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Bank Wegelin: Ende einer Ikone

Der Tatort: Von der Zürcher Filiale aus betreute der in Miami ­festgenommene Wegelin-­Mitarbeiter internationale Kunden.

Ein interner Informant, im juristischen Réduit verschanzte Chefs und immer weniger Freunde: So ging die Privatbank Wegelin unter. Die Chronologie.

Von Dirk Schütz
07.02.2012

Am Anfang vom Ende der ältesten Schweizer Privatbank stand eine nicht genehmigte Dienstreise. Die Bank Wegelin hatte ihren Kundenberatern strikt untersagt, ihre amerikanischen Kunden direkt in den USA zu treffen. Doch Daniel Sprecher, der von Zürich aus für die St. Galler Privatbank internationale Kunden betreute, setzte sich darüber hinweg. Im Oktober 2010 buchte er seinen geplanten Flug nach Nassau eigenmächtig um. Er legte einen Zwischenstopp in Miami ein.

Die Bahamas erreichte er nie. Am Miami International Airport im Sonnenstaat erwartete ihn kein Kunde oder Bekannter. Vielmehr wurde er von Vertretern der amerikanischen Bundespolizei begrüsst. Sie nahmen Sprecher fest.

Damit hat auch die Bank Wegelin ihren Bradley Birkenfeld. Ohne den Kronzeugen, der die UBS stark belastete und detaillierte Interna aus dem Inneren der Grossbank an die amerikanischen Behörden lieferte, hätten die Amerikaner niemals genug Material gehabt, um die Grossbank im Sommer 2010 zur Herausgabe von 4450 Kundendateien zu zwingen und damit den Steuerstreit mit der Schweiz auszulösen, der den Finanzplatz heute im Klammergriff hält.

Bankier fühlten sich sicher

Bei Wegelin ist zwar alles einige Nummern kleiner, dafür aber für die Bank umso gravierender: Sie musste sich Ende Januar mit einem Notverkauf in die Arme der Raiffeisen flüchten. Und dabei spielte ihr ehemaliger Mitarbeiter eine zentrale Rolle: Daniel Sprecher, geboren in Chur, 42 Jahre alt, wohnhaft in Schönenberg ZH und dort Geschäftsführer der Sprecher Asset Management AG. Zwar wäre es zu einfach, den Untergang von Wegelin allein auf die Rolle Sprechers in dieser Tragödie zu reduzieren. Zu aggressiv betrieb die Traditionsbank ihr Wachstum, zu stark war die Bankführung dem Schweizer Réduit-Denken verhaftet, zu sehr hatte sich der scharfzüngige und intellektuell wohltuend schneidende ­Banklenker Konrad Hummler mit der Aufsichtsbehörde Finma und anderen Vertretern in Bundesbern angelegt.

Dennoch sind sich führende Bankmitarbeiter sicher: Ohne Daniel Sprecher würde die Bank Wegelin heute noch existieren. Denn nur durch die Informationen eines Insiders konnte der New Yorker Staatsanwalt Preet Bharara genügend ­Munition für eine substanzielle Anklage aufbauen. Da dürfte es für den narrativ versierten Noch-«NZZ»-Präsidenten Hummler, dessen Anlagekommentare nicht nur inhaltlich, sondern auch stilistisch zur exquisitesten Finanzprosa im deutschsprachigen Raum zählten, nur ein schwacher Trost sein, dass die Details von Sprechers Festnahme jeden Spionageroman schmücken würden.

Insiderwissen

Die Anklageschrift vom 2. Februar, in der die Amerikaner erstmals eine Bank, die nicht auf ihrem Territorium tätig ist, formal anklagen, ist mit so vielen Details gespickt, dass für die Bankmitarbeiter feststeht: Sprecher hat mit den Amerikanern kooperiert, um für sich eine mildere Strafe herauszuholen. Da ist detailliert von den Aktivitäten der drei Wegelin-Kundenberater Michael Berlinka, Urs Frei und Roger Keller die Rede, die mehr als hundert amerikanischen Steuerpflichtigen bei der Steuerhinterziehung geholfen haben sollen. Sie waren Mitglieder des sechsköpfigen «Team international», das Offshore-Kunden rund um die Welt betreute und gegen eine halbe Milliarde Franken verwaltete, davon etwa ein Fünftel von Amerikanern. Sprecher war Leiter dieses Teams.

