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London: Hauptstadt der Welt

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Menschen aus rund 200 Nationen leben in London. Keine andere Stadt präsentiert sich so international – und zieht arme Immigranten ebenso an wie prominente Milliardäre.

Von Yvonne Esterházy
20.03.2008

Kinga Skonieczna lacht. Ihr rabenschwarzer Pferdeschwanz wippt, die abgeschrägten pink-schwarzen Ponyfransen tanzen auf ihrer Stirn, und der kleine Diamant unter ihrer Nase funkelt. «Ich mag es hier, es gibt so viele verschiedene Menschen, immer Abwechslung», sagt die Friseuse in gebrochenem Englisch. Seit einem Jahr ist die 22-Jährige mittlerweile schon in London – und sie will «nicht mehr nach Polen zurück». Im Unisex-Salon «Hair Works» im Westlondoner Stadtteil Hammersmith fand die junge Friseuse sofort einen Job. Ihre Chefin ist Türkin.

In Hammersmith fühlt sich Kinga auch deswegen wohl, weil es fast wie zu Hause zugeht. Einkaufen geht man im Zapraszamy. Dort gibt es «the best food from Poland». Selbst Knorr-Suppen und Dr.-Oetker-Puddingpulver stehen in polnischer Originalverpackung im Regal. «New Products, sorry, no english information», warnt ein Schild eingeborene Londoner, falls sie sich mal hierher verirren sollten. Um die Ecke, in der Buchhandlung Ksiegarnia, sind Bücher über Johannes Paul II. und Harry-Potter-Bände auf Polnisch zu finden. Im Jazz Café gleich nebenan tritt der polnische Pianist Mateusz Kotakowski auf.

Seit 2004 sind schätzungsweise 1,8 Millionen Ausländer ins Land gekommen, allein nach London 650  000 Einwanderer, so der «Daily Telegraph». Die meisten der osteuropäischen Zuwanderer stammen aus Polen. Längst arbeiten sie nicht nur zu niedrigen Löhnen als Kellner, Installateure, Verkäuferinnen oder Kindermädchen. Der Bauunternehmer Sylvester Wasko etwa lebt im Südwesten Londons in einer schicken Villa; seine Kinder besuchen teure Privatschulen.

Zwei Gründe machten den Zustrom möglich: Anders als andere EU-Länder wie etwa Deutschland verzichtete die Labour-Regierung 2004 darauf, die Einwanderung aus den neuen östlichen EU-Mitglieds­ländern zu begrenzen − und der wirtschaftliche Boom schuf unzählige neue Arbeitsplätze. Zwischen 1997 und 2007 entstanden mehr als zwei Millionen neue Stellen − rund 80 Prozent wurden, wie das Arbeitsministerium einräumen musste, mit Ausländern besetzt. «Die Regierung schuf britische Jobs für ausländische Arbeitskräfte», kritisiert der konservative Politiker Chris Grayling.

Doch Polen, Tschechen, Ungarn und Slowaken sind nur ein Teil der multikulturellen Bevölkerungsmelange in London, wo mehr als 200 verschiedene Nationalitäten zu Hause sind. Hier ist jede Rasse und jede Hautfarbe vertreten, mehr als 100 verschiedene Sprachen und Dialekte werden gesprochen. Fast 40 Prozent der mehr als sieben Millionen Einwohner der britischen Hauptstadt wurden im Ausland geboren.

Schon zu Zeiten des British Empire zog die Stadt Menschen aus den ehemaligen Kolonien magnetisch an. Später, in den siebziger Jahren, kamen infolge steigender Ölpreise und des neuen Reichtums der Golfstaaten viele wohlhabende Araber nach London. Bis in die achtziger Jahre zogen Tausende Menschen aus der Karibik, aus Indien, Pakistan und Bangladesh an die Themse. Um die Jahrhundertwende kamen dann die reichen Russen, mit der EU-Osterweiterung 2004 schliesslich die Polen, Slowenen, Tschechen und Slowaken.

Heute ist London multikultureller denn je. Amerikanische, europäische und asiatische Banken haben einen scheinbar unstillbaren Bedarf an Investment Bankers, Analysten und Devisenhändlern. Die Kunst- und Werbeszene wirkt als Magnet für Kreative aus aller Welt. Die Superreichen aus Russland, Amerika, Indien, den Golfstaaten und vielen anderen Teilen der ganzen Welt lieben die Sicherheit und das internationale Flair der Metropole − und profitieren von den Steuerprivilegien für Ausländer, die nur ihre britischen Einkünfte versteuern müssen, alle anderen Einnahmen bleiben steuerfrei.

Nutzniesser sind beispielsweise der russische Oligarch Roman Abramowitsch, der indische Stahlbaron Lakshmi Mittal und der schwedische Tetra-Pak-Erfinder Hans Rausing, aber unter anderem auch die Schweizer Investoren Tito Tettamanti und Donald Hess oder der Devisenhändler Urs Schwarzenbach. Und natürlich die Private-Equity-Chefs, wie der gebürtige Ägypter Sir Ronnie Cohen.

