Der Mann ist zum Erfolg verdammt. Nachdem seine beiden Vorgänger den Ruf der Post ramponiert haben, muss Ulrich Gygi (54) doppeltes Vertrauen zurückgewinnen: jenes der Mitarbeiter in die oberste Führung und jenes der Kunden in die Dienstleistungen. Als Chef der Eidgenössischen Finanzverwaltung hat er einen guten Job gemacht. Kein anderer Beamter besitzt so viel Macht und ein so weit verzweigtes Beziehungsnetz wie er: Er gebietet über Finanzpolitik, Finanzhaushalt und Tresorerie, schmiedet Banken- und Finanzmarktgesetze, kooperiert mit der Nationalbank und dem IWF. Gygi ist analytisch und konzeptionell stark, führt hierarchisch, hat Mut zur Veränderung und zum Konflikt. Er wird die Strategie von Reto Braun umsetzen und im Hinblick auf die Liberalisierung die Kosten senken und somit wohl auch Stellen streichen. Seine Schwächen: Er hat keine unternehmerische Erfahrung, bei öffentlichen Auftritten wirkt er ernster, als er ist. Zudem reagiert er auf Kritik empfindlich. Doch Gygi ist lernfähig: «Ich werde bei der Post dickhäutiger werden müssen.»

Die Müller-Boys
Menschlich und beruflich geprägt hat ihn der Berner Professor Walter Müller, bei dem der Arbeiter- und Kleinbauernsohn Betriebswirtschaft studierte. Die damalige Studentenclique hält noch heute wie Pech und Schwefel zusammen: Peter Siegenthaler (sein heutiger Stellvertreter), SBB-CEO Benedikt Weibel, der Solothurner Regierungsrat Rolf Ritschard sowie Unternehmer Carlo Imboden (ex Atag). Seine Karriere beim Bund begann 1979, als ihn Rudolf Bieri in die Finanzverwaltung holte.

Die Links zur Finanzwelt
Sein internationales Beziehungsnetz umspannt OECD und IWF. Den knallharten US-Schatzminister Larry Summers lernte er im OECD-Währungsausschuss fürchten, er kennt IWF-Vize Stanley Fisher genauso wie Horst Köhler, den designierten neuen IWF-Chef. Heiss ist sein Draht zur Nationalbank, besonders zu Direktoriumsmitglied Bruno Gehrig, auf dessen Sessel er selber ein Auge geworfen hatte. Flüchtlingschef Jean-Daniel Gerber schätzt er aus dessen Zeit als Weltbank-Direktor. Er duzt UBS-Chef Marcel Ospel; Kontakte hat er zu Georg Krayer (Bankiervereinigung) und den CS-Bankern Lukas Mühlemann und Hans-Ulrich Doerig. Erfolgreich kooperiert hat er mit Tony Reis beim Swisscom-Börsengang. Mit SAirGroup-Chef Philippe Bruggisser sitzt er im VR des Rüstungsunternehmens Ruag. Wer gern in Bern Hof hält, steigt oft bei Gygi ab: Er präsidiert den VR des staatlichen Nobelhotels Bellevue-Palace.

Der Chefbeamten-Clan
Konflikten ging er nie aus dem Weg. Als er die Halbierung der Armee empfahl, geriet er mit seinem heutigen Chef Kaspar Villiger (damals EMD) übers Kreuz. Bundesrat Adolf Ogi und HSG-Professor Franz Jaeger rechnete er vor, dass das alte Neat-Konzept nicht finanzierbar sei – und er bekam Recht. Die Chefbeamten kennt er alle, so Max Friedli (Verkehr), Staatssekretär Charles Klaiber, Hans Sieber (Berufsbildung), Toni Wicki (Rüstungschef), Walter Fust (Deza), Hanna Muralt Müller (Vizekanzlerin), Generalstabschef Hans-Ulrich Scherrer, Claudia Kaufmann (EDI-Generalsekretärin), Kurt Grüter (Finanzkontrolle), Daniel Zuberbühler (Bankenkommission). Departementsintern steckte er die Claims gegen Generalsekretär Peter Grütter und Bundespersonalchef Peter Hablützel ab. Unter Gygi macht eine der wenigen Topbeamtinnen Karriere: Vizedirektorin Barbara Schaerer.

Die Genossen
Die grössten Gegner seiner Politik sind die Genossen. Die SP-Fraktion bekämpft die Gygi-Projekte Neuer Finanzausgleich und Währungsartikel, allen voran Chefökonom Rudolf Strahm. Bereits kündigen Gralshüter des Service public wie Andrea Hämmerle «massiven Widerstand» an, wenn Gygi die Postfinance wie beabsichtigt dereinst privatisieren will. Gut versteht er sich mit den SP-Abgeordneten Hildegard Fässler, Werner Marti, Ernst Leuenberger und Alex Tschäppät. Mit Respekt begegnet er SVP-Finanzpolitiker Christoph Blocher, der Gygi für «unbestechlich» hält.

Die Pöstler
«Spinnst du eigentlich, zur Post zu gehen?», wunderte sich Gygis Bruder über dessen Bereitschaft, freiwillig den Schleudersitz einzunehmen. Post-Präsident Gerhard Fischer preist ihn als neuen Wundermann, obwohl er ihn kaum kennt. Im Post-VR wird er dem Exbeamten Fritz Mühlemann (BKW) begegnen, ebenso Gewerkschaftsboss Hans Ueli Ruchti. Er hat nicht vergessen, dass Gygi schon früh die Bundesbeteiligung an der Swisscom auf unter 50 Prozent abbauen wollte. Spannungsfrei ist das Verhältnis zu SP-Postminister Moritz Leuenberger und zu dessen Generalsekretär Hans Werder. Alt Finanzminister Otto Stich, der seine Karriere beschleunigt hat, hätte anstelle Gygis lieber den auf der Anklagebank sitzenden Ex-Post-Chef Jean-Noël Rey wieder inthronisiert.

 

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