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Wohnen wie die Götter

Das «Beau-Rivage Palace» in Lausanne (bild) ist neu das beste Stadthotel der Schweiz, das «Giardino» in Ascona bleibt Nummer eins bei den Ferienhotels. Sieger bei den jetzt ebenfalls in Stadt- und Ferienhotels unterteilten Dreisternhäusern wurden «der Teufelhof» in Basel und das St. Moritzer «Waldhaus Am See».

Nein, das Zürcher «Baur au Lac» ist nicht schlechter geworden gegenüber dem vergangenen Jahr, als es die Nummer eins war unter den Schweizer Stadt- und Businesshotels. Direktor Michel Rey ist Vollblutgastgeber wie eh und je, seine Mitarbeiter sind kompetent und freundlich, Infrastruktur und Zimmerkomfort halten nach der 70-Millionen-Verjüngungskur jedem internationalen Vergleich stand, und auch die Köche haben nichts verlernt. Dass «Baur au Lac» und «Beau-Rivage Palace» die Plätze getauscht haben, hat nur einen Grund: Die Grande Dame der Schweizer Luxushotellerie in Lausanne Ouchy präsentiert sich nach Abschluss der Totalrenovation und der Wiedereröffnung Ende Mai dieses Jahres von derart überwältigender Schönheit, dass es dem Gast schier den Atem verschlägt.

101 Millionen Franken hat die Fondation de Famille Sandoz als Hauptaktionärin in den vergangenen sechs Jahren in die beiden kolossalen Belle-Epoque-Gebäude gesteckt. Vor Jahresfrist wurde das «Beau-Rivage Palace» als «Historisches Hotel des Jahres» ausgezeichnet, wobei im Jury-Bericht insbesondere die «erfreuliche Rücksichtnahme auf die historisch gewachsene Struktur» herausgehoben wurde. In der Tat wurden die architektonischen Zeugen der Vergangenheit auch in den 180 Zimmern und Suiten so originalgetreu wie irgend möglich restauriert und kontrastieren höchst wirkungsvoll mit allen erdenklichen technologischen Raffinessen des 21. Jahrhunderts. Und trotz seinen grandiosen Jugendstilsälen und Salons sowie grossen Distanzen – 160 Meter vom einen Ende des Hotels zum andern – strahlt der Palast eine bemerkenswerte Privathausatmosphäre aus. Der zum Verlaufen grosse, von jahrhundertealten Bäumen durchsetzte Park am Genfersee verleiht dem «Beau-Rivage Palace» überdies eine für Schweizer Verhältnisse einzigartige Grosszügigkeit.

Ziemlich einzigartig ist auch der Weg, auf dem General Manager Christian Marich hierher gelangte. Als Spross einer international tätigen Unternehmerfamilie in Uruguay aufgewachsen, gründete Marich nach dem Universitätsabschluss in Lausanne ein eigenes Bauunternehmen. Seine Tätigkeit brachte ihm Kontakte zu einigen der besten Hotels der Welt. Die Sandoz-Stiftung beauftragte ihn darauf mit der Planung eines neuen Eingangsbereichs sowie einer Garage fürs «Beau-Rivage Palace», übertrug ihm dann die Totalrenovation des Hotels und verpflichtete ihn vor acht Jahren als General Manager.

Hinter der Hotelperle am Genfersee und dem «Baur au Lac» taucht neu der von der Architektin Tilla Theus grossartig gestaltete «Widder» auf, der seinen kontinuierlichen Aufstieg vorderhand mit Rang drei gekrönt sieht. Zürichs jüngste und kleinste Luxusherberge, verteilt auf acht sorgfältig renovierte historische Häuser, bietet nebst vielen anderen Einzigartigkeiten auch eine einrichtungsmässige Revolution: Nirgends gibt es einen Teppichboden, dafür – je nach Ambiente – wunderbaren Parkett, edle Orientteppiche und weiche Schafwollläufer. Das als solches kaum erkennbare Hotel, in dem Beat R. Sigg die Privatsphäre des Gastes über alles stellt, ist auch Gründungsmitglied der jüngst ins Leben gerufenen exklusiven Kette The Leading Small Hotels of the World – und aus Zürich nicht mehr wegzudenken.

