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AKWs blicken verlustreichen Jahren entgegen

AWKs blicken verlustreichen Jahren entgegen
AKW Leibstadt: Schweizer Atomkraft wird Verlust von 500 Millionen pro Jahr einfahren.

Berechnungen zeigen: Statt Profit droht den Atomkraftwerken jährlich eine halbe Milliarde Verlust. Die Stromkonzerne nehmen sich jetzt die Bauern zum Vorbild und verlangen Geld vom Staat.

Von Philipp Albrecht
2016-09-20

Es kommt nicht oft vor, dass sich Christoph Blocher 
öffentlich zur Schweizer Stromversorgung äussert. Aber wenn, dann spitzen alle die Ohren. Als er Mitte März der «SonntagsZeitung» sagte, man müsse «not­gedrungen» die Schweizer Atomkraft subventionieren, fühlte sich das in der Strombranche an wie ein unangenehmer Wetterwechsel. Alle hatten die dunklen Wolken aufziehen sehen, aber nach dem Interview mit dem SVP-Übervater spürte man plötzlich schwere, kalte Tropfen.

Läuft alles nach Plan, besiegelt das Parlament in dieser Herbstsession, die am 30. September zu Ende geht, die neue Energiestrategie. Damit wird aber das Thema Atomkraft noch lange nicht von der politischen Agenda verschwinden. Denn der historisch tiefe Marktpreis an der Strombörse EEX erinnert die Betreiber täglich daran, dass sie mit Atomstrom kein Geld mehr verdienen. Angeblich geht Alpiq-Chefin Jasmin Staiblin sogar davon aus, dass sich der Strompreis überhaupt nicht mehr erholen wird.

Verlust von einer halben Milliarde Franken

Steigen die Marktpreise nicht erheblich an, werden die vier Reaktoren Gösgen, Leibstadt sowie Beznau I und II bald einen Verlust von rund einer halben Milliarde Franken pro Jahr einfahren. Das zeigt eine Berechnung von «Bilanz», basierend auf der Produktion der letzten fünf Jahre und den deklarierten Gestehungskosten. Diese wurden ins Verhältnis zum erwarteten Marktpreis ­gesetzt. Die Axpo rechnet damit, dass der Preis an der Strombörse in den nächsten Jahren nicht mehr auf über 3 Rappen pro Kilowattstunde steigt.

Die Gestehungskosten von Gösgen und Leibstadt werden in den Geschäftsberichten der Kraftwerke publiziert. In den letzten fünf Jahren betrugen sie im Schnitt in Gösgen 4,6 Rappen und in Leibstadt 5,6 Rappen. Für die beiden Beznau-Reaktoren gibt die Axpo keine Produktionskosten bekannt. In einer Präsentation für Vertreter des Hauptaktionärs Kanton Zürich führte die Axpo kürzlich 8,5 Rappen pro Kilowattstunde auf. Gemeint sind die Maximalkosten ­innerhalb des AKW-Portfolios.

Neben den Anteilen an Leibstadt und Gösgen besitzt die Axpo auch solche von französischen AKWs. Experten gehen allerdings davon aus, dass in Frankreich zu deutlich tieferen Kosten produziert wird. Auch angesichts der Investitionen in der Höhe von 700 Millionen Franken in die Sicherheit des AKW Beznau kann man davon ausgehen, dass 8,5 Rappen als Maximalwert realistisch sind. Der mehrjährige Durchschnittspreis dürfte demnach rund 7 Rappen betragen.

Kleinen Verlustteil an Kunden abwälzen

Die Rechnung steht unter der Annahme, dass der wegen Unregelmässigkeiten im Reaktor­mantel seit März 2015 abgeschaltete 
Block I des AKW Beznau bald wieder ans Netz geht. Der BKW-Meiler in Mühleberg hingegen wurde in die Berechnungen nicht einbezogen, da er 2019 abgeschaltet wird.

Einen kleinen Teil der Verluste können die AKW-Betreiber direkt an gebundene private Kunden abwälzen, etwa über die drei Gösgen-Aktionäre EWZ (Stadt Zürich), EWB (Stadt Bern) und BKW ­(Kanton Bern) sowie die Leibstadt-­Aktionärin und Axpo-Tochter CKW (Kanton Luzern).

