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Reiche Deutsche: Einmarsch der Hummeln

Heinz-Horst Deichmann, europäischer Schuhkönig, residiert in Klosters.

Ob sie als Firmengründer, Investoren oder einfach als Reiche in die Schweiz kommen, die ein mildes Steuerklima suchen: Deutsche Zuwanderer sind ein Segen für unsere Wirtschaft und die Staatskasse.

Veröffentlicht 26.11.2003

Alteingesessene Bürger von Klosters kennen den deutschen Mediziner Heinz-Horst Deichmann seit Jahrzehnten. Der Bäcker im Wintersportort weiss, wie der 77-jährige Vater das Brot liebt. Der lokale Schuhmacher besohlt gern Deichmanns Wanderschuhe für dessen Bergtouren. Natürlich wissen die Ureinwohner, wer da immer wieder auf leisen Sohlen unterwegs ist: Deichmann, der bescheiden auftretende Teilzeitbewohner von Klosters, ist Europas grösster Schuhverkäufer.

Gegen 80 Millionen Paar Schuhe wandern jährlich aus 1850 Verkaufsfilialen in die Schränke seiner Kunden. Die Initiale «D» in der Werbung steht zwar originär für Deichmann. Schweizer dürfen das plakatierte «D» aber auch für Dosenbach setzen. Denn Dosenbach gehört seit langem zum Imperium. Gegen 250 Läden unter den Namen Dosenbach und Ochsner (Sport) betreibt der deutsche Filialist hier zu Lande, beschäftigt zwischen St. Gallen und Genf insgesamt mehr als 2500 Mitarbeiter.

Unternehmer und Chefs, Ärzte und Studenten, Hochqualifizierte und Superreiche – die Deutschen zieht es in die Schweiz: Von Anfang 2000 bis Mitte Jahr hat die Zahl der in der Schweiz wohnenden Deutschen von 103 000 auf 130 000 zugenommen. In den Neunzigerjahren waren es noch durchschnittlich 2000 Zuwanderer pro Jahr, mittlerweile hat sich diese Quote vervierfacht. Aus keinem anderen Land ist der Zustrom so gross.

Das widerspiegelt sich deutlich in der BILANZ-Liste der 300 Reichen: Jeder zweite Superreiche ist Ausländer, den grössten Anteil stellen mit wachsendem Abstand die Deutschen. Darunter sind illustre Namen wie etwa Curt G. Engelhorn, Otto Beisheim, die Familie August von Finck (siehe «Die top ten aus deutschen Landen» auf Seite 214), aber auch junge Zuzüger wie Molkerei-Unternehmer Theo Müller («Alles Müller oder was?») sowie schillernde Paradiesvögel wie Tenniscrack Boris Becker, Radfahrer Jan Ullrich oder Sänger Udo Jürgens.

Deutsche mögen die Schweiz jedoch nicht nur als Wohnsitz, sondern auch als Nährboden für unternehmerische Expansion. Betroffen sind alle Lebensbereiche, wie zum Beispiel der Eintritt des führenden deutschen Lebensmittelverkäufers Rewe bei Bon appétit, zeigt.

In der deutschen Heimat traditionell stark mit jährlich rund 30 Milliarden Euro Verkaufserlösen, raffte Rewe-Chef Hans Reischl vor Jahren den österreichischen Platzhirschen Billa. Mit Bon appétit und deren Filialketten wie Pick Pay, Primo oder Visavis und mehr als drei Milliarden Franken Jahresumsatz steigert Rewe sein Auslandgeschäft auf mehr als zehn Milliarden Euro. Rewe-Vorstandschef Hans Reischl sitzt, nebenbei bemerkt, seit vielen Jahren schon im Beirat bei Deichmann und kennt die Schweiz aus regelmässigen Abstechern ins Bündner Urlaubsdomizil.

Impulsgeber aus dem Norden
Wer hat die Ovomaltine erfunden? Dass Deutsche die Schweizer Wirtschaft befruchten, hat Tradition.



Henri Nestlé, ein Apotheker, zügelte 1839 von Frankfurt am Main nach Vevey an den Genfersee und schuf mit dem Abfüllen von Mineralwasser die Basis für den heute international führenden, weit verzweigten Schweizer Nahrungsmittelkonzern.


Georg Wander, ein Chemiker aus der Nähe von Worms, richtete 1865 am Sulgenbach von Bern ein Laboratorium ein, aus dem sich später der malzhaltige Zaubertrank Ovomaltine über das Land ergoss.


Gustav Henkel zügelte 1886 von der Weser nach Lenzburg und begründete dort zusammen mit seinem Schulkameraden Gustav Zeiler die Konservenfabrik Hero.


Walter Boveri, ein Maschinenbauingenieur aus Bamberg, spannte 1891 in Baden mit dem Briten Charles Eugen Lancelot Brown zusammen und gründete die Brown, Boveri & Cie (BBC), die knapp hundert Jahre später mit Asea zur ABB fusionierte.


Hans Wilsdorf kam 1900 aus dem nordbayrischen Kulmbach nach La Chaux-de-Fonds, hatte Erfolg im Uhrenhandel und liess 1908 den Markennamen Rolex für sich schützen.


Otto Coninx, Bergbauingenieur aus der Nähe von Köln. 1906 sandte ihn sein Schwiegervater, Grossverleger im Ruhrgebiet, als Verlagsleiter des «Tages-Anzeigers» nach Zürich.

