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Reisen: Die Paradiese von Dionysos

Südafrikanische Post­karten-Idylle: Rebhänge ob Stellenbosch.

So manche Weinregion macht Ferienlaune – und überrascht mit schönen Gutsherbergen und exklusiven touristischen ­Angeboten. BILANZ empfiehlt acht Destinationen. Auch für Weinbanausen.

Von Claus Schweitzer
12.11.2013

Früher war die Sache klar: Weinfreaks pilgerten im Herbst ins Burgund oder ins Bordelais, degustierten hinter verschlossenen Türen die neuen Jahrgänge, schlugen sich an üppigen Galadiners die Bäuche voll und liessen sich im Idealfall von einer Weinbruderschaft zum Ritter schlagen. Attraktive Übernachtungsmöglichkeiten in Weingütern, nette Restaurants ohne Bocuse-Allüren und Freizeitalternativen für weniger weinaffine Bonvivants konnte man in den berühmten Anbaugebieten an einer Hand abzählen.

Heute sieht das völlig anders aus. Die Weinregionen haben sich einem breiteren Publikum geöffnet und ihr touristisches Angebot entsprechend erweitert. Viele der einst zugeknöpften Weingüter sorgen neuerdings nicht nur mit Wein für Aufsehen, sondern machen mit dazugehörenden Restaurants, Kunstsammlungen und Herbergen von sich reden.

Picknicks am Kap

Die Cape Winelands im landschaftlich betörenden Wein­dreieck Stellenbosch–Paarl–Franschhoek nahe Kapstadt machen der Welt vor, wie man die Reise zur Quelle besonders reizvoll macht. Etwa mit den Vineyard Gourmet Picnics, die von zahlreichen Wineries angeboten werden und sich zum Megatrend bei einem jungen urbanen Publikum entwickelt haben. Man stellt sich auf der Website eines besonders schön gelegenen Guts – etwa Warwick Wine Estate oder Holden Manz Wine Estate – einen mit regionalen Delikatessen und Getränken gefüllten Picknickkorb zusammen, holt diesen in der Vinothek des jeweiligen Guts ab und sucht sich ein lauschiges Plätzchen für einen relaxten Nachmittag in den privaten Rebhängen. Viele südafrikanische Winzer haben zudem alte Keller in moderne Trendlokale verwandelt und talentierte Köche engagiert. Die machen sich über das Terroir Gedanken und entwickeln ihre Gerichte rund um die eigenen Gewächse – besonders stimmig im «Babylonstoren» bei Franschhoek.

Wer gleich im Weingut logieren will, hat am Kap die Qual der Wahl: kolonialistisch im «Grande Provence Estate», diskret elegant im «Alluvia» oder glamourös im «Delaire Graff Estate». Letz­teres ist der Fantasie des englischen ­Diamantenhändlers Laurence Graff entsprungen und bietet einen jener Anblicke, die auch beim Vielreisenden einen wohligen Schauer hervorrufen. Allein die Kunst- und Skulpturenkollektion lohnt die Anreise. Der Blick auf die Zimmerpreisliste verdeutlicht schnell, dass hier angesprochen werden soll, wer sich überall auf der Welt nur das Beste leisten kann und will.

Unter neuseeländischer Sonne

Wenn es das totale Landschaftsspektakel sein soll, empfiehlt sich eine Reise in die südlichste Weinregion der Welt, in die grandiose Seen- und Weinlandschaft von Central Otago in den neuseeländischen Alpen. Obwohl hier alle gängigen Vorstellungen von geeignetem Weinbauklima auf den Kopf gestellt werden, sorgen viele Stunden Sommersonnenschein und die vergleichsweise geringen Niederschläge für höchst vorteilhafte Bedingungen, besonders für die Traubensorten Chardonnay und Pinot noir. Rund 90 ­Wineries wetteifern um die besten Tropfen, darunter das biologisch bewirtschaftete Spitzenweingut Rippon Vineyard am Wanaka Lake, das zu den meistfotografierten Motiven Neuseelands gehört.

