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Stillstand 
2016 bringt ein weiteres Jahr Zitterwirtschaft

Frankenschock: Seit 2014 stagniert das Wirtschaftswachstum.Keystone

Der starke Franken streut weiter Sand ins ­Getriebe der Schweizer Wirtschaft. Die Folge: 2016 wird nicht viel besser als 2015. Doch der harte Franken ist nicht an allem schuld.

Von Florence Vuichard
08.12.2015

Als Nick Hayek an diesem 11. September im Hotel Bern auf die Bühne tritt, befindet er sich nicht auf gewohntem Terrain. Aber er hat das Publikum, die Delegierten der Industriegewerkschaft Unia, schnell im Sack. Endlich kommt einer aus einer Teppich­etage zu ihnen und teilt ihre Sorgen – und vor allem auch ihre Analyse: dass die Nationalbank mit der Aufhebung des Mindestkurses den hiesigen Industriestandort arg in Schieflage gebracht hat.

Und er wählt markige Worte, wie man es vom Chef der Swatch Group gewohnt ist. «Es ist ein verdammt vergifteter Cocktail», sagt er mit Verweis auf den starken Franken. Als Helikopterflieger vergleicht er die Situation mit der Gross­wetter­lage, bei der unten am Boden noch alles ruhig ist, während es in luftigen Höhen bereits Turbulenzen gibt, die einen Sturm ankünden.

Am Boden, da sind die Konsumenten: Sie freuen sich über die fallenden Preise. Und die Arbeitnehmer, die sich angesichts der – vorläufig – weiter auf relativ tiefem Niveau verharrenden Erwerbslosenquote in Sicherheit wähnen. Die regional breit gestreuten Kleinmeldungen über Entlassungen und Arbeitsplatzverlagerungen ins Ausland bleiben unter dem Radar des medialen und politischen Interesses. Und die Konjunkturauguren mit ihren Wachstums­prognosen verbreiten zusätzlich Zuversicht.

Aussichten alles andere als rosig

Dabei sind die Aussichten alles andere als rosig. Die Exportwirtschaft kommt nicht auf Touren, und auch die Perspektiven für den Binnenmarkt verdüstern sich. Angesichts der zunehmenden Arbeitslosigkeit werde sich die Konsumentenstimmung verschlechtern und folglich werde auch der Konsum sinken, sagt Claude Maurer, Leiter Konjunkturanalyse bei der Credit Suisse.

Weitere Negativfaktoren: Die Zuwanderung dürfte leicht rückläufig sein, der Bauboom ist vorbei, und die Höhenflüge auf dem Immobilienmarkt gehören ebenfalls der Vergangenheit an. «Die Wachstumsimpulse fehlen, und ich sehe derzeit nicht, woher neue kommen sollen», sagt Maurer.

Zwei Faktoren könnten das Blatt zum Guten wenden: eine massive wirtschaftliche Erholung in den Absatzmärkten, insbesondere in der Eurozone, und eine Abwertung des Frankens. Aber beides ist im nächsten Jahr eher unwahrscheinlich. Maurers Fazit lautet deshalb: «Das Jahr 2016 wird wie das Jahr 2015. Es wird kein Wachstumsjahr.»

Nominale Rezession

Das heisst Stillstand. In Zahlen ausgedrückt, erwarten die verschiedenen Konjunkturforscher für 2016 beim Bruttoinlandprodukt (BIP) ein Wachstum von 1 bis 1,5 Prozent. Das kleine Plus erklären sie vor allem mit der Zuwanderung, dem stetigen Ausbau im Gesundheitswesen sowie mit dem – wenn auch abgeschwächten – Konsum.

Die Exportstatistik dürfte durch die relativ währungsresistente Pharmaindustrie und allenfalls die Medizinaltechnik aufgebessert werden. Sogar die in der Ver­gangenheit ziemlich krisenunabhängige Uhren­industrie figuriert im Szenario von Economiesuisse «zum ­ersten Mal» auf der Seite der Branchen mit unterdurchschnittlichem Wachstum, wie Chefökonom Rudolf Minsch hervorhebt. Hoffnungen setzen die Prognostiker in die Zinserhöhung in den USA sowie in die tief bleibenden Energie- und Ölpreise, welche die Konjunktur weltweit ankurbeln sollten.

Paradoxes Resultat in 2015

Das laufende Jahr wird die Schweiz ebenfalls mit einem kleinen Plus abschliessen: Die Auguren prognostizieren ein Wachstum von 0,6 bis 0,9 Prozent – und das, obwohl die einzelnen Quartals­ergebnisse an der Nulllinie kleben. Dieses auf den ersten Blick paradoxe Resultat ist die Folge eines relativ starken Wachstums in der zweiten Hälfte 2014 und eines ­daraus folgenden «statistischen Überhangs». Oder mit den Worten von CS-Konjunkturforscher Maurer: «Den Aufstieg haben wir 2014 gemacht, 2015 sind wir nur noch geradeaus gegangen.»

