Fressen oder gefressen werden, heisst es jetzt für Europas grösstes Biotech­unternehmen. Sechzehn Jahre nachdem die Clozels als Forscher den Absprung von Roche gewagt und mit Mitstreitern Actelion gegründet hatten, ist die Firma zur Gejagten geworden, zur Übernahmekandidatin. Nach harten Dämpfern und unsicheren Zeiten ist Actelion erfolgreicher als jede andere Biotechfirma in ­Europa und lockt Käufer an.

Mit viel Herzblut haben die Clozels ihre Firma aufgebaut, wollen sie unabhängig erhalten. Schnell soll Actelion wachsen, genug ­Widerstand aufbauen, etwa durch Zukäufe. Als Actelions Forschungschefin tastet sich Martine Clozel zugleich in neue Medikamentenmärkte abseits der Mittel für Lungenbluthochdruck vor, mit denen die Schweizer Firma im Markt führt. Die Clozels müssen beweisen, dass sie Actelion aufs nächste Level hieven können und nicht mehr nur von einem Blockbuster allein abhängen.

Schwimmen im Haifischbecken

Im Haifischbecken der Pharma- und Biotechbranche werden die Firmen mit ersten tragfähigen Erfolgen von Stärkeren geschluckt. Und was war das für ein Erfolg, den die Clozels erst kürzlich genossen? Gerade wurde es Abend am 19. Oktober 2013, als Jean-Paul Clozel den ersehnten Anruf erhielt. Jahrelang hatten sie an einem Nachfolger für Actelions Blockbuster Tracleer geforscht, dessen rund 1,5 Milliarden Franken Umsatz das Unternehmen tragen. Die Zeit wurde knapp, denn 2015 endet Tracleers Patentschutz. An jenem Oktobertag genehmigte die US-Zulassungsbehörde FDA den Nachfolger Opsumit und zeigte dessen positive Wirkung auf.

«Es war ein so emotionaler Moment für uns», sagt Jean-Paul Clozel. Als ziehe man ein Kind auf, das nun selbständig werde. Die Zukunft der Firma war gesichert, von Opsumit erhofft sich Clozel einen noch grösseren Umsatzschub, als er durch Tracleer gelang. «Solche Forschung besteht nicht nur aus Daten. Man legt sein ganzes Herz hinein.» Umso mehr kämpfen die Clozels für Actelion. Jetzt erst recht.

Die Jagd ist eröffnet

Investoren und Analysten diskutieren bereits über mögliche Übernahmepläne für das Schweizer Unternehmen aus Allschwil BL. Schliesslich hoffen viele in der Branche, dass Europas Biotechfirmen einst so gross werden könnten wie das US-Unternehmen Amgen, das fast 100 Milliarden Dollar Marktwert erreicht, oder wie die US-Roche-Tochter Genentech. Immerhin ist Actelion Europas ­Spitzenreiter.

«Actelion ist eine enorme Erfolgsgeschichte», sagt Vontobel-Analyst Andrew Weiss. Zudem sei die kritische Grösse ­erreicht. «Das macht die Firma interessant.» Nicht nur sichert die jüngste ­Zulassung von Opsumit als Nachfolger des Actelion-Blockbusters Tracleer im Kampf gegen den seltenen, aber oft tödlichen Lungenbluthochdruck die nächsten Firmenjahre. Auch ein neues Mittel gegen die Krankheit steckt in der Endauswertung der Tests, Selexipag. «Dass Selexipag Actelions Wachstum florieren lassen kann, macht die Firma für Pharmaunternehmen als Übernahmeziel interessant», sagt Analyst Weiss.

Selexipag und Opsumit sollen Tracleer ersetzen

Bis Ende Juni weiss Clozel, ob Selexipag überzeugen wird. Das könnte die Firmenkäufer zum Zugreifen bringen. Wirkt Selexipag ähnlich gut wie Opsumit, sieht Clozel Actelions operativen Gewinn von heute 482 Millionen Franken bald verdoppelt. Rund 1,6 Milliarden Franken Umsatzpotenzial halten Analysten für möglich. Bayer, GlaxoSmithKline, Amgen und Teva könnten an Actelion Geschmack finden. Zu ihnen passt die Firma.

Jean-Paul Clozel wiederum passt das gar nicht. «Unser Aktienkurs kann schneller steigen als der grosser Pharmafirmen. Warum sollten unsere Aktionäre uns verkaufen wollen?», fragt er. Bleibe Actelion so profitabel wie bisher für die Anleger, «verdienen wir es, unabhängig zu bleiben».

Forschung läuft auf Hochtouren

Wie sollten sich die Clozels wehren? Mit seiner Frau hält der Actelion-Chef gerade fünf Prozent der Firmenanteile. Der Rest ging an Kapitalgeber, an neue Aktionäre beim Börsengang im Jahr 2000. Mit weiteren Anteilen lockte Clozel versierte Mitarbeiter in das junge Unternehmen. Dem Firmenchef bleibt nichts anderes, als auf die Kraft seiner Mannschaft zu pochen.

Actelions Forschungsapparat läuft dafür auf Hochtouren. «Ein Zukauf ist für uns die Kirsche auf dem Kuchen. Damit können wir nicht überleben», sagt Clozel. «Ein Unternehmen wie unseres ist so gut wie seine Forschungsergebnisse.» Rund 25 Projekte verfolgt die Mannschaft, manche noch im Frühstadium, andere in Tests an Patienten. Das Unternehmen muss unabhängiger von einzelnen Erfolgsmedikamenten werden. So forscht Actelion vermehrt auf anderen Krankheitsfeldern, etwa nach neuen Antibiotika.

Der Sieg über Elliott

Das Auf und Ab nimmt Jean-Paul Clozel mittlerweile stoisch hin. Nur der Angriff des Hedge Funds Elliott Advisors vor drei Jahren setzte ihm heftig zu. «Es war, als ob Menschen einem das Kind wegnehmen wollten», blickt Clozel zurück. Ein Jahr kämpften er und seine Mitarbeiter gegen den feindlichen Übernahmeversuch. Am Ende stellten sich die Aktionäre hinter Clozel und bremsten ­Elliott Anfang 2011 aus.

Sein Versprechen an die Actelion-­Anleger konnte Clozel immerhin jetzt einlösen: Tracleer-Nachfolger Opsumit sichert die Firma über Jahre wirtschaftlich ab. «Es ist wie beim Bergsteigen. Das Basecamp ist essenziell», sagt Clozel. «Von so einem Basecamp wie Opsumit aus können wir weiter hinaufsteigen, aber auch Rückschläge wegstecken.»

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