Zwar sollen Ausländer, die länger als sieben Jahre in Grossbritannien wohnen, ab April einen Pauschalbetrag von jährlich 30  000 Pfund bezahlen. Doch «für die wirklich Reichen wird dies nicht mehr als ein lästiger Flohbiss sein», sagt Vince Cable, finanzpolitischer Sprecher der oppositionellen Liberaldemokraten.

Für den Luxuskonsum bleibt noch immer genug. «Die reichen Amerikaner, Russen, Inder kennen sich gut aus, und der Preis spielt für sie keine Rolle», sagt Alisa Moussaieff, die in der renommierten Bond Street teuren Schmuck verkauft. Viele Boutiquen an der Bond Street − Gucci, Fendi, Louis Vuitton, Christian Dior − haben inzwischen russische Verkäuferinnen angestellt.

Rund 250  000 Russen haben London zum «Moskau an der Themse» gemacht − mit drei florierenden russischen Tageszeitungen und vier eigenen Schulen. Nicht jeder kann so reich sein wie die Oligarchen Roman Abramowitsch oder Boris Berezovski, aber alle wissen die Weltläufigkeit und Liberalität der Stadt zu schätzen. Als politischer Flüchtling kam der 37-jährige Banker Alexei Moisejew noch in der Gorbatschow-Ära in die Stadt: «London ist die Hauptstadt der Welt, hier werden Menschen unterschiedlicher sozialer Schichten und verschiedener ethnischer Abstammung mit Respekt behandelt.»

Während für die Russen Sicherheit und Shopping im Vordergrund stehen, kommen die Südkoreaner vor allem wegen des britischen Bildungssystems nach London. Die grösste südkoreanische Gemeinschaft Europas ist in New Malden, einem Vorort im Südwesten. «Unsere Kinder sollen Englisch lernen und später einmal auf eine englische Universität gehen», sagt der 43-jährige Kwangjae Oh, der seit neun Jahren in Grossbritannien lebt. Für Bildung geben seine Landsleute viel Geld aus: «Mehr als die Hälfte des Einkommens meines Bruders steckt er in die Schulausbildung seiner Kinder», sagt Oh, der sich in Grossbritannien als Gärtner durchschlägt.

Im Osten liegt die Brick Lane. Dort wohnen arme Einwanderer aus Indien, Pakis­tan und Bangladesh. «Banglatown» nennen Einheimische die Gegend. Verschleierte Frauen tuscheln vor dem Halal-Metzger, ein Hauch von Curryduft hängt in der Luft, überall dudeln lang gezogene arabische Klänge. Bärtige Männer in knie­langen Hemden, weissen Hosen und muslimischen Gebetskappen (Kufis) schlurfen aus der Moschee.

Wegen ihres geringen Bildungsniveaus haben die 150  000 in London lebenden Bangladesher weniger Erfolg als Inder und Pakistaner. Meist arbeiten sie als Köche, Kellner oder Hilfskräfte in Curryrestaurants. «Es fehlt an Vorbildern für andere Berufe», meint Misbah Mosobbir, Gründer von BobNetwork, einer Vereinigung, die sich um seine Landsleute kümmert. Mosobbir selbst ist die Ausnahme. Er schaffte in Abendkursen die Universitätsqualifikation und ist heute Investment Banker.

Ins Finanzviertel hat er es nicht so weit. Die City lässt sich von Brick Lane aus zu Fuss erreichen und ist eine völlig andere Welt. In den Auslagen funkelt teurer Diamantenschmuck, schimmert hochwertiges Leder. Männer in Nadelstreifenanzügen, Frauen in gedeckten Kostümen und klassischen Hosenanzügen hasten tagsüber durch die Strassen. Abends wird in den Bars und Res­taurants teurer Champagner gereicht. In der Nachbarschaft der Bank of England schlägt das Herz des englischen Kapitalismus − den Gesetzen der Profitmaximierung wird alles andere untergeordnet.

Auch hier hört man häufig Englisch mit Akzent: 27 Prozent aller Beschäftigten in der City sind Ausländer. Amerikaner, Australier, Inder, Südafrikaner, Schweizer, Franzosen, Italiener. Verantwortlich dafür ist der Big Bang, mit dem die damalige Premierminis­terin Margaret Thatcher 1986 den Finanzplatz London radikal deregulierte und damit ausländischen Banken und Finanzinstitutionen die gleichen Rechte einräumte wie den einheimischen Häusern. Viele britische Bankhäuser wurden von ausländischen Instituten aufgekauft, die ihre eigenen Leute mitbrachten. Manche, wie der Inder Anshu Jain, wurden Stars. Er ist heute der mächtigste Banker bei der Deutschen Bank in London; der US-Amerikaner Bob Diamond leitet Barclays Capital, und der bei uns weniger bekannte Libanese Walid Chammah steuert als einer von zwei Co-Präsidenten von London aus die Wall-Street-Bank Morgan Stanley.

