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Amazon Studios 
Ted Hope: «Kino ist der Platin-Standard»

Ted Hope
Ted Hope: Der US-Produzent nahm vor einigen Tagen den Raimondo-Rezzonico-Preis in Locarno entgegen.Quelle: Keystone .

Zeitenwende in der Filmindustrie: Dank Amazon kann der überzeugte US-Independent-Film-Produzent wieder kleine, sperrige Filme fürs Kino machen.

Florence Vuichard
Von Florence Vuichard
07.08.2018

Eine überraschende Wahl: Das Filmfestival Locarno, Hort der unabhängigen Autoren­filmer, hat seinen prestigeträchtigen Raimondo-Rezzonico-Produzentenpreis an Ted Hope, den Filmstudio-Chef des Amazon-Konzerns, vergeben.

Doch was auf den ersten Blick wie ein grosser Widerspruch aussieht, passt eigentlich ganz gut zu­sammen: Denn Hope hat als Co-Gründer der New Yorker Good Machine nicht nur den amerikanischen Independent-Film stark mitgeprägt, sondern versucht nun, dieser Bewegung mit Hilfe des Amazon-Universums neuen Schub zu verleihen. Und er kann schon erste Erfolge verbuchen. 2017 gewann Amazon – als erster Streamingdienst überhaupt – drei Oscars: zwei für das Drama «Manchester by the Sea», einen für den iranischen Film «The Salesman».

Ted Hope, wie landet eigentlich ein ­unabhängiger Filmproduzent wie Sie beim Grosskonzern Amazon?
Ganz grundsätzlich: Weil ich Filme liebe und weil ich Filme im Kino liebe. Und weil mir die Idee gefällt, dass jeder, wo auch immer und wann auch immer, das schauen kann, was er will.

Welche konkreten Gründe bewogen Sie zu diesem Schritt?
Weil ich Independent-Filme machen will und dies mit den herkömmlichen Modellen und Methoden immer schwieriger wurde – insbesondere wegen zweier fundamentaler Faktoren: der durch die Digitalisierung verursachten Umwälzungen und der Finanzkrise. Beides hatte zur Folge, dass die Gelder, die in amerikanische Independent-Filme flossen, immer spärlicher wurden. Ich musste alles kürzen, die Produktionsbudgets, die Vorbereitungszeiten, die Marketingausgaben. Zuerst hatte ich noch grosse Hoffnungen auf ein Do-it-yourself-Distributionsmodell – und setzte mir deshalb einen klaren Rahmen: Ich wollte fünf Filme in drei Jahren machen und unabhängig herausbringen.

Und das hat nicht geklappt?
Doch. Ich habe fünf Filme gemacht, darunter «Super», «Martha Marcy May Marlene» oder «Collaborator». Die Filme waren gut, und wir konnten zum Teil sogar einen kleinen Gewinn verbuchen. Aber auch in den besten Fällen wurde niemand gerecht entlöhnt, was wiederum bedeutete, dass ich und die anderen uns nicht zu 100 Prozent dem Film widmen konnten und noch ­andere Sachen machen mussten, um zu überleben. Ausserdem erzielten die Filme kaum kulturelle Wirkung. Auch weil es für uns immer schwieriger wurde, unser Publikum zu erreichen. Die Filmkritiker der lokalen Tageszeitungen wurden entlassen, und man braucht heute sehr viel Geld, um überhaupt gehört zu werden. Das ganze Projekt war nicht nachhaltig. Es war sehr frustrierend!

Und wie kam Amazon auf Sie?
Das Magazin «Wired» hatte mich beauftragt, Roy Price zu interviewen, der Amazon Studios aufbaute. Als dann nicht viel später mein Buch «Hope For Film» herauskam, hat Price es gelesen – und mich ­kontaktiert. Die kurze Antwort lautet demnach: Heute braucht man keinen Lebenslauf mehr, um einen Job zu bekommen, sondern man sollte ein 350 Seiten starkes Buch darüber schreiben, was man machen würde, wenn man einen Job hätte.

