Der Schweizer Elektrotechnikkonzern ABB tröstet seine Aktionäre mit einem milliardenschweren Aktienrückkauf über schwächere Geschäftsziele hinweg. Das Unternehmen aus Zürich will ab Mitte September eigene Aktien im Wert von bis zu vier Milliarden Dollar erwerben. Etwa drei Viertel der erworbenen Anteilsscheine sollen eingezogen werden, teilte der Siemens -Rivale am Dienstag vor einer Investorenveranstaltung in London mit. Dadurch sinkt die Zahl der Aktien, der Gewinn je Aktie würde auch bei einem stagnierenden Ergebnis steigen. Angesichts des Aktienrückkaufs und neuer Grossaufträge trat der verhaltenere Ausblick in den Hintergrund, die ABB-Aktie legte deutlich zu.

Der neue Konzernchef Ulrich Spiesshofer rückte von vielen etablierten Kenngrössen seines Vorgängers ab, steckte andere Zeitrahmen und machte so seine neue Prognose schwer vergleichbar. Der Umsatz soll nun bis 2020 um vier bis sieben Prozent pro Jahr wachsen und damit das vorhergesagte Marktwachstum übertreffen. Bis einschliesslich 2015 hatte ABB bislang noch ein Umsatzplus von bis zu 8,5 Prozent versprochen.

«Die Ziele für das organische Umsatzwachstum sehen nun vernünftiger aus als die früheren Marken», erklärte Helvea-Analyst Stefan Gächter. Die Marge vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen auf immaterielle Vermögenswerte (Ebita) werde elf bis 16 Prozent betragen, sagte der Spiesshofer voraus. Sein Vorgänger Joe Hogan hatte samt aller Wertberichtigungen eine Ebitda-Marge von 13 bis 19 Prozent angepeilt. Der Gewinn pro Aktie soll jährlich um zehn bis 15 Prozent zulegen.

Hauptsache Geld

Spiesshofer rechtfertigte den milliardenschweren Aktienrückkauf trotz abflauender Industriekonjunktur und trüberer Wachstumsaussichten. «Ich glaube fest, dass es im Moment die richtige Entscheidung, den Aktionären Geld zurückzugeben und es nicht für weitere grosse Zukäufe beisammen zu halten», sagte Spiesshofer. Der 50-Jährige setzt damit auch ein Signal gegen den Kurs seines amerikanischen Vorgängers, der ABB mit Milliardenübernahmen ausgebaut hat. «Neuerungen werden bei ABB nicht nur durch Akquisitionen erreicht werden. Wir werden organische Investitionen stark vorantreiben, wir schliessen Partnerschaften und wir kaufen zu», betonte der langjährige Unternehmensberater, der vor einem Jahr an die Spitze des Elektronikkonzerns rückte.

ABB flankierte seine neuen Pläne für die kommenden sechs Jahre mit einer Reihe von Grossaufträgen. So baut der Konzern eine Hochspannungsverbindung in Schottland für 800 Millionen Dollar und rüstet die weltgrösste Eisenerzmine in Brasilien für 100 Millionen Dollar mit Automatisierungstechnik aus. Anleger zeigten sich über den Aktienrückkauf und die Großaufträge erfreut. ABB-Aktien legten um 1,5 Prozent auf 21,81 Franken zu. «Das Aktienrückkaufprogramm ist gewaltig, das dürfte die Aktie anschieben», sagte ein Händler. Analysten beurteilten die neuen Margenziele als «Feinabstimmung».

ABB-Chef dreht das Personalkraussell

Der Konzernchef hatte die Aktionäre nach einem überraschend starken Gewinnrückgang im zweiten Quartal bereits auf eine längere Durststrecke eingestellt. Die Problemsparte Energietechniksysteme werde das Ergebnis des Konzerns wahrscheinlich auch in den kommenden Quartalen belasten, hatte Spiesshofer im Juli gesagt. Ähnlich wie Siemens will sich ABB nun auf weniger Risiken einlassen und für heikle Aufgaben erfahrene Partner ins Boot holen. Regional gliedert sich ABB künftig nur noch in drei Regionen statt bisher acht.

Zugleich dreht Spiesshofer das Personalkarussell: Zentraleuropachef Peter Terwiesch rückt als Leiter der Sparte Prozessautomation in die Konzernspitze auf und löst in der Funktion den Finnen Veli-Matti Reinikkala ab, der sich künftig um das Europageschäft kümmern soll. Im Verwaltungsrat soll der Sasol-Chef David Constable seine Erfahrungen auf dem afrikanischen Markt einbringen, wo ABB künftig besonders punkten will.

Die Neuausrichtung der Eidgenossen erinnert stark an die Pläne des grösseren Rivalen Siemens, der trotz geringerer Renditen seine Aktionäre ebenfalls mit einem Rückkaufprogramm verwöhnt. Sowohl die Zürcher als auch die Münchener haben mit Problemen in ihrer Energietechnik zu kämpfen, beide leiden unter teuren Fehlschlägen bei der Anbindung von Windparks auf See.

(reuters/ccr)

Anzeige