Das Privatleben der Hochfinanz findet immer noch weitgehend in den westlich gelegenen Edelstadtteilen Kensington und Chelsea, Knightsbridge, Mayfair und Notting Hill statt. Hier leben die begüterten Briten und Ausländer, und hier verschwimmen die Grenzen zwischen den Nationalitäten − die Wohlhabenden und Superreichen bilden eine Multikultiklasse für sich. Rund 66 Prozent der Edelimmobilien mit einem Preis von mehr als zwei Millionen Pfund (4,2 Millionen Franken) sind nach Angaben der Maklerfirma Knight Frank im Besitz von Ausländern.

Das US-Magazin «Forbes» recherchierte, dass in London inzwischen 23 Dollar-Milliardäre leben, und die «Sunday Times» schätzt, dass allein diese Bevölkerungsgruppe über ein Vermögen von insgesamt 36 Milliarden Pfund verfügt. Der indische Stahlbaron Lakshmi Mittal lebt in Kensington Palace Gardens in einem prachtvollen Anwesen mit einem Ballsaal, zwölf Schlafzimmern, einer eigenen Gemäldegalerie und einem juwelenbesetzten Schwimmbad, dessen Dach von vergoldeten Palmensäulen getragen wird. Mittal hatte das Gebäude dem Formel-1-Gründer Bernie Ecclestone vor einigen Jahren für 57 Millionen Pfund abgekauft. «Ich bin stolz darauf, Inder zu sein. Ich habe einen indischen Pass, aber ich betrachte mich selbst als Weltbürger», sagte er einer englischen Zeitung.

Kensington Palace Gardens ist nach Angaben des Immobilienmaklers Knight Frank die exklusivste Adresse in London und wird im Volksmund auch Milliardärsstrasse genannt. Mittals Nachbarn sind unter anderem der Sultan von Brunei, Hassanal Bolkiah, sowie der kuwaitische und der saudi-arabische Botschafter. «Zum Wohlstand dieser Stadt tragen aber nicht nur die Milliardäre, sondern vor allem die vielen weitgehend unbekannten Millionäre bei», sagt John Clemens vom privaten Forschungs­institut Tulip Financial Research. Seit 1999 hat sich die Zahl der Menschen, die im Vereinigten Königreich mehr als 100  000 Pfund (210  000 Franken) im Jahr verdienen, auf 482  000 mehr als verdoppelt − 60 Prozent dieser Topverdiener leben im Grossraum London. Die britische Hauptstadt ist mit einem Jahresdurchschnittseinkommen von 67  000 Franken pro Einwohner eine der reichsten und teuersten Städte Europas.

«Im globalen Wettbewerb ist es für die Führungsposition einer Stadt wichtig, die Wohlhabenden anzuziehen und sie dann auch zu halten», sagt Tony Travers von der London School of Economics. Auf der Strecke bleiben dabei immer häufiger die Angehörigen der englischen Mittelklasse, die von den exorbitant hohen Häuserpreisen und den teuren Lebenshaltungskosten in die abgelegenen Vorstädte vertrieben werden.

«Ich bin in Fulham geboren und aufgewachsen, aber heute kann ich nicht einmal mehr davon träumen, dort zu wohnen», sagt Deborah Mansel, Mutter einer 16-jährigen Tochter. Sie ist Friseuse, ihr Mann fährt Taxi. Verbittert ist sie darüber, dass ihre Familie sich nicht einmal Hoffnung auf eine Sozialwohnung machen kann. «Ausländische Familien stehen oben auf der Liste, wir dagegen haben keine Chance.»

Solche Klagen sind vor allem im armen Osten Londons zu hören, wo die rassis­tische BNP-Partei Kapital aus der Misere schlägt. Frustrierte Wähler verhalfen BNP in den grossteils von Einwanderern bewohnten Stadtvierteln Dagenham und Barking zu elf Sitzen in Kommunalparlamenten.

Doch Labour-Bürgermeister Ken Livingstone, der sich in diesem Mai wieder zur Wahl stellt, bleibt zuversichtlich: «Meinungsumfragen zeigen, dass 80 Prozent aller Londoner den vielseitigen, multikulturellen Charakter unserer Stadt schätzen. Die wirtschaftlichen Vorteile sind enorm und haben unsere Stadt so erfolgreich werden lassen, dass sie sogar New York abgehängt hat.» Selbst wenn er verlieren sollte, dürfte sich an der internationalen Ausrichtung der britischen Metropole nicht viel ändern. Livingstones konservativer Gegenkandidat Boris Johnson ist in diesem Punkt der gleichen Meinung.

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