In der Anklageschrift wird ausführlich über die Aktivitäten des «Client Advisor A» berichtet, der als «Team Leader» der drei Angeklagten fungiert habe. Dieser Teamleiter wird ebenfalls stark beschuldigt: Er wird als «Co-Conspirator» bezeichnet, die Klageschrift wirft dem Mitverschwörer mehrere Fälle der Beihilfe zum Steuerbetrug vor. Dass der «Team Leader» nicht selbst angeklagt ist, gilt als Beleg für seine Kooperation mit den Behörden. Sprecher wollte gegenüber BILANZ die Frage nicht beantworten, ob er der Client Advisor A sei und mit den amerikanischen Behörden kooperiert habe. Er verwies an seinen Anwalt Alexander Biderbost. Dieser konnte die schriftlichen Fragen über die Rolle Sprechers beim Untergang der Bank Wegelin nicht beantworten. Für Sprecher gilt die Unschuldsvermutung.

Der Bündner hat eine illustre Karriere hinter sich. Als 16-Jähriger stieg er bei der Credit Suisse in Davos ein und wechselte für die Grossbank später nach Zürich und New York. 1997 ging er zur Bank Vontobel, wo er wie auch bei der CS zunächst in der internen Revision tätig war. Ein Jahr später wechselte er in die Kundenberatung, und 2002 kam der Sprung ins internationale Privatkundengeschäft. Er wurde für Vontobel leitender Direktor auf den Cayman Islands. Drei Jahre arbeitete er in dem Offshore-Paradies in der Karibik, einem Tummelplatz für amerikanische Millionäre, die mit verschachtelten Tarnfirmen ihre Gelder vor dem heimischen Fiskus schützen wollen. Schon damals fiel Sprecher durch aggressives Geschäftsgebaren im Grenzbereich auf. In der Bankleitung in Zürich wuchs die Skepsis stetig. Im Jahr 2005 legte ihm die Vontobel-Führung den Austritt nahe.

Die heiklen Kontakte

Eine neue Heimat fand der damals 36-Jährige bei der Bank Wegelin, die einen aggressiven Wachstumskurs fuhr. Er brachte seinen Vontobel-Kollegen Roger Keller mit. Teamgeist wurde in Sprechers «Team international» gross geschrieben: Beide nahmen 2009 mit drei Kollegen als «Wegelin Powerteam 1» am Gigathlon teil, den Swiss Olympic in der Ostschweiz organisierte. Da war einmal Keller der Chef: Er fungierte als Captain des Teams, das bei dem dreitägigen Ausdauerwettkampf auf Rang 385 landete. Heute erwartet Keller ein Prozess in den USA. Als Zeuge der Anklage wird sein ehemaliger Chef verdächtigt.

Wie heikel Sprechers Karibik-Kontakte waren, wurde knapp vier Monate nach dem Gigathlon bekannt. Ende Oktober 2009 wurde in den USA ein gewisser Stefan Seuss, deutscher Staatsbürger mit Wohn- und Firmensitz in Florida, verhaftet. Der Anwalt betrieb eine Steueroptimierungs-Firma mit Ablegern in Frankfurt, São Paulo, Zürich und Salzburg. Seine Firma Seuss & Partners hatte sich laut Anklageschrift darauf spezialisiert, «Offshore-Firmen und ausländische Bankkonten» einzurichten. Die Anklage: Verschwörung zur Geld­wäsche. Als einzige Schweizer Bank ist in der Anklageschrift gegen Seuss Wegelin als Geschäftspartner genannt. Auf der Website von Seuss & Partners tauchte bis zur Festnahme von Seuss unter der Rubrik Berater/Finanzberater als einer von nur drei Beratern und einziger Mitarbeiter einer Bank Daniel Sprecher auf – mit einer detaillierten Auflistung seiner beruflichen Stationen. Als weitere Beraterin fungierte Katrin Seuss, die Frau des Angeklagten.

Stefan Seuss bekannte sich schuldig und sass im US-Bundesstaat Pennsylvania eineinhalb Jahre im Gefängnis. Im April 2011 wurde er mit einer Bewährungsfrist von zwei Jahren entlassen. Für Wegelin begann das Drama mit der Festnahme von Seuss jedoch erst richtig. Denn die Ermittler im Fall Seuss wollten auch seine Partner zur Strecke bringen. Es gilt als wahrscheinlich, dass Seuss den amerikanischen Fahndern Informationen über seinen wichtigsten Verbindungsmann in der Schweiz geliefert hat. Unbestritten ist: Ein amerikanischer Ermittler lockte Sprecher in London in eine Falle. Sprecher plauderte mit dem verdeckten Fahnder über seine Verbindungen zu Seuss. Von diesem Gespräch soll es ein Video geben. Die US-Behörden hatten damit genügend Material, um einen Haftbefehl gegen Sprecher auszustellen – ohne dessen Wissen.

