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Severin Schwan – gefordert wie nie zuvor

Severin Schwan
Mit zehn Jahren an der Spitze ist Severin Schwan einer der amtsältesten CEOs der Schweiz. Grund zum Feiern hat er nicht.Quelle: Gabriel Hill

Schwaches Wachstum, auslaufende Patente, sinkender Aktienkurs – und ein CEO, der den höchsten Lohn aller Schweizer Konzernchefs einstreicht: Der Roche-Vormann ist gefordert wie nie.

Erik Nolmans
Von Erik Nolmans
05.06.2018

Gut möglich, dass Severin Schwan sein Zehn-Jahr-Jubiläum als Chef des Pharmagiganten Roche gerne unter anderen Umständen gefeiert hätte. Der Österreicher, seit März 2008 an der Spitze und damit einer der amtsältesten CEOs der Schweiz, hat derzeit wenig Grund für Festlaune. Denn Roche geht durch schwierige Zeiten, wie er selber Anfang Jahr in der «Financial Times» andeutete, als er «realistische Erwartungen» für 2018 forderte.

Was damit gemeint war, offenbarte er dann im Februar an der Jahrespressekonferenz, als er die Anleger auf schwächeres Wachstum einstimmte: Mit einem Prozentsatz zwischen «null und einem niedrigen einstelligen Wert» soll der operative Gewinn wachsen. Im Klartext: Das Unternehmen stagniert.

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Skeptische Börse

Die Börse straft Roche ab: Mit minus 13,1 Prozent (Stand 04.Juni) gehört die Aktie zu den am schlechtesten performanden SMI-Werten. Besser halten konnte sich Konkurrent Novartis, bei dem mit dem 41-jährigen Vas Narasimhan ein neuer CEO für Schub sorgt. Dieser bespielt souverän die neuen Medien, etwa mit einem Twitter-Account unter eigenem Namen, auf dem er persönliche Einblicke in seine Arbeitswelt gewährt, und traut sich etwas: Satte 8,7 Milliarden Dollar zahlt er für die US-Biotech-Firma Avexis – und setzt so seine Ankündigung in die Tat um, grosse, kühne Innovationsprojekte zu realisieren. Da sieht Schwan, obwohl erst 51 Jahre alt, auf einmal alt aus.

Nur in einer Hinsicht ist er heute klar die Nummer eins – beim Salär. Mit einem Paket von 15,1 Millionen Franken verdiente er 2017 sogar mehr als Grossbanker Sergio Ermotti, Chef der UBS, der 14,2 Millionen kassierte. Dass Roche das Salär seines CEO zunächst noch mit einem Trick tiefrechnete – ausgewiesen wurde der Steuerwert und nicht der Marktwert –, wurde schnell durchschaut. Derlei Mätzchen kannte man schliesslich noch von Grossverdiener Daniel Vasella, dem Ex-Chef von Novartis. Inzwischen hat der Konkurrent dieser Unsitte allerdings längst abgeschworen.

Grosszügige Atmosphäre

Doch bei Roche herrscht generell eine grosszügige Atmosphäre. Die Besitzerfamilie Oeri-Hoffmann, die den Lohn des CEO mit abgesegnet hat – André Hoffmann ist Leiter des Kompensationskomitees –, darf sich nach der Dividendenerhöhung von 2017 wohl auch für 2018 auf üppigen Reibach freuen. Schwan deutete an, dass die Dividende auch in diesem Jahr steigen dürfte, dem Steuerpaket von US-Präsident Donald Trump sei Dank, das bei den Einnahmen wohl für einen ausserordentlichen Zustupf in Höhe eines «hohen dreistelligen Millionenbetrags» (Finanzchef Alan Hippe) sorgt. Dank Trumps Steuerkick dürfte der Gesamtgewinn daher trotz Wachstumsschwäche im eigentlichen Geschäft um mehrere Prozent steigen.