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Filme von Ted Hope

The ice storm

The Ice Storm

Das Sittengemälde von Ang Lee gewann 1997 in Cannes den Preis fürs beste Drehbuch, das aus der Feder von Hopes Good-Machine-Mitstreiter James Schamus stammt.

Happiness

Happiness

Die Gemeinschaft von Unglücklichen von Todd Solondz (1998) wurde weltweit mehrfach ausgezeichnet.

American Splendor

American Splendor

Robert Pulcini und Shari Springer Berman beschrieben 2003 das Leben des Comicautors Harvey Pekar. 

 

Manchester by the Sea

Manchester by the Sea

Mit diesem Drama gewann Amazons Filmabteilung 2017 zwei Oscars: einen für den besten Hauptdarsteller (Casey Affleck) und einen für das beste Originaldrehbuch (Kenneth Lonergan).

Und was steht auf diesen 350 Seiten?
Es ist ein Leitfaden, um etwas Mittelmässiges oder Gutes in etwas Grossartiges zu verwandeln. Das ist es, was ich mit Filmen machen will, und das ist es, was Amazon Studios tun wollte.

Während Netflix auf Kinoauswertungen verzichtet, setzt Amazon auf die ­Formel «Kino ­zuerst», erst dann folgt die ­Auswertung über den hauseigenen Streaming-Kanal. Glauben Sie tatsächlich, dass das Kino im digitalen Zeitalter überleben wird?
Ganz sicher! 100 Prozent! Ich glaube sogar, dass die Zukunft des Kinos besser sein wird als die jüngste Vergangenheit.

Wieso?
Wir sehen alles im Leben als selbstverständlich an. Auch die Kinos, bis wir sie verschwinden sehen. Erst dann fangen wir an, uns zu fragen, was genau wir an ihnen schätzen, was sie so unvergleichlich macht. Und wieso wir die Kinos vermissen würden, falls sie ganz verschwinden sollten. Wir können genau diese Qualitäten verstärken, was sich wiederum positiv auf die Zuschauer auswirkt. Ich bin hier sehr optimistisch.

Aber es gibt heute so viele Alternativen zum Kino.
Aber letztlich ist der Kinofilm der Platin-Standard. Filme, die im Kino gezeigt werden, sind besser. Das sind jene Filme, für welche die Leute bereit sind, Unannehmlichkeiten auf sich zu nehmen – sich aus dem Sofa zu bequemen, irgendwohin zu fahren, mit viel Mühe einen Parkplatz zu finden. Und ein überteuertes Getränk zu kaufen. Sie machen es, weil Kino ein unvergleichliches, kollektives Erlebnis ist.

Amazon ist ein Riesenkonzern und hat einen Börsenwert von rund 900 Milliarden Dollar. Als Filmproduzent setzt der ­Koloss aber nicht auf Blockbuster, ­sondern auf kleine, teilweise sperrige Filme wie zum Beispiel Jim Jarmuschs «Paterson» oder «You Were Never Really Here» mit Joaquin Phoenix. Wieso?
Es ist ein Fehler, wenn grosse Firmen nur darauf achten, einen möglichst hohen Gewinn zu erzielen. Ich hoffe, dass Amazon nie auf diese Strasse einbiegen wird und stattdessen immer langfristig denkt. Bei den US-Studios hat das letztlich dazu geführt, dass sie nur noch Filme drehen, in denen Menschen in langen Unterhosen und einem Umhang herumlaufen.

Sie sprechen die Superhelden-Filme an, mit denen uns Hollywood überflutet.
Das sind die Filme, die kurzfristig am meisten Geld einspielen. Ich persönlich glaube, dass im Filmgeschäft der grösste Unterschied zwischen heute und früher die globale Distribution ist – mit direktem Kontakt zu jedem einzelnen Konsumenten respektive Zuschauer. Und das ist etwas ganz anderes als das Wissen, wie man eine 35- Millimeter-Filmkopie durch das Land verschickt. Die grossen Studios haben das verschlafen. Dank Streaming kann man heute Filme für jeden machen und muss nicht unbedingt Filme für alle machen. Grundsätzlich kann ein Unternehmen alles ­machen, kleine Filme und grosse, Dokumentarfilme und Spielfilme. Und das ist gut, solange man es gut macht. Ich kann nicht für Amazon reden, aber für mich persönlich gibt es nur eine Art Film, die ich wirklich liebe: Das sind Autorenfilme, Filme, die einzigartig sind, visionär, ambitioniert. Das ist, was ich mache – und das ist, was ich in Zukunft machen werde.