Der Lockvogel

Im Oktober 2010 folgte die verhängnisvolle Reise nach Miami, die sich Sprecher nirgends hatte bewilligen lassen. Angeblich soll Katrin Seuss, die Frau des verurteilten Steuerbetreuers, die weiterhin in Miami wohnhaft war, Sprecher nach Miami gelockt haben. Eine andere Version besagt, dass Sprecher dort Kunden treffen wollte, was laut Wegelin-Reglement jedoch strengstens untersagt war. Fakt ist: Am Flughafen Miami, wo auch schon der UBS-Banker Martin Liechti festgenommen worden war, erwarteten Sprecher die Vertreter der amerikanischen Bundesbehörden. Sie hielten ihn etwa eine Woche fest.

Nach seiner Rückkehr war bei Wegelin nichts mehr wie vorher. Denn die Bankleitung wusste: Jetzt haben die Amerikaner gegen uns deutlich mehr in der Hand als gegen die meisten der anderen zehn Banken, denen eine Anklage droht. Wegelin engagierte die US-Kanzlei Goodwin Procter und entschied sich für die Abwicklung des US-Geschäfts. Sprecher wurde freigestellt, aber auf die sanfte Wegelin-Art: Die Bank übernahm die Anwaltskosten und half ihm beim Neustart. Im März 2011 eröffnete Sprecher mit seinem Vater die Sprecher Asset Management AG in Schönenberg, Wegelin soll sogar Kunden vermittelt haben.

Doch was war der Dank? Nach dem Verkauf an Raiffeisen tauchten Anfang Februar auf der Seite «Inside Paradeplatz» von einer anonymen Quelle heftige Anschuldigungen gegen die Wegelin-Geschäftsführung auf, insbesondere gegen den Chef der Zürcher Nieder­lassung, Christian Hafner, und das ­Geschäftsleiungsmitglied David Zollinger, bis 2007 Staatsanwalt des Kantons Zürich. Als Urheber dieser Anschuldigungen wird Sprecher verdächtigt. Die Motivation könnte lauten: Daniel Sprecher erhofft sich durch die Anschuldigungen, verbunden mit einer hohen Kooperationsbereitschaft, eine mildere Strafe in dem bevorstehenden Prozess in den USA.

Jedoch: Den Untergang der altehrwürdigen Privatbank allein auf die Aktivitäten Sprechers zurückzuführen, greift zu kurz. Denn ohne die forsche Wachstumskultur, die besonders in der Zürcher Wegelin-Niederlassung herrschte, hätte sich Sprecher kaum so lange halten können. Als die früheren SBG-Bankiers Konrad Hummler und Otto Bruderer Anfang der neunziger Jahre bei der Bank Wegelin einstiegen, fristete das Institut mit 30 Mitarbeitern ein Schattendasein im kaum als Finanzmetropole verrufenen St. Gallen. Sie übernahmen zusammen etwa 80 Prozent des Aktienkapitals, die restlichen 20 Prozent verblieben bei den Alt-Eigentümern der Familien Wegelin und Rehsteiner.

Der Aufbau des nationalen Geschäfts, das war offensichtlich, musste über Zürich laufen. Die Niederlassung dort wurde 1998 als erster neuer Standort gegründet, doch der Start war schleppend. Innerhalb der Bank war es ein offenes Geheimnis, dass die richtige Führungsperson fehlte, um den Ausbau aggressiv voranzutreiben. Und so kam Christian Hafner ins Spiel. Hummler hatte den heute 49-jährigen Banker, der zuvor fünf Jahre bei der UBS gearbeitet hatte, persönlich angeworben. Er bot Grossbankenerfahrung, ein Kundennetz und, besonders schön, Ostschweizer Wurzeln mit. Hafner stiess 2005 zu Wegelin, mit dem Versprechen, dass er nach einer kurzen Einarbeitungszeit in den erlauchten Kreis der unbeschränkt haftenden Partner aufsteigen könne.

