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Das Gespräch 
«Wir müssen zurückschlagen – mit Daten!»

Daniel Ahn: «Freihandel ist positiv, das steht in jedem Lehrbuch.» Fabian Unternährer

Politik kann doch auf Fakten basieren: Daniel Ahn arbeitet im US-Aussenministerium mit harten Daten. Der Chefökonom über Statistik als Führungshilfe, Freihandel und den Nutzen von Sanktionen.

Von Leo Müller und Florence Vuichard
04.10.2016

Seinen ersten Fernsehauftritt erlebte er unfreiwillig. An jenem historischen 15. September 2008, als Lehman ­Brothers pleiteging, marschierte der junge Analyst mit einer Kartonschachtel, gefüllt mit den persönlichen Utensilien aus seinem Pult, aus dem New Yorker Bankgebäude. Die Bilder der arbeitslosen Banker gingen um die Welt. Daniel Ahn war einer von ihnen. Die Wall-Street-Krise hatte er nicht im Blick, er war mit den Ölmärkten beschäftigt.

Danach nahm seine Karriere Fahrt auf. 2012 nahm ihn «Forbes» in die Liste der «30 under 30 Finance» auf. Heute ist er der Mann für die ökonomischen Fakten im US-Aussenministerium und empfängt zum Interview in der Berner Residenz der US-Botschaft.

Herr Ahn, seit Juli sind Sie Chefökonom im 
US-Aussen­ministerium. Was ist Ihre Aufgabe?
Daniel Ahn*: Unser Team wurde vor rund fünf Jahren von der damaligen Aussenministerin Hillary Clinton gegründet. Wir sollen die Aussenpolitik auf der Basis der Ermittlung von exakten Daten unterstützen. Wir sind ein kleines Team von Akademikern, die themenspezifisch zusammenkommen und nach getaner Arbeit wieder an die Universität oder in die Privatwirtschaft zurückkehren. Wir analysieren die ökonomischen Folgen der Flüchtlingskrise, des Klimawandels, der Digitalisierung – und zuletzt der Sanktionspolitik.

Und: Wie lauten Ihre Befunde zu den auch kritisierten aktuellen Wirtschaftssanktionen gegenüber Russland?
Makroökonomisch betrachtet waren die Wirkungen relativ ­begrenzt.

Wie kommt das?
Die Sanktionen, die nach dem Ausbruch des Ukraine-Konflikts ergriffen wurden, fielen zeitlich zusammen mit einem drastisch fallenden Ölpreis – von rund 100 bis auf nahezu 30 Dollar pro Barrel. Das mussten wir zuerst alles entwirren. Diese Analyse zeigt uns nun, dass rund 80 Prozent der schwachen wirtschaft­lichen Performance in Russland vom Ölpreis getrieben waren. Die Sanktionen sind daher höchstens für 20 Prozent des Rückgangs verantwortlich.

Und wie sieht die Bilanz der Sanktionen für die EU-Handelspartner aus?
Diese haben ebenfalls nur einen begrenzten Schaden erlitten. Der mittlere Einfluss war mit geschätzten minus 0,13 Prozent relativ gering.

Ist das inklusive der Schäden, die durch die ­Gegenmassnahmen entstanden sind, die Putin ergriffen hat?
Ja, genau. Aber wir müssen auch betonen, dass der Effekt nicht bei allen EU-Volkswirtschaftengleich stark ist. Härter getroffen wurden kleine Volkswirtschaften mit engeren Beziehungen zu Russland, wie die baltischen Staaten, Finnland und Polen, also alles Staaten, welche die Sanktionen auch befürwortet haben.

Und welche EU-Staaten kamen besser davon?
Interessanterweise jene Länder, die sehr skeptisch gegenüber Sanktionen waren –zum Beispiel Frankreich, Italien oder Ungarn, also Länder, wo zum Teil sogar Verschwörungstheorien geäussert wurden, die besagten, dass die Sanktionen nur ein US-Instrument seien, um die amerikanischen Unternehmen auf Kosten der europäischen zu stärken.

Wie gross war denn der Effekt der Sanktionen auf die US-Wirtschaft?
Dieser war ebenfalls negativ. Aber natürlich im Verhältnis weniger bedeutsam, wenn wir die Grösse der amerikanischen Volkswirtschaft bedenken.

