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Werner G. Seifert - Deutsche Börse AG

Werner G. Seifert, 49, geborener Winterthurer, setzt an, eine europäische Börse zu bauen. Doch die wird virtuell sein: kein Ring, keine gestikulierenden Händler - nur Xetra und viele, viele Terminals.

Veröffentlicht 31.12.1999

Stets berufen
Werner G. Seifert kam am 4. Juli 1949 in Winterthur zur Welt. Nach dem humanistischen Abitur absolvierte er sein Betriebswirtschaftsstudium in Frankfurt und doktorierte in Hamburg. Nach neun Jahren bei McKinsey und sechs Jahren in der Rück-Konzernleitung wurde er 1993 zum Vorstandsvorsitzenden der Deutsche Börse AG berufen. Um eine Stelle bewerben musste er sich nie - «da hat immer zur richtigen Zeit ein Headhunter angerufen». Nun ist er im Begriff, eine neue, gesamteuropäische Börse aufzubauen.

Nach aussen hin herrscht Business as usual. Die Börsen der Welt - jedenfalls jene, die zählen - befinden sich mehrheitlich in anhaltendem Höhenflug. Dow Jones, Financial Times, SPI und selbst der Nikkei aus dem gebeutelten Leader in Fernost durchbrechen mindestens einmal pro Monat eine neue Index-Schallmauer. Der Dax, der Index der Frankfurter Börse, durchbrach die 5000er-Marke am 20. März erstmals und strebte just an jenem Tag, an dem wir den Schweizer Chef der Deutschen Börse, Werner G. Seifert, zum Gespräch trafen, neue Höchststände an. Seifert freut sich natürlich auf den Tag, an dem zur Feier der 6000 bei der Nobelkonditorei Kofler die Festtagstorte aus «30 Kilo gekochter Walnusscreme mit fünf Biskuitböden» in Auftrag geht. Auch solches gehört in Frankfurt schon beinahe zur Routine.

Ziemlich routiniert präsentiert sich Werner Seifert auch der Kamera. Das Börsenparkett als Hintergund kommt für ihn nicht in Frage; das ist sozusagen Schnee von gestern, denn die Zukunft gehört dem elektronischen Handel. Sein Büro ist nicht eben überdimensioniert und gemütlich eingerichtet; auf dem Computerbildschirm flimmert neben den Börsendaten ein Feld mit dem Fernsehsender MTV, denn Musiker Seifert ist Rock-Fan. Das Eckbüro hat einen Ausgang zur Balustrade des Börsengebäudes, und das ist der richtige Standort für das Bild: Werner Seifert und im Hintergrund die Skyline von Mainhattan mit dem dominierenden Turm der Deutschen Bank. In Wirklichkeit herrscht natürlich alles andere als Business as usual. Die Börsen der Welt befinden sich in einem nachhaltigen Umbruch, der im wesentlichen von zwei Faktoren gesteuert wird: einer gewaltigen technologischen Umwälzung, die nationale Grenzen obsolet macht, und einer Umgruppierung der Weltwirtschaft, die ihrerseits vorangetrieben wird von der Globalisierung der Unternehmen und vom Entstehen einer neuen Währungszone, die sich um die elf Teilnehmer am Euro bildet.

Im Brennpunkt des Geschehens stehen demgemäss die europäischen Finanzmärkte, allen voran die Börsenplätze London und Frankfurt. Welcher der beiden Börsenplätze wird im künftigen Europa mit einheitlicher Währung den Ton angeben? London hat den Vorzug, dass es schon immer das finanztechnische Tor zur Welt für Europa war, dass es neben New York und Tokio eine der drei grossen Drehscheiben ist - mit einer gewachsenen Finanzinfrastruktur und einem geballten Know-how, das seinesgleichen sucht. Der Nachteil, dass Grossbritannien jedenfalls für die nächste Zukunft nicht beim Euro mittun wird, dass London also ausserhalb der neuen Währungsgrossmacht liegt, muss kein Nachteil sein: Nichts kann London daran hindern, auch im Euro-Handel eine führende Position einzunehmen. Der Vorteil der Frankfurter Börse, im Herzen der Euro-Zone zu liegen, sozusagen Tür an Tür mit der Europäischen Zentralbank, ist durchaus relativ. Die Gnade der zentralen Lage wird nicht von selber fruchtbar, sie muss verdient werden. Erleichtert wird diese Aufgabe durch die Tatsache, dass Frankfurt die Finanzdrehscheibe der deutschen Wirtschaft ist, und die ist nicht nur die stärkste Volkswirtschaft des Kontinents, sie dürfte in der näheren Zukunft auch die dynamischste sein.

