Freunde schöner mechanischer Uhrwerke tun gut daran, sich die Zahl 9300 zu merken. Sie steht für die Nummer des ersten hauseigenen Omega-Kalibers mit Chrono­graphen-Funktion, auf das man am Firmensitz in Biel besonders stolz ist. 336 Teile zählt das vollumfänglich ­inhouse gefertigte mechanische Werk. Dazu gehört unter anderem die neuste Co-Axial-Hemmung als technischer Leckerbissen.

Die Co-Axial-Hemmung ist eine der tragenden Säulen in der Erfolgssaga der Marke. Wir werden also darauf zurückkommen. Zunächst aber werfen wir einen Blick in die Hightech-Fertigungsstrasse für das Werk: Es ist sehr hell im Raum und auch sehr ruhig. Eben greift eine Frau mit weis­sem Häubchen mit der Pinzette zu Komponenten in einem lilafarbenen Plastikbehälter. Die Luft im Raum ist peinlich sauber, kein Staubkörnchen soll die Ganggenauigkeit der hier gebauten Uhrwerke beeinträchtigen.

Die Frau mit dem Häubchen arbeitet wie alle Mitarbeiter in der topmodernen Assembly Line am Werk mit der Nummer 9300. Sie tut das, so wird von den Vorgesetzten stolz vermerkt, akkurater als jede Maschine. Modernste Roboter kommen zwar in der Fertigungsstrasse sehr wohl zum Einsatz, wo es Sinn macht – für viele Arbeiten allerdings sei in der Uhrmacherei der Mensch einer Maschine nach wie vor überlegen.

Strammes Wachstum

Alle auf der neuen Fertigungsstrasse gebauten Chronographenwerke gehen zur Contrôle officiel suisse des chronomètres (COSC), der Kontrollstelle für Chronometer, wo die Zertifikate für Gangpräzision vergeben werden. Die COSC publiziert ihre Resultate jedes Jahr und belegt damit sozu­sagen amtlich eine glänzende Omega-­Erfolgsgeschichte.

Konkret lauten die Zahlen: Die COSC zertifizierte im Jahr 1999 für Omega exakt 137 750 Chronometer. Zwei Jahre später waren es schon 207 878 Stück. 2006 ­erhielten 341 161 Werke das Zertifikat, 2012 waren es mit 509 301 über eine halbe Million, 2013 nochmals drei Prozent mehr. Überhaupt glänzt die zur Swatch Group gehörende Marke mit Rekord­ergebnissen: 322 eigene Boutiquen zählt man heute weltweit, Omega ist im Schlüsselmarkt China höchst präsent, total werden heute jährlich geschätzt 750 000 Uhren gebaut, den Umsatz schätzen Insider auf rund 2,5 Milliarden Franken.

Von solchen Zahlen können viele nur träumen. Von der Dynamik der Marke erst recht. Und mehr Drive ist sozusagen programmiert. Für das westliche Omega-Areal ist ein neues Produktions- und ­Logistikgebäude geplant, gezeichnet vom japanischen Stararchitekten Shigeru Ban. Am Stammsitz weicht das Parking einer Fertigungsstrasse. Parallel dazu ­investiert die Marke in eine zusätzliche Fertigungsstrasse in Villeret.

Avantgarde

Innovationen gehören zum ­Erfolgsrezept der Marke, und sie werden in atemberaubender Kadenz präsentiert. Letztes Jahr zum Beispiel liess Omega mit der Seamaster Aqua Terra 15 000 Gauss die Konkurrenz weit hinter sich. Die Uhr bleibt dank ihrer amagnetischen Unruhfeder auch in stärksten Magnet­feldern ganggenau. Und zwar ohne dass dafür, wie bisher nötig, ein zusätzliches Innengehäuse aus Weicheisen die Unruh abschirmt. Mit einer Unempfindlichkeit bis 15 000 Gauss setzte die Aqua Terra den Weltrekord – kein anderes bisher entwickeltes Uhrwerk schafft das.

Auch in Sachen Habillage – so lautet in der Uhrmacherei der Überbegriff für Gehäuse, Lünette und Zifferblätter – geht Omega eigene Wege. Jüngster Streich war die Lancierung der Sedna-Gold-Legierung, die einen intensiveren roten Ton garantiert als gewohnt. Materialisiert wurde die Legierung aus Gold, Kupfer und Palladium im Modell Omega Constellation Sedna. Die Uhr ist nach einer Göttin der Inuit benannt. Es gibt sie in Anlehnung an das Geburtsjahr der ­Constellation-Uhrenlinie genau 1952 Mal – verpackt in einer rosa ausgekleideten Holzschatulle.

An der Baselworld 2014 vom 27. März bis 3. April wird Omega bei den Produktneuheiten wieder ein Brikett drauflegen. Und kann dabei auf ein ereignisreiches Jahr zurückblicken. Am 5. Dezember 2013 zum Beispiel wurde in Zürich die neue Omega-Boutique eröffnet. Sie ist fast dreimal so gross wie zuvor. Der Termin hat etwas Symbolisches: Exakt 13 Jahre vorher hatten, auch in Zürich, die Tore der ersten Omega-Boutique der Welt geöffnet. ­Damals war das sehr vorausblickend. Viele Uhrenmarken sind erst in den­ vergangenen zwei Jahren auf den Geschmack ge­kommen und haben eigene Boutiquen eingerichtet.

Mit 430 Tonnen nach Sotschi

Eine Woche nach Zürich ging in St. Moritz die achte Omega-Boutique in der Schweiz auf. Sie alle tragen, wie die eigenen Boutiquen in aller Welt, das Logo an beste Adressen. Und sorgen für eine hohe Visibilität.