Das Jahr 2015 hat noch weitere Besonderheiten gebracht: So hat sich das Verhältnis zwischen realem und nominalem Wirtschaftswachstum gedreht. Wächst normalerweise die Wirtschaft wegen der Teuerung nominal stärker als real, war dies im ablaufenden Jahr aufgrund der stark gefallenen Preise umgekehrt. «Das nominale Bruttoinlandprodukt ist gesunken», sagt Martin Eichler, Chefökonom beim Konjunkturforschungsinstitut BAK Basel. «Unter Einrechnung der starken Preis- und Margenzugeständnisse seitens der Exportunternehmen sind wir in einer ‹nominalen Rezession›.»

Budgets 2016 mit Puffer

Für die Industrie ist die Talsohle noch nicht erreicht: Die Auftragseingänge sinken, die Umsätze ebenfalls. Über ein Drittel der im Verband der Maschinenindustrie Swissmem versammelten Firmen erwarten für 2015 einen Verlust – und das auf Stufe des Betriebs­ergebnisses. Auf der Stufe Konzern­ergebnis sieht die Situation noch dramatischer aus.

Derzeit erstellen die Unternehmer ihre Budgets für das nächste Geschäftsjahr. Viele kalkulieren mit einem Franken-Euro-Kurs von eins zu eins. So wie zum Beispiel Philip Mosimann, Konzernchef von Bucher Industries. Andere sind zuversichtlicher und rechnen mit einem Eurokurs von 1.05 Franken. Jedenfalls bauen die meisten ­Firmenchefs einen Wechselkurspuffer ein. Falls der Franken sich abschwächen sollte, verschafft ihnen das etwas Luft.

«Die Schere öffnet sich»

Auch Fraisa-Mehrheitseigner Josef Maushart plant mit einer ­Reserve von fünf Rappen zum aktuellen Kurs. «Aber im Hinterkopf nehmen wir das Szenario der Parität mit. Wir müssen unsere Budgets so aufstellen, dass wir auch in einem solchen, ungünstigen Fall Gewinne schreiben können.» Denn ohne Gewinn gibt es keine Investitionen, und ohne Investitionen rückt die Vision der Industrie 4.0 in weite Ferne.

«Die Schere öffnet sich zwischen jenen Firmen, die inves­tieren und weiter rationali­sieren, und solchen, die kein Kapital mehr dafür beschaffen ­können», sagt Maushart.

Keine Auslastungskrise, sondern Margenkrise

Auffällig ist, dass die Betriebe – anders als in früheren Krisen – das Instrument der Kurzarbeit kaum nutzen. Hatten sich im Herbst 2009, auf dem Höhepunkt der ­Finanzkrise, rund 4800 Betriebe mit knapp 80 000 Mitarbeitern ­angemeldet, sind es nun, Stand Ende September, nur gut 500 Firmen mit rund 4800 Mitarbeitern.

Einer von ihnen ist Hansruedi Wandfluh, Besitzer der gleichnamigen Firma und ehemaliger SVP-Nationalrat. Anders als bei früheren Krisen handelt es sich nun um keine Auslastungskrise, Arbeit wäre – noch – genug da. Es ist eine Margenkrise. Offenbar glauben viele Firmenchefs nicht an eine schnelle Abwertung des Frankens und richten sich permanent auf die neue Situation ein: Sie verlagern die Produktion ganz oder teilweise ins Ausland – oder bauen Personal ab, um die Kosten zu senken.

Für viele Unternehmen den Todesstoss»

In der Zwischenzeit ist Swatch-Group-Chef Hayek nicht mehr der Einzige, der «Alarm schlägt» und sich damit zum «Spielverderber» macht, wie er selbst sagt. Nach und nach meldeten sich in den vergangenen Wochen weitere Industrielle zu Wort, warnten vor dem Wegzug des Werkplatzes – und getrauten sich auch, die Geldpolitik der Na­tio­nalbank in Frage zu stellen, wie Ypsomed-Gründer Willy Michel, Franke-Lenker Michael Pieper oder Hans-Ulrich Müller, Präsident des KMU-Vereins Swiss Venture Club.

Wenn die «schockartige Aufwertung» des Frankens nicht schnell korrigiert werde, bedeute das «für viele Unternehmen den Todesstoss», sagt Müller. Es gehe nicht mehr um ein Stahlbad für die Industrie. «Hier besteht die Gefahr, dass der Produktions­standort im Bad ertrinkt.»

Parteien zusammenbringen

Der Frankenschock treibt Müller schon das ganze Jahr um. Der dezidierte Befürworter des Werkplatzes Schweiz, der an die Macht des Dialogs glaubt, versucht nun, die verschiedenen Parteien zusammenzubringen. Deshalb hat er für den 8. Februar 2016 im «Bellevue» in Bern ein Gespräch organisiert zwischen dem Nationalbank-Präsidenten Thomas Jordan und dessen Doktorvater, dem emeritierten Professor Ernst Baltensperger. Eingeladen dazu sind die Firmenmitglieder des Swiss Venture Clubs.