Für Werner Seifert, den Vorstandsvorsitzenden der Deutsche Börse AG, ist der Fall klar: Im Zweikampf zwischen London und Frankfurt werden die Deutschen das bessere Ende für sich behalten. Wenn auch nicht allein. Seit er sein Amt im August 1993 angetreten hat, ist der gebürtige Schweizer rastlos damit beschäftigt, seine Börse technologisch auf Vordermann zu bringen und jene Allianzen zu schmieden, ohne die sich Frankfurt gegen die Londoner Schwergewichte nicht wird durchsetzen können. Denn die Technologie, die Elektronisierung des Handels, ist es, die den Markt transparenter und für die Teilnehmer kostengünstiger macht. Und die Vernetzung über die Landesgrenzen hinweg sorgt für die notwendige Liquidität, um dem in dieser Hinsicht übermächtigen London Paroli bieten zu können.

Seine Geschütze hat Werner Seifert mittlerweile bereits derart vielversprechend in Stellung gebracht, dass er sich kleine Provokationen an die Adresse der «dear Liffe», der Londoner Terminbörse, erlauben kann. Mit einem Inserat in der britischen Finanzpresse orientierte er Ende März die Liffe-Mitglieder, dass die Deutsche Börse der Liffe angeboten habe, am DTB-System teilzunehmen - «for free». Denn: «We did not want to become part of your problem, we prefer to be part of a solution.» In London war man «not at all amused» - und darüber wiederum kann sich Werner Seifert gar köstlich amüsieren. Dabei ist der 49jährige Winterthurer, der akzentfrei Hochdeutsch spricht, aber liebend gerne und wenn immer möglich in die heimatliche Mundart verfällt, gar kein geborener Börsianer. Nach einem humanistischen Abitur studierte er in Frankfurt Betriebswirtschaftslehre und doktorierte in Hamburg mit dem Thema «Risk Management im Lichte einiger Ansätze der Entscheidungs- und Organisationslehre». Nach dem Studium verbrachte er die ersten neun Jahre seines Berufslebens bei der Frankfurter McKinsey-Organisation, seit 1982 als Partner. Von 1987 bis 1993 war er Generaldirektor und Konzernleitungsmitglied der Schweizerischen Rückversicherungsgesellschaft in Zürich. In dieser Eigenschaft lernte er auch Rolf E. Breuer kennen, den Deutschbanker und Aufsichtsratspräsidenten der Deutschen Börse. Und der holte ihn 1993 in die operative Führung der Deutschen Börse.

CS-Chef Lukas Mühlemann, der Seifert noch aus seiner Zeit bei McKinsey kennt, attestiert diesem «unerschöpfliche Energie und Ideenreichtum», andere bezeichnen ihn als «sehr, sehr ehrgeizig». «Wo Werner Seifert am Tisch sitzt», sagt Mühlemann, «da ist oben.» Werner Seifert also als entschlossener Mann mit klaren Zielen. «Ich war damals überzeugt, dass der deutsche Aktienmarkt durchstarten würde», erinnert sich Seifert. «Es standen (und stehen immer noch, Red.) eine Steuerreform und eine Reform der Altersvorsorge an, das Reservoir an börsenfähigen Unternehmen war riesig. Da wollte ich dabei sein. Und mit dem Support von Rolf Breuer stimmte auch das Umfeld; alles passte zusammen, und ein halbes Jahr später konnte ich schon anfangen.» Und wie! In nur sieben Monaten war in Zusammenarbeit mit McKinsey ein Strategiepapier für den Finanzmarkt Frankfurt verfasst; die Elektronisierung der Börse setzte 1995 ein und wurde seither «gradlinig durchgezogen» - demnächst geht eine neue elektronische Plattform, das System Xetra, in Betrieb; der «Neue Markt», die Börse für neu in den Kapitalmarkt eintretende Unternehmen, schreitet mittlerweile zügig voran und umfasst bereits zwei Dutzend Kotierungen; die Internationalisierung seiner Börse in Gestalt von Joint Ventures und Allianzen macht gute Fortschritte.

