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Abenteuer 
Extremreisen: Ferien auf die ganze harte Tour

Extremreisen: Ferien auf die ganze harte Tour
Vietnamesische Höhle: Abenteuerreisen sind nichts für Warmduscher. Ryan Deboodt

Dieser neuer Trend der Reisebranche ist nichts für Warmduscher: Auf Extrem-Expeditionen bugsieren Ex-Elitesoldaten Reisegäste aus der Komfortzone. Ziemlich teuer, aber mit hohem Renommierfaktor.

Von Alice B-B
2016-05-02

Norwegen – am Polarkreis. Ich bin von einem Rudel Wölfen umzingelt. Sie heulen, springen mich an, ­beschnüffeln mich von unten bis oben, versuchen sogar, mich zu lecken. Ich bin wie versteinert, aber die Regel ist eisern: Ich darf auf keinen Fall ver­suchen, sie zu verjagen – das würde umgehend als Konfrontation verstanden.

Der einzige Grund, warum ich zuversichtlich daran glaube, dass ich das hier überleben werde, ist ein Mann direkt neben mir: Polarforscher Henry Cookson. Cookson steht als Aushängeschild für eine Art des Reisens, die immer beliebter wird: wilde, ­exklusive Entdeckungsreisen.

In den USA hat der neue Trend für Schlagzeilen gesorgt, als US-Präsident Barack Obama sich mit dem prominenten Abenteurer, TV-Moderator und ehemaligen Special-Air-Service-­Reservisten Bear Grylls in die Wildnis Alaskas wagte – und das auf einem Selfie-Foto verewigte.

«Einstige Übergewichts-Banker»

Bei Henry Cookson erwachte die Lust auf Abenteuerreisen schon vor mehr als zehn Jahren. Der – wie er über sich sagt – «einstige Übergewichts-Banker» hat zwei Weltrekorde aufgestellt: 2005 nahm er mit einem Team am Scott-Dunn-Rennen zum magnetischen Nordpol teil und beendete das Rennen in knapp neuneinhalb Tagen. Das war volle zwei Tage schneller als der damalige Bestwert. Der zweite ­Rekord, diesmal 2007, brachte einen Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde. Und zwar für das Erreichen des Pols der Unzugänglichkeit in der Antarktis auf Kite-Ski. Die Reise auf der Suche nach einer Lenin-Büste, welche die Sowjets 1958 dort ­zurückgelassen hatten, dauerte 48 Tage und führte über 770 Kilometer.

Henry Cookson gründete darauf das Unternehmen Henry Cookson Adventures für Abenteuer­reisen an aussergewöhnliche Ziele. Und er ist mit ­dieser Art Angebot nicht allein. Es gibt eine ganze Reihe vor allem britischer Abenteurer, die sich von diesem Geschäft auch eine Scheibe abschneiden möchten: Monty Halls etwa, ein ehemaliger Royal Marine, bietet Reisen zu Walen, Haien, Delfinen, Robben und Pinguinen an den Küsten Südafrikas an. Ein anderer ehemaliger Soldat der Royal Marines, Sean Nelson, hat sich auf tierfreundliche Expeditionen ausserhalb ausgetretener Pfade spezialisiert: «Wo immer es möglich ist», sagt er, «wollen wir mit diesen Reisen in die Mongolei, nach Zentralafrika oder Brasilien unsere Kunden auf Probleme aufmerksam machen, auf die Elefantenwilderei etwa oder auf bedrohte Jaguare im Pantanal.»

Militärische Erfahrung als roter Faden

Das Angebot ist breit. Und wie ein roter oder besser khakifarbener Faden verbindet eine Gemeinsamkeit diese Reiseangebote: der militärische Hintergrund der Organisatoren und Reiseführer. «Niemand macht es besser», sagt Justin Packshaw, früher Mitglied der britischen Eliteeinheit Royal Dragoon ­Guards. Denn in einer Schiesserei dürfe ein Soldat nicht zusammenbrechen, man lerne, schnell und doch überlegt zu handeln. Packshaw selber war ­sowohl am Nord- wie am Südpol, er bezwang den Mount Everest, und er segelte um die ganze Welt.