Innerhalb der Topten der Stadthotels zählen zu den Aufsteigern des Jahres neben dem «Widder» auch die «Villa Principe Leopoldo» in Lugano (plus sieben Ränge), das «Montreux Palace» (plus fünf) und das «Lausanne Palace» (plus vier). Den umgekehrten Weg ging das Zürcher Dolder Grand Hotel, das allzu lange vom grossen Namen gelebt hat und bös abstürzte (siehe Kasten «Sesseltanz der Direktoren» auf Seite 126).

Gänzlich aus der Rangliste der Businesshotels verschwunden sind das Genfer «Richemond», das Basler «Drei Könige am Rhein», der Berner «Schweizerhof» und das Zürcher «Arabella Sheraton Atlantis». Sie figurieren auf der neu eingeführten Watch-List, die mehrere Zwecke erfüllt: Sie dient als Auffangbecken für Hotels, die nicht schlechter geworden, von neuen aber verdrängt worden sind. Für andere ist sie Sprungbrett, und schliesslich finden sich hier die Namen jener, deren Zukunft abgewartet werden sollte.

Letzteres gilt für die Häuser der neuen Richemond Hotels Holding, an der die französische Industriellenfamilie Descours (Luxusgüter, Schuhe, Bekleidung) die Mehrheit hält. Die Investorengruppe hat neben den vier erwähnten Hotels auch das «Royal Savoy» in Lausanne sowie den Bürgenstock-Komplex erworben und scheint durchaus ehrenwerte Ziele zu verfolgen. Denn angestrebt wird gemäss offizieller, etwas komplizierter Version «die Schaffung von Kohärenz unter der Achtung der lokalen Kultur und der Authentizität jedes Hauses». Und für die operative Führung der Hotelkollektion wurden mit Victor Armleder («Richemond») sowie Jean-Jacques Gauer («Schweizerhof») auch zwei Profis von aufgekauften Hotels angeheuert.

Gleichwohl bleiben mehrere Fragen. Über Sinn und Zweck der Übung, von der Branchenexperten die Finger lassen würden, lässt sich nämlich ebenso munter spekulieren wie über die Identität der geheimnisumwitterten Kapitalgeber hinter den Descours. Und die 100 Millionen Franken, die in den nächsten zwei Jahren in das halbe Dutzend Nobelherbergen gesteckt werden sollen, können auch nicht eben weit reichen, wenn allein der Investitionsbedarf für den Bürgenstock-Komplex auf 60 Millionen veranschlagt wird.

Keinerlei Fragezeichen stehen dafür über dem besten Ferienhotel im Lande: Hans C. Leu brach mit seinem Albergo Giardino in Ascona im vergangenen Jahr noch einmal alle Rekorde. Eine Zimmerbelegung von 84,3 Prozent, 45 638 Franken Beherbergungsertrag pro Bett, 15,1 Prozent Umsatzsteigerung und eine Cashflow-Marge von 12 Prozent (1,65 Millionen Franken) – das sind Werte, die die Konkurrenz erschüttern.

Im Frühling ist der unbestrittene König der Schweizer Ferienhotellerie zu seiner Gala-Abschiedssaison angetreten. Und der Strom der Gäste, die den Leu ein letztes Mal in seinem «Giardino» erleben möchten, verebbt derzeit selbst dann nicht, wenn der Himmel mal weint über Ascona. Denn Mitte November, wenn die Traumherberge am Seerosenteich ihre Pforten schliesst, geht auch Leu für immer, um gemeinsam mit seiner Gattin Farida Wolf endlich das «andere» Leben zu geniessen.

