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Bally: Déjà vu

Reinhard Mieck (l.) führt interimistisch Bally; im Hintergrund zieht Peter Harf die Fäden.

Berndt Hauptkorn hat Bally still und höchst unauffällig verlassen. Dasselbe ist schon seinem Vorgänger ­passiert. Nun wird fieberhaft ein neuer CEO gesucht.

Von Stefan Lüscher
11.01.2012

«Auf leisen Sohlen», hat BILANZ vor gut zwei Jahren getitelt. Damals verliess, von der Öffentlichkeit kaum bemerkt, Marco Franchini nach sieben Jahren als CEO das Unternehmen. Kurz darauf folgte ihm der Star-Schuhdesigner Brian Atwood. Bis heute liegen die Gründe für das Ausscheiden des illustren Duos im Dunkeln.

Nun hat der stille Abgang bei Bally eine Neuauflage erlebt. Der Deutsche Berndt Hauptkorn, Nachfolger von Marco Franchini, räumte im Dezember 2011 seinen Schreibtisch. Und wieder hat kaum jemand etwas bemerkt. Auch nicht am Hauptsitz in Caslano TI. Als BILANZ Anfang dieses Jahres nach Hauptkorn verlangte, meinte nach mehrminütigem Suchen eine hörbar entnervte Telefonistin, dass sie den Chef einfach nicht finden könne.

Auch andere Bally-Mitarbeiter wussten nichts vom Ausmarsch. Eine von Labelux – unter deren Holdingdach befindet sich auch Bally – mit Public Relations betraute Deutsche fasste die Frage nach den Gründen für Hauptkorns Weggang als einen Spass auf. Das sei nicht möglich, von einer solchen Mutation würde sie als eine der ersten Personen wissen. Bei M Communications in London, von Bally mit der Pressearbeit betraut, wird beschwichtigt. Zwar wurde aus ihnen nicht bekannten Gründen keine Pressemitteilung versandt; die Mitarbeiter jedoch seien via E-Mail orientiert worden.

Das grosse Schweigen. Laut der Mail, verfasst von Reinhard Mieck, CEO der Labelux Group, hat Berndt Hauptkorn von sich aus gekündigt, um «neue Chancen zu ergreifen». Entsprechende Fragen mag Mieck nicht beantworten und schiebt einen Termin in New York vor. Auch aus dem Hause Bally ist zu hören, dass Hauptkorn aus freien Stücken gegangen sei. Gegen diese Version spricht, dass der 43-Jährige als angefressener Bally-Boy gilt. «Berndt Hauptkorn vermittelte den Eindruck, Bally sei für ihn eine Herzensangelegenheit», sagt auch Sithara Atasoy, Chefredaktorin des Modemagazins «Bolero». Nicht zu sprechen war die Hauptperson; der Festnetzanschluss in Varese, wo Hauptkorn mit seiner Familie lebt, einige Kilometer vom Bally-Hauptsitz entfernt, ist gekündigt, auf dem Mobiltelefon nimmt niemand ab.

In Schweigen hüllt sich auch Peter Harf. Er investiert das Geld der deutschen Milliardärsfamilie Reimann, beispielsweise in der von ihm 2007 in Wien gegründeten Labelux. Harf warb einst Berndt Hauptkorn von der Boston Consulting Group ab und beauftragte ihn mit dem Aufbau einer Firmengruppe aus dem Luxusgeschäft unter der Marke Labelux. 2009 übernahm Hauptkorn den Job bei Bally.

Dabei hat der gewesene Bally-Chef, so das fast einhellige Verdikt aus der Modebranche, einen guten Job gemacht. Vor allem die Auffrischung bestehender Läden und die Expansion in zusätzliche Städte trieb er mit viel Energie vorwärts. Alleine in den Umbau der Schweizer Geschäfte flossen etliche Millionen. Doch auch im Ausland wurde geklotzt. Für Aufsehen sorgte beispielsweise die Eröffnung eines neuen Flagship Store im noblen Tokioter Ginza-Quartier. Auch das von Hauptkorn angeworbene Designer-Gespann Michael Herz und Graeme Fidler sorgte mit seinen Kreationen immer wieder für Schlagzeilen.