Für all die Grosszügigkeit im Unternehmen gibt es ja auch sonst einige Gründe, schliesslich landen durch die Verkäufe in Höhe von 53,3 Milliarden Franken immer noch 8,8 Milliarden Franken Konzerngewinn in der Kasse – mehr als sieben Mal so viel, wie die UBS 2017 erwirtschaften konnte. Roche fährt einen nachhaltigen Kurs und schaut gut zu ihren weltweit 94 000 Mitarbeitern.

Doch genügt das?

Am Scheideweg

Klar ist: Roche steht derzeit am Scheideweg. Man sei in einer Phase des Übergangs, welche «ein besonderes Engagement von allen» erfordere, stimmte Präsident Christoph Franz vor dem Jahreswechsel eigens die Belegschaft auf neue – härtere – Zeiten ein. Severin Schwan ist, statt sich nach zehn Jahren als Chef gemütlich zurücklehnen zu dürfen, nochmals gefordert.

Wir treffen Schwan am Firmensitz in Basel, im 1936 gebauten, zweistöckigen Gebäude aus Stein, wo immer noch der Name F. Hoffmann La Roche & Co. über der Eingangstüre prangt. Gleich daneben erhebt sich der neu gebaute Roche-Turm, selbstbewusstes Monument des in seiner 122-jährigen Geschichte zum Weltkonzern mutierten Unternehmens.

Severin Schwan
Umgänglicher Österreicher: Severin Schwan ist mit seiner zugänglichen Art intern beliebt.
Quelle: Gabriel Hill

Die Begrüssung ist herzlich und unverkrampft. Die Krawatte hat er im Schrank gelassen, fürs Gespräch legt er auch das Jackett ab. Er hat ein wenig zugenommen in den letzten Jahren – einer, der sich wohlfühlt und bei dem man sich wohlfühlt. Schwan stimmt seinem Präsidenten zu, es sei in der Tat eine Phase des Übergangs.

«Patentklippe»

Nachdenklich legt er die Stirn in Falten: Es sei ja durchaus üblich, dass wichtige Umsatzträger nach und nach den Patentschutz verlieren, doch dass das gleich mehrere Blockbuster gleichzeitig betreffe, sei «in diesem Ausmass doch aussergewöhnlich». Aussenstehende benutzen noch weitaus stärkere Ausdrücke: «Die Situation ist präzedenzlos», liess sich UBS-Pharmaanalyst Jack Scannell in der «Handelszeitung» zitieren, «dass ein Unternehmen in so kurzer Zeit mit Patentabläufen in diesem Ausmass konfrontiert wird, hat es in der Pharmaindustrie meines Wissens noch nie gegeben.»

«Patentklippe» nennt man in der Fachsprache diese Situation. Roches bisheriges Glück – mehrere Produkte haben sich parallel zu Topsellern auf dem Markt entwickelt – wird jetzt zum Pech: Alle laufen gleichzeitig aus. Die Fallhöhe ist beträchtlich: Betroffen sind die bisherigen Umsatzrenner, die Multimilliardenseller Rituxan, Avastin und Herceptin. Diese Krebsmedikamente machen zusammen rund 40 Prozent des Gesamtumsatzes von Roche aus. Den Gewinnanteil dieser Produkte verrät Roche nicht, er soll aber noch deutlich höher liegen – Insider schätzen, dass diese kleine Gruppe von Blockbustern für fast drei Viertel des Gewinns sorgt. Ohne Patentschutz sind diese Produkte der wachsenden Konkurrenz durch billigere Nachahmerprodukte ausgesetzt, vor allem durch die biomedizinisch hergestellten Präparate, die sogenannten Biosimilars.

Schwan ist dennoch guten Mutes. Die Patentabläufe seien eine grosse Herausforderung, man sehe sich aber gut gerüstet. Denn andererseits sei ja auch die Pipeline ausserordentlich gut. Allein in den letzten zwei Jahren habe man sechs neue, vielversprechende Präparate auf den Markt gebracht, «das liegt weit über dem historischen Durchschnitt von Roche». Mehr noch, er ist überzeugt, «dass das Portfolio noch nie so stark war wie jetzt». Die Chancen stünden also gut, die anstehenden Umsatzverluste zu kompensieren.