Das Tempo, das er vorlegt, ist atemberaubend. Und die Investitionen, die sein Tatendrang erfordert, sind es nicht minder. Und dennoch hat er die ehemals defizitäre Deutsche Börse AG in seiner kurzen Amtszeit rentabel gemacht: Angesichts einer Umsatzrendite von 18,4 Prozent und einer Eigenkapitalrendite von 69,4 Prozent beginnen einige Aktionärsbanken bereits über eine Kapitalrückzahlung nachzudenken - von der verlockenden Perspektive, die Deutsche Börse AG selber an die Börse zu bringen, ganz zu schweigen. Die Kombination aus hohem Tempo, hohen Investitionen und satter Rendite kommentiert Werner Seifert mit einem einzigen Satz: «Schnelligkeit ist wichtiger, als das Budget einzuhalten.» Sein Wort in den Ohren aller nur aufs Sparen versessenen Patrons!

Mit dem Tempo und der Stossrichtung seiner Strategie kratzt Werner G. Seifert freilich ganz bewusst auch am Selbstverständnis der Börsianer. «Die Börse», doziert er, «ist kein nationales Heiligtum, es geht nicht um die Verteidigung von Souveränitätsrechten. Wir sind als Börse gar nicht so wichtig; wir sind vielmehr Anbieter eines Handelssystems und Dienstleister.» Also eher ein Software-Unternehmen als ein Marktplatz für Finanzprodukte. In der Tat werden mit der Elektronisierung des Handels ganze Berufsstände neu ausgerichtet; das Schwergewicht des Interesses verlagert sich von den Bankern und Brokern zu den Investoren; in der Personalstruktur der Börse nehmen die Informatiker einen immer breiteren Raum ein. Das mit der elektronischen Börse verbundene offene Auftragsbuch macht die Transaktionen sichtbar und den Markt transparenter. Und das heisst: Für die Investoren wird die Börse kostengünstiger. Der direkte Zugang zur Börse wird demokratisiert und internationalisiert, weil die Notwendigkeit der physischen Präsenz der Händler entfällt. Börsenteilnehmer können als Remote members irgendwo auf der Welt sitzen, solange sie über einen Computer und die entsprechende Software verfügen und die Teilnahmegebühren bezahlen. Die Elektronisierung des Handels erlaubt auch die direkte Verknüpfung verschiedener Börsen, wenn die technischen Plattformen kompatibel sind.

Und deshalb ist es von entscheidender Bedeutung, welches technische System sich durchsetzen wird. Mit dem neuen Xetra, das noch in diesem Jahr stufenweise in Betrieb gehen soll, glaubt Seifert, das technologische Rennen anzuführen. Selbstverständlich ist die Konkurrenz nicht ganz derselben Meinung; manche Zürcher halten ihr System für überlegen und vor allem erprobter, und die Londoner Stock Exchange hält das ihrige überhaupt für das allerbeste. Fragt sich nur, warum dann der Londoner Futures-Markt, die Liffe, ein eigenes, ganz neues System plant, dessen Entwicklung freilich 18 Monate dauern wird - «ungefähr 17 Monate zu lange», wie Sarkastiker in den eigenen Reihen spotten. Die Internationalisierung der Deutschen Börse hat Werner G. Seifert zunächst in enger Zusammenarbeit mit Zürich und Paris vorangetrieben. Mit seinen Zürcher Partnern hat er das Projekt Eurex aus der Taufe gehoben, die Zusammenlegung der Terminbörsen DTB (Frankfurt) und Soffex (Zürich), an der auch die Pariser und Chicagoer Terminbörsen partizipieren sowie mittlerweile 81 Remote members in aller Welt, von New York über London bis Helsinki und Singapur (siehe Kasten «So entsteht die Europa-Börse», Seite 30). Die Eurex nimmt ihren Betrieb in der zweiten Hälfte 1998 auf. Sie ist die erste grenzüberschreitende Börse mit einer gemeinsamen Clearingstelle (in Frankfurt). Formell besteht sie aus einer je hälftigen Tochtergesellschaft von DTB und Soffex mit Sitz in Zürich, die Host-Börse ist Frankfurt, und rund um den Globus sind sieben Access points geplant. Die technische Plattform von Eurex beruht auf dem für die Soffex entwickelten System, das in Frankfurt ausgebaut wurde. Und da die Marke Eurex vom Erlenbacher CI-Unternehmen Eclat entwickelt und vermarket wird, kann man mit Fug behaupten, dass das Projekt bislang jedenfalls fest in der Hand von Schweizern ist.

