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London erlebt den grossen Post-Brexit-Boom

London: Brexit? Who cars! Keystone

In London brummt der Trendmotor auf Hochtouren. Die Stadt arbeitet an innovativen Verkehrsprojekten, lockt mit neuen Museen und kultigen Shops - und mit dem Pfund auf attraktivem Rekord-Tiefstand.

Von Brigitte Ulmer
am 14.10.2016

London im Brexit-Katzenjammer? Von wegen. Drei Monate nach dem Referendum läuft die Maschine ökonomisch und kulturell so geölt wie nie. Die Juwelen- und Uhrengeschäfte an der edlen Bond Street erfreuen sich seit der Abstimmung an bis zu 20 Prozent mehr Umsatz, genauso wie das Traditionsgeschäft Fortnum & Mason bei Piccadilly. Dazu gibt es viel mehr Touristen als im Vorjahr, der Anstieg ist vor allem bei den Chinesen rasant. Das «Claridge's» und das «Dorchester» verzeichnen die besten Sommer- und Frühherbstmonate ihrer Geschichte.

Nach dem Referendum ist die Apokalypse also noch nicht eingetreten. Im Gegenteil: Die Stadt ist von einem «bemerkenswerten Post-Brexit-Boom» («Evening Standard») erfasst. Zum einen liegt er an der Pfund-Abwertung um 15 Prozent. Doch auch das Lebensgefühl scheint anders: Es ist, als hätte der Stromstoss vom 23. Juni noch mehr Energie freigesetzt in der laut Bürgermeister Sadiq Khan «besten Stadt der Welt».

Erfindet sich als Designstadt neu

Neue Initiativen und Projekte jagen einander, als gälte es, der Welt zu zeigen, dass Londons Dynamik von keiner anderen Stadt zu überbieten ist. Gerade erfindet sich die Trendmetropole als Designstadt neu: mit einem Festival und der ersten Design-Biennale, die in den eleganten Räumen des Somerset House über die Bühne geht.

Im Stadtteil Kensington, wo sich die Dukes und Counts von den russischen und ukrainischen Millionären sowie den saudi-arabischen Scheichs immer mehr an den Rand gedrängt fühlen, öffnet im November das neue Design Museum. Und wo gäbe es dazu imponierendere Gebäude als in der Hauptstadt eines ehemaligen Kolonialreichs? Das Museum findet im alten Glaspalast des Commonwealth Institute am Rande des lauschigen Holland Park Unterschlupf. Tom Dixon, der Star von Englands Designszene, betreibt seinen riesigen Shop mit Restaurant in den Portobello Docks.

Die Stadt wird zum Bienenhaus

Schon im Oktober wird London aber wegen der «Frieze-Woche» zum Bienenhaus. Die potentesten Sammler aus Shanghai, Miami und Abu Dhabi pilgern dann in die Zeltstädte der beiden Kunstmessen «Frieze» und «Frieze Masters» im Regent's Park. In der Freiluft-Skulpturenausstellung werden die Eichhörnchen wieder zwischen den sündhaft teuren Kunstobjekten von Blue-Chip-Künstlern aus aller Welt herumhüpfen. Die verschwiegene Zunft der Kunsthändler vertraut ohnehin auf die globale Vernetzung der Metropole.

Galerien wie Hauser & Wirth oder Gagosian und mit ihnen die wichtigsten internationalen Kunsthändler eröffneten in den letzten Jahren Filialen in London, und soeben hat sich auch Thaddaeus Ropac aus Salzburg einen imposanten Stadtpalast in Mayfair gesichert.

Ungezügelter Immobilien- und Finanzboom

Drüben am Südufer der Themse hat man den besten Blick auf das, was mit dieser Stadt in der letzten Dekade passiert ist, vor allem mit dieser Skyline, die von ihren Kritikern als «messy» bezeichnet wird. Wenn man auf der Aussichtsterrasse der neuen Tate Modern, des spektakulären, in Form einer Pyramide erbauten Annexes von Herzog & de Meuron steht, spricht der ungezügelte Immobilien- und Finanzboom der letzten Dekade tatsächlich unverblümt zu einem. Immerhin, die dekonstruierte Pyramide, die seit ihrer Eröffnung im Juni täglich Zehntausende von kulturbeflissenen Menschen aufsaugt, hebt sich selbstbewusst von der architektonischen Unordnung ab.

Hier oben scheint das Brexit-Schreckensszenario - eine Stadtwüste, in der Londons ikonische Wolkenkratzer, Norman Fosters «Gherkin», Richard Rogers' «Cheesegrater» und Renzo Pianos «The Shard», dereinst nur noch Symbole einer versunkenen Welt sind - jedenfalls um Lichtjahre weg. Nein, denkt man, diese Stadt, die in den siebziger Jahren noch die düster-graue Kapitale des «armen Mannes Europas» war, ist nicht so schnell kleinzukriegen. In der Pipeline stecken zudem eine «Garden Bridge», eine Seilbahn über der Themse und ein Velo-Superhighway.

Jedes der Projekte soll die Acht-Millionen-Metropole menschenfreundlicher machen. Das grösste Projekt, die Crossrail, die den Grossraum London mit dem West End, der City und der Canary Wharf verbinden wird, soll als Konjunkturspritze wirken. Es ist das aufwendigste Eisenbahnprojekt Europas.