Hohe Marketingkosten

In der Tat konnte Roche wichtige Etappenziele erreichen. So erteilte die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA die Zulassungen für zwei der wichtigsten Hoffnungsträger des Unternehmens, für das Multiple-Sklerose-Medikament Ocrevus sowie für Hemlibra, ein Präparat gegen die Bluterkrankheit, eine Gerinnungsstörung des Blutes. Ocrevus sei ein hervorragendes Produkt und vom Markt auch gut aufgenommen worden: 900 Millionen Umsatz in neun Monaten habe Roche mit dem Präparat bereits erzielt.

Von Hemlibra schwärmt Schwan gar, es sei «ein medizinischer Durchbruch ohnegleichen». Es gab zwar einzelne Berichte über Patienten, die während der Behandlung mit Hemlibra gestorben sind. Roche hält jedoch fest, dass in diesen Fällen gemäss den unabhängigen Abklärungen der behandelnden Ärzte kein Zusammenhang mit Hemlibra bestanden habe.

Der Nachteil von ganz neuen Produkten ist der gigantische Marketingaufwand, vor allem in der ersten Phase der Lancierung – da werden die Einnahmen von den Ausgaben schnell einmal aufgefressen. Für die Bearbeitung des Therapiegebietes im Falle von Ocrevus etwa hat Roche teure Spezialisten von der Konkurrenz abgeworben, unter anderem von Novartis. Die bisherigen Blockbuster indes waren lukrative Selbstläufer und feste Bestandteile auf den Bestellzetteln der Krebsärzte.

«Die neuen Produkte werden den Wegfall der wichtigen Umsatzträger in einer ersten Phase nicht kompensieren», gibt sich Oliver Kubli, Head Portfolio Management Healthcare bei der Bellevue Gruppe, skeptisch. «Die Fragen im Markt, ob es gelingen wird, die Ausfälle wettzumachen, kann ich nachvollziehen», räumt Schwan ein. Dass man in den Neuanfang und die Positionierung der neuen Produkte investieren müsse, sei aber auch von den Aktionären breit akzeptiert. Er gehe zudem davon aus, dass die Kosten in etwa im Rahmen der Verkäufe steigen würden und die Marge über alles gesehen doch stabil bleibe.

InterMune-Kauf ein Fehler?

Dass stets Vorsicht in Bezug auf hoffnungsvolle, neue Medikamente angebracht ist, zeigt das Beispiel des Lungenmedikaments Esbriet. Dieses Produkt war es, dessentwegen Roche die US-Biotechnologiefirma InterMune 2014 übernahm – die erste grosse Übernahme unter der Ägide Schwan notabene. Im Gegensatz zu den Akquisitionen seiner Vorgänger, die ein gutes Händchen bewiesen hatten – auf Anstoss von Fritz Gerber etwa war die US-Firma Genentech dazugestossen, unter Franz Humer der Diagnostikkonzern Boehringer –, konnte der InterMune-Kauf die Erwartungen nicht erfüllen. Schon zum Zeitpunkt des Kaufes schnödeten die Analysten, Schwan habe mit 8,3 Milliarden Dollar reichlich viel bezahlt.

Sie sollten recht behalten: Weil das Medikament bis heute nicht auf die gewünschten Umsätze kam, musste Roche jüngst eine happige Wertberichtigung von 1,7 Milliarden Franken ausweisen. War der Kauf ein Fehler? «Das wird sich weisen», sagt Schwan. Es hänge davon ab, wie sich das Produkt weiterentwickeln werde: «Ich gehe davon aus, dass es zweistellig weiterwachsen wird.»

