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Start-up 
Auterion: Hoch hinaus mit Drohnen

Lorenz Meier (l.) und Kevin Sartori, Gruender von Auterion
Auf Erfolgskurs: Die Auterion-Gründer Lorenz Meier (l.) und Kevin Sartori.Quelle: Lorenz Richard für BILANZ

Rund drei Viertel aller Drohnen weltweit fliegen mit Software von Auterion. Jetzt will das Zürcher Start-up ans grosse Geld.

Marc Kowalsky
Von Marc Kowalsky
02.01.2019

Lorenz Meier und Kevin Sartori sind Traumkunden aller Zügelfirmen. Ein Jahr erst ist ihre Firma in Zürich-Wiedikon alt, doch inzwischen hat sie bereits das dritte Büro bezogen. Und auch hier reicht der Platz schon nicht mehr: «Spätestens im Frühjahr müssen wir erneut zügeln!», sagt Sartori. Denn Auterion erlebt gerade ein gewaltiges Wachstum. 30 Angestellte arbeiten bei der blutjungen Firma, 50 werden es demnächst sein. «Wir verdoppeln unseren Staff alle sechs Monate», sagt Meier.

Auterion ist eines der vielversprechendsten Schweizer Start-ups. Gerade hat es den Digital Economy Award in der Kategorie «Next Global Hot Thing» gewonnen, Lorenz Meier wurde zu einem der 100 Schweizer Digital Shapers ernannt, die «MIT Technology Review» kürte ihn letztes Jahr zu einem der «35 Innovators under 35».

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Quasi-Monopol auf Drohnensoftware

Sein Claim to Fame: Meier hat ein Quasi-Monopol auf Drohnensoftware. Amazons Drohnen etwa fliegen mit seiner Software namens PX4, jene des chinesischen Gegenstücks JD.com ebenfalls, auch die von DHL und von so ziemlich jedem Start-up auf diesem Gebiet. Weltweit dürften etwa drei Viertel aller Drohnen auf PX4 basieren, «so genau lässt sich das nicht sagen» (Meier). Nur der chinesische Marktführer DGI sowie diverse Streitkräfte setzen auf eigene Entwicklungen.

Auterion Drohnensoftware
Auterion bietet eine komplette Softwarelösung für den Betrieb von PX4-Drohnen.
Quelle: Lorenz Richard für BILANZ

2008 lernten sich Meier, gebürtiger Waldshuter, und Sartori, gebürtiger Luganese, an der ETH kennen, als sie gemeinsam eine Drohne mit integrierter Bildverarbeitung entwickelten – die erste ihrer Art. Drohnen wurden damals fast ausschliesslich vom Militär eingesetzt und kosteten Millionen. Jene von Meier und Sartori kam auf ganze 800 Franken.

Nach und nach zum Industriestandard

Ihnen half, dass ein Jahr zuvor das iPhone auf den Markt gekommen war und deshalb die Kosten für Prozessoren und Sensoren massiv gesunken waren. «Vorher wäre eine solche Entwicklung nicht möglich gewesen und danach der Fortschritt nicht mehr so signifikant», sagt Meier. Er entwickelte auch die Steuersoftware und veröffentlichte sie als Open Source, frei verfügbar für jedermann. Nach und nach wurde sie zum Industriestandard.

Die nächsten neun Jahre leitete Meier die Weiterentwicklung von PX4 mit über 400 unabhängigen Entwicklern, Sartori arbeitete erst drei Jahre bei der Unternehmensberatung BCG, ging dann zum Studium nach Berkeley und arbeitete beim damals weltgrössten Drohnenhersteller 3D Robotics im Silicon Valley. Letzten Herbst fanden die zwei wieder zusammen und gründeten Auterion.

Das Geschäftsmodell der beiden 34-Jährigen: Sie bieten eine komplette Softwarelösung für den Betrieb von PX4-Drohnen, inklusive Clouddiensten und Installation. «Managed Distribution» nennt sich das, ähnlich wie es der soeben für 34 Milliarden Dollar übernommene Softwaredienstleister Red Hat mit Linux tut.

«Wir wollen in 90 Prozent der Fortune-500-Unternehmen sein.»

Lorenz Meier

Das Potenzial ist riesig. Goldman Sachs schätzt den Weltmarkt für Drohnen und Drohnendienste auf über 100 Milliarden Dollar im Jahr 2024, Accenture geht von 127 Milliarden aus im Jahr 2026. Auf 10 bis 15 Prozent davon schätzen die Auterion-Gründer das Marktpotenzial für ihre Software. Sie träumen gross, ganz und gar untypisch schweizerisch: «Wir wollen in 90 Prozent der Fortune-500-Unternehmen sein», sagt Meier. «Ein Marktanteil wie Android bei den Smartphones» ist Sartoris Ziel. Also etwa 85 Prozent.