Der neue Hotspot und die coolste Strasse

Das Selbstbewusstsein der Londoner ist jedenfalls nicht kleiner geworden. «Sie werden weiterhin unsere Rolls-Royces kaufen, und wir werden nicht damit aufhören, ihre Mercedes zu kaufen», sagt ein Antiquitätenhändler, der in seinem Geschäft an der Chiltern Street im Marylebone-Quartier seit über 30 Jahren viktorianische Mahagoni-Möbel und vergoldete Spiegel verkauft. Sein Ladengeschäft liegt im Epizentrum der Trendstadt, seit der «Condé Nast Traveller» seinen Strassenzug zur «coolsten Strasse Londons» geadelt hat.

Grund dafür sind Dutzende von Independent Shops und Boutiquen, aber auch der neue Hotspot, das «Chiltern Fire House» schräg gegenüber. Die ehemalige Feuerwehrstation aus dem Jahr 1889, die vom Hotel- und Restaurant-Tycoon André Balazs zum chicsten Hotel der Stadt umgebaut wurde, wird von Leuten wie Kate Moss und David Cameron frequentiert. Der Mann der Traditionen wundert sich über die getunten Ferraris, die hier seit kurzem aufkreuzen, und den Bikini-Laden, der ein paar Schritte weiter wenige Zentimeter grosse Stoffteile für 200 Pfund verkauft.

Coffeeshops mit Dutzenden von Kaffeesorten und eine nordische Bäckerei haben geöffnet, und schräg gegenüber hält Kate Moss' Lieblingsdesignerin, Bella Freud - die Urenkelin des Psychoanalytikers Sigmund und Tochter des Malers Lucian - , mit ihrer ersten Boutique Hof. Eine litauische Schönheit amtet dort als Verkäuferin, daneben hat eine Griechin ihren Concept Store angesiedelt. Unterhalb des Piccadilly Circus, am Haymarket, hat der Dover Street Market einen neuen Flagship Store eröffnet, in Ausmass wie Präsentation museal.

Lange vorher reservieren

Kein Trend, der nicht in London seine grosse Bühne bekäme. Im neuesten In-Restaurant in Notting Hill, der «Farmacia» von Camilla Fayed, der Tochter des früheren Harrods-Besitzers, wird vegane Küche zelebriert. Man muss mehrere Wochen im Voraus reservieren, um Schulter an Schulter mit Stella McCartney oder Eugenie Niarchos in den Genuss obskurer Superfood-Salate zu kommen. Im Daylesford Organic Food Store, der Käse und Fleisch von der eigenen Farm verkauft, stehen sich die «Yummie Mummies» von Notting Hill die Sneakers platt. Allabendlich bildet sich eine Schlange vor den Hotspots der internationalen Küchen, etwa dem «Bao» (taiwanesisch) in Soho und dem «Palomar» (israelisch) im Theatre District.

Die Stadt fühlt sich noch immer als der dynamischste Bauchnabel der Welt und gibt sich als Schnittpunkt der Kulturen. Und: Wie immer erfindet sie sich gerade wieder neu. Daran ist, nebst den Kreativunternehmern der Stadt, auch der neue Labour-Bürgermeister Sadiq Khan beteiligt. Der Sohn eines pakistanischen Buschauffeurs hat die Kommunikationskam pagne «London Is Open» lanciert, mit der Absicht, allfälligen isolationistischen Gefühlen entgegenzuwirken.

Mit der Aktion, die auf Postern jedermann in der Stadt willkommen heisst, geniesst er von links bis rechts, bei Kreativen wie bei Bankern, viel Sympathie: «Zu den Good News aus London gehört der neue Bürgermeister», findet etwa Hans Ulrich Obrist, der einflussreiche Schweizer Direktor der Serpentine Galleries. «Er ist ein brillanter Mann und setzt jetzt auch noch einen Nacht-Bürgermeister ein, der London zur 24-Stunden-Stadt machen soll.» Kürzlich wurde tatsächlich die Night Tube, die Nacht-U-Bahn, inauguriert. Davon verspricht man sich noch mehr Schub.

Der Optimismus überwiegt

Natürlich ist es noch zu früh, um zu sagen, was mit London nach dem Brexit geschieht, ob die Banker und Start-up-Gründer wirklich scharenweise nach Frankfurt und Berlin abziehen. Aber die Engländer sind bekanntlich Pragmatiker, und es herrscht ein gesunder Zweckoptimismus. «London wird nicht fallen. Sein Fundament ist zu stark», sagt Richard Brooks, Wirtschaftsjournalist bei «Private Eye», einer britischen Institution für Satire und investigativen Enthüllungsjournalismus.

Er sitzt über Mittag in einem italienischen Café am Soho Square, unweit der Redaktionsbüros, und nippt an einem Latte macchiato, auf den wohl kein Londoner mehr verzichten wollte. «Die aktuelle Regierung wird alles daransetzen, dass London als führendes Finanzzentrum Europas bestehen bleibt.»

Londons Vorteile - die englische Sprache, die Infrastruktur, die Attraktivität - verschwinden nicht über Nacht. Der CEO der Canary Wharf Group, George Iacobescu, sieht jedenfalls der Zukunft gelassen entgegen, wie er kürzlich erklärte: «London erlebt immer wieder von neuem eine Renaissance.» Es ist die Stimme des Mannes, der nach der Deregulierung der englischen Finanzmärkte 1986 die Glaspaläste für HSBC, Citigroup, Credit Suisse und Barclay's in den Docklands hochgezogen hat. Die Möglichkeiten der Neuerfindung waren schon immer endlos.

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