Und die Schweiz?
Die Schweiz ist ein spezieller Fall. Die Schweiz ist 
in Russland stark in die Lieferung spezifischer ­Produktteile und Dienstleistungen involviert.

Die Sanktionen haben also der russischen Wirtschaft als Ganzem wenig geschadet. Wie sieht es aus der mikroökonomischen Sicht aus?
Wir sehen dort grosse Unterschiede innerhalb der Länder und zwischen den verschiedenen Wirtschaftssektoren. In einigen Sektoren gab es dramatische Export­ein­brü­chevon über 50 Prozent – zum Teil sogar bis zu 90 Prozent. Der Einbruch im Agrar­bereich hingegen ist mehrheitlich auf die schwache Konjunktur in Russland und die russischen Gegenmassnahmen zurückzuführen. Auch der US-Agrarsektor war betroffen von Exporteinbrüchen.

Was ist mit der Maschinenindustrie?
Sie ist im Verhältnis weniger beeinträchtigt, in ­absoluten Zahlen aber unter den am stärksten betroffenen Sektoren.

Und wie sehen Ihre Befunde auf der Stufe Unter­nehmen aus?
Wir haben eine Datenbank mit Informationen über 80'000 Unternehmen zusammengestellt. Da handelt es sich vorwiegend um russische und ukrainische Firmen oder deren Töchter – sanktionierte wie auch nicht sank­tio­nier­te. Dann haben wir sanktionierte Firmen mit nicht sanktionierten verglichen, die eine ähnliche Struktur haben, in ähnlichen oder gleichen Sektoren tätig sind oder in ähnlichen oder gleichen Ländern. Uns interessierte vor allem ihre finanzielle Entwicklung. Unser Fazit: Die sanktionierten Unternehmen haben im Schnitt ein Drittel ihres Ertrages, mehr als die Hälfte ihrer Vermögenswerte und ein Drittel ihrer Mitarbeiter verloren.

Das heisst also, dass die zielgerichteten 
Sanktionen funktionieren.
Ja, die Daten zeigen, dass die «Smart Sanctions» tatsächlich ziemlich smart sind, weil sie relativ minimale makroökonomische Effekte haben, aber – wie beabsichtigt – ziemlich fokussiertSchaden erzeugen.

Der Begriff «Smart Sanctions» wurde erstmals an einer Expertenkonferenz in Interlaken geprägt. Was bedeutet das eigentlich?
Wir unterscheiden zielgerichtete oder smarte Sanktionen von herkömmlichen Sanktionen, die bis Ende der 1990er Jahre als ein stumpfes Instrument der Aussenpolitik wirkten. Wie breite Handelsembargos gegen ein ganzes Land zum Beispiel. Das hatte die Zivilbevölkerung in der Breite belastet…

… die Menschen auf der Strasse.
Genau. Und das hatte die Haltung der führenden Figuren kaum verändert. Die zielgerichteten Sanktionen identifizieren spezifische Personen und Organisationen und verbieten die wirtschaftlichen oder finanziellen Transaktionen mit diesen. Es geht hier darum, diesen den Zugang zum Finanzsystem und zur Technologie in den USA oder der EU zu versperren. Sanktionen können damit so spezifisch wie ein Laserstrahl eingesetzt werden.

Wirtschaftlich mögen die Sanktionen sichtbare Erfolge erzielen. Aber politisch ist Putin heute mächtiger denn je.
Putin geniesst nach wie vor eine hohe Popularität. Allerdings steigt die Unzufriedenheit gegenüber dem Regime. Deshalb versucht es, die Kontrolle über Medien zu verschärfen. Die Inflationsrate ist zweistellig gestiegen. Die Kaufkraft ist dramatisch gefallen. Die Entwicklungen sind so komplex wie bei einem Computerspiel mit Tausenden von Spielern. Uns Ökonomen macht das Studium der Interaktionen zwischen ökonomischen, geopolitischen und aussen­politischen Faktoren wirklich demütig. Ein Beispiel: Als wir den drastischen Ölpreiszerfall in Russland untersuchten, dachten wir zunächst, dass dies das Regime politisch und auch die Energiekonzerne stark schädigen würde. Wir mussten dann aber feststellen, dass die Gewinne der Energiekonzerne in Rubel sogar leicht anstiegen.