Der Zusammenschluss der Terminbörsen ist Probelauf und Startschuss zugleich für die umfassende Vernetzung aller Börsenabteilungen, auch der Kassamärkte. Mit seinem jüngsten Vorstoss, nach Wien diesmal, zeigt Seifert auch hier die Richtung an. Einerseits soll aus dieser Zusammenarbeit eine neue Börsenabteilung entstehen, eine Spezialbörse für osteuropäische Werte; andererseits hat sich Wien dazu verpflichtet, als Handelsplattform das neue Frankfurter System Xetra zu benutzen, womit beide Börsen mit kompatibler Software arbeiten und direkt vernetzt werden können. Dass Wien sich auf Xetra verpflichtet hat, ist für Seifert der Beweis, dass «seine» Technologie die beste ist, denn auch die Schweizer Börse hatte versucht, mit Wien ins Geschäft zu kommen. Und das bestärkt ihn im Glauben, dass Xetra sich durchsetzen wird. Auch mit dem «Neuen Markt» sucht er die grenzüberschreitende Zusammenarbeit - nicht zuletzt, um der Easdaq, dem Brüsseler Ableger der amerikanischen Nasdaq, ein Gegengewicht entgegenzustellen. Nicht ohne Stolz verkündet er: «Schon in den ersten zwei Monaten haben wir beim Umsatz den französischen «Nouveau Marché» deutlich und die Easdaq ungefähr um den Faktor 25 abgehängt.»

Bei der Elektronisierung der Börse musste sich Seifert freilich von Zürich zumindest zeitlich abhängen lassen. Mit der Elektronischen Börse Schweiz war Antoinette Hunziker-Ebneter zuerst am Markt (siehe Kasten «Familienfreunde» auf Seite 28). Dies dürfte auch der Grund sein, warum Zürich in den Expansionsplänen Seiferts von Anfang an eine Schlüsselrolle spielte und warum er heute locker sagt: «Die Antoinette, die gehört zur Familie.» Zur Familie gehören freilich auch die Überväter der beiden Börsen, Rolf E. Breuer von der Deutschen Börse und Jörg Fischer, Vontobel-Bankier und Verwaltungsratspräsident der Schweizer Börse. Dieses Vierergespann ist es, das die Vision der kontinentaleuropäischen Börse vorantreibt und Werner Seifert als Peace maker installiert hat. Dass sein Frankfurter Götti mittlerweile an die Spitze der Deutschen Bank vorgerückt ist, stärkt ihm erstens weiter den Rücken und verhilft ihm womöglich zweitens dazu, nun erst recht die Rolle der Nummer eins bei der Deutschen Börse wahrzunehmen. Tempo macht Wener Seifert freilich nicht nur am Frankfurter Börsenplatz. Der Mann liebt schnelle und alte Autos. Seine jüngste Errungenschaft: Zusammen mit dem Zürcher Anwalt Peter Nobel plant er, mit einem Aston Martin aus den dreissiger Jahren an der Mille Miglia teilzunehmen; über die Osterfeiertage ist er schon mal zum Training eingerückt. Und was macht er sonst, wenn er nicht gerade die europäischen Börsen umkrempelt oder in Italien Oldtimer-Rennen fährt? Kochen natürlich, denn Seifert ist bei aller beruflichen Hektik ein Geniesser. Samstags findet man ihn häufig im Frankfurter Wochenmarkt beim Einkaufen. Und dann bekocht er seine Gäste. Gelegentlich auch die Mitglieder des SHC, des Schweizer Heimwehclubs in Frankfurt. Zu diesem gehören so illustre Exilschweizer wie Joe Ackermann von der Deutschen Bank, Museumsdirektor Jean-Christophe Ammann, Christian Schmidt, der Direktor des Frankfurter Zoos, und Reto Francioni, der zweite Schweizer im Vorstand der Deutschen Börse. Womöglich ist der SHC auch so etwas wie Seiferts Familienersatz: «Wenn man so etwas macht wie ich hier», kommentiert er, «dann muss man wohl besessen sein, und dann hat nichts anderes Platz.»

