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Migros-Chef 
Auf Nummer sicher mit dem Gesundheitsmann

Zumbrunnen statt Blunschi. Das heisst: Gesundheit statt Detailhandel. Bewährtes statt Wagnis. Abgesehen davon ist der neue Chef ausserhalb der Migros völlig unbekannt.

Von Philipp Albrecht
16.03.2017

Der grösste Arbeitgeber der Schweiz hat einen neuen Chef gewählt. Die 23-köpfige Migros-Verwaltung bestimmte am Donnerstagmorgen Fabrice Zumbrunnen (47) zum Nachfolger von Herbert Bolliger (63), der im November regelkonform in den Ruhestand geschickt wird. Der Romand hat sich gegen den Kronfavoriten Jörg Blunschi (55) durchgesetzt und ist der bislang jüngste Generaldirektor der Migros-Geschichte.

Zugegeben, ich kenne den neuen Migros-Chef nicht, hab noch nie mit ihm gesprochen. Das gilt aber auch für viele meiner Journalistenkollegen, die sich mit dem Detailhandel befassen. Zumbrunnen wurde bislang freundlich ignoriert. Es existiert kein Porträt, kein ausführliches Interview.

Zumbrunnen bedeutet Sicherheit

Lobgesänge auf Blunschi gibt es zuhauf. Die meisten Schreibenden hätten sich den Chef der Migros Zürich als neuen Bolliger gewünscht. Denn Blunschi ist der Wagemutige unter den sonst eher konservativen Händlern. Der Unkonventionelle, der sich bedenkenlos nach Deutschland orientiert, wo die Migros in der Vergangenheit nur schlechte Erfahrungen gesammelt hatte. 

Zumbrunnen bedeutet Sicherheit. Er sei ein «Garant für Kontinuität», wie Migros-Präsident Andrea Broggini in der Mitteilung zur Wahl sagt. Blunschi hätte womöglich nur noch mehr Raketen gezündet. Das will die Verwaltung nicht riskieren. Auch wenn das Gremium weiterhin viel zu sagen hat. Selbst die Einführung neuer Markenprodukte muss erst von ihr abgesegnet werden.

Führte das vermeintlich unscheinbare Departement

16 Jahre lang arbeitete der neue Migros-Chef bei der Mini-Genossenschaft Neuenburg-Freiburg, die rund 760 Millionen Franken Umsatz macht. Sieben Jahre lang war er dort der Chef, bevor er 2012 zum MGB nach Zürich stiess. Dort leitete er das vermeintlich unscheinbare Departement «Human Resources, Kulturelles und Soziales, Freizeit».

Jörg Blunschi (l.) und Fabrice Zumbrunnen

Wer das komplexe Migros-Gebilde etwas entflechtet, sieht, dass keiner dem Geist von Unternehmensgründer Gottlieb Duttweiler näher ist, als der Chef dieses Departements. Zumbrunnen führt das Kulturprozent, Duttis Altruismusversprechen. Er ist Personalchef und damit verantwortlich für die besten Arbeitsbedingungen der Schweiz (das sagen zumindest die Migros-Angestellten). Er führt den Bereich Gesundheit, was ihn zum Verantwortlichen für die beispiellose Expansion im Pflege-, Heilungs-, Fitness- und Präventionsbereich macht.

Er hat die Übernahmen von Santémed und Medbase eingefädelt, die Expansion der Fitnesscenter auf über 100 Standorte forciert und zuletzt die Gesundheitsplattform iMpuls lanciert. Der Schweizer Detailhandel ist rückläufig, die Online-Umsätze eher enttäuschend. Da setzt man lieber auf einen Chef, der daheim neue Gebiete erorbert, als auf einen, der in Deutschland schlingernde Handelsketten einkauft.

Ein waschechtes Migros-Kind

Dass Zumbrunnen ein guter Migros-Chef sein wird, stellt keiner in Abrede. Auch wenn er 1994 für ein paar Monate eine Filiale des Erzfeindes Coop führte. Er ist ein waschechtes Migros-Kind, das seit 20 Jahren im Haus ist. Loyal, gut vernetzt (zumindest intern) und angeblich sehr umgänglich. Die wenigen kritischen Migros-Stimmen werden verstummen, die sich vor der Wahl am Kandidaten Zumbrunnen störten, weil sie fanden, dass die Genossenschaft mit Präsident Broggini bereits einen Vertreter der lateinischen Schweiz an der Spitze habe. Sie werden sich höchstens darüber ärgern, dass der neue Chef, wenn er will, bis zum Jahr 2034 im Thron sitzen darf.

Mehr Misstöne hätte eigentlich das Männer-Phänomen im Schweizer Detailhandel verdient. Weit und breit keine Frauen. Man kennt das ja aus anderen Branchen, aber im Handel ist der Mangel auffällig nachhaltig. So selten wie Männer an den Kassen sind bei Migros und Coop Frauen an den Schalthebeln. In den je siebenköpfigen Geschäftsleitungen findet sich keine einzige Vertreterin. Die zehn Migros-Genossenschaften werden von 72 Führungskräften gelenkt, wovon 66 männlich sind. Der zehnköpfige Coop-Verwaltungsrat hat immerhin einen Frauenanteil von 40 Prozent. In der Migros-Verwaltung sind fünf von 23 Mitgliedern weiblich, allerdings sind drei von ihnen externe Vertreterinnen. Also weit und breit keine Führungsfrau in Sicht.

PS: Mein Mail-Programm ist nicht nur lustig, sondern auch intelligent. Wenn ich «Bolliger» in die Betreffzeile schreibe, macht die Autokorrektur daraus «Billiger». Schreibe ich «Zumbrunnen» rein, wird daraus «Ziehbrunnen». Angesichts der Untergangsszenarien, die dem stationären Detailhandel vorgesungen werden, ist ein Migros-Chef mit Zugkraft vielleicht gar keine schlechte Wahl.

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