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Aufbruch 
Bank Vontobel: Eine Trutzburg voller Elan

Junge Familienmitglieder neu im Verwaltungsrat, wiederbelebte Partnerschaft mit Raiffeisen und mutige Wachstumspläne – die Bank Vontobel startet nach dem Tod von Patron Hans Vontobel durch.

Von Erik Nolmans
23.02.2016

Bis zu seinem Tod Anfang ­Januar prägte er das Bild des Familienaktionärs: der 99-jährige Hans Vontobel, stets im eleganten Anzug zwar, aber mitunter so schlecht zu Fuss, dass er im Rollstuhl geschoben wurde.

Bald werden es neue Gesichter sein, die für die Familie stehen. An vorderster Front ein gross gewachsener, sportlicher Mann mit Dreitagebart: der 35-jährige Björn Wettergren, Enkel der vor zwei Jahren verstorbenen Schwester des langjährigen Patrons, der an der kommenden Generalversammlung in den Verwaltungsrat der Bank einziehen wird. Er war vor einigen Jahren schon einmal bei Vontobel, als Projektleiter und Portfoliomanager. «Ich glaubte anfangs tatsächlich, es würde niemandem in der Bank auffallen, dass ich Familienmitglied bin, weil ich einen anderen Namen trage», so Wettergren.

Fast fünf Jahre habe er für die Bank gearbeitet, liess er in einem Interview im Intranet wissen, doch er habe sich dann beweisen wollen, dass er ausserhalb der Bank etwas erreichen könne. Er gründete ein Unternehmen, das sich auf den digitalen Wandel fokussiert. Nun kehrt er zurück.

Nur nicht ausruhen

Mit ihm in den Rat einziehen wird Maja Baumann, Enkelin des verstorbenen Patrons und Anwältin bei der Zürcher ­Kanzlei Reber. Auch die 38-Jährige ist bereit, neuen Wind in die Bank zu bringen: Was sie bis jetzt an Zahlen gesehen habe, sehe gut aus und zeige, dass sich die Strategie bewährt habe. «Aber die Zukunft wird noch immense Herausforderungen bringen. Wir können also nicht ausruhen, sondern müssen dranbleiben und uns den stetig ändernden Bedingungen anpassen.»

Wesentlich wichtiger war für die Bank zunächst aber eine andere Botschaft: ­Beständigkeit. Spekulationen, die Bank könnte nach dem Ableben des Patrons auseinanderfallen oder übernommen werden, sollten gar nicht erst aufkommen. Nur einen Tag nach dem Tod von Hans Vontobel hielt sein Sohn Hans-Dieter schriftlich fest: «Unsere Familien stehen auch in Zukunft fest zu unserem ­Unternehmen und unserem Engagement als Familienaktionär.» Dies, um der Einschätzung entgegenzutreten, mit dem ­Patron falle auch der Garant für die Unabhängigkeit der Bank weg.

«Es ist ein Mythos, dass es Hans Vontobel alleine war, der diese verkörperte», sagt VR-Präsident Herbert Scheidt. Diese Haltung sei in der Familie breit abgestützt und habe auch organisatorisch ihren Niederschlag gefunden. Er habe ein enges Verhältnis zu Hans Vontobel gehabt, ihn alle zwei Wochen getroffen, sein Büro sei auf derselben Etage gewesen. Doch die formellen Kontakte seien über die Institutionen der Familie gelaufen.

Fest in Familienhand

Die Familie, die in einem Pool rund 62 Prozent der Stimmen kontrolliert, bündelt ihre Macht vor allem in zwei Gefässen, der Familienholding Vontrust und der Vontobel-Stiftung. Maja Baumann ist als eine Art Klammer in beiden Gesellschaften vertreten, Wettergren nur bei Vontrust. Doch die starken Figuren bei Familiengesellschaften sind die Vorsitzenden der Anlageausschüsse, die in direktem Kontakt zur Bankspitze stehen.

Bei Vontrust ist dies Christoph Reinhardt, Rechtsanwalt bei Lenz & Staehelin, wo auch Maja Baumann lange war. Er ist ein langjähriger Vertrauter der Familie. Bei der Vontobel-Stiftung ist Hans Hess der starke Mann. Er ist vor allem als Swissmem-Präsident bekannt. Seit 2005 schon in der Stiftung, agiert er auch als Vorsitzender des Familienpools. Jährlich gebe es drei, vier Koordinationssitzungen dieser Gesellschaften mit der Bankführung, in der die Marschrichtung festgelegt werde. Hans Vontobel habe diesen Koordinationssitzungen beigewohnt.

Persönlich angegangen

Selbst wenn die Macht schon längst ­anderweitig institutionalisiert war, verkörperte Hans Vontobel gegen aus­sen die Familie fast im Alleingang. Er wurde auch immer wieder persönlich angegangen, wenn es darum ging, die Bankspitze zu umgehen, berichten Insider.

Etwa 2011, als Kooperationspartner Raiffeisen – damals mit 12,5 Prozent an Vontobel beteiligt – den Konsolidierungsprozess beschleunigen wollte und CEO Pierin Vincenz von einer Ménage à trois zwischen Raiffeisen, Vontobel und Sarasin träumte. Er wandte sich an Hans Vontobel. Dessen ablehnende Haltung hielt Vincenz nicht davon ab, sein Glück später erneut auf dem gleichen Weg zu versuchen, als er die 2012 von Raiffeisen gekaufte Notenstein in Vontobel einbinden wollte. Erneut ohne Erfolg.