Das rasante Wachstum

Hafner lieferte, was Hummler und Bruderer von ihm gefordert hatten: eine forsche Wachstumsstrategie für die Filiale in Zürich. Sein Ziel, das er später auch erreichte: grösser zu werden als der Hauptsitz in St. Gallen. Und das ging nur über ein starkes Kundenwachstum. Die Gesetzeslage war unmissverständlich: Neue Kunden wurden nur abgelehnt, wenn sie ihre Gelder aus Geldwäscheaktivitäten bezogen hatten. Ob sie ihr Geld dagegen in ihrer Heimat versteuert hatten, war irrelevant. Es galt der Leitspruch Hummlers: «Nie werde ich bereit sein, den Status eines Steuerzahlers zu überprüfen. Sonst hänge ich den Job an den Nagel.»

Die Zürcher Filiale – und mit ihr die Bank – wuchs in rasantem Tempo. Ende 2006 lag die Mitarbeiterzahl der Gesamtbank noch bei 270, fünf Jahre später waren es 700. Für amerikanische Kunden gab es keine besondere Behandlung – sie waren genauso willkommen wie andere, und ihre Aufnahme wurde zwischen 2005 und 2008 nicht gross diskutiert. Das änderte sich schlagartig, als die von der UBS herausgestellten US-Kunden eine neue Heimat suchten.

Hummler verkauften ab 2005

Hafner brachte das Geschäft an zahlreichen Geschäftsleitungssitzungen zur Sprache. Der Ausbau des US-Geschäfts wurde so oft diskutiert, dass die Teilnehmer, die nichts damit zu tun hatten, die Augen verdrehten. Es gab Warner, doch niemals kam es zu einem Entscheid von Bruderer oder Hummler, das Geschäft zu stoppen. Die Banklenker wähnten sich auf Schweizer Boden sicher.

Beim Entscheidungsprozess half ihnen die Führungsstruktur. Die zwei geschäftsführenden Teilhaber waren immer stolz auf ihre zwanzigköpfige Geschäftsleitung und priesen sie als Zeichen ihrer Mitarbeiterbeteiligung. Doch das Modell war auch ihr entscheidendes Instrument zur Machtsicherung. Bei dem Genfer Bankhaus Pictet, dem Idealbild einer unbeschränkt haftenden Partnerschaft, treffen sich die acht Teilhaber jeden Morgen, so das Ritual, für eine Lagebesprechung und diskutieren so lange, bis sich alle einig sind. Bei Wegelin dagegen gab es zwar auch acht unbeschränkt haftende Teilhaber, doch sie führten die Bank nicht im operativen Sinn.

Hummler und Bruderer hatten zwar 2005 begonnen, ihre Anteile an die Teilhaber und Mitarbeiter zu verkaufen, waren aber bis zum Schluss mit zusammen etwa 30 Prozent noch immer klar die grössten Anteilseigner (siehe Grafik «Gutes Geschäft» unter 'Downloads'). Die sechs anderen Teilhaber verfügten über einstellige Prozentanteile. In der Geschäftsleitungssitzung waren auch die Chefs der grossen Niederlassungen vertreten. Und wenn 20 Leute in einer hufeisenförmigen Anordnung sassen und die zwei grössten Einzelaktionäre ihre Entscheide verkündeten, gab es keine grossen Diskussionen. Hummler und Bruderer wehrten sich bis zum Schluss, im Rahmen der acht Teilhaber zu diskutieren.

Falsche Risikoeinschätzung

Der Rechtskundige. Und so erlangte an den Geschäftsleitungssitzungen David Zollinger eine besondere Bedeutung: Der frühere Staatsanwalt diente Hummler als entscheidende Stütze. Wenn die Rechtskoryphäe Zollinger, so dachte sich die Mehrheit der Geschäftsleitungsmitglieder, diese Geschäfte befürwortete, müssten sie ja wohl in Ordnung sein. Als Staatsanwalt für Rechtshilfefälle war der SVP-Mann täglich mit der Unterscheidung von Steuerhinterziehung und Steuerbetrug befasst. Rechtshilfe wurde nur bei knallharten Betrugsfällen oder bei eindeutig erkennbarer Geldwäscherei gewährt. Und als Kolumnist der «Weltwoche» setzte sich Zollinger dafür ein, diese Schweizer Rechtsspezialitäten gegenüber dem ausländischen Druck zu verteidigen. Seine Linie: Schweizer Banker, Schweizer Gesetze, basta. Die Banker liebten ihn dafür, er war lange Zeit ihr Schutzpatron gegen unerwünschtes Ersuchen der ausländischen Justizbehörden. Und die SVP-Oberen liebten ihn, weil er ihre stramme Politik zur Verteidigung des Bankgeheimnisses vertrat.