Gleich nebenan liegt das Hoteljuwel «Whare Kea Lodge», wo Gaumenfreuden ebenso garantiert sind wie Lichtblicke fürs Auge. Ausserdem koordiniert die «Lodge» für Bewegungshungrige diverse Outdoor-Abenteuer und hat für weniger sportliche Naturliebhaber stets einen ­Helikopter für Flugsafaris einsatzbereit – auf Wunsch auch zu den führenden Kiwi-Winzern.

Auch in Mendoza im Westen Argentiniens liegt die Leichtigkeit des Weins in der Luft, und auch hier haben dynamische Produzenten im High-End-­Weintourismus neue Einnahmequellen entdeckt. Genussreisende können dabei nicht nur stilvoll logieren und dinieren, sondern auch neue Weinfreunde kennen lernen, sich mit renommierten Önologen in die Geheimnisse der Wein­produktion vertiefen und aus erster Hand alles über Merlot, Cabernet und Malbec erfahren.

Die Anden zum Greifen nah

Der perfekte Ausgangsort, um die Region zu erkunden, ist das vor drei Jahren neu gebaute Weinguthotel «Entre Cielos», das sich diskret in die Rebenflut zu Füssen der Anden einfügt. Neben sechzehn stimmig modernen Zimmern lockt die Suite Limited Edition – eine futuristische ­Interpretation eines Weinberghäuschens und so cool, dass man lange im Voraus reservieren muss. Im Restaurant kann man es sich bei schnickschnackfreier ­argentinischer Marktküche gut ergehen lassen, ganz nach dem Motto «Viviendo la Vida». Der Wein-Concierge organisiert Besuche zu führenden Bodegas, auch zu Dieter Meiers «Ojo de Agua» – per Mountainbike, Mietauto oder mit Privat­chauffeur. Die Alternative für Golf­begeisterte sind die «Algodon Wine Estates», ein amerikanisch anmutendes Luxusresort mit gutem Marketing und noch besserem Golfplatz inmitten von Malbec-Stöcken.

Wer in zwei Wochen möglichst viel von Argentinien und Chile sehen und ­erleben will, ohne sich um irgendetwas kümmern zu müssen, bucht eine ­fachkundig begleitete Kultur- und Weinreise des Schweizer Reiseveranstalters Dreamtime Travel. Kultivierte Guides sorgen für permanente Highlights und Abwechslung auf hohem Niveau, das nächste Mal vom 1. bis 16. März 2014.

Reise zum Welterbe

Zu den wenigen Weinregionen, die den Status Unesco-Welterbe haben und damit als schutzwürdige Stätten von ausserordentlichem Wert gelten, zählen das Lavaux am Genfersee, die Wachau in Österreich, Tokaj in Ungarn, Saint-Emilion im Bordelais und das obere Dourotal in Portugal. Die beiden französischen Weinregionen Burgund und Champagne mussten ihre Hoffnung auf den prestigeträchtigen Titel vorerst begraben, arbeiten jedoch auf einen erneuten Antrag im Jahr 2015 hin. Touristisch gesehen ist das Emblem ­Unseco-Welterbe bares Geld wert. So ­verzeichnete die Douro-Region seit ihrer Auszeichnung 2001 einen rapiden ­Anstieg des weltweiten Interesses.

Wer bei den steilen Rebterrassen entlang dem Douro nur an Portwein denkt, liegt zwar nicht ganz falsch, hat aber zu sehr die Vergangenheit im Blick. Seit gut zehn Jahren machen engagierte Winzer, angeführt von den sogenannten Douro Boys, das wildromantische Tal zu einer Quelle finessenreicher Rotweine, die sich mit dem spanischen Vega Sicilia messen können, der rund 150 Kilometer weiter flussaufwärts wächst, wo der Douro (wie die Portugiesen sagen) zum Duero (spanisch) wird und die Weine des Ribera del Duero für erstaunte Gaumen und recht stolze Preise sorgen, Pesquera und Pingus sei Dank.