Für Deutschland ist Werner Seifert ausgesprochen bullish. Während Europa, was die Kapitalproduktivität angeht, noch deutlich den USA hinterherhinkt, hat Deutschland aufgeholt: Mit einer industriellen Price-earning ratio von 21 ist der amerikanische Standard von 25 beinahe erreicht, und der Höhenflug des Dax reflektiert diese Entwicklung. «Die deutsche Industrie ist auf gutem Wege», diagnostiziert Seifert, «leistungsmässig hat sie im internationalen Vergleich aufgeholt, und deshalb gibt es immer noch Spielraum für nicht spekulativ bedingte Kurssteigerungen.» In dieser Analyse ist er sich einig mit seinem SHC-Freund Joe Ackermann; denn der bezeichnet Deutschland unverblümt als den potentesten Emerging Market der Welt, mit äusserst starken etablierten Unternehmen und bis zu 2000 Unternehmen, die in den nächsten Jahren den Börsengang wagen dürften. Kommt hinzu, dass mit dem Euro auch ein Kapitalmarkt mit einheitlicher Währung entsteht, «der so stark werden kann wie der amerikanische». Und davon wird sich das Frankfurter Netz einen gehörigen Teil zunutze machen, daran lässt Seifert keinen Zweifel.

Getrieben freilich, dessen ist sich Werner Seifert gewiss, wird der Umbau der Börsen von der Technologie, von der globalen Nivellierung der Preise für Finanzprodukte und von der Deregulierung an den einzelnen Börsenplätzen («die Community der Investoren orientiert sich an Arbeitsbedingungen, Steuerniveau, Lebensqualität - sie ist illoyal gegenüber Staatsgebilden»). «Was wir brauchen», sagt Seifert, «ist ein europäisches Regelwerk; und dieses wird dann am amerikanischen gemessen.» Kein Zweifel, dass Werner Seifert an der Konstruktion dieses Regelwerks massgeblich mitarbeiten will. Und kein Zweifel auch, dass er den Aufbau einer gesamteuropäischen Börse, den er mit Verve verfolgt, bereits heute lediglich als eine Etappe beim weiteren Aufbau eines weltumspannenden Börsensystems betrachtet - in dem seine Europabörse dann ein zentrale Rolle spielen soll. Auch für den Börsenplatz Schweiz, immer im Verbund mit anderen, sieht Seifert nicht allzu schwarz: «In der Schweiz gibt es eine hohe Konzentration von Asset-Managern, die Schweizer Börse ist in Sachen Elektronisierung Spitze, zwei der zehn stärksten Banken der Welt haben ihren Sitz in der Schweiz, und auch der Franken als starke Währung ist ein Pluspunkt.» Auch hier trifft er sich mit Joe Ackermann, der dem Schweizer Finanzplatz die besten Voraussetzungen attestiert, seine Stellung in der Welt halten zu können.

Die Asienkrise hingegen hält Werner Seifert noch längst nicht für ausgestanden. Nur China, Korea und Hongkong beurteilt er optimistisch. «Bei den anderen, allen voran Japan, kommt die echte Wertberichtigung erst noch - und diese Flutwelle wird über die USA auch uns erreichen.» Wobei er für Europa nicht sehr schwarz sieht. «In Europa müssen ein paar Dinge passieren, dann geht es gut», sagt er. Und was passieren muss, daran arbeitet er, als Chef der Deutschen Börse und als Prediger in zahlreichen politischen und Ausbildungsgremien. Schliesslich wäre es schade, wenn die Torte zum Dax 10 000 - in der «Wirtschaftswoche» spätestens für das Jahr 2003 vorausgesagt - ungebacken bliebe.

