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Tamedia: Von Schall und Rauch

Beim Zürcher Medienkonzern brennt es. Nur die Zigarren von CEO Michel Favre wollen dies nicht mehr.

Veröffentlicht 30.06.2002
Bis vor einem Jahr genehmigte sich Tamedia-Chef Michel Favre, ein bekennender Gourmet, nach einem feinen Essen gern eine würzige Zigarre. Dann auferlegte er sich, exakt zum Börsengang des Unternehmens, freiwillig den Verzicht. Als die Tamedia-Aktie am 2. Oktober 2000 zum ersten Mal öffentlich gehandelt wurde, schloss Favre mit sich eine Wette ab: Entweder liege der Kurs ein Jahr nach dem Börsengang auf mindestens 310 Franken, oder er rauche nie mehr. Nun ist die Zeit der Einlösung gekommen. Zu 260 Franken emittiert, pendelt die Tamedia-Aktie heute um die Marke von 80 Franken. Sie kam nie auch annähernd auf die von Favre angepeilten 310 Franken. Das bedeutet für den Konzernchef die Fortsetzung seiner Zigarrenabstinenz auf Lebzeit. Favres Kommunikationschef Peter Hartmeier, ein passionierter Zigarrenraucher, legt allerdings Wert auf die Feststellung, der Rauchverzicht gelte nur für den Big Boss und nicht fürs übrige Management.

Was nicht ist, kann noch werden. Denn der Konjunkturabschwung trifft die Tamedia hart. Bei ihr brennt es an allen Ecken und Enden. Anfang Oktober ist der Zürcher Konzern voll auf die Bremse getreten und hat einen Investitions- und Personaleinstellungsstopp verkündet. Zudem sollen die aktuellen Kosten um fünf Prozent gesenkt werden. Das geht nicht ohne schmerzhafte Einschnitte: So ist der Bereich Publishing-Services aufgelöst worden. Die Mitarbeiter haben den blauen Brief erhalten. Das Portefeuille war nach dem Verlust des Mandats für die Küchenpostille «Le Menu» an Ringier noch schmalbrüstiger geworden. Die restlichen Publishing-Aktivitäten übernehmen die Production-Services. «Falls weitere Bereiche geschlossen werden, kann es zu weiteren Entlassungen kommen», erklärt Eta Pavlovic von der Tamedia-Unternehmenskommunikation.

Zurzeit zittern vor allem die Online-Redaktionen der Tamedia-Produkte. Es gibt Überlegungen, die Webauftritte von «Schweizer Familie» und «Annabelle» zu kippen und etwa die Inhalte des Flaggschiffs «Tages-Anzeiger» kostenpflichtig zu machen. «Wir analysieren, welche Businessmodelle Erfolg versprechend sind. Der Online-Markt ist nach wie vor sehr schwierig», meint Pavlovic. Ob die Ankündigung vom halbierten Konzerngewinn für 2001 auf noch 50 Millionen Franken schon die ganze Wahrheit ist, muss sich erst zeigen. Auf jeden Fall warten auf Martin Kall, den designierten Nachfolger von CEO Michel Favre, schwierige Zeiten. Mit seinem Antritt wird eher früher als später (offiziell Ende 2002) gerechnet.
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