Die gab es jüngst ganz ausgiebig an den Olympischen Winterspielen; das Omega-Logo war dank dem Engagement als offizieller Zeitnehmer in Sotschi ­unübersehbar. Omega, dies nebenbei, war 1936 in Garmisch-Partenkirchen erstmals offizieller Zeitnehmer für die Winterspiele. Ein Omega-Techniker reiste damals allein an, im Gepäck hatte er 27 Stopp­uhren. In Sotschi waren für Omega insgesamt 260 Spezialisten vor Ort, sekundiert von 170 geschulten Freiwilligen. 230 Tonnen Material wurden eingesetzt, alles speziell von Omega entwickeltes modernstes Equipment für Zeitnahme und Daten­verarbeitung.

Nicole Kidman, George Clooney und Co.

Nicht immer indes lief es für die Branchenikone Omega so gut. Zum 125. Geburtstag hatte die einst von Louis Brandt in La Chaux-de-Fonds gegründete Marke in Montreux 1973 noch ein rauschendes Fest gefeiert. 1300 Importeure und Händler aus 70 Ländern waren geladen, auf der Bühne sorgte unter anderem Bond-Girl Ursula Andress für Glamour und IKRK-Präsident Marcel Naville für Reputation. Doch dann kamen für die Branche schwarze Zeiten. Quarzkrise und Dollarschwäche setzten dem Sektor zu – die Schweizer Uhrenindustrie schien am Ende zu sein. Auch Omega war betroffen: Von über 2000 Mitarbeitenden blieben nach zehn Jahren noch 225 übrig.

Die Wende kam mit Nicolas G. Hayek und seiner klugen Strategie. Der leider viel zu früh verstorbene Swatch-Group-Chef setzte für Omega mit dem Co-Axial-Kaliber auf hochwertige Mechanik. Und er führte überzeugende Markenbotschafter ein: Cindy Crawford (ab 1995), Nicole Kidman (ab 2005), George Clooney (2007). Botschafter wurden später auch James-Bond-Darsteller Daniel Craig, die Golflegenden Greg Norman und Rory McIlroy, der Schwimmer ­Michael Phelps und viele andere.

Die einzige Uhr auf dem Mond

Für viele Freunde der Marke steht die Speedmaster Professional wie keine zweite Uhr für die Marke Omega. ­«Moonwatch» wird sie gerne genannt, und dahinter steckt eine wunderbare ­Geschichte.

Auf der Suche nach einer Uhr für die Astronauten kaufte die NASA diverse Armbanduhren ein und liess sie ein zweijähriges Programm mit mörde­rischen Tests durchlaufen: Geprüft ­wurden die Uhren unter Bedingungen der Schwerelosigkeit, in magnetischen Feldern, unter massiven Erschütterungen, Vibrationen sowie bei Temperaturen von minus 18 bis plus 93 Grad Celsius. Nur ein Modell ­bestand die Torturen schadlos: die Omega Speedmaster Chronograph. Am 1. März 1965 wurde sie von der NASA als «flugtauglich für alle bemannten Weltraummissionen» erklärt.

Bis heute ist die Speedmaster die einzige Uhr der Welt, die je auf dem Mond getragen worden ist. Das war am 21. Juli 1969 exakt um 2.56 Uhr Greenwich Mean Time, als Neil Armstrong und Buzz ­Aldrin die ersten irdischen Fussabdrücke auf Mondstaub hinterliessen.

Der Ausflug auf den Erdtrabanten gab der Uhr kommerziell mächtig Schub, aber auch dank ihrem klaren Design ­gehört sie unbestritten zu den grossen Klassikern der Uhrengeschichte. Neuerdings ist sie übrigens auch mit dem famosen Co-Axial-Kaliber 9300/9301 zu haben – mit Zeitzonenfunktion und Minuten- sowie Stundentotalisator auf demselben Hilfszifferblatt.

Eine Erfindung, zwei Genies

Blick zurück: Als der geniale Uhr­macher, Tüftler und Konstrukteur George Daniels die Co-Axial-Hemmung erfand, die erste neue Uhrenhemmung seit 250 Jahren, interessierte sich zunächst kein Mensch dafür. Daniels tingelte durch die Chefetagen der Schweizer Uhrenindustrie, doch 1970 wollte niemand die Konstruktion kaufen. Erst Nicolas G. Hayek erkannte das ­Potenzial der Idee und schlug ein: 1999 kam das Kaliber 2500 mit der ersten Omega-Co-Axial-Hemmung. Acht Jahre später wurde die Technik industrialisiert und im ersten intern entwickelten Uhrwerk 8500/8501 eingesetzt.

Statt einem klassischen Ankerrad hat die Co-Axial-Hemmung zwei Gangräder. Sie sind – daher rührt der Name der Technik – übereinander auf einer Welle angeordnet. Gleichzeitig hat der Anker drei statt nur zwei Paletten, eine vierte sitzt auf der Unruh. Der grosse Vorteil: Das System arbeitet reibungsärmer als die konventionelle Lösung, das bringt einen höheren Wirkungsgrad und mithin eine stabilere Präzision. Für Präsident Stephen Urquhart steht fest: «Omegas Co-Axial-Kaliber setzen für die zukünftige Herstellung mechanischer Uhrwerke neue Massstäbe.»

Das Kaliber 9300/9301, das in der ­eigenen Fertigungsstrasse unter anderem von der Frau mit dem weissen ­Häubchen zusammengesetzt wird, dürfte da der ­legitime Nachfolger sein. Für Omega ist klar: Es ist das perfekte mechanische Uhrwerk.

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