Denn erstens stand Hans Vontobel Fusionsideen prinzipiell ablehnend gegenüber. Und zweitens soll er derlei Vorhaben jeweils um­gehend seinem Präsidenten mitgeteilt haben: «Wenn jemand zu ihm kam mit einem für die Bank relevanten Vorschlag, hat er mich immer informiert», sagt Scheidt. «Wenn derlei Vorstösse an mir vorbei gemacht wurden, war meine Meinung dazu aus gutem Grund dann meistens klar, ansonsten hätte man auch den Verwaltungsrat einbeziehen können», ergänzt er schmunzelnd.

Unabhängigkeit als Asset

Die Überzeugung, die Bank sei unabhängig am besten für die Zukunft gewappnet, sei in der Bank breit abgestützt, sagt Scheidt. CEO Zeno Staub stimmt zu: «Sie sollten von Vontobel nie einen Merger of Equals oder eine transformierende Akquisition erwarten.» Man wachse organisch oder durch ergänzende Zukäufe: «Ganz sicher sind wir nicht die Morgengabe in einem Akquisitionsszenario.» Auch die jungen Vertreter der Familie stossen ins gleiche Horn: «Ich glaube, wir sind sehr gut positioniert», so Björn Wettergren im Vontobel-Intranet. «Wir haben keine Alt­lasten und sind konservativ bei M&A-­Aktivitäten gewesen.»

Dass die Bank gegen aussen Einheit demonstriert, ist wichtig für die Glaubwürdigkeit. CEO Staub hat an der jüngsten Jahrespressekonferenz die stabilen Eigentümerstrukturen explizit als eine der drei Säulen für das künftige Wachstum der Bank genannt. Im Gegensatz zu anderen Banken, wo die kurz­fristigen Gewinnziele im Vordergrund stünden, sei bei Vontobel dank der Beständigkeit ein langfristiger Aufbau möglich, betont Staub. Er verweist auf den Frankenschock vom Vorjahr. «Wir stellten uns im Januar 2015 zwei Fragen: Halten wir das aus? Und wenn ja, bleiben wir bei unserem ­ursprünglichen Investitionsplan?»

Die Bank blieb bei ihrem Wachstumskurs. Und das zahlt sich jetzt aus: Mit einem um 34 Prozent gestiegenen Reingewinn von 180 Millionen Franken übertraf Vontobel die Erwartungen der Analysten. Die Zahl der Relationship Manager wurde von 170 auf 180 aufgestockt. «Wir wollen weiterwachsen», so Staub selbstbewusst.

Erträge aus der Zusammenarbeit mit Raiffeisen

Zum guten Ausblick tragen künftig Einnahmen bei, mit denen die Bank eigentlich gar nicht mehr gerechnet hatte: die Erträge aus der Zusammenarbeit mit Raiffeisen. Die Partner waren zuletzt arg zerstritten, die Verträge gekündigt. Doch überraschenderweise konnte der Honeymoon wiederbelebt werden. Am 9. Februar gaben die beiden Banken bekannt, man werde nach dem Auslaufen des Kooperationsvertrags im Juni 2017 weiter zusammenarbeiten. Das Konzept ist einfach: Raiffeisen macht den Vertrieb, Vontobel stellt Produkte für deren Kunden zur Verfügung. Die bisherigen Erträge beziffert der Markt auf rund 50 Millionen Franken jährlich: «Die Kooperation machte und macht Sinn», betont Scheidt.

Generell zeigt sich der Vontobel-Präsident in dieser Frage allerdings nach wie vor kurz angebunden. Viel Geschirr ist in der Vergangenheit zerschlagen worden. Die erwähnten Vorstösse von Pierin Vincenz beim Patron sollen das Vertrauensverhältnis zu Scheidt arg belastet haben, erzählen Insider. Nachdem sich Raiffeisen mit Notenstein eine direkte Konkurrentin angeschnallt hatte, verhärteten sich die Fronten: 2012 zog Vontobel Raiffeisen vors Schiedsgericht, 2014 kündigte Raiffeisen den Kooperationsvertrag.

Annäherung dank Patrik Gisel

Als mit Patrik Gisel 2015 ein neuer Mann auf dem Chefsessel bei Raiffeisen Platz nahm, waren neue personelle Voraussetzungen gegeben – und die Banken fanden wieder näher zueinander. Auch wenn beide Seiten zum geschäftlichen Zwist zwischen Scheidt und Vincenz keine Aussagen machen wollen, so fällt die zeitliche Koinzidenz von Annäherung und Führungswechsel doch auf. «Die Gespräche haben nie aufgehört – weder auf Arbeits- noch auf Führungsebene», sagt Scheidt dazu. Beide Banken betonen aber, ein Zusammenschluss von Notenstein und Vontobel sei «kein Thema».

Der Hauptpartner wieder im Boot, die Reihen in der Familie geschlossen und im Markt aussichtsreich aufgestellt – Vontobel hat derzeit «einen guten Lauf», meint ein Kenner der Bank. Wie lange das so weitergehen kann, ist aber ungewiss. Ende 2018 bietet der Poolvertrag Familienmitgliedern wieder eine Möglichkeit, gebundene Aktien zu verkaufen. Kein Wunder, mutmassen Beobachter, dass dann auch eine Übernahme der Bank wieder zum Thema werden könnte.

Scheidt glaubt das nicht. Er sehe schlicht keinen Grund für die Familie, zu verkaufen, habe sich Vontobel doch als erstklassiges Investment erwiesen. Rund 1,2 Milliarden Franken an Dividenden habe die Bank seit 2003 ausbezahlt – ein üppiger Geldsegen für die Familie. Derzeit liefere das Papier eine Rendite von fast fünf Prozent – und dies bei den heutigen Negativzinsen, betont Scheidt: «Da müssen Sie erst mal eine Investitions­gelegenheit finden, die besser ist.»

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