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Reichlich reich: Die 300 Reichsten

Die 300 Reichsten 2009

Die Krise ist noch zu spüren – wenn auch schwächer. Die 300 Reichsten haben nur noch zehn Milliarden Franken verloren. Der Vermögensstand bleibt üppig: 449 Milliarden.

Von Stefan Lüscher
04.12.2009

Monatelang sah es danach aus, als ob die Vermögen der 300 Reichsten auch in diesem Jahr massiv schrumpfen würden, nachdem sie bereits 2008 um total 70 Milliarden Franken dezimiert worden waren. Das entsprach im letzten Jahr, auf die einzelnen Reichsten heruntergerechnet, einem Wertverlust von durchschnittlich 233 Millionen Franken.

Im Frühling 2009 aber begann sich die Stimmung immer mehr aufzuhellen. Die Ökonomen wagten sich wieder an etwas rosigere Zukunftsszenarien heran, die Börsen wechselten auf Hausse. Das Blue-Chip-Barometer SMI hat über die letzten neun Monate nicht weniger als 52 Prozent zugelegt. Im Jahresvergleich, ­also gegenüber Anfang Dezember 2008, als BILANZ den 300 Reichsten letztmals den (Vermögens-)Puls gemessen hat, bleibt immer noch ein Gewinn von knapp 20 Prozent.

Über die letzten zwölf Monate haben die 300 Reichsten noch zehn Milliarden Franken an Vermögen eingebüsst. Mitleid ist fehl am Platz. Die 21.  Ausgabe der Gold-BILANZ zeigt: Zusammen besitzen die 300 Reichsten immer noch 449 Milliarden Franken. Das ist der vierthöchste von BILANZ je berechnete Vermögensstand (siehe «Im Rückwärtsgang: Wie sich das Vermögen der 300 Reichsten seit 1999 entwickelt hat» im Anhang ). ­Aktuell besitzt jeder der 300 Reichsten im Durchschnitt 1500 Millionen Franken.

Der Rückgang um insgesamt lediglich zehn Milliarden signalisiert Stabilität bei der Vermögensentwicklung. Doch der Eindruck täuscht. Noch selten sahen sich die Reichsten mit derart heftigen Ausschlägen konfrontiert. Das zeigt sich gerade bei den zehn Reichsten: Hatte ihnen die Krise ­bereits 2008 rund 16 Milliarden weggebrannt, gingen in den letzten zwölf Monaten nochmals 12 Milliarden verloren. Dennoch bleiben die Top Ten mit einem Gesamtvermögen von 114 Milliarden Franken reichlich reich.

Resistenter Schwede. Schwer gelitten haben die Vermögen von Viktor Vekselberg und der Familie Latsis, die je drei Milliarden einbüssten. Milliardenverluste zu beklagen haben auch die Textildynastie Brenninkmeijer, Hansjörg Wyss und die Roche-­Erben Hoffmann und Oeri. Die vor allem mit Baumaschinen reich gewordenen Liebherrs oder der russischstämmige Düngemittelkönig Dmitry Rybolovlev mussten sich wegen milliardenschwerer Abstriche aus der Liste der zehn Reichsten ver­abschieden. Neu dabei sind der Auto­importeur Walter Haefner sowie der Trans­pörtler Klaus-Michael Kühne. Letzterer hat sich nach dem Absturz vom Vorjahr wieder gefangen und eine Milliarde zugelegt.

Am Reichsten der Reichsten dagegen scheint das ganze Auf und Ab spurlos vorbeigegangen zu sein. Ingvar Kamprad, der mit Ikea zunehmend auch asiatische Wohnungen vermöbelt, kontrolliert ein unverändertes Vermögen von 35 bis 36 Milliarden Franken. Damit gehört der Schwede, der seit Jahrzehnten im Waadtland wohnt, zu den weltweit fünf Reichsten. Kamprads Vermögen ist schwer einzuschätzen, weil sein Möbelhaus keine Ertragszahlen preisgibt. Die Stockholmer Wirtschaftszeitung «Dagens Industri» konnte jüngst einen Blick in den Geschäftsbericht der Konzernmutter Ingka Holding werfen. Die Ikea-­Gruppe hat demnach zwischen 2000 und 2008 rund 20 Milliarden Euro an Vorsteuergewinn verdient, allein 2007 wurde ein Gewinn von 3 Milliarden Euro herbeigeschraubt. Diese Zahlen bestätigen die Berechnungen der BILANZ-Rechercheure. Für 2009 rechnet der alte Schwede ebenfalls mit Wachstum – von Krise will er nichts spüren.

Die Finanzkrise hat auch an den Börsen viel von ihrem Schrecken verloren. Da­gegen klagt die Mehrheit der Unternehmer über anhaltende Einbrüche in den Auftragsbüchern. Die Diskrepanz zwischen Finanzmarkt und Industrie ist augenfällig. Treffend beschreibt Ralph Sonnenberg, CEO und Hauptaktionär von Hunter Douglas, Weltmarktführer von Fensterverkleidungen, die Situation: «Viele sprechen von der Konjunkturbelebung. Nur sind die Liquiditätsspritzen der Notenbanken in der realen Welt noch nicht angekommen.»

Die Abweichungen bei der Vermögens­entwicklung weisen auf den unterschiedlichen Erholungsgrad in den einzelnen Branchen hin. Gehörten 2008 die Investoren unter den 300 Reichsten wegen der abstürzenden Finanzmärkte zu den Hauptverlierern, konnten sie in diesem Jahr ihr Vermögen halten oder sogar zulegen. Bei den Bankiers dagegen sind sogar innerhalb der Kategorie grosse Unterschiede auszumachen. Während Bankierfamilien aus der Deutschschweiz wie Sarasin, Vontobel und Bär 2008 einer Vermögensschmelze ausgesetzt waren, verloren sie in diesem Jahr nichts oder gewannen gar leicht dazu.