Fehlende Agressivität

Dass Schwan auch auf Zukäufe schielt, um die Pipeline zu füllen, ist nachvollziehbar, denn der Nachschub aus der eigenen, milliardenteuren Forschung stockt. «Vor allem aus der eigenen Roche-Küche in Basel kommt relativ wenig», so Experte Kubli. Auch die jüngsten Hoffnungsträger wurden nicht am Rheinknie entwickelt: Ocrevus stammt von der US-Tochter Genentech, Hemlibra von der japanischen Chugai.

Hat ein Pharmaunternehmen medizinisch differenzierte Produkte, muss es sie allerdings auch mit genügender Konsequenz vermarkten. «Generell braucht es für die Markteinführung von Pharmaprodukten schon früh grosse Investitionen und eine gewisse Agilität im Wettbewerb», weiss Pharmaexperte Norbert Hültenschmidt von der Beratungsfirma Bain. Was die Agilität betrifft, hat Roche mit ihrem eher behäbigen Auftritt noch Potenzial nach oben. «Was Novartis vielleicht zu viel an Aggressivität hat, hat Roche zu wenig», so ein hoher Repräsentant von Novartis. Es gibt Phasen, wo es einer Firma womöglich gut bekommt, ein behäbiges Familienunternehmen zu sein, doch es gibt auch Phasen, wo dies klar ein Nachteil ist – wie jetzt, da man im Markt neu einen starken Fussabdruck hinterlassen muss. Dass der oberste Chef fast körperlich eine Art Gemütlichkeit – böse Zungen sagen gar Trägheit – vermittelt, hilft in dieser Phase auch nicht unbedingt. Wenn Roche Marktanteile verliert, so geschieht das denn auch vornehmlich nicht darum, weil man selber schlechter wird, sondern weil die anderen aufholen.

In der Immunonkologie abgehängt

Bristol-Myers Squibb etwa, noch in den frühen neunziger Jahren führend im Krebsbereich, dann aber von Roche beziehungsweise deren Tochter Genentech im Onkologiebereich abgehängt, ist nach einem Durchhänger wieder voll da. Inzwischen ist Bristol-Myers Squibb vor allem im zukunftsträchtigen Bereich Immunonkologie führend und hat Roche generell als Taktgeber der Entwicklung abgehängt. Auch viele kleine Biotechfirmen zeigen heute mehr Innovationskraft als Roche. Ist es für einen Grosskonzern generell schwieriger, einen Gründergeist bei der Innovation aufrechtzuerhalten, dürfte Roche mit ihrem behäbigen Spirit noch zusätzlich benachteiligt sein.

Experten halten es zudem für ungünstig, dass sich Roche mit der Fokussierung auf Onkologie zu stark in die Krebsecke manövriert hat. Vor diesem Hintergrund wurde auch der kürzlich erfolgte Austritt von Forschungschef John Reed mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Der Neurowissenschaftler Reed weckte die Hoffnung, Roche bewege sich fortan weg aus der Ecke. Dass Reed nach nur fünf Jahren «aus persönlichen Gründen» weiterzieht, ist aussergewöhnlich. Der neue Forschungschef William Pao ist wieder ein klassischer Krebsmann.

Wie sieht es aus mit Schwans eigener Dynamik? Bringt er nach zehn Jahren im Tagesgeschäft als operativer Chef noch den Schwung mit, die Herausforderungen der Zukunft anzugehen?

Severin Schwan

Severin Schwan ist in Innsbruck aufgewachsen. Nach dem Wirtschafts- und ­Jurastudium sowie dem Doktorat in Rechtswissenschaften an der Uni Innsbruck heuerte Severin Schwan 1993 als Trainee bei Roches ­Finanzabteilung an – und stieg Stufe um Stufe zum Konzernchef empor. Die Qualitäten des arbeitsamen Österreichers entdeckte Henri B. Meier. Der ehemalige Finanzchef des Konzerns erkannte das Talent und übertrug ihm mit 28 Jahren die Aufgabe, das kriselnde Brüssel-Geschäft aufzumöbeln. Schwan meisterte den Test. Seit 2008 ist Schwan CEO von Roche.