Auch Thomas Bodkin lebt seit Jahren von auf­regenden Adrenalinstössen. Der ehemalige Offizier eines Fallschirmregiments gründete zusammen mit seinem Armeekumpel Levison Wood das Reiseunternehmen ­Secret Compass, das Reisen an völlig abgelegene Orte anbietet. Organisiert wurden etwa das Trekking-Abenteuer zu einem abgelegenen Fluss in Nordafghanistan, eine Reise auf dem Mountainbike durch Kirgisien oder eine Rafting-Tour durch Sierra Leone. «Die Kunden skizzieren uns ihre Wünsche, und wir kommen mit einem Vorschlag», sagt Bodkin. Die massgeschneiderte Reise gibt es ab 15'000 Franken pro Person.

Wanderreise mit Wildwasser-Rafting in Äthiopien

Vor kurzem wünschte sich ein Ehepaar zum Beispiel eine «Heldenreise in Ostafrika», also wurde eine ausgedehnte Wanderreise mit Wildwasser-Rafting in Äthiopien geplant. «Nie zuvor war jemand mit Riverrafting-Booten in diesem Fluss», sagt Bodkin – man wusste also nicht, ob die Sache machbar sei. Aber genau das gehöre dazu: «Wenn Sie etwas ganz Neues entdecken wollen, sind Bereitschaft für das Abenteuer und Gespür für das Unerwartete zwingend Teil der Sache.» Geschehe plötzlich etwas ganz Unerwartetes, sei Armee-Erfahrung hilfreich: Kein Plan garantiere das Überleben bei Feindkontakt, ­zitiert Bodkin ein Militärsprichwort. Man müsse sich stets ­anpassen und verändern können.

Und das mögen die Kunden? «Absolut», sagt Bodkin. Für viele Teilnehmer sei die Abenteuerreise eine willkommene Abwechslung zu den Strapazen ihrer Hochdruck-Karrieren – entspannender als alle Strandferien. «Wir haben zum Beispiel fünf Financiers nach Madagaskar gebracht, stiegen mit ihnen auf einen Berg, schnitten uns einen eigenen Weg durch den Dschungel, bauten ein Floss für die Fahrt über den Fluss.» Die Gruppe habe in Hängematten geschlafen, die Ausrüstung selber mit­geschleppt, gefriergetrocknete Kost oder von Einheimischen ­gekaufte Nahrungsmittel gegessen. «Es war sehr hart», sagt Bodkin, «aber am Ende waren alle begeistert.»

Wasser wird zum Luxus

Calum Morrison, Inhaber des Adventure Club, spendiert seinen Gästen auf den Expeditionen mitunter plötzlich unerwarteten Luxus – bewusst als Kontrastprogramm. Tagelang seien seine Kunden zum Beispiel in der Wüste Gobi auf Motorrädern unterwegs und suchten sich primitivste Stellen zum Schlafen. Dann plötzlich dürften sie in Jurten nächtigen, mit warmen Duschen und fantastischen Betten; ein japanischer Masseur sorge für Wohlbefinden. «Es geht mir um eine neue Einstellung gegenüber dem Überfluss», sagt Morrison: «Wenn man Ihnen Wasser wegnimmt, wird es zum Luxus. Und wenn Sie nur kaltes Wasser haben, wird warmes Wasser zum Vergnügen.»

Morrison weiss, was es heisst, sich in feindlicher Umgebung zu bewegen. Als Offizier der Royal Marines war er acht Jahre in schwierigen Gebieten unterwegs, so 1994 in Bosnien, 2002 in Afghanistan, 2010 in Somalia, 2011 in Libyen. Dann gründete er seinen Club «für Menschen, die sich weiterentwickeln wollen». Für 150'000 Franken verpflichtet man sich zu einem halbjährigen Engagement mit Expeditionen, Klausuren und Beratung. Zum Programm gehört zunächst ein Rückzug in die schottischen Highlands mit Fitnessbewertung, ­psychologischer Einordnung sowie einer Nacht in der Wildnis.

