BILANZ: Herr Ziegler, überall in der Schweiz, speziell in Zürich, Genf und ­Luzern, schiessen Monomarken-Boutiquen wie Pilze aus dem Boden. Was heisst das für Multimarken-Geschäfte? Warum soll ich zu Les Ambassadeurs gehen?

Joachim Ziegler: Zum Beispiel wegen unserer Neutralität in der Beratung. Wir sind nicht einer einzigen Uhrenmarke verpflichtet. Und wir sind ein One-Stop Shop. Bei uns hat der Kunde Uhren von über 20 Marken zur Auswahl, die zwischen 1000 und einer Million Franken kosten – von Longines bis Greubel Forsey. Dazu haben wir Accessoires, rund zehn Schmuck- und ein paar Lifestylemarken. Warum gibt es heute das Quartierlädeli nicht mehr? Weil es eben Warenhäuser gibt, wo die Auswahl viel, viel grösser ist.

Aber das Warenhaus kann unpersönlich sein. Was tun Sie dagegen?

Dann sind wir das persönlichste Warenhaus der Schweiz (lacht). Nein, im Ernst: Es geht mir bei diesem Vergleich um die Breite des Sortiments, um die Vergleichsmöglichkeiten. Stellen Sie sich zudem vor, was das für die Motivation und die Qualifikation unserer Mitarbeiter be­deutet. Wer sich in unserem Sortiment ­auskennt, gehört zu den Besten. Wir verkaufen nicht nur, sondern sind auch nach dem ­Verkauf für unsere Kunden da. In Genf haben wir vier Uhrmacher, die man für Servicearbeiten oder Fachsimpelei in ihrem Atelier auch treffen kann – ein ­Kundenservice, den wir nach dem Umbau auch in Zürich anbieten können. Ganz nach der Devise «Meet the doctor, not the nurse». Und dann haben wir unseren einzigartigen Espace Connaisseur.

Was ist das?

Ein Raum für Kenner, Sammler und Liebhaber von Uhren. Hier können diese ihrer Passion frönen und sich mit ­ihresgleichen treffen. Wir haben darin unsere schönsten, exklusivsten und interessantesten Uhren. In den Vitrinen hinter mir ­lagern Preziosen für einen zweistelligen Millionen­betrag. Kürzlich war ein Kunde hier, der sich alles zeigen liess. Er blieb stundenlang, staunte, freute sich, fachsimpelte. Am Schluss lagen fünf Uhren auf dem Ladentisch.

Beschleicht Sie da nicht mitunter ein mulmiges Gefühl, wenn Sie solchen Luxus verkaufen?

Man kann sich darüber entsetzen, dass jemand eine halbe Million Franken für eine Uhr ausgibt. Und man kann sich ­fragen, ob er das Geld nicht schlauer ­einsetzen könnte. Aber man kann und soll es auch anders sehen: Er ermöglicht mit ­seiner halben Million die Existenz von verschiedenen Berufsgattungen, die es sonst nicht mehr gäbe. Schöne Berufe. Früher hielten sich Könige Künstler, heute tun das verschiedene sehr reiche Leute. Man kann sehr viel Dümmeres machen mit seinem Geld.

Wissen in der Regel die Leute, wenn sie die Boutique betreten, welche Marke sie kaufen ­wollen?

Oft schon. Und das würde ja für eine ­Monomarken-Boutique sprechen. Doch wir begleiten unsere Kunden meist über eine längere Zeit. Und in dieser Zeitspanne verändern sich ihre Bedürfnisse. Sie werden älter, haben vielleicht mehr Geld zur Verfügung, ihr Geschmack entwickelt sich, ihr Know-how über Uhren nimmt vielleicht zu, einmal suchen sie etwas für sich, einmal für die Ehefrau, einmal für den Sohn. Bei uns müssen sie sich nicht jedes Mal zurechtfinden, neu orientieren oder neu erklären.

Das reicht?

