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Absinth: «Absinth ist unser gemeinsames Erbe»

Die französische Lemercier ist Marktführerin bei absinthähnlichen Getränken. Alain Aureggio über das Ende des Schweizer Absinthverbotes, neue Konkurrenz und die Gründe, in China Schnäpse zu produzieren.

Von Dominik Flammer
19.04.2005

BILANZ: Sie versuchen mit einem französischen Absinth die Schweiz zu erobern, kurz nachdem das Land sein Erbe entdeckt hat. Schliesslich stammt das einst verbotene Getränk aus dem Val de Travers. Gegen die einheimischen Produkte aus der Urheimat des Absinths dürften Sie einen schweren Stand haben.

Alain Aureggio: Das glaube ich nicht. Der Absinth ist ein gemeinsames Erbe sowohl des Schweizer Juras als auch angrenzender Gebiete Frankreichs. Auch wenn ich nicht bestreiten will, dass das Getränk ursprünglich aus der Schweiz stammt. In Frankreich dürfen wir absinthähnliche Getränke bereits seit 1998 wieder produzieren. In der Schweiz erfolgte ja bekanntlicherweise das Ende des Absinthverbotes erst auf den 1. März dieses Jahres. Bei Lemercier produzieren wir einen Spitzenabsinth nach uralter Tradition. Das Rezept stammt aus den Büchern meiner Vorfahren, die schon früher, bis zum Jahr 1915, Absinth produziert haben.

Sie leben mit dem Nachteil, dass es in Frankreich nach wie vor verboten ist, ein absinthähnliches Getränk auch unter dem Namen Absinth zu verkaufen.

Das stimmt, das Wort «Absinth» dürfen wir nicht verwenden. Doch in unseren Absatzmärkten stellen wir fest, dass unsere Marke gesucht wird. Viel weniger geht es darum, ob dies nun der Absinth aus seiner Urheimat ist oder ein Getränk auf Absinthbasis mit hoher Qualität.

Sie haben das Problem umgangen, indem Sie wie andere Hersteller einen assoziativen Namen für Ihren Absinth kreiert haben. Mit Ihrem «Abisinthe» – dass ein kleines i eingeschoben wurde, fiel mir erst viel später auf – machen Sie allerdings markenrechtlich eine Gratwanderung.

Noch gibt es keine Ursprungsrechte für den Absinth, auch wenn um eine so genannte Appellation d’origine controllée (AOC) noch gekämpft wird. Wir versuchen nun aber, unsere Marke Abisinthe in der Schweiz eintragen zu lassen, und gehen davon aus, dass uns dies keine Probleme bereiten wird.

Nochmals: Markenrechtlich könnte der mit der richtigen Bezeichnung leicht zu verwechselnde Name bei der Einführung einer AOC aber Schwierigkeiten bereiten?

Das müssen wir abwarten, ich befürchte jedoch nicht, dass es in diesem Nischenmarkt zu derartigen Diskussionen kommen wird.

Auch in der Schweiz nicht?

Hier haben wir die Registrierung für Abisinthe beantragt, warten wir den Entscheid doch erst einmal ab. Soweit uns bekannt ist, gibt es einen Versuch, einen «Absinthe du Val de Travers» als AOC registrieren zu lassen, aber nicht für «Absinth» im Allgemeinen.

Diskussionen laufen auch zwischen den Absinthbrennern im französischen und im Schweizer Jura. Hier gibt es Pläne, eine AOC für den Absinth beidseits der Grenze einzuführen. Befürchten Sie Nachteile – schliesslich liegt Ihre Brennerei nicht im Jura?

Ja, solche Diskussionen laufen. Allerdings mache ich mir keine grossen Gedanken über die AOC. Wichtiger ist die Kommerzialisierung dieser Angebote. Wie man hört, haben die Absinthbrenner im französischen Jura bereits Probleme, die Umsätze gehen hier zurück. Um die Trendwende zu schaffen, benötigt der Jura deshalb eine AOC. Wir selber setzen auf Qualität und auf unsere Marke. Die Verkäufe beweisen, dass wir hier richtig liegen. Ich bin davon überzeugt, dass die Marke wichtiger ist als ein AOC-Label.

Die rückläufigen Verkäufe im französischen Jura zeigen, dass mit der Legalisierung des Absinths auch sein Mythos schwindet.

Sicher haben wir in den vergangenen Jahren einen grossen Boom erlebt, der den Markt der anis- oder absinthhaltigen Marken sehr belebt hat. Doch nachdem viele schon Absinth probiert haben, haben unsere Produkte, die einer bald 200-jährigen Tradition unseres Hauses entspringen, eine gute Chance. Eine bessere vielleicht als AOC-geschützte Absinthmarken.