Reedereikrise. Bei Bankeignern im Welschland dagegen herrschen die Minuszeichen vor: Die Teilhaber von Pictet, Lombard Odier, Mirabaud und Bordier mussten bei ihren Vermögen heftige Abstriche in Kauf nehmen. Auch Benjamin de Rothschild hatte sich von einer weiteren Milliarde zu verabschieden. Die gleiche Summe verlor, nach einem bereits zwei Milliarden tiefen Vermögensschnitt per 2008, die Familie von Edgar de Picciotto – Bernard Madoff lässt grüssen. Tiefe Spuren hinterliess der US-Grossbetrüger auch bei Christian Stucki und den weiteren Teilhabern von Notz, Stucki & Cie; ihr Vermögen halbierte sich.

Einen schmerzhaften Vermögensschwund registrieren auch viele Unternehmer. Arg gebeutelt wurden die Reeder­, von denen es dank den Einwanderern aus Griechenland sogar im Binnenland Schweiz einige gibt. Atlantische Überkapazitäten und schwindsüchtige Frachtraten kappten die Vermögen der Familien Livanos, Latsis, Aponte und André sowie jenes der jungen Reedererbin Athina Onassis. Nichts mit der Krise zu tun hat dagegen der zwei Milliarden Franken tiefe Schnitt bei Bernie Ecclestone. Der Formel-1-Impresario mit Wohnsitz in Gstaad liess sich von Slavica scheiden und musste dem einstigen Model gut ein Drittel seines Besitzes abtreten.

Unter den 300 Reichsten sind anderseits Dutzende zu finden, die beim Vermögen kräftig zugelegt haben. Viele der Aufsteiger zählten im Vorjahr noch zu den Verlierern. Die Familie Hayek etwa verlor 2008 – zumindest auf dem ­Papier – wegen des Absturzes der Swatch-Aktien weit über zwei Milliarden, in diesem Jahr ist das Vermögen wieder um gut eineinhalb Milliarden geklettert; die Aktien haben sich seit Januar im Wert ­verdoppelt. Das gleiche Lied bei den Gebrüdern Rihs und Beda Diethelm: Ihr Vermögen, mit dem Aktienkurs des Hörgeräteherstellers Sonova verknüpft, schwoll dieses Jahr um jene Summe an, die 2008 verloren ging. Auch andere Unternehmer mit kotierten Aktien konnten Kursgewinne einfahren, so die Familien Schindler und ­Bonnard mit der Firma Schindler, Johann Rupert mit Richemont oder Thomas Schmidheiny mit Holcim.

Wie jedes Jahr präsentiert das 31-köpfige Rechercheteam der BILANZ auch 2009 neue Reichste. Die 13 Personen respektive Familien besitzen ein Vermögen von mindestens 100 Millionen Franken. Denn so viel ist nötig, um in die Liste der 300 Reichsten aufgenommen zu werden. Unter den Neulingen sind bekannte ­Namen zu finden. Etwa jener des Formel-1-Piloten Kimi Räikkönen. Er fuhr paradoxerweise wegen mässiger Leistungen in die Reichstenliste: Der in Baar wohnhafte Finne muss die Ferrari-Box vorzeitig verlassen – mit einer hohen Abfindung in der Tasche.

Dexter Balls Heimweh. Die Schweiz übt auf ausländische Multimillionäre eine unverändert starke Anziehung aus, Diskussionen um Pauschalsteuern und Bankgeheimnis hin oder her. Neu zugezogen in den Kanton Zürich (!) ist der Norweger Stein Erik Hagen mit 3 bis 4 Milliarden Franken im Reisegepäck. In der Stadt Zürich wurde blaublütiger Zuzug vermeldet: Albert Fürst von Thurn und Taxis, Herr über 2 bis 3 Milliarden, hat sich in der Altstadt niedergelassen. Das Bündnerland kann mit Grazyna Kulczyk eine neue Einwohnerin begrüssen; mit einem Vermögen von 1 bis 1,5 Milliarden gilt sie als reichste Polin.

Den Neuzugängen müssen, damit die Zahl der 300 Reichsten gewahrt wird, entsprechend viele alte Namen weichen. ­Robert Louis-Dreyfus, Mehrheitsbesitzer des weltweit führenden Handelshauses LD, ist im Alter von 63 Jahren gestorben. Die Familie Illy wiederum, die ihr Geld mit Kaffee und Kaffeemaschinen verdient, scheint die Krise besonders heftig zu spüren; ihr Anwalt zeigte auf, dass ihr Vermögen unter 100 Millionen Franken gesunken ist.

Schwer unter dem schleppenden Wirtschaftsgang leidet auch das Unternehmen von Martin und Christoph Schoeller, das Harassen an Getränkehersteller liefert. Die Brüder verfügen nicht mehr über ein Vermögen von 100 Millionen Franken. Martin Schoeller weist darauf hin, dass die Reichsten gerade aus der Industrie hohe Verluste sowie Abwertungen bei ihren Beteiligungen zu verdauen hätten. Und er regt an: «Vielleicht sollte die Ausgabe dieses Jahr bewusst nicht goldig sein, wir wollen keine neue Französische Revolution.» Der Amerikaner Dexter Ball aus der gleichnamigen Saatzuchtdynastie ist samt Frau und sechs Kindern aus dem Glarner Flecken Schwändi zurück in die USA gezogen – «aus Heimweh», wie es in seiner einstigen Wohngemeinde ­heisst. Die meisten der restlichen gestrichenen Reichsten dagegen verschwanden nicht wegen Vermögenseinbussen aus der Liste, sondern weil sie neuen Namen weichen mussten.

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