Grosse Formate, manchmal aber auch ein auslandendes Ego, wurden Julian Schnabel in seiner Künstlerkarriere nachgesagt. Nach Jahren als hoch bezahlter Maler erfand er sich im Film neu. Nächsten Mittwoch wird er 65.

«Ja durchaus, ich kann malen. Das ist eine Sache, die ich kann.» Vielleicht nicht alle Kunstkritiker würden Julian Schnabel zustimmen, wenn sie auf seine mehr als 2000 teils exzessiven Gemälde und Installationen der letzten 35 Jahre zurückblicken. Mit überwältigenden Superlativen auf Leinwand polarisierte der «Bad Boy» des Neo-Expressionismus, der zugleich zu den bestbezahlten Künstlern der USA gehörte.

Gross und laut

Vielleicht passen diese Formate auch einfach zu seinem Charakter. Schnabels Werke sind gross und laut, sein künstlerischer Werkzeugkasten genauso umfassend: Ob Tapete, Sackleinen, Boxmatten oder Markisen - nichts schien zu breit oder zu schwer, um nicht vom Experimentiergeist des Malers verarbeitet zu werden, der Jackson Pollock einen seiner Lieblingskünstler nennt.

Häufig gehe es in seinen Arbeiten darum, den Moment auszukosten, sagte der als Sohn eines aus Tschechien emigrierten Geschäftsmannes einmal, der in Brooklyn und in Texas aufwuchs. Den Moment kostete er vermutlich schon im ländlichen Südstaat aus, wo er Trost in der Malerei fand und eine Malklasse an der Universität Houston belegte. Ein Stipendium des Whitney Museum führte ihn schliesslich zurück nach New York.

Millionen für Zufallsprodukte

Bald fuhr Schnabel für seine Malerei, mit der er 1979 nach den als «Plate Paintings» bekannten Scherbengemälden den Durchbruch schaffte, mindestens sechsstellige Summen für seine Bilder ein. Stets liess er dabei auch den Zufall walten: «Andere Menschen machen alles absichtlich und denken, sie hätten die Kontrolle. In Wirklichkeit wissen sie nicht, welche Kräfte ihren Pinsel führen», sagte er der Deutschen Presse-Agentur im Jahr 2012.

Als es 1990 zum Crash auf dem Kunstmarkt kam und Preise für Werke absackten, gelang es Schnabel, sich als Regisseur neu zu erfinden: 1996 veröffentlichte er den biografischen Film «Basquiat», für «Before Night Falls» über den kubanischen Schriftsteller Reinaldo Arenas wurde er 2000 für einen Oscar nominiert. Der mehrfach ausgezeichnete Film «Schmetterling und Taucherglocke» über Jean-Dominique Bauby, Chefredakteur der französischsprachigen «Elle», glich einem zweiten Durchbruch.

Das Ziel: die Zeit anhalten

Schnabel scheint sich bei allem Zuspruch auch kritische Stimmen zu Herzen zu nehmen. «Es ist gut, wenn Menschen keine guten Dinge über Deine Arbeit schreiben», sagte er schon in einem Interview 1980. «Was für ein grosses Kompliment, ein Scharlatan genannt zu werden.» Das habe es seit Pollock nicht mehr gegeben. «Also ist es eine Ehre.»

Sowohl seine Töchter Stella und Lola, die als Dichterin und Schauspielerin beziehungsweise als Malerin arbeiten, wie auch sein Sohn Vito, der Kunsthändler und Galerist wurde, haben die künstlerisch Ader des Vaters geerbt. Aus zweiter Ehe hat Schnabel Zwillingssöhne, heute lebt und arbeitet er im edlen Örtchen Montauk auf Long Island und hat Häuser in Mexiko und Spanien.

Vielleicht sei er Künstler geworden, um «die Zeit anzuhalten», sagte er 2012. Denn: «Du weisst nicht, wie lange es weitergehen wird, Du weisst nicht, was Du tun wirst, Du weisst nicht wirklich, was es bedeutet.» Schliesslich änderten sich die Dinge über die Jahre, auch im Leben eines Malers. «Ich habe einfach gemalt, weil ich mich danach gefühlt habe.»

(sda/ccr)

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