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Nestlé 
Adieu Kultur

Salzburger Festspiele 2017
Verdikt gegen Verdi: Nestlé fährt das Sponsoring für die Salzburger Festspiele zurück (hier «Aida», Aufführung von 2017).Quelle: AKG Images

Nestlé strebt bei Schokolade und Kaffee nach Premium, streicht aber sein Kultursponsoring zusammen. Die Hintergründe.

Dirk Ruschmann
Von Dirk Ruschmann
07.09.2018

Eine «einzigartige Erfolgsgeschichte» sei die Zusammenarbeit mit Nestlé gewesen, sagt Helga Rabl-Stadler, Präsidentin der Salzburger Festspiele, des wichtigsten Klassikfestivals der Welt. Seit 1991 war Nestlé Hauptsponsor, länger als jede andere Firma, investierte pro Jahr geschätzt eine kleine einstellige Millionensumme.

Mit dem langjährigen Nestlé-Präsidenten Peter Brabeck entwickelte Rabl-Stadler einen heute führenden Wettbewerb für Nachwuchsdirigenten, den «Young Conductors Award». «Ich kann Nestlé gar nicht genug danken», sagt Rabl-Stadler.

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Hohes Renommée

Viele Prominente schlürften einen Nespresso im Nestlé-Café am Festspielhaus, Roche-Altmeister Franz Humer und andere sind Dauergast in Salzburg. Das hohe Renommée der Festspiele strahlte auf Nestlé ab.

Nun zieht sich der Lebensmittelriese zurück: Ab sofort ist Nestlé nicht mehr Hauptsponsor und finanziert bis 2020 nur noch eine Opernproduktion pro Jahr. Sogar den bisher werbewirksam betitelten «Nestlé and Salzburg Festival Young Conductors Award» gibt man auf. Warum beendet Nestlé die Erfolgsgeschichte?

Helga Rabl-Stadler: Die Präsidentin der Salzburger Festspiele ist in ganz Europa vernetzt.

Sparkommissar Schneider

Eine mögliche Erklärung wären die Einsparungen – zumal die «Handelszeitung» berichtet, der Konzern stelle auch seine Engagements bei den Festivals in Luzern und Verbier in Frage und Konzernchef Mark Schneider profiliere sich seit seinem Antritt im Januar 2017 als Sparkommissar in Vevey.

Andererseits wirft Nestlé 2019 einen Millionenbetrag für die «Fête des Vignerons» am Genfersee auf. Nestlé selbst liefert auf Fragen nach den Gründen für den Einschnitt nur verwedelte Antworten. Ein Sprecher schreibt nebulös von «längerfristigen Überlegungen über die Zielsetzungen und Schwerpunkte unserer sozialen und kulturellen Engagements». Auch zur Frage, wer das letztlich entscheidet: keine Antwort.

Peter Brabeck
Peter Brabeck: Dem gebürtigen Österreicher und Opernfan war das Kultursponsoring wichtig.
Quelle: Keystone

Distanzierungs-Geste?

Bisher war das Sponsoring Präsidentensache, dem gebürtigen Österreicher Brabeck lag Salzburg sehr am Herzen. Auch über eine Verlängerung des 2018 ausgelaufenen Vertrags soll Rabl-Stadler mit dem Präsidenten, nun Brabecks Nachfolger Paul Bulcke, verhandelt haben. Doch dieser gilt nicht als opernsüchtig, zudem vermuten Konzerninsider in dem Sponsoringstopp eine bewusste Distanzierungs-Geste von Bulcke gegenüber dem Vorgänger.

Paul Bulcke
Paul Bulcke: Der Belgier, Brabecks Nachfolger, gilt nicht als grosser Opernfan.
Quelle: Bloomberg

Die beiden hatten ihre Differenzen, und erst seit Brabecks Abgang kann sich Bulcke als Präsident den Konzern unterordnen. Das finanziell überschaubare, aber symbolträchtige Salzburg-Sponsoring kam hier wohl gerade recht. Schon im Sommer 2017 hatte Bulcke Nestlés Aktivitäten in Salzburg verknappt. Rabl-Stadler mag über die Gründe nicht spekulieren: Jeder Chef habe «sein besonderes Projekt».

Ersatz hat sie schnell gefunden: Die Stiftung des Schwyzer Logistik-Milliardärs Klaus-Michael Kühne, die in Salzburg seit Jahren ein Nachwuchssänger-Projekt fördert, wird neuer Hauptsponsor. Rabl fragte bei Kühne an und konnte mit der Stiftung, die sonst nur Jahresverträge macht, «zu unserer Freude einen Dreijahresvertrag schliessen». Auch ein neuer Sponsor für den Dirigentenwettbewerb stehe bereit. Das «Nestlé» im Namen des Awards ist dann ein Fall fürs Geschichtsbuch.

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