Die zweite Branche, die unmittelbar leidet, ist der Tourismus. ­Silvio Schmid, Präsident der Bündner Bergbahnen, hat sich in der «Schweiz am Sonntag» für einen neuen Mindestkurs von 1.15 Franken ausgesprochen. Hotellerie­suisse-Direktor Christoph Juen doppelt jetzt nach: «Wir brauchen einen Eurokurs, der sich oberhalb der auch für den Hotelgast wichtigen psychologischen Grenze von 1.10 Franken befindet. Dafür muss die Nationalbank sorgen – nicht mit einem fixen Mindestkurs, ­sondern mit gezielten Interven­tionen.» Denn in der aktuellen ­Situation kämen auch gesunde ­Hotelbetriebe in Schieflage.

Kein politischer Druck

Grundsätzlich wünschen sich die Industriellen und Hoteliers also einen Mindestkurs zurück. Doch sie glauben nicht daran, dass die Nationalbank ihre Wünsche erhört – respektive erfüllen kann. Deren Spielraum sei stark eingeschränkt, sagen viele. Auch in der Bundesverwaltung, wo man den drohenden Deindustrialisierungsprozess zum Teil mit grosser Sorge beobachtet, ist man überzeugt: Ohne politischen Druck wird die Notenbank nicht umschwenken. Doch der politische Wille ist nicht sichtbar – jedenfalls vorerst nicht.

Wie viele Unternehmer reden die Politiker lieber vom «Europroblem» statt vom «Frankenpro­blem» – und machen damit deutlich, dass die Remedur für diese schwierige Situa­tion eigentlich nur aus dem Ausland kommen kann. Einzig die SP versucht immer wieder, das Thema zu lancieren.

Sie wollte in der Wintersession eine dringliche Debatte über den Frankenschock und die Folgen der Währungspolitik für die Realpolitik führen. Ihr Antrag wurde abgeschmettert. Mit Vorstössen in beiden Räten nimmt sie jetzt einen neuen Anlauf für die Frühjahrssession. «Wir sind dann wenigstens parat, wenn auch die Bürgerlichen erwachen – und den realwirtschaftlichen ­Schaden erkennen», sagt SP-Chef Christian Levrat.

Schweiz ist Mittelmass

Nicht alle sehen die Schuld bei der Notenbank. Fraisa-Chef Maushart etwa ortet eher ­Politikversagen als Ursache für den starken Franken: «Wir leiden an den Folgen unse­rer isolationistischen Tendenzen.» Konkret: Hätte die Schweiz sich früher angepasst, hätte sie ihren Finanz- und ihren Steuerplatz früher international integriert, dann wären die «Leistungsbilanzüberschüsse nicht auf zehn Prozent unseres BIP angewachsen und der Franken nie so stark geworden».

Die Schweiz erlebt derzeit nicht nur einen Konjunkturdämpfer, sie leidet auch unter einem strukturellen Wachstumsdefizit. Die OECD verortet das Potenzialwachstum für die Schweiz in ihrem neusten Länderbericht noch bei bescheidenen 1, 2 Prozent. Das ist deutlich zu wenig.

Dieses ernüchternde Bild ist eine Folge des Mix von zu wenig investiertem Kapital, sinkendem Arbeitskraftpotenzial aufgrund der demografischen Entwicklung und der politisch gewollten Migrationseindämmung sowie einer sehr tiefen Arbeitsproduktivität. «Hier sind wir nur Mittelmass», sagt der Chefökonom des Bundes, Eric Scheidegger. «Eine höhere Arbeitsproduktivität wäre aber die Basis für den Wohlstand von morgen.»

Weitere Liberalisierungsschritte

Die OECD empfiehlt deshalb weitere Liberalisierungsschritte im Telekom- und Strommarkt sowie Reformen in der Landwirtschaft. Doch politische Mehrheiten für eine binnenwirtschaftliche Re­form­agenda wie Ende der 1990er Jahre sind nicht in Sicht.

Weiter warnt die Organisation vor schnell wachsenden Ausgaben der öffentlichen Hand. Bei der Verwaltung auf Bundes- und Kantons­ebene dürfte zwar das Ausgabenwachstum angesichts der weg­brechenden Einnahmen abgebremst werden. Doch vor allem im Gesundheits- und Pflegebereich steigen die Ausgaben Jahr für Jahr weiter an – und ein Ende ist nicht abzusehen.

Das beunruhigt auch Maushart, der sich deshalb nicht über die leicht positiven Wachstumsprognosen für 2016 freuen kann: «Letztlich ist das ein umlagefinanziertes Wachstum aus Steuern und Sozialversicherungen.»

«Eine gute Nachricht aufs Jahresende»

Immerhin hat Mario Draghi am 3. Dezember den Firmen ein kleines Weihnachtsgeschenk gemacht. Erleichtert haben sie zur Kenntnis genommen, dass der Chef der ­Europäischen Zentralbank die Finanzmärkte enttäuscht und damit den Franken nicht weiter in die Höhe getrieben hat.

«Eine gute Nachricht aufs Jahresende», sagt Maushart. «Als exportorientiertes Unternehmen ist das Leben bei einem Eurokurs von 1.10 Franken schon hart, aber man kann den Kampf aufnehmen.»

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