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Rom 
Was Politikerinnen der neuen Bürgermeisterin Roms raten

Sie kam, sah und siegte: Vor Virginia Raggi liegt ein Weg voll harter Arbeit. Welche Tipps geben Schweizer Politikerinnen der jungen Neubürgermeisterin Roms? Und wie schätzen sie ihr Können ein?

Von Cynthia Castritius
22.06.2016

Virginia Raggi hat kaum etwas gemein mit den Politikern, die Rom seit Jahrzehnten regieren und durch ihre Verstrickungen in den dortigen Mafia-Sumpf gleichzeitig unregierbar gemacht haben. Sie sucht den Neuanfang für die Ewige Stadt. Seit 2006 ist die 37-jährige in ihrer Heimatstadt als Rechtsanwältin zugelassen. In die Politik ging Raggi, die mit einem Journalisten verheiratet ist, erst nach der Geburt ihres heute 6-jährigen Sohnes. Da wurden ihr die zahlreichen Missstände in Rom zu viel.

Zusammen mit ihrem Mann wurde sie eines der Gründungsmitglieder ihres Stadtteilverbandes der eurokritischen Fünf-Sterne-Bewegung des früheren Star-Kabarettisten Beppe Grillo. Die Partei ist im Grunde weder rechts noch links, sie präsentiert sich als radikal-provokante Alternative zu den etablierten Parteien. Raggi will ganz unten anfangen und vieles neu organisieren, Schlaglöcher füllen, neue Busfahrstreifen einrichten und mehr Fahrradwege schaffen.

Was denken Politikerinnen von Roms neuer Bürgermeisterin?

Nach dem Erdrutschsieg Raggis hat handelszeitung.ch bei Schweizer Spitzenpolitikerinnen nachgefragt: Was sind die grössten Herausforderungen der jungen Politikerin? Kann sie die ewige Stadt aus dem Sog von Korruption, Vetternwirtschaft und kaputter Strassen holen? Und auf welche Fallstricke gilt es besonders zu achten.

Fakt ist: Für Raggi wird der Job zur Herkulesaufgabe. «Rom braucht eine Managerin mit gewaltigen Kräften», stellt Kathy Riklin von der CVP fest. Die Sanierung der Stadt sei ein schwieriges Unterfangen, sagt Karin Keller-Sutter (FDP), die in St. Gallen im Ständerat sitzt: «Die Stadt ist stark verschuldet und in den letzten Jahren stark in den Korruptionssumpf geraten. Um dies aufzulösen, braucht es viel politisches Geschick.» Parteikollegin Doris Fiala sieht es ebenso. Raggi werde die Kraft aufbringen müssen, auch für «unbequeme Massnahmen Allianzen zu schmieden». Und vor allem: Diese Entscheide auch der frustrierten Bevölkerung zu vermitteln.

Begeisterung von Raggi steckt an

Die Begeisterung der jungen Politikerin spüren nicht nur die Wähler – sie kommt auch bei der etablierten Schweizer Politik an. Es wirke, als wolle sich Raggi aus Überzeugung für eine bessere Zukunft der «wunderschönen» Stadt Rom einsetzen wollen, sagt Christa Markwalder. Auch die FDP-Vertreterin hat ihre politische Karriere in jungen Jahren begonnen und kann sich gut in Raggis Lage versetzen. «Mir gefallen Mut, Ausstrahlung der demonstrative Veränderungswille von Frau Raggi», sagt sie.

Susanne Leutenegger Oberholzer (SP) ist zwiegespalten. Es sei gut, dass mit Raggi die erste Frau ins Bürgermeisteramt einziehe. Schlecht sei, dass sie die Partei «Cinque Stelle» vertrete. Entsprechend rechnet die Nationalrätin der jungen Römerin auch nicht wirklich eine Chance ein, die Stadt von Grund auf sanieren zu können. «Aber vielleicht erwacht jetzt endlich die Linke – sie muss aus ihren Fehlern lernen», so die Politikerin.

Dass Raggi als Neuling politisch noch recht unerfahren ist, braucht kein Nachteil zu sein. Das gescheiterte Establishment Italiens habe bereits gezeigt, so Doris Fiala (FDP), dass «Erfahrung bekanntlich nicht notwendigerweise klug mache». Und unverbrauchte Kräfte wie Raggi seien für die müden und verzweifelten Italiener nun wichtig.

«Wir dürfen uns aus Angst vor Fehlern nicht lähmen lassen»

Nationalrätin Kathy Riklin (CVP) rechnet Raggi an, dass sich die junge Italienerin im Wahlkampf als unabhängige Kämpferin positioniert habe. Gleichwohl dürfte es in der täglichen Arbeit schwer für sie werden, diese Unabhängigkeit zu bewahren. «Raggi wird zum Spielball der Partei, wenn sie nicht aufpasst», warnt Keller-Sutter.

Denn der Fünfsterne-Partei traut keine der befragten Schweizer Politikerinnen so recht über den Weg. «Inhaltlich halte ich davon nicht viel, da die Bewegung nicht mit kohärenten Positionen, sondern nur mit lauten Oppositionsrufen auffällt», sagt Markwalder. Und was, wenn Raggi Fehler macht? Allzu grosse Sorgen sollte sie sich nicht machen, raten ihre Schweizer Kolleginnen. Markwalder: «Fehler machen wir alle. Wir dürfen uns aus Angst vor Fehlern nicht lähmen lassen.» Einen weiteren wichtigen Rat hat Doris Fiala parat: bloss keine Wunder verprechen.

(mit sda)

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