staatsanwaltschaft eröffnete eine Untersuchung gegen ihn, die 2008 ergebnislos eingestellt wurde. Im Dezember 2009 reichte Matter bei der Finma das Gesuch für eine neue Bank ein. Diese gab rund ein Jahr später grünes Licht.

Ursprünglich wollte Matter im Sommer starten. Angesichts der Vergangenheit von Matter sei das Dossier komplex gewesen, sagt ein Finma-Insider. Bei der Bellevue-Fusion stellte die Finma fest, dass Organe von Swissfirst gegen das Gebot der einwandfreien Geschäftsführung verstossen hätten. Diesbezüglich gibt es seitens der Finma nun aber keine Bedenken: «Wir ­haben für das entsprechende Geschäfts­modell die Bewilligung erteilt. Das Bewilligungsgesuch wurde genau geprüft. Dies schliesst auch die Prüfung der Gewährsträger und damit von Herrn Matter mit ein», sagt Finma-Sprecher Tobias Lux.

Klarer Fokus. «Wir gründen eine Bank für Unternehmer», kündigte Matter 2009 an. Kunden sollen Leute wie er oder Gaydoul und Rohner sein: Unternehmer oder CEO, vermögende Leute, die Finanzwissen mitbringen. Matter beklagte sich im kleinen Kreis oft darüber, dass Bankberater überfordert seien, wenn Kunden Know-how mitbrächten.

Jetzt, da die Büros an der Seefeldstrasse bezogen sind, kann es losgehen. Matter strahlt Energie aus und wirkt – im weissen Hemd ohne Krawatte – locker. Glaswände zwischen den Büros signalisieren Offenheit, an den Wänden hängen Bildschirme, auf denen Börsensender flimmern. Den Medien stellen will sich Matter noch nicht – für die Bank soll sein CEO sprechen.

«Wir verstehen uns als Unternehmer und sehen die Bank als Dienstleister für Unternehmer», sagt Daniel Hefti, Ex-Finanzchef von Swissfirst, der die neue Bank operativ führen wird. Wichtig sei der enge persönliche Kontakt zu den Kunden. «Das heisst aber nicht, dass die Bank eine geschlossene Gesellschaft sein soll», betont Hefti. Man wolle neben Unternehmern auch vermögende Privatkunden und Vertreter von Familien anpeilen, die kein eigenes Family Office betreiben. 25 Leute arbeiten bereits bei der Bank. Über zwei Millionen hat die Gründung gekostet, Geld, das Matter und Hefti aus eigener Tasche vorgeschossen haben – und das bei einem negativen Entscheid der Finma verloren gewesen wäre.

Neuausrichtung. «Ich glaube, als kleine, agile und innovative Bank hat man in jeder Marktsituation eine Chance», liess Matter in einem Interview wissen. Mitaktionär Gaydoul sagt, er freue sich mitzuhelfen, ein Gebilde aufzubauen, wo sonst die grossen Player dominieren. Nicht alle Branchenvertreter teilen den Optimismus der Gründer. Matter soll in Schweizer Wirtschaftskreisen bei der Suche nach Verwaltungsräten die eine oder andere Absage kassiert haben, wie Eingeweihte erzählen. Klar ist: Der Wind im Banking hat gedreht, die Rezepte der Vergangenheit wirken nicht mehr. So basierte der Erfolg der Swissfirst auch auf dem Business mit institutionellen Investoren, mit denen man eng geschäftete. Heute sind die Compliance-Vorschriften strenger, der Aktienanteil der Pensionskassen wurde zudem drastisch reduziert.

Das weiss auch Vollblutbanker Matter, weshalb er seine Bank anders ausrichten will. Eine Spezialität wird sein, dass ­Matter neben der Vermögensberatung und -verwaltung eine dritte Geschäftssäule in der Corporate Finance aufbauen will. Für Kunden sollen Betei­ligungen an kleinen Unternehmen iden­tifiziert werden.

Fifty-fifty-Job. Matter ist als Privatinvestor seit längerem auf diesem Pfad unterwegs. Ausgestattet mit einem Vermögen von schätzungsweise 100 bis 200 Millionen Franken, hat er sich mit seiner 2005 ins Leben gerufenen Matter Group bei verschiedenen Firmen eingekauft. ­Etwa beim Fernsehsender 3+, bei der Biotechfirma Cytos, der Uhrenfirma Hanhart oder der Zahnklinikkette Swiss Smile von Haleh und Golnar Abivardi. Privat hält er zudem ein Paket an der «Neuen Zürcher Zeitung» («NZZ»).

