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Apple: iKill

Mit dem iPod hat Apple-Chef Steve Jobs den Niedergang des traditionellen Musikgeschäfts eingeläutet. Welche Branche krempelt er als Nächstes um?

Von Helene Laube
09.10.2009
In dem Gebäude am Anfang der Stockton Street in San Francisco erinnert wenig an ein Musikgeschäft. Der Laden ist leer geräumt. Im Dunkel sieht man schwarze Kabel wie leblose Tentakel aus den Abspielstationen hängen. Ansonsten: ein 4500 Quadratmeter grosses Shopping-Mahnmal, durch das der Selfmademilliardär Richard Branson Ende 2003 Journalisten führte, um das Revival seiner Handels­kette Virgin Megastore zu verkünden. Das Revival endete keine sechs Jahre später. Dem Virgin Megastore in San Francisco wurde im April der Stecker gezogen. Kurz davor hatte der Händler noch versucht, CD und DVD zu verramschen. Selbst damit liessen sich kaum Leute in den Laden locken. Sie strömen dafür in das Geschäft direkt gegenüber. An der 1  Stockton Street residiert die neue Macht im Musikgeschäft, dort wird verkauft, was zum Musikhören gefragt ist: iPods, ­iPhones und Mac-Computer. Apple-Chef Steve Jobs eröffnete den 77.  Apple Store im Februar 2004, keine drei Monate nach Sir Richards Kalifornien-Tour. Seitdem herrscht Massenandrang. Musikgeschäft. Vor acht Jahren zog Jobs bei einer Pressekonferenz auf dem Apple-Campus im Silicon Valley den ersten iPod aus seiner Hosentasche. Heute dominiert der digitale Winzling den US-Markt für MP3-Player mit einem Anteil von über 70 Prozent. Jobs hat damit nicht nur das Ableben von einst tonangebenden Plattenläden wie Virgin Megastore oder Tower Records drastisch beschleunigt. Der Konzernlenker mit dem feinen Gespür für Zukunftsmärkte hat mit dem iPod und seinem Internet-Musikdienst iTunes auch die gesamte Musikbranche umgekrempelt. In den USA verkauft Apple mittlerweile 25 Prozent aller Musik, den Online-Musikmarkt beherrscht iTunes mit einem Anteil von fast 70 Prozent. Es ist nicht die erste Industrie, die ­Steve Jobs auf den Kopf stellte – und es wird nicht die letzte sein. Er, den selbst Managerikone Jack Welch als den erfolgreichsten aller Chefs bezeichnet, ist ein «globaler kultureller Guru» («Fortune»). Einer, der für immer die Art und Weise geprägt hat, wie Menschen mit Computern arbeiten, Musik hören, Filme anschauen oder mit Handys umgehen. Einer, der weiss, was die Leute wollen – bevor sie es selbst wissen. «Steve hat eine phänomenale Intuition, wie man Branchen umwälzt», sagt Paul Saffo, prominenter Zukunftsforscher aus dem Silicon Valley. «Und ein weiteres Beispiel dafür werden wir demnächst sehen.» Auguren wie Saffo trauen Jobs und dessen Team von Ingenieuren und Tüftlern viel zu: einen Tablet-Computer, eine Spielkonsole, sogar einen neuen Fernseher. Jobs, der mit seinen Ideen die Welt verändern will, braucht diese nun aber auch, um Apples hohes Wachstumstempo beizubehalten. In den vergangenen fünf Jahren konnte er den Umsatz auf 32,5 Milliarden Dollar verfünffachen, der Gewinn schnellte von 69 Millionen auf 4,8 Milliarden Dollar hoch. Apples Brutto­marge liegt bei 34 Prozent, einem Niveau, von dem Konkurrenten wie Dell und Hewlett-Packard (HP) nur träumen können. Aber trotz immer neuen Rekordquartalen liess das Absatzwachstum bei den Computern zuletzt nach, bei den iPods sank der Absatz gar. Revolutionen. Seit Jobs Apple vor 33 Jahren mit Steve Wozniak in seiner Garage gründete, demonstriert er, wie man mit einfach zu bedienenden Geräten, gepaart mit ausgeklügelter Software und purem Design, bestehende Produktkategorien von Grund auf verändert und neue schafft. Mit dem Apple II begründete Jobs 1977 die PC-Revolution, 1984 definierte er sie mit dem Macintosh neu. Er popularisierte die grafische Benutzeroberfläche, ohne die heute kein Computer auskommt. Vor zwei Jahren schickte Jobs das erste iPhone in den hart umkämpften Handymarkt: Er hat damit die gestandene Branche aus den Angeln gehoben und ist in der kurzen Zeit zum weltweit drittgrössten Smartphone-Hersteller aufgestiegen. «Es ist eigentlich ganz einfach: Instinkt, Vision und Ästhetik – aber bei wie vielen Menschen findet man schon diese Kombination?», sagt Saffo. Saffo, der wie alle Apple-Beobachter die Vorgänge in dem geheimniskrämerischen Unternehmen zu deuten versucht, erwartet bald einen Angriff auf den Markt der Tablet-Computer: kleine, leichte Rechner mit berührungsempfindlichen Bildschirmen, vom Design her zwischen iPod und MacBook angesiedelt. Die Apple-Fangemeinde hat schon einen Namen für den vermeintlichen Newcomer: iPad oder MacPad. Nutzer könnten damit Spiele und Videos auch aus iTunes und Apples Online-Softwareshop App Store herunterladen. Mit Audio, Video und interaktiven Grafiken angereicherte Bücher, Zeitungen und Magazine könnten folgen. Erfolgsdruck. Ob und wann ein iPad kommt, wissen ausser Jobs, der nach einer mehrmonatigen Arbeitspause und einer