Was war passiert?
Parallel zum fallenden Ölpreis, den wir in Dollars rechnen, brach auch der Rubel-Dollar-Kurs mehr oder weniger stark ein. Die russischen Konzerne hatten zwar weniger Einnahmen, die in Dollars bezahlt werden, aber ebenfalls weniger Kosten, die in Rubel bilanziert werden. Heute hat sich die Situation für die Unternehmen aber verschlechtert. Das zeigt uns, wie komplex und verflochten das ganze System ist.

Iran-Sanktionen gibt es seit den 1970er Jahren, aber die Ölexporte gingen trotzdem weiter.
Ja, sie fanden einfach neue Wege für den Export. Es funktionierte erst, als nach 2011 zielgerichtete Finanz­sanktionen gegen Iran eingesetzt wurden. Plötzlich fielen die Exporte dramatisch, weil die Transporteure ihre Ladungen nicht mehr versichern konnten. Das war sicherlich einer der Gründe, warum Iran an den Verhandlungstisch kam.

Wir wissen, dass verdächtigte Personen aus ­Putins Entourage fleissig an Offshore-Finanzplätzen operieren, auch in der Schweiz.
Diese Personen versuchen natürlich, mit intransparenten Strukturen die Sanktionen zu umgehen. Wir hatten den Fall eines sanktionierten Unternehmers, der die Aktien seiner Firma an eine zypriotische ­Gesellschaft verkaufte, die wiederum von einer ­Panama-Firma gehalten wurde, deren Aktien von zwei Firmen auf den Britischen Jungferninseln­kontrolliert wurden. Die Forschung zeigt: Eine effektive Sanktionspolitik ist nur angebracht, wenn sie multilateral ausgestaltet ist. Und es ist sehr wichtig, dass die gesamte internationale Gemeinschaft ­mitmacht.

Ist die Schweiz eine gute Mitspielerin?
Die Schweiz ist keine schlechte Mitspielerin. Aber als souveränes Land hat sie entschieden, keine eigenen Sanktionen auszusprechen. Doch die Schweiz sorgt dafür, dass die von den USA und der EU verhängten Sanktionen nicht über sie umgangen werden können.

Und: Funktioniert das?
Grob geschätzt denke ich, dass es funktioniert. Denn die Sanktionen zeigen Wirkung. Was ja nicht der Fall wäre, wenn es ein grosses Schlupfloch gäbe.

Können Sie den Effekt von Schlupflöchern messen?
Dafür bräuchten wir mehr Daten. Mehr Transparenz über die Frage, wer eigentlich was besitzt zum Beispiel in Panama oder auf den Jungferninseln, ist deshalb ein erster wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Nur so können wir überhaupt anfangen, das wahre Ausmass des Problems zu verstehen.

Sie wollen mehr Daten und Fakten. Aber in der Politik zählen immer mehr Gefühle und simple Behauptungen.
Dieses Thema diskutiere ich tatsächlich oft mit meinen Kollegen. Die neue Trennlinie verläuft nicht mehr zwischen Sozialisten und Kapitalisten oder Konservativen und Liberalen, sondern zwischen Rationalisten, die sich auf empirische Daten stützen, und Leuten, die von ihren Emotionen und Intuitionen geleitet sind. Der Graben wird grösser zwischen der Komplexität der Probleme, also der Realität, in der wir leben, und den leicht verständlichen und verdaubaren Verschwörungstheorien.

Was können Sie dagegen tun?
Wir müssen zurückschlagen – mit allen Daten, die wir haben! Aber es ist schwierig. Wir haben dies selbst erlebt im Zusammenhang mit den Russland-Sanktionen. Hier gab es Fehlinformation. Aber auch absichtlich verbreitete Desinformationen, wo Halbwahrheiten, Lügen und Verschwörungstheorien eingeflochten wurden, wie zum Beispiel die Behauptung, dass die Sanktionen gegen Russland nur ergriffen wurden, um bestimmten US-Firmen zu helfen. Oder eben, dass die Sanktionen keine Effekte hättenauf ihre Ziele. Und wir sehen derzeit ähnliche Diskussionen beim Thema Freihandel.