Kein Käufer in Sicht

Die Rechnung zeigt, dass vor allem Axpo und Alpiq ernsthaft in Bedrängnis kommen, wenn sie keinen Käufer oder Unterstützer für ihre AKW-Beteiligungen finden. Wie ausweglos die Situation ist, zeigt eine Reaktion der Alpiq-Chefin. Als sie an einer Veranstaltung gefragt wurde, ob sie diese Altlast nicht abstossen wolle, lächelte Staiblin geduldig und freundlich: «Kennen Sie einen Käufer?»

Bei einer anderen Gelegenheit soll Alpiq-Präsident Jens Alder ­gefragt worden sein, ob man die Beteiligungen nicht dem Alpiq-Haupt­aktionär EDF verkaufen könne. Doch der französische Stromkonzern soll abgewinkt haben. Alders Antwort: «Frankreich will unsere AKWs nicht ­geschenkt.»

Strompreis im Sinkflug

Seit Beginn der Finanzkrise 2008 kennt der Marktpreis für Strom keinen Boden mehr. Allein in den letzten zwölf Monaten verlor er rund 30 Prozent. Vor acht Jahren zahlte ein Versorger an der Börse noch 12 bis 15 Rappen für eine Kilowattstunde. Heute ist es noch ein Fünftel. Die Strom­konzerne müssen ihr Produkt zu diesem Preis an die Grosskunden verkaufen, auch wenn die Gestehungskosten viel höher sind.

Schuld an der Stromschwemme sind die schwächelnde Wirtschaft und das gescheiterte System des europäischen Zertifikatehandels für Kohlendioxid (CO2). Ursprünglich wollte man damit Kohlekraftwerke unrentabel machen. Aber weil der CO2-Preis nicht ansteigt, können diese weiterhin günstig produzieren. Davon profitiert vor allem Deutschland, das die alten Dreckschleudern als Übergangs­lösung nutzt, um die unbeliebten AKWs abzuschalten und das Ökostrom-Zeitalter einzuläuten.

AKWs decken gerade noch die Kosten

Die Schweizer Reaktoren sollen so lange am Netz bleiben, wie sie sicher sind. So der Tenor in Bundesbern. Ob das die beste Lösung ist, bleibt aber offen. Die Betreiber fragen sich zunehmend, ob das überhaupt rentiert. Bereits heute decken die AKWs gerade noch die Kosten. Die Betreiber leben vom Ersparten (Axpo), verkaufen das Tafelsilber (Alpiq) oder schalten ihr AKW bald ab (BKW). Doch das sind keine nachhaltigen ­Strategien: Die Betreiber brauchen dringend eine Lösung – auch die BKW, die immerhin 9,5 Prozent an Leibstadt hält.

Zuletzt diskutierten Politik und Medien lieber den Ausverkauf der Wasserkraft als die drohende AKW-Pleite. Auslöser war im März die Ankündigung von Alpiq, bis zu 49 Prozent der eigenen Wasserkraftbeteiligungen zu verkaufen. Die einstigen Darlings der Strombranche verlor man in der öffentlichen Diskussion völlig aus den Augen.

Die Schweizer Atomreaktoren finden heute auch im bürgerlichen Lager kaum mehr Anhänger. In der Energiestrategie 2050 sind sie nur noch ein Störfaktor, der ersetzt werden muss. Das Parlament erteilte allen Vorschlägen zu AKW-Laufzeitbeschränkungen eine Absage: Den Stecker ziehen sollen die Betreiber selbst oder die staatliche Nuklearaufsicht Ensi.

Die Bauern machen es vor

Eine Ausstiegsstrategie hat keiner. Das zeigen unter anderem Aussagen der drei VR-Präsidenten von Alpiq, Axpo und BKW, die sie Ende Mai in einer Sitzung der nationalrätlichen Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie (Urek) machten. Sie sollen vor den Nationalräten auffallend oft die Worte «Versorgungssicherheit» und «Markt­prämie» gebraucht haben. Das heisst, die Versorger wollen, dass der Steuerzahler zunehmend die Kosten für den unrentablen Atomstrom übernimmt.