Haben Sie bei Amazon eine fixe Vorgabe, wie viele Filme Sie produzieren müssen?
Nein, es gibt keine Vorgaben. Wir orien­tieren uns an Qualitätskriterien. Aber als Amazon richtig ins Filmproduktionsgeschäft einstieg, mussten und wollten wir schnell vorwärtsmachen. So haben wir im ersten Jahr 14 Filme ins Kino gebracht – und damit gleich drei Oscars gewonnen. Die Mehrheit von diesen Filmen haben wir gekauft, da die Produktion eines Filmes mehr Zeit braucht.

Was ist eigentlich ökonomisch sinnvoller: Filme selber zu produzieren oder fertige Filme zu kaufen?
Diese Frage kann man nicht so einfach beantworten. Das sind nicht zwei strikt getrennte Welten. Man kann in den unterschiedlichsten Stadien bei einer Filmproduktion einsteigen. Doch wenn man sich ausschliesslich darauf beschränkt, Filme einzukaufen, ist man natürlich vom Angebot abhängig. Und das entspricht nicht immer den gesetzten Ansprüchen. Bei Amazon wollen wir in Zukunft mehr eigene Produktionen machen. Diese bringen zwar ein grösseres finanzielles Risiko mit sich, aber letztlich kann man auch mehr Einfluss nehmen, wenn man Filme macht, als wenn man sie erwirbt.

Was versprechen Sie sich von der ­Zusammenarbeit mit Nicole Kidmans Produktionsfirma Blossom Films?
Ich bin sicher: Wir werden viele Filme ­zusammen machen. Sie hat einen gross­artigen Geschmack. Sie hat mit den besten Regisseuren gearbeitet, ist immer wieder Risiken eingegangen. Das gefällt mir, und das gefällt Amazon.

Amazon budgetiert rund sechs Milliarden Dollar pro Jahr für die ­eigenen Pro­duk­tionen. Reicht das, ­immerhin investiert Netflix hier mehr als doppelt so viel?
Ehrlich gesagt: Ich kümmere mich nicht um die jährlichen Amazon-Budgetposten. Was für mich zählt: Wann immer wir einen guten Film haben, den wir machen könnten, dann werden wir ihn machen.

Schauen Sie als Kino- und Filmfreund ­eigentlich auch Serien?
Ja. Aber wenn ich eine Serie schaue, die okay ist, wird mir immer klar, wie sehr ich Filme liebe – auch wenn sie nicht grossartig sind. Ich habe mir nur bei sehr wenigen Serien alle Episoden geschaut. Das hat mit meinen Gewohnheiten zu tun. Aber auch damit, dass ich die kompakte Form des Films liebe, der einen Anfang, ein Mittelstück und ein Ende hat. Ich bin ja ein Listen-Typ.

Das heisst?
Ich mache Listen zu allem. Auch von allen Filmen, die ich in meinem Leben noch ­sehen möchte. Vor rund zwölf Jahren habe ich eines Morgens realisiert, dass auf ­meiner Liste mehr Filme stehen, als ich überhaupt noch sehen kann – angesichts meiner Lebenserwartung und meiner Sehgewohnheiten. Wenn ich also heute einen Film schaue, der nicht auf meiner Liste steht, dann werde ich etwas anderes auf meiner Liste ganz sicher nicht sehen können. Deshalb muss man Prioritäten setzen. Kinos und Filmfestivals helfen dabei.

Apropos Festivals: Waren Sie eigentlich schon einmal in Locarno?
Nein, obwohl schon etliche meiner Filme dort gezeigt wurden. Aber mit dem Besuch in Locarno kann ich einen weiteren Punkt auf einer meiner Listen abhaken.