Guilherme Álvares Ribeiro ist einer der fünf innovativen Douro Boys, die längst keine Boys mehr sind, jedoch das Erbe ihrer etablierten Quintas erfolgreich ins 21. Jahrhundert gelenkt und mit ihren Weinen weltweite Beachtung ­gefunden haben. In seiner Quinta do ­Vallado in Peso da Régua atmet man ­portugiesische Lebensart von den Kellergewölben bis zum integrierten «Wine Hotel», das fünf Gästezimmer im Herrenhaus aus dem 18. Jahrhundert und acht Zimmer in einem schlicht-schönen Neubau umfasst.

Da diverse Landschaftsgebiete nicht mit Strassen erschlossen sind, erlebt man die Faszination des Dourotals am besten auf einer zwei- bis siebentägigen Flussreise zwischen der Hafenstadt Porto und der Grenze zu Nordwestspanien, etwa auf der «Amavida» oder der «Douro Queen». Beide Schiffe sind solide von der einheimischen Reederei Douro Azul geführt und mit einem zuverlässig organisierten Ausflugsprogramm gespickt – je nach Dauer der Reise auch mit einem lohnenswerten Tagesausflug in die mittelalterliche spanische Universitätsstadt ­Salamanca.

Kathedrale des Chianti

Die Welt des ­Chianti-Classico-Anbaugebiets braucht man nicht näher vorzustellen. Eine­ wunderbare Welt ist das, die immer noch und immer wieder schönste Glücksgefühle garantiert. Ein neues Highlight ist die «Cantina Antinori» in Bargino ­zwischen Florenz und Siena: ein unter­irdischer Weintempel des Familien­imperiums, das bereits seit 1385 im Wein­ge­schäft tätig ist und bisher kein ­repräsentatives Besucherzentrum hatte. 110 Millionen Euro wurden verbaut, dennoch ist von der Bottega – abgesehen von einem lang gestreckten, elegant geschwungenen Dach inmitten von toskanischen Weinhügeln – von aussen kaum etwas zu sehen.

Ein architektonisches Meisterwerk des Understatements, fern der modernen Weinpaläste, die schreiend in der Landschaft stehen. Neben Degustations- und Verkaufsräumen stehen den Besuchern auch ein Restaurant und ein Museum offen. Letzteres stellt historische und zeitgenössische Kunst aus der Antinori-Sammlung aus und sieht sich in der Tradition des Florentiner Mäzenatentums.

Auch die Familie Mazzei zählt zu den ältesten Winzerdynastien der Toskana. Auf den 650 Hektaren Land des Castello di Fonterutoli produziert sie seit 1435 und in der 24. Generation qualitativ herausragende Chianti-Classico-Weine. Im hauseigenen mittelalterlichen Weiler Fonterutoli bei Castellina, wo die Weine reifen und lagern, bietet die Familie auch ein schmuckes kleines Restaurant und zwölf freundliche Gästezimmer.

Es ist alles sehr authentisch hinter den alten Mauern, der Alltag weit weg. Und wenn man morgens am Holztisch das Frühstücksei aufschlägt und einen Cappuccino geniesst, fragt man sich einen Moment lang, in welchem Jahrhundert man erwacht ist.

Wer Wein nicht nur trinken, sondern auch darin eintauchen will, unterzieht sich im «Les Sources de Caudalie» den Wohltaten der hier erfundenen Vinotherapie, die auf den natürlichen antioxidativen Kräften von Trauben basiert. Dabei badet man zwar nicht im edlen Bordeaux, aber immerhin in hiesigem Quellwasser mit Traubenkernessenzen.

