Der CEO der Uhrenmanufaktur Jaeger-LeCoultre in Le Sentier VD, Jérôme Lambert, neigt nicht zur verbalen Kraftmeierei. Doch wenn er von der neusten Uhr seiner Marke spricht, sprudeln die Superlative aus ihm heraus. «Evolution?», fragt er rhetorisch. Nein! Die neue Duomètre à Sphérotourbillon sei nichts weniger als «eine wahrhaftige Revolution in der Kunst der uhrmacherischen Präzision».

Manchmal sind es kleine Vergleiche, die besondere technische Leistungen verständlich machen. Wir beginnen, um die neue Uhr zu würdigen, mit einem einfachen Vergleich: Nehmen wir an, Sie fahren mit Ihrem Auto auf den Gotthardpass. Das braucht Energie, konkret: ein paar Liter Benzin. Nehmen wir nun an, Sie fahren die gleiche Strecke nochmals, diesmal mit einem Wohnwagen im Schlepptau. Das braucht deutlich mehr Energie. Sie werden messbar mehr Benzin verbrennen.

Uhren in Perfektion

Genau gleich verhält es sich mit einer mechanischen Uhr, die über zuschaltbare Funktionen verfügt. Die Uhr braucht Energie, wenn sie läuft. Diese wird vom Federhaus geliefert. Startet man nun zum Beispiel zusätzlich den Chronographen, um Zeit zu stoppen, braucht der Stoppmechanismus zusätzliche Energie. Auch sie wird vom Federhaus geliefert. Das hat Folgen für die ­Präzision der Uhr: Weil für die Grundfunktion plötzlich weniger Kraft verfügbar ist, kann es zu Gangabweichungen kommen.

Zwar wird jeder Chronograph trotz solchen physkalischen Einflüssen heute ganz akkurate Ergebnisse liefern. Doch den detailversessenen und perfektio­nistischen Uhrmachern in Le Sentier passte es nicht, dass das gleiche Federhaus einmal nur einen Energiefresser alimentieren muss und dann wieder zwei. Sie sannen auf Abhilfe für das «Wohn­wagen-Problem».

In der Vallée de Joux sind die Winter eiskalt und beinahe unendlich lang, und die nächste grosse Stadt ist meilenweit entfernt. Schon immer hatte man Zeit zum Tüfteln im einsamen Tal, und schon immer ersannen die Uhrmeister hier feine Lösungen für spezifische Probleme. Zum Beispiel für die Nöte der Polo-Spieler, denen einst beim rauen Sport ständig die Uhrgläser zerbrachen. Dafür entwickelte Jaeger-LeCoultre vor rund 80 Jahren die legendäre Reverso, eine Uhr mit ausgeklügelter Gehäusemechanik. Das Gehäuse lässt sich ganz einfach drehen, dann ist der Boden der Uhr oben und das Glas geschützt.

Berühmt ist auch die Atmos, eine Tisch­uhr, die nie aufgezogen werden muss. Luftdruck- und Temperaturschwankungen versorgen das Werk mit Energie. Die Atmos ist seit den fünfziger Jahren eines der offiziellen Geschenke der Eidgenossenschaft für hochrangige ausländische Gäste.

Zwei Energiequellen, eine Uhr.

Rund 400 Patente hat Jaeger-LeCoultre seit ihrem Bestehen gesammelt, über 1100 verschiedene Werke gebaut – eine reife Leistung. Zurück zum «Wohnwagen-Problem». Die einfachste Lösung dafür liegt auf der Hand: Man verbaut zwei Uhrwerke in ein Gehäuse – ein Werk für die Grund-, eines für eine Zusatzfunktion. Doch das ist keine hübsche Lösung, und niemand hat die Gewähr, dass beide Werke wirklich synchron laufen. Die Uhrmachermeister von Jaeger-LeCoultre entschieden sich für einen neuen Weg: Sie bauen zwei Energiequellen ein, also zwei Federhäuser, dazu zwei voneinander unabhängige Mechanismen oder Räderwerke – aber lediglich ein einziges Regulierorgan für beide Systeme.