Die Kontrolle abgeben

Dann erhalten die Kunden einen Briefumschlag mit einer Ausrüstungsliste. Dazu Angaben zum nächsten Treffpunkt sowie Dokumente, die erst am Flughafen geöffnet werden dürfen. «Das Ziel könnte Guyana, ein Ort in der Arktis oder der Mongolei sein», sagt Morrison. «Der entscheidende Punkt ist, dass der Kunde die Kontrolle abgibt und sich voll für das engagiert, was er zu tun hat.»

Henry Cookson, der Mann bei den Wölfen, hat übrigens im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen keine grosse militärische Laufbahn hinter sich. Doch das werde durch seine Erfahrung und seine Entschlossenheit ausreichend kompensiert, meint er. Ich selber habe das Energiebündel in Norwegen erlebt. Wir standen früh auf, sichteten Seeadler, tauchten im Spezialanzug in eisiges Wasser und besuchten in einer ehemaligen Kaviarfabrik eine Kunstgalerie. Als die Nacht einbrach, jagten wir durch die Lofoten – wir wollten die Nordlichter sehen. Und just als wir das Nachtlager erreicht hatten – wir wohnten in einer Reihe von primitiven Hütten an der Mündung eines Fjords –, waren sie plötzlich da. Wie grüne Flammen zuckten die Lichter am Nachthimmel über eindrücklicher Bergkulisse. Schliesslich, als fiele der Vorhang im Theater, schoben sich Wolken vor das Spektakel, und die Show war vorbei.

Das nächste Adrenalinstoss-Projekt

Cookson ist ein Schnelldenker. Und verbissen. Am letzten Morgen der Reise musste ein geplantes Paragliding wegen zu starken Windes abgesagt werden. Cookson verschwand und kehrte zehn Minuten später mit Schwimmanzügen und dem Schlüssel zu einem Schnellboot zurück. «Ich kenne einen verlassenen Strand auf der anderen Seite des Berges», sagte er. Wir wanderten also dem Fjord entlang, stiegen den Hügel hinauf, und vor uns lag plötzlich ein breiter Sandstrand. Derweil ich in aller Ruhe die Aussicht genoss, war Cookson schon beim nächsten Adrenalinstoss-Projekt: «Die wäre grossartig zum Abseilen», deutete er auf eine schroffe Felswand gegenüber.

«Weisse Flecken auf einer Karte sind die Orte, die ich entdecken will», sagt Cookson. Organisiert hat er schon Expeditionen in die vietnamesische Son-Doong-Höhle, eine Geburtstagsfeier abseits der Zivilisation in Namibia oder einen Familientrip in die Antarktis auf einer Superyacht – mit je zwei Helikoptern und U-Booten. Der Trip kostete eine siebenstellige Summe. Dafür gab es immerhin eine Welt­premiere, so COO Geordie Mackay-Lewis: «Die erste Familie, die unter antarktisches Eis tauchte.»

Sorgfältiges Planen lernen

Neben Dschungelkrieg, Extrembergsteigen und Wüstenerfahrung hat Mackay-Lewis in seiner militärischen Laufbahn das sorgfältige Planen gelernt: «Die Liebe zum Detail ist in jedem Aspekt das A und O einer Reise», sagt er. «Ich habe erleben müssen, wie Dinge schieflaufen können und wie man deshalb zum Beispiel in Afghanistan Soldaten verlieren kann», sagt er. «Ich würde nie einen Kunden irgendwohin gehen lassen, wenn ich nicht vorher jedes ­Szenario durchgespielt und jedes mögliche Risiko ­gesucht und durchgerechnet hätte.» Es sei eine Art Versicherung, sagt Mackay-Lewis.

Dann verabschiedet er sich. Er will noch rasch einen der weltweit grössten Haiexperten treffen.

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