Befürchten Sie nicht, dass Ihnen die international tätigen grossen Schnapsproduzenten und -händler diesen Markt streitig machen werden, sobald die Basis gross genug ist?

Absinth und absinthhaltige Getränke werden immer Nischenprodukte sein. Soweit ich weiss, haben die grossen Schnapsfirmen in Frankreich das Geschäft zwar im Auge gehabt, dieses auf Grund der geringen Marktgrösse aber wieder fallen lassen. Das Produkt wird auch künftig von kleinen und mittleren Firmen hergestellt werden.

In Frankreich ist Ihre Destillerie mit nur zehn Angestellten mit absinthhaltigen Getränken bereits Marktführer. Wo sitzen Ihre Konkurrenten?

Unsere Hauptkonkurrenten kommen sicher aus der Region Pontarlier im französischen Jura, in anderen Regionen Frankreichs ist die Produktion von absinthhaltigen Produkten eher marginal.

Wie hoch ist Ihr jährlicher Ausstoss?

Von unserem Abisinthe haben wir im vergangenen Jahr 30 000 Flaschen à sieben Deziliter produziert, das wird im laufenden Jahr noch deutlich steigen.

Welchen Anteil halten Sie in Frankreich?

Darüber gibt es keine Statistiken, der Absinthmarkt ist dafür noch zu jung und wird noch immer unter den anishaltigen Spirituosen aufgeführt, zu denen auch Pastis oder Pernod gehören.

Was schätzen Sie?

In Frankreich werden jährlich ungefähr 90 000 Flaschen hergestellt, das heisst, wir halten einen Marktanteil von etwa einem Drittel.

Seit einiger Zeit setzt die Distillerie Lemercier auch auf den chinesischen Markt. Sie wollen mit Ihrem Know-how asiatische Früchte zu edlem Schnaps brennen. Ein hohes Risiko, scheitert doch in China eine Mehrheit der kleinen und mittelgrossen Unternehmen aus dem Ausland.

Sicher, nur haben wir rechtzeitig gemerkt, dass wir den Chinesen nicht zeigen müssen, wie man arbeitet. Und vor allem haben wir gelernt, dass wir nicht in den Ausländerghettos bleiben, sondern dass wir den Kontakt zu den Chinesen suchen müssen. Die besten Gerichte habe ich immer gehabt, wenn ich mit Chinesen zusammen war, nur so finden wir auch heraus, welche Schnapsart hier eine Chance hat und welche nicht.

Verkaufen Sie Ihren Absinth auch in China?

Das ist praktisch chancenlos, denn das Getränk schmeckt den Chinesinnen und Chinesen nicht. «Das kriegen wir in der Apotheke, da brauchen wir keinen teuren Schnaps» ist die Standardantwort. Aber wir arbeiten in China bisher mit Ingwer, Äpfeln und Birnen.

Das klingt nicht sehr ausgefallen. Könnte man nicht mit anderen, bei uns noch grösstenteils unbekannten Früchten wie Rambutan, Durian oder Mangostin einen Schnaps machen?

Schnaps machen kann man mit jeder Frucht, die Frage ist nur, ob der Geschmack der Frucht auch nach der Destillation vorhanden ist. Leicht ist es deshalb nicht, noch neue Früchte zu finden, weil schon alles einmal ausprobiert worden ist.

Ihr Hauptabsatzmarkt ist aber immer noch Frankreich?

Sicher, hier setzen wir nach wie vor 90 Prozent unserer Produkte ab, der Rest geht nach Deutschland, England, Spanien, Italien und Hongkong. Und jetzt kommt die Schweiz: Hier versprechen wir uns viel. Aber wir hoffen, in Zukunft auch in Osteuropa und in Südamerika neue Märkte erschliessen zu können.

Die Expansion nach China deutet aber doch an, dass Sie sich von der Abhängigkeit des unsicheren Absinthmarktes lösen wollen.

Das hat zahlreiche Gründe, der Hauptgrund liegt aber sicher im sinkenden Konsum von Verdauungsschnäpsen, im Gegensatz zu den Aperitif-Getränken, die schon seit Jahren boomen. Um auch unseren klaren Wassern – unserem Kirsch beispielsweise – künftig den Absatz zu sichern, müssen wir ins Ausland expandieren. Nur so können wir unsere bisherigen Wachstumsraten von fünf bis acht Prozent jährlich auch halten.

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