Vielleicht hat Hauptkorn etwas zu sehr geklotzt, was dem Unternehmens­ertrag nicht bekommen ist. Doch Zahlen werden unter Verschluss gehalten. Für 2010 schätzt BILANZ den Umsatz auf 510 und das Ebitda auf 51 Millionen Franken, von den 1560 Beschäftigten arbeiteten 430 in der Schweiz. Möglicherweise ist Hauptkorns abrupter Abgang eine Folge von Animositäten in der Führungsspitze. In den Bally-Designstudios in Mailand wird gemunkelt, Hauptkorn und Mieck seien sich ob unterschiedlicher Auffassungen über die strategische Ausrichtung der Schuh- und Modefirma öfters in den Haaren gelegen. Dagegen spricht, dass an der von Hauptkorn ausgearbeiteten langfristigen Strategie von Bally nicht geschraubt wird: «Wir werden die Produktentwicklung sowie die geografische Expansion fortsetzen und uns noch stärker auf die Schweizer Wurzeln berufen», heisst es dazu.

Schlechter Zeitpunkt. Der Wechsel an der Bally-Spitze kommt für Labelux-Lenker Mieck zu einem schlechten Zeitpunkt. Nun muss er neben seinem angestammten Job auch noch die Führung von Bally übernehmen, bis ein neuer CEO gefunden ist. Das kann dauern, obwohl man «mit mehreren sorgfältig ausgesuchten Kandidaten» in Gesprächen stecke, wie es seitens der Firma heisst.

Dabei hätte Mieck auch so schon genug Arbeit am Hals. Denn die Luxusgruppe, die sich auf Mode, Schmuck, Lederwaren und Accessoires ausrichtet, steuert auf Expansionskurs. Bis vor Jahresfrist gehörten neben Bally noch die Londoner Schmuckfirma Solange, das New Yorker Modelabel des Stardesigners Derek Lam und der Mailänder Handtaschendesigner Zagliani ins Portfolio von Labelux. Im vergangenen Mai holte Mieck zum bislang grössten Schlag aus: Für geschätzte 700 Millionen Franken erwarb er die von der einstigen «Vogue»-Redaktorin Tamara Mellon und dem Schuhmacher Jimmy Choo 1996 gegründete Schuhmarke Jimmy Choo. Ein stolzer Preis für eine Firma, die ein Jahr zuvor einen Umsatz von 220 Millionen Franken erwirtschaftet hatte.

Im Modezirkus wurde ob der Neuerwerbung der Kopf geschüttelt. Denn die dank der US-Fernsehserie «Sex and the City» zu Kult gewordenen gefährlich hohen und sündhaft teuren Stöckelschuhe wollen nicht so recht ins sonst klassische Produktportfolio passen. Seit einigen Wochen hat Mieck zudem ein massives Managementproblem; Mitte November hat Tamara Mellon gekündigt – mit sofortiger Wirkung. Zu allem Überfluss schmiss auch noch Jimmy-Choo-CEO Joshua Schulman überraschend seinen Job hin.

Laut Branchenkennern gibt es bei der neusten Labelux-Akquisition ebenfalls einiges aufzuräumen: Im Sommer wurde der britische Lederwarenspezialist Belstaff übernommen. Den Einkauf der 1924 gegründeten Firma liess sich Labelux angeblich 150 Millionen Franken kosten. Auch dies ist ein Expansionsschritt, der in der Branche Verwunderung ausgelöst hat. Belstaff ist berühmt für – Motorradjacken. Dazu gesellen sich robuste Jacken und Mäntel.

Reinhard Mieck kann sich angesichts seines Doppelmandats über einen Mangel an Arbeit kaum beklagen. Immerhin ist der Arbeitsweg zwischen den beiden Jobs angenehm: Vor einigen Monaten hat Labelux ihren Hauptsitz von Wien an die Via Industria 1 in Caslano verschoben; dort ist auch deren Tochterfirma Bally domiziliert.

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