Severin Schwan

«Der Job macht mir immer noch viel Freude», sagt er. Zehn Jahre seien zwar in der Tat eine lange Zeit, aber Roche sei dafür bekannt, auch auf dem Chefposten in langen Zyklen zu funktionieren. Er sei erst der siebte CEO in 122 Jahren, Vorgänger Franz Humer sei 15 Jahre an der Spitze gestanden, dessen Vorgänger Fritz Gerber gar 25 Jahre.

Aufbruchstimmung wie vor zehn Jahren

Ihn würden derzeit viele Themen reizen, zum Beispiel wie die künstliche Intelligenz die Wirtschaft verändern wird oder welchen Einfluss die zunehmende Bedeutung von Big Data auf den Gesundheitsmarkt haben wird. Auch neue Arbeits- und Rekrutierungsmodelle würden ihn beschäftigen. Als Beispiel nennt Severin Schwan den «Hackathon», den Roche unter dem Titel «Code4life» jüngst übers Netz veranstaltete. Ein «Hackathon» ist ein Event, an dem ein Schwarm miteinander nicht verbundener Personen gemeinsam eine knifflige Aufgabe zu lösen hat. Den Gewinner der Veranstaltung, einen jungen französischen Physikstudenten, habe er persönlich getroffen – und gleich bei Roche angestellt.

Sein Privileg sei, dass er sich bei Roche mit solchen Themen im Rahmen seiner Rolle als CEO beschäftigen dürfe. Die Neuausrichtung der Firma vor dem Hintergrund solcher Entwicklungen sei auch für ihn eine starke Motivation. Er spüre gar eine ähnliche Aufbruchstimmung wie vor zehn Jahren während des Durchbruchs der personalisierten Medizin, sagt er mit leuchtenden Augen.

Die Frage ist allerdings, ob auch der Markt Schwan abnimmt, weiterhin der richtige Mann auf dem CEOPosten zu sein. Die Einwechslung des jungen Amerikaners Vas Narasimhan für den lang gedienten Kämpen Joe Jimenez bei Novartis sorgte jedenfalls auch an der Börse für einige kurstreibende Fantasie.

Langfristige Perspektive

«Wir sind extrem zufrieden mit Herrn Schwan», stärkt Verwaltungsratspräsident Christoph Franz seinem CEO unmissverständlich den Rücken. Das Vorbild Novartis bekümmere ihn nicht: «Unser Schub kommt daher, dass wir ständig neue, innovative Produkte bringen, und nicht daher, dass wir ständig neue Gesichter zeigen.» Stabilität sei eines der Erfolgsrezepte der Firma und entspreche auch der langfristigen Perspektive der Besitzerfamilie.

Severin Schwan (l.) und Christoph Franz
Severin Schwan (l.) und VR-Präsident Christoph Franz (Bild von der Generalversammlung im März 2016) müssen Roche zu neuem Wachstum führen.
Quelle: Keystone

Berufliche Alternativen gäbe es für Schwan allerdings durchaus. So sitzt er seit 2014 im Verwaltungsrat der Grossbank Credit Suisse und amtet dort seit 2017 gar als Vizepräsident sowie Lead Independent Director. Bankintern gilt der Österreicher durchaus als Kandidat für den Präsidentensessel, sollte der nicht unumstrittene Urs Rohner dereinst Platz machen. Schliesslich kommt Schwan ursprünglich aus dem Finanzbereich, begann der studierte Rechts- und Wirtschaftswissenschaftler seine Karriere bei Roche doch im Bereich Corporate Finance und war später als Finanzchef der Diagnostiksparte tätig.

Derlei Spekulationen schiebt er bestimmt den Riegel vor: «Das sehe ich nicht, mein Fokus liegt voll und ganz auf Roche.» Corporate Finance sei zudem schon noch etwas anderes als Banking, er würde sich nicht anmassen, in diesem hoch spezialisierten Sektor eine derart tragende Rolle zu übernehmen: «Ich kann mir nicht vorstellen, CS-Präsident zu werden», schliesst er.

