Der eine hat ihn, der andere nicht: einen gleichmässigen Bartwuchs. Was an sich nicht dramatisch ist, kann für manche jedoch zum Problem werden. Denn nach wie vor steht ein gepflegter Dreitagebart hoch im Kurs. Regelmässig und ohne ­Löcher muss er sein. Für manch einen Mann ein unmögliches Unterfangen – denn nicht bei jedem spriesst er so gleichmässig wie bei Bradley Cooper und Co.

Der Wunsch nach dem ebenmässigen Gesichtspelz nimmt zu: nicht zuletzt durch die Hipster-Bewegung, die den Vollbart in den vergangenen Jahren zum neuen modischen Accessoire des Mannes heranzüchtete. Prominente Schauspieler wie George Clooney oder Leonardo DiCaprio machten vor, wie die Gesichtsbehaarung richtig zu tragen ist – und Männerhorden auf der ganzen Welt folgten ihrem Beispiel, liessen ihre Stoppeln wachsen.

Profiteure des haarigen Trends

Ein Profiteur des haarigen Trends sind Schönheitskliniken, in Zürich speziell The Gentlemen’s Clinic, die sich ausschliesslich den Beauty-Bedürfnissen des modernen Mannes widmet. Neben Faltenbehandlung, Augenlidkorrektur oder Bauchdeckenstraffung bietet sie seit letztem Herbst auch Barttransplantationen an. «Der Wunsch kam vonseiten unserer Kunden. Inner­halb einer Woche bekamen wir mehrere Anfragen», sagt Inhaberin Yuan Yao.

Seither führe sie rund zehn Behandlungen im Monat durch, sagt Yao. Die bärtige Kundschaft bewege sich im Alter zwischen 20 und 40 Jahren und habe nur einen Wunsch: einen gleichmässigen Bartwuchs.

Streifzug durch die Bartgeschichte

Der Trend hin zu mehr Bart nahm vor rund zwei Jahren seinen Anfang in New York – Schönheitskliniken boten Barttransplantationen an, Barbourshops zogen nach, trimmten und ölten die neue Gesichtspracht. Der Hipster-Hype schwappte schnell nach Europa über – der Vollbart erlebte eine Renaissance, der Dreitagebart ist seither so wichtig wie nie zuvor.

Ein Streifzug durch die Bartgeschichte zeigt, dass der Gesichtsschmuck des Mannes in den 1860ern durch den amerikanischen Präsidenten Abraham Lincoln populär wurde. Revoluzzer wie Che Guevara trugen Vollbart, der ebenso Symbol der Flower-Power-Generation war. Abgelöst wurde die voluminöse Gesichtsbehaarung vom Dreitagebart, gekonnt getragen vom britischen Fussballstar David Beckham. Er verkörperte den neuen metrosexuellen Stil. Ein Trend, der dem Mann die Körperbehaarung absprach und den lässig-ungepflegten Stoppelbart ins Zentrum setzte.

Gleichmässiger Wuchs, ohne Lücken

Trotz steigender Nachfrage gibt es in der Schweiz erst wenige Einrichtungen, die eine Echthaartransplantation im Gesichtsbereich durchführen. Massentauglicher ist immer noch die Aufforstung im Kopfhaarbereich.

Bei Yuan Yao ist das anders: «Die meisten Männer kommen mit dem Wunsch nach einem perfekten Bart zu uns.» Sie erzählt, dass ein Kunde kurz vor seiner Hochzeit stand und speziell für die Fotos einen dichten, gleichmässigen Wuchs haben wollte. Ein anderer liess sich die Lücken auffüllen, die schon bei einem Dreitagebart sichtbar sind. «Für viele Männer symbolisiert der Bart Männlichkeit und Stärke. Unsere Kunden sind häufig Perfektionisten», sagt die Beauty-Chefin. Sie alle wollen einen gleichmässigen Wuchs, ohne Lücken.