Gemanagt werden die Investments vom Büronebengebäude von Matters Villa in Meilen ZH aus. Auf einen zweistelligen Millionenbetrag schätzen Experten den Prunkbau an der Zürcher Goldküste, in dem er mit seiner neuen Partnerin Marion Giger wohnt. Er hat aus erster Ehe drei Töchter, mit seiner jetzigen Partnerin seit 2008 eine vierte. Er will weiterhin 50 Prozent seiner Zeit für die Matter Group aufwenden, die andere Hälfte für die Bank. Seine Frau arbeitet teilzeitlich ebenfalls für die Matter Group. Matter ist auf dem Investorenpfad nicht alleine unterwegs: Derlei Investments abseits der grossen Konzerne scheinen sich derzeit zu einem Trend zu entwickeln. So setzt ein anderes Finanzwunderkind der neunziger Jahre, Hedge-Fund-Pionier Rainer-Marc Frey, auf die gleiche Taktik: Der Mann, der jüngst im kleinen Kreis sagte, dass die Finanzindustrie ihren Zenit erreicht habe, setzt auf Investments in der Industrie. So beteiligte er sich letztes Jahr beim Pharma­unternehmen Siegfried.

Nach ähnlicher Methode setzt auch Gaydoul die Millionen ein, die er nach dem Verkauf der von seinem Grossvater Karl Schweri gegründeten Denner an die Migros erhielt. Investments in die Modefirmen Navyboot, Jet Set und Fogal oder in die Uhrenfirma Hanhart zeugen davon. Nun dürfte mit den Unternehmerkunden der Matter-Bank eine Schwemme ähnlicher Investoren hinzukommen. Dabei sollen die Kunden auch von den Erfahrungen anderer Kunden profitieren, sich austauschen, ja gar zu Gruppen zusammenfinden, um in Firmen zu investieren.

An der Börse schwangen die Nebenwerte 2010 obenaus. Doch der Markt kleiner Substanzperlen ist begrenzt. Wenn alle im gleichen Teich fischen, ist er bald leer. So werden die Investments für neue Besitzverhältnisse und für Unruhe sorgen, doch wohl nicht überall für Erfolg.

Ansatz mit Risiken. Gaydoul sieht das anders. Aus dem persönlichen Umfeld wisse er, dass viele Unternehmer Geld haben, aber schwer gute Investitionsmöglichkeiten finden. Andererseits gebe es viele Firmen mit ungeregelter Nachfolge: Das seien potenzielle Targets für Beteiligungen: «Wahrscheinlich ist das Potenzial grösser, als man meint», analysiert Gaydoul.

Lange war das Geschäft mit den Besitzerwechseln in den Händen aggressiver ausländischer Hedge Funds wie etwa Laxey. Der Unterschied liegt im Fall von Matter, Frey oder Gaydoul darin, dass man den Firmen freundlich begegnet. Doch nicht alle Probleme lassen sich damit lösen. Wenn sich ein Investor mit Millionen in eine kleine Firma einkauft, geht zwar der Kurs rasch nach oben, doch oft ist man danach im Investment gefangen. Da der Markt für diese Papiere eng und wenig liquid ist, kann man sie nur schwer verkaufen. «Ein gefährliches Spiel», warnt der Vertreter eines grossen Family Office. «Auf dem Papier sieht das schnell gut aus, aber wie kommt man wieder hinaus?»

Schmerzlich erfahren musste dies etwa der Hedge Fund Focus Capital unter Philippe Bubb, einem ehemaligen Mitarbeiter von Martin Ebner, der sich vor Jahren an Schweizer Firmen wie dem Gipfeli-Hersteller Hiestand beteiligte. Da er vor allem mit Krediten finanziert war, kollabierte der Fonds, als der Markt abflaute.

Auch wenn die Zeiten hoher Fremd­finanzierung heute vorbei sind, bleiben Risiken. Die Matter-Bank will dem durch eine selektive Wahl begegnen. Schon jetzt landen wöchentlich zwei, drei KMU-Projekte auf dem Tisch der Banker. 95 Prozent werden nicht weiterverfolgt. Für die Identifikation der Objekte hat die Bank zwei Finanzanalysten angestellt, die mit dem Corporate-Finance-Team und Matter selber die Chancen ausloten.

Die Gründer glauben an ihr Konzept, der Optimismus ist gross. Man wolle vernünftig wachsen, sagt CEO Hefti. Extra­vaganzen soll es keine geben, gezielt sendet die Bank Signale der Solidität aus. So wurde das Aktienkapital in Höhe von 20 Millionen zur Hälfte in Gold hinterlegt. Wo sieht Hefti die Bank in fünf Jahren? «Mit rund 50 Mitarbeitern, über zwei Milliarden Franken Assets under Management und einem angemessenen Gewinn.»

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