Und der kreative Paradiesvogel, der als Quer- und Vordenker vor über drei Jahrzehnten die Luxushotellerie zu revolutionieren begann, hat noch einmal das Richtige getan: Er verabschiedet sich auf dem Gipfel des Ruhms, überladen von internationalen Preisen und Auszeichnungen wie kein Zweiter. Als seinen Nachfolger hat er Franz Reichholf, 37, auserkoren. Der mit einer Schweizerin verheiratete Österreicher war einst Leus Vize im «Giardino», führte zuletzt das Erstklasshaus «Silvretta Nova» in Gaschurn zu drei Rekordjahren – und hatte «den Puls eines Marathonläufers», als die Anfrage von Leu kam. Vor der «riesigen Aufgabe», in dessen Fussstapfen zu treten, hat Reichholf «Respekt, aber keine Angst». Vor allem wird er nicht den Fehler begehen, Leu zu kopieren: «Zu vieles verkäme zum müden Abklatsch.»

Sein Trumpf ist es, dass er im Jahr eins nach Leu auf das komplette «Giardino»-Kader zählen kann; auch auf den umworbenen Küchenchef Armin Röttele, dessen Künste längst einen «Michelin»-Stern verdienten. Indem Leu sein Drittel am Aktienkapital an den Metro-Finanzchef und neuen «Giardino»-Mehrheitsaktionär Hans-Dieter Cleven veräusserte (siehe Interview «Das tun, was Spass macht» auf Seite 126), hat er die Zukunft seines Lebenswerkes doppelt abgesichert.

Apropos Zukunft: Diese sieht in Ascona auch für das «Eden Roc» besser aus denn je, seit Multimilliardär und Hobbyhotelier Karl-Heinz Kipp seine wunderschöne, direkt am See gelegene Sommerresidenz mit dem «Europe» verschmolzen und 100 Millionen Franken in Umbau und Totalrenovation gesteckt hat. Das neue «Eden Roc», Aufsteiger des Jahres bei den Ferienhotels, ist eine an Raffinesse kaum zu überbietende Mischung aus Tradition und Futurismus, witzig verpacktem Glamour und moderner Extravaganz. Mit dem viel versprechenden Stephan Schué dürfte Kipp auch sein Direktorenproblem gelöst haben, und vom Herd her weht (endlich) ebenfalls ein neuer Duft: Stefan Schüller und Chris Trewer, zwei hoch talentierte, wohltuend «verrückte» und vor Kreativität übersprudelnde Jungstars der Gastroszene zaubern nichts Geringeres als die kulinarischen Höhenflüge des 21. Jahrhunderts auf den Tisch.

Die Hotellerie in Ascona hat es überhaupt in sich. Daniel Braun erhielt für seine unermüdliche Aufbauarbeit im sportlich-familiären Park Hotel Delta von der Branchenbibel «Guide Michelin» das vierte rote «Häuschen» und setzte seinen Aufstieg auch im BILANZ-Rating fort. Gar auf Rang zwei hinaufkatapultiert hat sich das Haus Paradies in Ftan. Ein Besuch in diesem in der idyllischen Bergwelt des Unterengadins gelegenen «Hotel mit Herz» ist für Ferienspezialisten geradezu ein Must geworden. Und das nicht allein der sagenhaften Küche (zwei «Michelin»-Sterne) von Eduard Hitzberger wegen. Die erstmalige Unterteilung in Stadt- und Ferienhotels auch bei den Betrieben mit drei Sternen führte dazu, dass Dominique und Monica Thommy-Kneschaurek mit ihrem «Teufelhof» am Rande der Basler Altstadt nach drei zweiten Plätzen (jeweils hinter dem St. Moritzer «Waldhaus am See») endlich an die Spitze gelangt sind. Eine verdiente Ehre, denn ihr tolles Gesamtkunstwerk zeichnet sich durch bemerkenswerte Konstanz aus.

Bei den Drei-Stern-Ferienhotels war das «Waldhaus am See» erneut nicht von der Spitze zu verdrängen. Und Besitzer Claudio Bernasconi lieferte wieder mal einen Gag der ganz besonderen Art: Mitten in der Wintersaison lud er all seine Mitarbeiter zu einem Weekend nach London ein; für das Wohl der begeisterten Gäste im randvollen «Waldhaus» sorgten derweil gemeinsam der Dorfpfarrer, die Chefs von Steueramt und Postautodienst sowie weitere 27 branchenfremde Freiwillige. Die Schlagzeilen waren landesweit, die PR unbezahlbar. Dafür brauchts manchmal gar keine Millionen. Eine geniale Idee tuts auch.

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