Eingriff kann einen Tag dauern

Für seinen Traumbart nimmt der Mann von heute einiges auf sich. Denn die Transplantation ist ebenso zeitaufwendig wie kostspielig. Je nach Anzahl der zu transplantierenden Haare dauert der Eingriff, der unter örtlicher Betäubung durchgeführt wird, zwischen vier Stunden und einem ganzen Tag. Die Haare werden mitsamt Wurzel am Hinterkopf entnommen und im Kinnbereich implantiert – und das Haar für Haar.

«Für den Kunden ist der Eingriff nicht schmerzhaft, höchstens die Betäubungsspritze kann als unangenehm empfunden werden», sagt Yao. Bietet der Hinterkopf nicht genügend Haare, können diese oft auch im Brustbereich entnommen werden – wichtig für ein natürliches Ergebnis sei aber eine Mischung aus Kopf- und Körperhaaren.

Kein Alkohol, keine Zigaretten, kein Sport

Riskant ist die Prozedur laut Yao nicht, doch damit die Haare an ihrem neuen Platz anwachsen und ­gedeihen, müssen gewisse Regeln beachtet werden: Vor dem Eingriff muss auf Alkohol und Koffein verzichtet werden, und nach der Transplantation sollte Mann erst einmal nicht zur Zigarette greifen oder Sport treiben. «Wir empfehlen unseren Kunden, sich eine Woche freizunehmen, damit die roten Punkte, die vom Eingriff am Hinterkopf sowie im Bartbereich sichtbar sind, abheilen können», sagt sie.

Die Wahrscheinlichkeit, dass die transplantierten Haare anwachsen, liege je nach verwendeter ­Methode bei fast 90 Prozent. Die vom Hinterkopf entnommenen Haare wachsen – da die Wurzel fehlt – nie wieder nach. Doch: Der Haarverlust am Hinterkopf durch die Transplantation falle nicht weiter auf. «Ohnehin verliert der Mensch pro Tag im Schnitt 80 bis 100 Haare.»

Wichtig zu wissen

Ein weiteres Risiko sieht Andreas Krämer, Inhaber von Hairforlife, einer Beratungsstelle für Haartransplantationen in Kreuzlingen. Der Experte rät jedem, der sich einer Transplantation unterziehen will, vorher abzuklären, ob er unter genetisch bedingtem Haarausfall leidet – das im Bart implantierte Haar sei nämlich unwiderruflich weg, so der Experte. Auch er bekomme immer mehr Anfragen für eine Barttransplantation. «Insbesondere junge Männer wünschen sich einen vollen Bart und ein männlicheres Aussehen.»

Auch das Abdecken von Narben nach Verbrennungen und Unfällen sowie von Lippenspalten wird als Wunsch für eine Barttransplantation angeführt, sagt Hannes Domeisen. Laut dem Gründer und ­Inhaber von Pilopro Haartransplantation in Rapperswil können Schwierigkeiten bei der Verpflanzung auftreten, wenn Nerven oder Gefässe beschädigt werden. «Ausserdem sind Kenntnisse über die natürliche Bartwuchsrichtung wichtig, damit ein ­gepflegtes Bartbild kreiert werden kann», sagt er. Trotz Trend frage bei ihm nur einer unter 30 Kunden nach einer Barttransplantation.

Teure Gesichtsbehaarung

Egal ob Backenbart, Koteletten, Voll- oder Dreitagebart: Für die haarige Gesichtsaufforstung muss Mann tief in die Tasche greifen. Für 1000 verpflanzte Haare müssen etwa 4000 Franken hingeblättert werden. So kann sich, je nach Anzahl der Haare, ein stolzer ­Betrag von bis zu 10'000 Franken summieren.

Viel wichtiger als das Geld sei aber die Diskretion, sagt Yao. Besonders in der Schweiz spreche weder Mann noch Frau gerne über die Korrekturen und Ausbesserungen, die sie an ihren Körpern vorgenommen haben. «Niemand soll merken, dass man etwas hat machen lassen – selbst die Partnerin nicht.»

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