Jeder Kunde erhält unsere absolut neutrale Beratung. Deshalb gibt es bei uns auch keinen Shop im Shop – wir stellen keine Marke in den Vordergrund. Der Kunde kann Uhren unterschiedlicher Herkunft nebeneinanderlegen und vergleichen. Wo sonst in der Schweiz kann man eine Uhr von Breguet direkt mit einer Vacheron Constantin oder einer A. Lange & Söhne vergleichen? Kunden können sich online mit unserem ­Watchfinder (www.lesambassadeurs.ch) vor­informieren. Und dann haben wir noch unsere Soirées Espace Connaisseur, ­Themenabende für Uhrenfans, an denen Fachleute und Prominente der Branche wie Carole Forestier-Kasapi von Cartier, Stephen Forsey von Greubel Forsey, Juan-Carlos Torres von Vacheron Constantin und andere auftreten. Wir wollen nicht nur Sachen ausstellen – wir wollen, dass der Espace Connaisseur lebt. Es ist ein Ort der Begegnung für Leute mit einer Passion für Uhren.

Wie unterscheiden Sie sich im Angebot von anderen Multimarken-Boutiquen?

Wir nennen uns «The Leading House of Leading Names». Das sagt doch schon sehr viel.

Und es klingt elitär.

Das muss überhaupt nicht sein. Longines zum ­Beispiel ist eine fantastische Marke, die sehr vieles zu sehr vernünftigen Preisen bietet. Oder dann Jaeger-­LeCoultre, eine Luxusmarke mit aussergewöhnlichem Preis-Leistungs-Verhältnis. Jede Marke, die wir vertreten, ist auf ihre Art führend.

Wäre Les Ambassadeurs ein Auto, welche Marke wäre es?

Wir wären keine Automarke. Wir wären eine Autogarage mit eigener Werkstatt, die verschiedene Marken führt. Skoda würde wohl eher nicht dazugehören. Volkswagen hingegen unbedingt, aber auch Rolls-Royce, Lamborghini, Aston Martin und Maserati.

Wie hoch ist der Anteil von Touristen unter Ihren Kunden?

Wir haben schätzungsweise 60 Prozent Touristen und 40 Prozent Schweizer.

Wie unterscheiden sich diese im Kauf­verhalten?

Ein Schweizer überlegt sich in der Regel den Kauf viel besser. Ausländer haben weniger Zeit und entscheiden schnell. Schweizer kommen manchmal zwei, drei, fünf Mal vorbei. Sie in ihrem Entscheidungsprozess zu begleiten, macht besonders Freude und erlaubt es uns, eine echte Beziehung zu unseren Kunden aufzubauen.

Welches sind die aktuellen Trends?

Wir beobachten, dass das Kunsthandwerk an Bedeutung gewinnt: Emaillierung, Guillochage usw. Dazu stellen wir fest, dass auch Frauen immer stärker Uhren mit mechanischen Werken ­möchten. Der Retrolook bleibt im Trend, gefragt sind überdies vor allem nützliche Komplikationen: zum Beispiel Chronograph, Jahreskalender, Wochenanzeige.

Was macht eine Uhr zur guten Uhr?

Im Segment, in dem wir uns hier bewegen, gibt es nur gute Uhren. Technisch sind sie auf einem fantastischen Stand, sind präzis und hervorragend gefertigt. Über Design kann man immer streiten.

Wann finden Sie persönlich eine Uhr gut?

Wenn sie mich berührt.

Zum Beispiel?

Die Urwerk zum Beispiel, die ein integriertes Kontrollboard hat. Man kann damit die Genauigkeit der Uhr messen und notfalls korrigieren. Ich durfte bereits einen Prototyp sehen, mehr darf ich dazu noch nicht sagen. Solche Dinge sind faszinierend. Auch die neue Girard-Perregaux mit der Silizium-Hemmung oder die Neuinterpretation der Mystery Clock von Cartier berühren mich.

Der Erfahrene: Joachim Ziegler, Jahrgang 1973, ist seit 2011 CEO von Les Ambassadeurs. Vorher war er bei Gübelin. Ziegler verfügt über mehr als zwanzig Jahre Erfahrung in der Uhren- und Schmuckbranche im In- und Ausland. Seine berufliche Laufbahn startete er als Goldschmied, bevor er sich am ­Gemological Institute of Amerika und an der Uni St. Gallen weiterbildete.

Les Ambassadeurs: Das 1964 in Genf gegründete «Leading House of Leading Names» ist eine Multimarken-Uhrenboutique. Zu finden sind aber auch Accessoires und einige Schmuckmarken. Les Ambassadeurs hat vier Boutiquen in Zürich, Genf, Lugano und St. Moritz und beschäftigt 85 Personen. Umsatz­zahlen werden keine bekanntgegeben.

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