Die Swatch Group hat nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr bewusst auf Kurzarbeit und damit auf entsprechende staatliche Entschädigungen verzichtet, zulasten des Gewinns. Was ist davon zu halten?
Dahinter steht eine grundsätzliche Frage: Wie sollten Liberale mit staatlichen Hilfsangeboten umgehen? Wirtschaftsvertreter beklagen lautstark den wachsenden Staat. Die Staatsquote wächst, Steuern und Sozialabgaben steigen. Doch sobald sie selbst von staatlichen Beihilfen profitieren können, reagieren sie umgehend. Ja, Manager können argumentieren, dass sie reagieren müssen – schliesslich sind sie ihren Aktionären verpflichtet, den Gewinn zu optimieren. Würden sie nicht ihre Treuepflicht verletzen, wenn sie Geld nicht abriefen, das der Staat bereitstellt?
Adriel Jost ist Ex-SNB-Mitarbeiter, Fellow am Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) in Luzern und Präsident des Thinktanks Liberethica.
Das betrifft nicht nur Unternehmen. Auch privat klagen viele Liberale über den ausufernden Staat – verzichten aber kaum auf staatliche Unterstützung, wenn sich dafür Möglichkeiten ergeben, selbst wenn ausreichend eigene Ersparnisse vorhanden wären.
Man könnte ein solches Verhalten als Pseudo-Liberalismus bezeichnen: Liberalismus für die Sonntagsrede. Gewinne teilen? Nein, Steuern und Abgaben gelten als Übel. Solange der persönliche Lebensentwurf funktioniert, werden Erträge möglichst privatisiert. Gerät er allerdings ins Wanken – zum Beispiel durch Jobverlust, Krankheit oder fehlende Mittel für Elternpflege oder Kinderbetreuung –, wird nach dem Staat gerufen. Die Gewinne bleiben individuell, die Risiken werden sozialisiert.
Liberal sein würde jedoch heissen, Eigenverantwortung zu übernehmen und bei Schwierigkeiten private Lösungen zu suchen, ohne reflexhaft beim Staat anzuklopfen.
Auch in der aktuellen Diskussion um die Individualbesteuerung gerät dieser Aspekt leicht in Vergessenheit: Die Ehe ist eine Wirtschafts- und Solidargemeinschaft, gerade auch für schwierige Lebensphasen. Ehepartner tragen Verantwortung füreinander, statt sie an den Staat zu delegieren. Es lässt sich argumentieren, dass die gesetzlich verankerte gegenseitige Unterstützungspflicht eine andere Art von «Heiratsstrafe» darstellt. Konsequenterweise müsste – bei Einführung der Individualbesteuerung – auch diese «Strafe» fallen, weil es als «ungerecht» gelten könnte, dass Ehepartner füreinander einstehen müssen, während dies von Konkubinatspaaren nicht im gleichen Umfang verlangt wird.
Doch ein liberaler Staat lebt davon, dass Bürger und Firmen Verantwortung übernehmen, statt sie systematisch dem Staat zu übertragen. Es dient der Gesellschaft, wenn sich zwei Menschen in einer Ehe gegenseitig absichern, bevor staatliche Auffangnetze greifen. Und kein liberaler Wirtschaftsvertreter sollte sich über eine steigende Staatsquote, höhere Steuern und Sozialabgaben wundern, wenn sich eine Mentalität ausbreitet, die lautet: Ich habe in staatliche Versicherungen eingezahlt, also optimiere ich mein Jahresergebnis in schlechten Jahren auf Staatskosten.
Dabei geht es nicht nur um Systemfragen. Eigenverantwortung bedeutet auch, Eigenständigkeit zu bewahren. Kurzfristig den anspruchsvolleren Weg zu wählen, kann langfristig bessere Resultate bringen. Das gilt im Privaten, wenn sich Investitionen in eine Beziehung – monetäre wie nichtmonetäre – auszahlen. Und dies war offenbar auch die Überlegung der Swatch Group. Der Uhrenhersteller schickte seine Mitarbeitenden nicht nach Hause. Diese sollten gemäss Konzernchef Nick Hayek die Zeit nutzen, um neue Materialien und Prozesse zu entwickeln.
Wir alle dürfen hoffen, dass sich diese Strategie auszahlt und Schule macht.