Zurzeit sind Mauern tatsächlich populärer als 
offene Grenzen.
Freihandel ist positiv, das steht in jedem Lehrbuch. Aber im öffentlichen Diskurs herrscht die gegenteilige Meinung vor. Wir erleben hier einen regelrechten Backlash, einen Rückschlag. Wir können nicht nur sagen, dass diese Leute falsch liegen oder dumm sind. Wir müssen bessere Wege finden, um unsere datenbasierten Erkenntnisse zu kommunizieren. Für viele Leute reicht es nicht zu sagen, ein umfassendes Freihandelsabkommen zwischen den USA und der EU, TTIP, würde das Bruttoinlandprodukt über die nächsten 20 Jahre um x Prozent erhöhen. Das heisst nicht wirklich viel für einen einfachen Bürger.

Braucht es mehr Transparenz bei den Verhandlungen?
Ich glaube nicht, dass es eine Frage von mehr Transparenz oder weniger Transparenz ist. Das sind die falschen Gegensatzpaare. Ähnlich wie bei der Diskussion um mehr oder weniger Staatsausgaben oder mehr oder weniger Steuern.

Wie wollen Sie diese komplexen Themen in der Öffentlichkeit diskutieren?
Ich plädiere für eine differenziertere Sichtweise: Es geht nicht um «mehr» oder «weniger», sondern um «gut» versus «schlecht». Es geht also darum zu analysieren, was gute oder schlechte Ausgaben sind. Das gilt auch für Investitionen im ­Infrastrukturbereich: So sind viele grosse und ausgefallene Prestigeprojekte, wie etwa olympische Stadien, keine guten Ausgaben. Gut schneiden hingegen jene Sachen ab, die überhaupt nicht sexy sind, zum Beispiel die Verbesserung der Wartung und Wiederherstellung bestehender Basisinfrastruktur.

Ist TTIP tot, wie viele Beobachter behaupten?
Die politische Umgebung, in der TTIP sowie alle anderen ­aktuellen Freihandelsverträge verhandelt werden, ist enorm ­herausfordernd. Es ist eine Uphill Battle.

Wie wollen Sie denn die Botschaft über die positiven ­Wirkungen von mehr Freihandel sonst herüberbringen?
Unsere Argumente müssen für jedermann fühlbarer, greifbarer, überzeugender werden. Konkret hat unser Team versucht aufzuzeigen, wie eine Welt aussehen würde, wenn wir von unserer wirtschaftlichen Offenheit abkehrten. Aber wir müssen unsere Botschaften auch transportieren können. Und das wirft Fragen zur Zukunft der Medienwelt auf.

Inwiefern?
Es ist wichtig, dass wir unabhängige Medien haben mit hohen Qualitätsstandards, die über Fakten berichten – wie es zum Beispiel die BBC macht.

Die BBC wird staatlich unterstützt. Plädieren Sie für 
mehr Staatssender?
Es gibt keine einfachen Lösungen. Wenn der Staat die Medien mitfinanziert, besteht immer die Gefahr, dass er sie zu einem Organ für die Staatspropaganda umfunktioniert, wie etwa RT News in Russland. Es ist ein delikater Balanceakt. Klar ist aber: Die Medien sind keine gewöhnliche kommerzielle Branche, denn sie haben auch eine zentrale gesellschaftliche Bedeutung.

Aber viele informieren sich nur noch über Internetmedien.
Die klassischen Medien sind gefährdet. Zuerst stimmten der Technologiebruch und der Aufstieg der sozialen Medien hoffnungsfroh. Viele prophezeiten ein neues Informa­tions­zeitalter, in dem Fakten zu allem nur einen Klick entfernt sind. Aber gleichzeitig hat dieser Bruch den Menschen ermöglicht, sich nur noch auf die Geschichten zu konzentrieren, die sie glauben wollen. Sie bleiben dort, wo ihre Vorurteile bestätigt werden.

*Daniel Ahn (32) wurde an der Westküste geboren und wuchs in Palo Alto und San Jose auf. Er studierte in Princeton, machte in Harvard seinen PhD und arbeitete in mehreren Forschungsstätten. Heute hält er Vorlesungen an der Johns Hopkins University. Er war auch immer wieder als Ökonom bei Banken tätig, bei der Citigroup oder Lehman Brothers. Der Schnellaufsteiger ist seit zwei Jahren im Ökonomen-Team des US-Aussenministeriums, das faktengetrieben Daten analysiert; seit Juli ist er dessen Chef.

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