Familienfreunde
Antoinette Hunziker-Ebneter - eben jene, von der Werner Seifert sagt, sie gehöre «zur Familie» - ist seit Dezember 1997 Geschäftsleitungsvorsitzende der Schweizer Börse SWX. Im Gegensatz zu Frankfurt ist die Schweizer Börse als Verein strukturiert, «arbeitet aber wie eine AG», versichert Antoinette Hunziker. Die 37jährige Börsenchefin sieht sich keineswegs als Erfüllungsgehilfin des grossen Zampano in Frankfurt, auch wenn ihre Analyse durchaus mit jener Werner Seiferts übereinstimmt. «Die Börse wird zur Serviceorganisation, die Technologie und Dienstleistungen anbietet», sagt sie. Entsprechend gewichtig wird der Anteil an Informatikfachleuten am Personalbestand der Börse. «Was uns heute fehlt, sind Leute die in beiden Bereichen zu Hause sind.» Vor allem ist Antoinette Hunziker keineswegs bereit, das Licht der Zürcher Börse unter den Scheffel zu stellen: «Mit unserer Systemarchitektur sind wir an der Spitze, die Plazierungskraft des Finanzmarktes ist immer noch super, und wir haben extrem tiefe Transaktionskosten.»

Keine Sorge also, von der grossen Schwester in Frankfurt geschluckt zu werden? Von Schlucken kann keine Rede sein: «Starke Spieler gehen gegeneinander vor und aufeinander zu», sagt Antoinette Hunziker. Die Betonung liegt dabei auf «starke Spieler», und dazu zählt sie sich und ihre Börse. Was wiederum nicht heisst, dass sie in der Zukunft einen Alleingang für möglich hält. Sie geht vielmehr davon aus, dass die kontinentaleuropäischen Börsen eine gemeinsame technische Plattform haben werden: «Die Strategie der Links, die wir heute praktizieren, wird auf Dauer nicht ausreichen.» Eine gemeinsame technische Plattform hat man bislang erst mit der Eurex, dem Zusammenschluss von DTB und Soffex, geschaffen. Was die übrigen Abteilungen der Börse angeht, ist der Kampf um die gemeinsame Plattform noch nicht einmal richtig entbrannt. Ob das EBS-System der Schweizer Börse oder das Frankfurter Xetra besser ist (oder das Londoner oder das Pariser System), darüber streiten sich die Geister. Antoinette Hunziker ist überzeugt, dass ihr EBS-System das beste ist. «Die grosse Mühe, die wir uns mit der EBS gegeben haben, hat sich gelohnt. Die Leistungsfähigkeit der Geräte und Prozesse nimmt laufend zu.» Ganz gewiss aber wird sie bei der künftigen Gestaltung der kontinentaleuropäischen, weitgehend virtuellen Börse ein gewichtiges Wort mitreden. Insofern hat Werner Seifert schon recht, wenn er sie «zur Famlie» zählt. Nur: Wer hat in dieser Familie das Sagen?

So entsteht die Europa-Börse
Internationalisierung heisst das Spiel, in dem sich Werner Seifert als Meister erweisen will. Aufbauend auf der Eurex, dem Zusammenschluss der Terminbörsen von Zürich und Frankfurt, deren bestehendes und geplantes Netzwerk in der Grafik dargestellt ist, will er auf der Software-Plattform Xetra einen Verbund möglichst aller europäischen Börsen konstruieren. Das würde einen Markt von gewaltiger Liquidität schaffen, der sich mit den amerikanischen Börsen durchaus messen könnte. Sein Ausgangspunkt Frankfurt scheint für ein solches Vorhaben prädestiniert: Deutschland ist nicht nur die potenteste Wirtschaft Europas, Frankfurt ist auch die Euro-Zentrale.

 

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