Man müsse den «Autarkiegrad für den Schweizer Strom definieren», sagte einer der Präsidenten. Ein anderer betonte, dass die Politik «entweder die Strompreise oder die schweizerische Versorgung vorgeben» müsse. Das erinnert an die Initiative für Ernährungssicherheit des ­Bauernverbands, der damit einen hohen einheimischen Anteil der hier konsumierten Landwirtschaftsprodukte sichern will.

Unbequeme Folgen

Für die Stromversorgung hätte das unbequeme Folgen. Macht die Schweiz hier die Grenzen dicht, würde das geplante und vom Bundesrat ersehnte Stromabkommen mit der EU Makulatur. Langfristig soll Europa zu einem einheitlichen Stromnetz zusammenwachsen. Das brächte den Vorteil mit sich, dass der unregelmässig anfallende Ökostrom besser verwertet, verteilt und gespeichert werden könnte. Die Schweizer Pumpspeicherkraftwerke spielen dabei eine wichtige Rolle. Macht die Schweiz nicht mit, werden die Stromnetze künftig um das Land herum gebaut.

Die Zeiten des Kalten Krieges, als heimische Versorgungs­sicherheit noch grossgeschrieben wurde, sind vorbei. Dass die Stromkonzerne diesen Begriff jetzt aber wieder in den Mund nehmen, deutet auf eine Kehrtwende hin. Und da ergibt es auch Sinn, dass sich Blocher für die Subventionierung der Schweizer AKWs ausspricht: Das EU-Strom­abkommen ist ihm ein Graus.

Mit der Betonung auf dem Marktprämien-Modell wollen die Versorger noch ein weiteres Ziel ­erreichen: Die AKWs sollen den Wasserkraftwerken gleichgestellt werden, sprich ebenfalls Zustüpfe aus der Bundeskasse erhalten. Das Parlament liess eine Prämie von maximal einem Rappen pro Kilowattstunde für die Wasserkraft ins Energiegesetz einfliessen. Das Geld erhalten jene Wasserkraftwerke, die ihren Strom unter den Gestehungskosten verkaufen müssen. Das wollen die Versorger auch für ihre AKWs, wie die Aussagen aus der Urek-Sitzung zeigen.

Rettungsaktion à la UBS

So weit wird es kaum kommen. Eine Unterstützung der sauberen und sicheren Wasserkraft können Politiker ihren Wählern gegenüber noch rechtfertigen. Bei den AKWs klappt das nicht. Abstimmungen in der Vergangenheit zeigten: Eine Mehrheit des Stimmvolks will zwar keine neuen AKWs, aber den Stromkonzernen auch nicht dik­tieren, wann sie die bestehenden abschalten müssen. Darum wird im November die Ausstiegsinitiative der Grünen wohl abgelehnt.

Stattdessen dürfte sich die Politik am Ende für eine AKW-Bad-Bank aussprechen. Mit Steuer­geldern Konzerne retten: Diese Methode wandte der Bund schon bei der UBS an. Zusammen mit der Nationalbank übernahm er 2008 nach dem Zusammenbruch des US-Hypothekenmarktes UBS- Schrottpapiere für rund 60 Milliarden Franken. Trotz gigantischer Risiken erwies sich die Aktion überraschend als lukrative Investition. Beim Atomstrom dürfte es hingegen schwieriger werden, einen Gewinn zu erwirtschaften.

Nicht zuletzt auch wegen der ­Solidarhaftung der AKW-Betreiber bleibt die Bad Bank die einzige Lösung für alle Beteiligten: Angenommen, Alpiq ginge in ein paar Jahren bankrott, müssten die ­anderen Gösgen- und Leibstadt-Aktionäre einspringen. In der Branche sagt man, dass zumindest die Axpo dieses Szenario nicht überleben würde.

«In den nächsten zehn Jahren werden wir viel Geld verlieren», klagte einer der VR-Präsidenten gegenüber der Urek. «Wir brauchen eine Lösung.»

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