Lebertransplantation im Sommer wieder an die Konzernspitze zurückgekehrt ist, freilich nur ein paar wenige Eingeweihte. Dennoch rechnen Analysten fest damit, dass es Anfang 2010 so weit sein wird. «Jobs braucht einen weiteren Home Run», sagt Peter Sealey, Marketingprofessor an der Peter F. Drucker Graduate School of Management in Südkalifornien. Wenn Jobs den Tablet-Markt tatsächlich im Visier hat, dann müssten sich die Hersteller nicht nur einer, sondern gleich mehrerer Geräteklassen Sorgen machen, glaubt Sealey, jahrelang oberster Marketingchef von Coca-Cola. Gemeint sind etwa die Anbieter von digitalen Lesegeräten wie Amazon oder Sony. Sollte das mysteriöse Gerät unter 500 Dollar kosten, wäre es auch ein Konkurrent für Netbooks von Herstellern wie Asus, Dell oder HP. Jobs selbst gibt vor, kein Interesse an Netbooks zu haben. «Wir wissen nicht, wie man einen 500-Dollar-Computer baut, der nicht ein Stück Schrott ist», raunzte der 54-Jährige vor einem Jahr. Das muss aber nichts heissen. Er behauptete ja früher auch, er sei nicht an Mobiltelefonen interessiert. Trojanische Pferde. Viele Anbieter sind bisher mit Tablets gescheitert. Die Rechner, die mit Eingabestiften ähnlich wie ein Notizblock bedient werden, unterscheiden sich zu wenig von anderen Computern, um die relativ hohen Preise zu rechtfertigen. Obwohl der Perfektionist Jobs das Projekt intern schon zweimal abgebrochen haben soll und Apple 1993 mit dem Kleinstcomputer Newton Message Pad spektakulär scheiterte, gibt sich Zukunftsforscher Saffo geradezu euphorisch: «Ich garantiere, dass der iPad für Filme, Spiele, Zeitungen und Bücher das sein wird, was der iPod für Musik war.» Nicht nur die Netbook- und Tablet-Hersteller haben Anlass, Jobs’ Killerinstinkt zu fürchten. Auch die Kamera- und Videokamera-Anbieter müssen sich sorgen. Wie andere Handyunternehmen verkauft Apple Millionen mit einer einfachen Kamera ausgerüsteter Smartphones. In das jüngste iPhone-Modell hat der Konzern aus Cupertino aber eine deutlich bessere Kamera mit Videofunk­tion eingebaut – Konkurrenz für billige Digicams und Camcorders. Seit September rüstet Apple auch den iPod nano mit der Kamera aus, als Nächstes könnte der iPod touch folgen. Gemessen an den bisherigen Verkaufszahlen der iPods würden damit demnächst etwa 40 Millionen zusätzliche Kameras jährlich den Markt fluten. Keine angenehme Vorstellung für Canon, Olympus oder Sony. Der iPod touch und das iPhone sind aber auch Jobs’ trojanische Pferde für den Videospielgerätemarkt. Spiele, die aus ­Apples App Store auf das iPhone und den iPod touch heruntergeladen werden können, sind längst ein boomendes Geschäft. Schon heute macht Apple mit Spielen im App Store bis zu 200 Millionen Dollar Umsatz pro Jahr, schätzt die Investmentbank Wedbush Morgan Securities. Kommendes Jahr dürften es 300 Millionen Dollar sein. «Die Verkäufe von Spielen für den iPod touch schneiden bereits in den Markt für tragbare Geräte ein, insbesondere im unteren Preisbereich», sagt Wedbush-Analyst Michael Pachter. Das kriegen die führenden Hersteller von tragbaren Videospielgeräten, Nintendo und Sony, zu spüren. Pachter rechnet zudem damit, dass Apple in drei, vier Jahren mit einer Konsole à la Playstation aufwarten wird, möglicherweise als Teil der erfolglosen Set-Top-Box Apple TV. Apple-Fernseher. Andere Experten und Apple-Anbeter malen sich noch ganz andere Apple-Produkte im digitalen Wohnzimmer aus. «Wir gehen davon aus, dass Apple 2011 einen internetfähigen Fernseher mit digitalem Videorecorder einführen wird», prophezeit Gene Munster, Analyst bei Piper Jaffray. «Ja, TV-Hardware ist ein problematisches Geschäft – aber nur wenn man die Spielregeln nicht ändert», meint Munster und nimmt damit Einwände gegenüber dem Markt vorweg, in dem die Preise in den vergangenen drei Jahren um rund 70 Prozent eingebrochen sind. Aber Jobs werde sicher auch hier mit einem Premiumprodukt neue Regeln aufstellen, und zwar nach seinem bewährten Muster: leistungsfähige Hardware, bedienungsfreundliche Software und perfektes Design. Die Nächste Arie. Die erfolgsverwöhnten Kalifornier produzieren aber auch Flops, wie der Newton oder der Mac­intosh TV zeigen – 1993 Apples erster Versuch einer PC-TV-Integration. Und im Computermarkt wurden sie trotz technischer Überlegenheit schon vor Jahren von der Windows-Fraktion an den Rand gedrückt. Seit 2006 konnte Apple ihren Marktanteil in den USA aber auf über acht Prozent mehr als verdoppeln. In der Schweiz, wo der Konzern seinen weltweit grössten Marktanteil geniesst, kommt er gemäss den Marktforschern von Gartner auf über zwölf Prozent. Niederlagen blenden die Apple-Jünger aber gern aus – und träumen stattdessen vom nächsten Hit ihres Tech-Idols. Marketing-Experte Sealey ist überzeugt: «Es ist bei Jobs wie bei einer Oper – wir warten auf die nächste Arie, und wir wissen, dass sie kommt.»
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