Damit scheiterte die Bank auch an ihrer zu legalistischen Sicht des Finanzgeschäfts. Zollinger konnte nicht wirklich einschätzen, welche Risiken eine Anklage für das Zahlungsgeschäft einer Bank bedeutet. Und Hummler, der promovierte Jurist, in jungen Jahren Assistent des legendären SBG-Chefs Robert Holzach, ebenfalls Jurist, wurde Opfer seiner Réduit-Rhetorik. Beide waren machtlos gegenüber einer US-Justiz, die neue Mittel zur Verfolgung der Steuerhinterzieher einsetzte: Spitzeleinsätze, Telefonkontrollen, Kronzeugen und schliesslich massiven Druck auf die mutmasslichen Gehilfen in den Geldinstituten. Diese Justiz kannte nur US-Gesetze.

Bundesrätin Sommaruga wollte Daten nicht unverschlüsselt weitergeben

Das Endspiel ging schnell. Anfang Dezember hatte das US-Justizministerium drei Schweizer Banken, darunter die Credit Suisse, zu einer Daten­lieferung inklusive Kundennamen bis zum 31. Dezember aufgefordert. Justizministerin Simonetta Sommaruga wollte die Daten jedoch nicht unverschlüsselt ­weitergeben. Also zogen die Amerikaner am 3. Januar den Fall weiter, den sie durch die Festnahme Sprechers wohl am besten dokumentiert hatten und der zudem nicht systemrelevant war. Es folgte die Anklage gegen die drei Wegelin-Banker. Wenige Tage später verschärften die Amerikaner den Ton noch: Wenn Wegelin keine Kundendaten liefere, komme es zur Anklage, teilten sie den Wegelin-Anwälten mit. Doch eine Auslieferung ihrer Kunden war für die prinzipientreuen Banklenker Hummler und Bruderer ausgeschlossen.

Jetzt rächte sich, dass sich Hummler mit seiner Wortgewalt viele Feinde gemacht hatte. Mit Finma-Direktor Patrick Raaflaub hatte er sich 2010 ein Schar­mützel geleistet und dessen Aufruf zur Abkehr vom Schwarzgeld als «absolut verheerend» bezeichnet. Aus der Bankiervereinigung war er wegen «mangelnder Debattenkultur» ausgetreten. Den Bankrat der Nationalbank hatte er 2011 verlassen. Unterstützung fand er in der Stunde der Not nirgends.

Der letzte Zahltag

Und so schlug er schneller in den Verkauf ein, als es manchem Mitarbeiter lieb gewesen sein dürfte. Eine Anklage würde den Zahlungsverkehr verunmöglichen, und das wäre das Ende der Bank, so die Argumentation. Zwar gab es intern einige Debatten, doch Hummler und Bruderer liessen sich nicht abbringen. Mit Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz (siehe "Raiffeisen: Piz Pierin") hatten sie den Käufer schnell zur Hand. Raiffeisen zahlte 550 Millionen Franken – 200 Millionen für die Bank, dazu kommen Eigenmittel von 350 Millionen. Davon wurden etwa 40 Millionen für eine mögliche Busse in den USA zurückgestellt. Es bleiben gut 500 Millionen zu verteilen.

Ein grosser Teil der Mitarbeiter kommt zum letzten grossen Zahltag. Für den 58-jährigen Hummler und den ein Jahr älteren Bruderer dürfte der Verkauf je mindestens 75 Millionen Franken bringen. Dafür sollen sie sich verpflichtet haben, für keine andere Bank mehr zu arbeiten. Jetzt bereiten sie mit den anderen Teilhabern ihren Prozess vor. Sie sind zuversichtlich. Gegen Schweizer Recht haben sie nicht verstossen, gegen amerikanisches nach eigener Auffassung auch nicht. Von ihren Kunden verabschiedeten sie sich so: «Es ist unser Ziel, dass ­Wegelin & Co. und ihre Teilhaber ehrenvoll in die Geschichte eingehen.»

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