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Betrugsfall 
ABB Korea und die Jagd nach Mister Oh

ABB Korea und die Jagd nach Mister Oh
Ulrich Spiesshofer: Der Fall Oh bringt den ABB-Chef unter Druck. Keystone

Es ist einer der grössten Betrugsfälle der Wirtschafts­geschichte. «Bilanz» zeigt erstmals die Hintergründe der ­Unterschlagung bei ABB Südkorea.

Von Marc Kowalsky
2017-04-26

Es war ein Ergebnis, das man selten sieht an einer Schweizer Generalversammlung: 42 Prozent der Aktionäre ver­­weigerten der ABB-Führung um VR-Präsident Peter Voser und CEO Ulrich Spiesshofer die Entlastung für das letzte Geschäftsjahr. Von 
einer «ziemlich starken Ohrfeige» sprach Aktionärsvertreter Hans-­Jacob Heitz anschliessend.

Der Hauptgrund dafür dürfte Myung Se Oh sein. Der 57-jährige Treasurer der koreanischen ABB-Tochter war Ende Januar mit 103 Millionen Dollar durchgebrannt. Damit ist er einer der grössten Betrüger der Wirtschaftsgeschichte. 25 Jahre arbeitete Oh für ABB in Korea und galt als höchst vertrauenswürdiger und geschätzter Mitarbeiter. In dieser Position hatte er Zugriff auf Siegel und Stempel, auf denen das koreanische Bankensystem basiert.

Mit diesen eröffnete er bei mehreren lokalen Banken Konti im Namen von ABB und nahm Kredite in Millionenhöhe auf. Insgesamt 73 Mal leitete er von dort Gelder weiter auf das Konto einer Firma namens KW Industry, bei der er als CEO eingetragen ist, sowie auf Konti von Bekannten. Seine Vorgesetzten, Länderchef und Finanzchef, täuschte er mit gefälschten Bankauszügen und Jahresabschlüssen, ebenso die Auditoren.

Ausreise über Macao

Das Treiben währte zwei Jahre, was die hohe Deliktsumme bei einem Jahresumsatz von nur 800 Millionen Dollar besser erklärt. Mit der bevorstehenden Umstellung der ABB Shared Service Center wären die Unregelmäs­sigkeiten wohl ans Licht gekommen, was Oh zur Flucht bewogen haben dürfte.

Wegen des chinesischen Neujahrs dauerte es eine Woche, bis Ohs Verschwinden auffiel. Am 4. Februar reiste er über Macao aus. Dort wurde er in einem Casino gesehen. Ihm werden Kontakte zur chinesischen Wettmafia nachgesagt. Heute wird er in Qingdao oder Dalian vermutet, zwei chinesischen Millionenstädten mit hohem koreanischem Bevölkerungsanteil.

Ohs jüngere, zweite Ehefrau lebt in den USA. ABB hat am Middlesex County Court in Massachusetts eine «Temporary re­straining order» veranlasst, um ihre Vermögenswerte sicherzustellen. Seine beiden Kinder sah Oh kaum, sie gehen in Malaysia ins Internat.

Internationale und lokale Privat­ermittler wurden angesetzt

Inzwischen ermitteln FBI und Interpol, zudem hat ABB mehrere internationale und lokale Privat­ermittler angesetzt. Oh drohen 30 Jahre Haft. Dass China Straftäter normalerweise nicht nach Korea ausliefert, könnte jedoch für ABB zu einem Problem werden. Kim Yang-ho, Superintendant der Polizei in Seoul und mit zehn Beamten verantwortlich für die Ermittlungen, will den Fall nicht kommentieren, ebenso wenig ABB-Kommunika­tionschef Christoph Sieder.

«Die Raffinesse des Verbrechertums, kombiniert mit der Grössenordnung, war auch für mich zweifellos eine grosse Überraschung», sagte Spiesshofer kürzlich in einem Interview. Doch auch er muss sich Kritik gefallen lassen: «Das Management hat es unterlassen, für eine adäquate Aufsicht und Kontrolle der lokalen Treasuring-Aktivitäten zu sorgen», monierten die Revisoren im Jahresbericht von ABB, dessen Publikation wegen des Skandals verschoben werden musste.

Spiesshofers Position, bereits durch fehlendes Wachstum und den Streit mit Cevian geschwächt, wird dadurch nicht besser. Nach Bekanntwerden ernannte er den Fall zur Chefsache. Länderchef M.K. Choi liess er austauschen, auch den lokalen Finanzchef. Die Richtlinien im Umgang mit den lokalen Banken wurden verschärft, ihre Einhaltung muss dokumentiert werden. Für alle wichtigen Geschäfte gilt inzwischen das Sechs-Augen-Prinzip.

Sehen Sie in der Bildergalerie unten, wer zum «Who is who» im Schweizer Industriegeschäft zählt:

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