Wein-Wellness im Bordelais

Nach dem zwanzigminütigen Bain Barrique kribbelt die Haut von Kopf bis Fuss, fast so, als ob man ein bisschen beschwipst wäre. Das vielfach ausgezeichnete ­Weinguthotel inmitten des Grand-Cru-­Gebiets von Graves bietet nicht nur das beste Spa im Bordelais, sondern auch die schönsten Zimmer und mit dem Château Smith Haut Lafitte einen hoch dotierten Hauswein. Geheimtippjäger finden im «Château du Tertre» im Margaux und im «Château de Môle» im Hinterland von Saint-Emilion stilvolle Unterkünfte im Weinberg.

Wenn man nicht gerade Robert Parker heisst oder Chefeinkäufer eines japanischen Weinhandelsunternehmens ist, bleibt der Zugang zu den berühmten Châteaux schwierig. Immerhin ermöglichen viele Topwinzer an einzelnen ­Wochenenden im Jahr Einblicke und ­Degustationen in ihren Schlosskellern, etwa an den «Saint-Emilion Portes Ouvertes» im Mai. Weinliebhaber und Profis, die ihr Know-how dort erweitern möchten, wo leidenschaftliche Experten önologisch alles Engstirnige hinterfragen, finden an der Ecole du Vin de Bordeaux ein attraktives Spektrum an Kursen und Workshops.

Kalifornien laut

Zu den landschaftlich anmutigsten Weinregionen zählen auch das Piemont, die Rebhänge um Cassis in der südlichen Provence und das Napa Valley. Letzteres zeigt bei aller Schönheit und Vielfalt auch die Schattenseiten der touristischen Vermarktung. Die kalifornische Weinwunderwelt ist zu einem Disneyland für Möchtegern-Connaisseurs geworden, zu einem Klischee ihrer selbst – mit einem beinahe unüberblickbaren Angebot an Wine Bars, Restaurants, Degustations- und Vergnügungsmöglichkeiten. Doch da gibt es auch bemerkenswerte, öffentlich zugängliche Kunstsammlungen renommierter Weingüter wie The Hess Collection oder Clos Pegase sowie eine hochstehende Hotellerie – toskanisch inspiriert wie im «The Meritage Resort & Spa» in Napa oder besonders naturnah im «Carneros Inn» inmitten der Weinberge zwischen Napa und Sonoma. Auch zählt die Napa Valley Wine Auction, die jeweils an vier Tagen im Juni (5.–8. Juni 2014) stattfindet, zu den weltweit wichtigsten Wein-Events und zieht viele amerikanische VIPs an, vom erfolgreichen Politiker bis zum abgehalfterten Popstar – beziehungsweise mit umgekehrten Attributen.

Kalifornien leise

Stille Geniesser und Naturfreunde zieht es ins Santa Ynez Valley, das zwei Autostunden nördlich von Los Angeles im Santa Barbara Wine Country liegt und seit dem wein­seligen Roadmovie «Sideways» zu Kultstatus gelangt ist.

«Das Lebensgefühl im Santa Ynez Valley ist heute so, wie es in Napa vor 25 Jahren war», sagt Richard Sanford, Begründer der lokal massgeblichen Alma Rosa Winery. «Alles ist hier noch sehr entspannt, und die Weinmacher helfen sich gegenseitig aus. Fällt uns etwa ein wichtiges Gerät aus, das wir nicht sofort ersetzen können, leihen wir uns eines vom ­benachbarten Weingut.» Und wenn interessierte Besucher nicht wissen, was es mit den Eigenheiten des Terroirs und den Feinheiten der Pinot-noir-Herstellung auf sich hat, führt sie Richard Sanford ohne kommerzielle Hintergedanken unkompliziert in die hiesige Weinkultur ein. Zwar gibt es keine Übernachtungsmöglichkeiten im Weinberg, doch wenige Meilen entfernt hat «The Ballard Inn & Restaurant» das gewisse Etwas kalifornischer Gastlichkeit.

Der mit einem «Oscar» ausgezeichnete Film «Sideways» widmet übrigens dem Wein eine wunderschöne Liebes­geschichte, die zu jener Wahrheit findet, die eigentlich gemeint ist, wenn es heisst: In vino veritas.

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