Immerhin: Die hohen Löhne des Finanzsektors scheinen ihm wenig fremd. Auf sein Rekordsalär von 15,1 Millionen Franken angesprochen, stockt er einen Moment. Es ist das einzige Thema im Gespräch, das Severin Schwan sichtlich unangenehm ist. Er setzt sich im Stuhl auf und verschränkt die Arme. Es sei eine Debatte, an die man sich – gerade in der Schweiz, wo Diskretion grossgeschrieben werde – gewöhnen müsse. Die Kriterien der Salärbestimmung seien klar, sagt er. Wichtig sei, dass der Bonus auf zehn Jahre gesperrt sei, was deutlich länger als üblich sei. Damit stelle man auch die langfristige Absicherung des Erfolgs sicher. Bei der Vergütung stehe man im Wettbewerb mit den grossen Pharmaunternehmen der Welt, schiebt Präsident Franz nach, «wenn wir unsere Spitzenkräfte nicht verlieren wollen, müssen wir die entsprechenden Vergütungslösungen bieten».

Roche-CEO Severin Schwan
Severin Schwan: Seit 2008 CEO von Roche, seit 2013 auch Mitglied des Verwaltungsrats.
Quelle: Gabriel Hill

Handlungsbedarf auf der Kostenseite

Ungünstig ist nur, dass das Salär just zum Zeitpunkt, da der Motor ins Stocken geraten ist, am höchsten ist. Die Frage ist auch, ob die entstandene Kontroverse Roche nicht in der Entscheidungsfreiheit einschränkt. Der im November angekündigte Abbau von 400 Stellen hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack, seit man weiss, dass der Chef selber ein Rekordsalär einstreicht.

Auf der Kostenseite aber haben Analysten weiteren Handlungsbedarf identifiziert. Noch immer gibt es Doppelspurigkeiten. Das letzte grössere Kostenprogramm datiert von 2010, als 4800 Arbeitsplätze abgebaut wurden. Seit 2012 sind die operativen Kosten massiv gestiegen. Mit Finanzchef Alan Hippe, der von ThyssenKrupp kam, hat Roche einen erfahrenen Kostensenker. Als Pharmaexperten der Credit Suisse im Dezember von Hippe darauf hingewiesen wurden, den kommenden Geschäftsbericht nach Informationen zu Kostensenkungen zu durchforsten, kamen Gerüchte über ein grosses Abbauprogramm auf. Ein Pressesprecher dementierte umgehend, und auch Schwan winkt ab: «Wir planen derzeit kein umfassendes Restrukturierungsprogramm.»

Gut möglich allerdings, dass Schwan in Zukunft stärker gedrängt werden wird, von seinem bedächtigen Kurs abzuweichen. Dies zunächst auf der Einnahmenseite: Der Austausch bestehender Umsatzträger durch Biosimilars gehe immer schneller, warnt Pharmaexperte Oliver Kubli. So habe etwa Rituxan innerhalb kürzester Zeit in Europa 25 Prozent Marktanteil verloren. Der Markt verlangt vor diesem Hintergrund auch auf der Kostenseite Zeichen.

Ruhe bewahren

Ruhe bewahren, lautet von jeher das Motto von Roche. Ob sich der Basler Pharmakonzern diese Haltung im immer schneller wechselnden Umfeld weiter leisten kann, bleibt abzuwarten. Will man allerdings in dieser Haltung verharren, so ist Severin Schwan dafür wohl der Richtige.

In seiner Jugendzeit habe er Trickfilme gemacht, mit einer Acht-Millimeter-Kamera, hat er einmal der «Basler Zeitung» verraten. Man habe die Figuren verschieben müssen, langsam, immer wieder, Millimeter für Millimeter, beschrieb er sein Hobby. Langweilig? Nicht doch: «Das Ganze», so Schwan, «ist unglaublich meditativ.»