Duomètre nannte Jaeger-LeCoultre die Erfindung, Dual-Wing das Konzept dahinter. Vorgestellt wurde es vor fünf Jahren mit der Duomètre à Chronographe, einer Uhr mit Stoppuhrfunktion. Neu war, dass die Stoppuhr keinen Einfluss mehr auf die Gundfunktion der Uhr hat und dank dem gemeinsamen Regulierorgan dennoch völlig synchron läuft. Womit es auch kein Problem mehr war, die Uhr die strengen Präzisions­anforderungen eines Chronometers erfüllen zu lassen. 50 Stunden betrug überdies die Gangreserve – und zwar 50 Stunden für die Zeitmessung und 50 Stunden für den Chronographen. 2010 legten die Uhrmacher aus Le Sentier noch ein Brikett drauf und präsentierten Etappe zwei: die Duomètre à Quantième Lunaire.

367 Teile für eine Uhr

Blitzsekunde. Auch hier finden wir zwei mechanische Energiequellen für eine Uhr. Das eine Federhaus ist nur für den Taktgeber der Uhr zuständig, das zweite gibt die Energie für Stunden-, Minuten-, Sekundenmessung, Jahres­kalender und Mondphasen für beide ­Hemisphären. Ein Schmankerl ist die Blitzsekunde, die sich in Sechstel­sekunden-Sprüngen zuckend fortbewegt – ein besonderes Schauspiel. 367 Einzelteile sind für die Uhr notwendig und machen sie zu einem herausragenden Stück der Haute Horlogerie.

Für dieses Jahr wollte Jaeger-LeCoultre einen Schritt weiter gehen. «Wir wollten etwas, das es noch nie gegeben hat», sagt Stéphane Belmont, internationaler Marketingdirektor. Belmont sitzt entspannt im Parterre der «Grande Maison», wie die Uhrenmanufaktur von Freunden der Marke genannt wird. «Man sagt heute gerne, in Sachen Tourbillons sei schon alles gemacht worden», sagt er, «doch wir sehen das gar nicht so.»

Stéphane Belmont öffnet eine polierte Holzbox. Darin liegt eine Uhr – die erste mit Tourbillon, die sich per Knopfdruck auf die Sekunde genau einstellen lässt. Tourbillons wurden einst gebaut, um die Präzision von Taschenuhren zu verbessern. Erdmagnetismus und Schwerkraft beeinflussten den Gang von Taschenuhren. Ein Tourbillon schaltet diese Einflüsse aus, indem das Herz der Uhr, nämlich Anker, Ankerrad und Unruh, in einen drehenden Kasten gelegt wird. Heute mag dies ein bisschen als «l’Art pour l’Uhr» erscheinen, nach wie vor aber gilt das Tourbillon als mechanische Königsdisziplin der Uhrmacherei.

Käfig aus Titan

Selten kann man bei Uhren mit Tourbillon den Sekundenzeiger anhalten. Und bisher war, jedenfalls laut Jaeger-LeCoultre, kein Tourbillon in der Lage, den Sekundenzeiger auf Wunsch anzuhalten und auf null zu stellen. Die neue Duomètre à Sphérotourbillon kann das. Man kann den Sekundenzeiger stoppen, nach dem Flyback-Prinzip auf null stellen und bei exakt zwölf Uhr und null Sekunden wieder starten lassen, womit die Uhr geeicht wäre. Die Besonderheit dabei: Der Betrieb des ­Regelorgans wird nicht unterbrochen – die Uhr bewahrt also höchste Präzision.

Der Tourbillon-Käfig dreht bei dieser Uhr übrigens erstens wie jedes Tourbillon um seine eigene Achse. Zusätzlich aber dreht sich das aus 105 Teilen bestehende Stück um eine zweite, um 20 Grad geneigte Achse, was eine ganz hübsche, dreidimensionale Bewegung ergibt. Sie hat der Uhr den Namen gegeben. Angezeigt werden dazu eine zweite Zeitzone und ein Jahreskalender. Besonders schön ist die Sicht auf die zylinderförmige Spirale, die man vom Gyrotourbillon 2 oder von Marinechronometern her kennt. 460 Teile braucht es für die Uhr, 105 allein für das Tourbillon. Der Käfig ist aus einem Titanstück gefräst und gerade ein halbes Gramm schwer.

Das sind beeindruckende Zahlen, auch wenn sie für etwas nicht wirklich Nötiges stehen. Jede Quarzuhr für ­wenige Franken läuft genauer als die Duo­mètre à Sphérotourbillon. Nur interessiert das keinen Uhrenfreund. Für ihn zählt die Ästhetik. Und die feine Mechanik.

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