Lorenz Meier (l.) und Kevin Sartori, Gruender von Auterion
Auf 10 bis 15 Prozent des Weltmarktes schätzen die Auterion-Gründer das Marktpotenzial für ihre Software.
Quelle: Lorenz Richard für BILANZ

Die beiden können sich ihre Investoren aussuchen. Nachdem er in der BILANZ ein Porträt über Klaus Hommels gelesen hatte, kontaktierte Meier den Zürcher VC, der als erfolgreichster Investor der Schweiz gilt.

«Die Kredibilität von Meier und Sartori als Entwickler hat für ein Investment gesprochen, auch wenn sie noch keinen Track Record haben als Unternehmer»

Oliver Heimes, Partner Lakestar

«Die Kredibilität von Meier und Sartori als Entwickler hat für ein Investment gesprochen, auch wenn sie noch keinen Track Record haben als Unternehmer», sagt Oliver Heimes. Als Partner ist er zuständig für die Investmentstrategie bei Klaus Hommels’ Beteiligungsgesellschaft Lakestar und vertritt diese im Board von Auterion. Das Engagement passt in Hommels’ Strategie, europäische Plattformen zu fördern. «Auf der Konsumentenseite dominieren mit Ausnahme von Spotify US-Firmen, aber auf der B2B-Seite hat es noch Chancen», so Heimes.

Grösste Seed-Finanzierung der Schweiz

Ebenso unverfroren haben die Gründer den Schweizer Marco Bill-Peter kontaktiert, Leiter Kundendienst in der Konzernleitung von Red Hat. Er ist heute Investor und Berater bei Auterion. Und auch Ray O. Johnson, der frühere Technologiechef des Rüstungs- und Flugzeugkonzerns Lockheed Martin, investierte nach drei Gesprächen aus seinem Privatvermögen in die Zürcher Firma.

Ebenfalls mit an Bord sind Mosaic Ventures aus London, Costanoa Ventures aus dem Silicon Valley und Tectonic Ventures aus Boston. Zehn Millionen Franken haben die Investoren gesprochen, es ist die grösste Seed-Finanzierung der Schweiz. Mit knapp unter 50 Millionen Franken wurde das Unternehmen dabei bewertet, erstaunlich hoch. Die Gründer halten zusammen noch die Mehrheit der Aktien, «by a good margin» (Meier).

Lorenz Meier (l.) und Kevin Sartori, Gruender von Auterion
Können sich ihre Investoren aussuchen: Lorenz Meier (r.) und Kevin Sartori.
Quelle: Lorenz Richard für BILANZ

Obwohl das erste kommerzielle Produkt erst im September lanciert wurde, wird Auterion dieses Jahr bereits einen siebenstelligen Umsatz erzielen: Eben hat man einen Vertrag über zwei Millionen Dollar mit der Defense Innovation Unit abgeschlossen, einer Förderorganisation des US-Verteidigungsministeriums für Open-Source-Technologien (der Vertrag unterliegt nicht der Waffenexportkontrolle).

Auch die Deutsche Telekom will mit der Hilfe der Zürcher Drohnendaten auf ihre Netze bekommen. Der grösste amerikanische Drohnenbetreiber PrecisionHawk setzt auf die Firma. Weitere Verhandlungen laufen, bei denen es um zweistellige Millionenbeträge geht.

Vorteile Standort Schweiz

Trotz der Beziehungen zum Silicon Valley bauen Meier und Sartori ihre Firma bewusst in Zürich auf. «Hier sind das Drohnen-Know-how und der Talentpool, zudem sind die Ingenieure gut 40 Prozent billiger als an der US-Westküste», sagt Sartori. Und dann ist da natürlich die politische Komponente: Aus der neutralen Schweiz heraus kann man Verträge mit Kunden sowohl in China wie in den USA abschliessen, den mit Abstand wichtigsten Drohnenmärkten. Mit den Trump’schen Handelsspannungen gewinnt dieser Punkt zunehmend an Gewicht.

Doch zunächst müssen Meier und Sartori mit dem Wachstum in Zürich-Wiedikon zurechtkommen. Gerade haben sie einen Teil ihres früheren Büros zurückgemietet, zur Überbrückung. Und auch die nächsten Offices werden in der Nähe sein. Denn der Flughafen – Sperrgebiet für Drohnen – ist weit weg, und nebenan befindet sich ein Feld, über dem man Testflüge absolvieren kann. «Davon gibt es wenige in Zürich», sagt Meier. Nun hoffen die beiden auf das Nachbargebäude, das gerade frei wird.

Wenn es so weitergeht, dürften sich die Zügelfirmen auch in Zukunft die Hände reiben.

Dieser Text erschien in der Dezember-Ausgabe 12/2018 der BILANZ.