Deutschland mehrt den Schweizer Reichtum, das stellen ganz besonders die grenznahen Kantone fest. Thomas Moser von der Schaffhauser Wirtschaftsförderung etwa beziffert die Beiträge zum Steuersubstrat durch Betriebsansiedlungen auf gegenwärtig 25 Millionen Franken pro Jahr. Deutsche stellen dabei «den bedeutendsten Teil» der neuen Firmen dar. Auch Andreas Balg, Leiter der Thurgauer Wirtschaftsförderung, listet für das letzte Jahr 48 Firmen auf, die im Kanton neu gegründet oder vergrössert worden sind; 31 kamen aus dem Ausland, 28 davon aus Deutschland.

Die Schweiz hat fiskalische Vorteile zu bieten – und Fleiss: Schweizer Industriearbeiter bringen es auf 1800 produktive Stunden pro Jahr, die deutschen Kollegen legen schon nach 1350 Stunden den Hammer aus der Hand. Davon will zum Beispiel Hermann Rosen profitieren, der seine Spezialgerätefirma von Norddeutschland nach Stans verlagert hat. Aber auch der bayrische Autovermieter Erich Sixt, der seine Holding neuerdings von Basel aus dirigiert.

Als Schulbetreiber macht sich der deutsche Bau- und Braumilliardär Stefan Schörghuber in der Schweiz verdient. 550 Studenten addiert Albert Niggli, der VR-Präsident der Hotel- und Touristikfachschule Chur. Unter dem Logo «Swiss School» lässt Schörghuber im Bündnerland seit fünf Jahren Nachwuchs für eigene und fremde Herbergsbetriebe ausbilden.

Schon Vater Josef Schörghuber, ein gelernter Tischler und Bauingenieur, hatte nach ersten Grosstaten auf dem Bau seine Liebe für Hotels entdeckt und unter dem Namen von Tochter Arabella erste Gästehäuser errichtet. Sohn Stefan Schörghuber wagte dann mit dem Erwerb des Hotels Neues Schloss in Zürich den Eintritt ins schweizerische Gastrobusiness. Inzwischen zählen fünf Arabella-Sheraton-Hotels mit 480 Arbeitsplätzen in der Schweiz zum europaweiten Joint Venture Schörghubers mit der Sheraton-Gruppe. Und eben die wichtige Ausbildungsstätte mit dem eigenen Schulhotel Passugg.

Mit deutschen Unternehmen kamen die deutschen Chefs – und wurden auch von Schweizer Betrieben zunehmend unter Vertrag genommen: «Teutonen geben den Ton an», klagte im Juni das Nachrichtenmagazin «Facts» über deutsche Manager in der Schweiz: Der Artikel über Jürgen Dormann (CEO ABB), Oswald Grübel (CS), Georges Kern (IWC), Dirk Lohmann (Converium) und viele mehr war reichlich mit den passenden Adjektiven gewürzt: hart, schnell, hochqualifiziert – und sackgrob. «Sie sind überall!», sekundierte die linke «Wochenzeitung», als würden die Deutschen im Stechschritt einfallen, sie «kommen in Scharen, sprechen laut und trinken viel».

Darin mag ein Körnchen Wahrheit stecken, ebenso richtig indes ist: Die Deutschen machen uns reicher. Die Schweiz habe in den letzten zwei Jahrhunderten von den deutschen Einwanderern «unglaublich viel» profitiert, sagt etwa Franz Blankart, Ex-Staatssekretär und Mitglied des Präsidialausschusses bei der Handelskammer Deutschland-Schweiz.

Kurioserweise gibt es zum Thema kein Datenmaterial. Weder die Konjunkturforschungsstellen noch das Staatssekretariat für Wirtschaft oder UBS-Chefökonom Klaus Wellershoff verfügen über Studien. Henner Kleinewefers, Wirtschaftsprofessor an der Universität Freiburg i.Ü., reklamierte schon vor Jahren die fehlende Erfolgskontrolle bei der Wirtschaftsförderung. Immerhin kann die Handelskammer Deutschland-Schweiz, so der stellvertretende Direktor Ralf J. Bopp, «von unglaublich grossem Interesse deutscher Firmen» berichten. Und der St.-Galler Wirtschaftsprofessor Franz Jaeger hat eine interessante Zahl errechnet: Deutschland hat mehr qualifizierte Fachkräfte an die Schweiz verloren, als mit der Green-Card-Initiative ins Land gelockt wurden.

Basis Schweiz: Via Basel spedierte Deutschlands führender Heizungsbauer Viessmann jahrzehntelang sämtliche Exporte. Konzernsprecher Manfred Greis im hessischen Allendorf mauert allerdings, wenn er auf das Gewicht Basels für die Gesamtgruppe angesprochen wird. Dabei muss Viessmann auf jedem Geschäftsbriefbogen seine Rechtsform offenbaren. Extrem klein gedruckt zwar, praktisch nur mit einer Lupe zu entziffern, lässt der förmliche Firmeninhaber Martin Viessmann die juristische Rechtsform seines Konzerns erkennen. Als persönlich haftende Gesellschafterin steuert die Viessmann GmbH die multinationale Drei-Milliarden-Franken-Gruppe – mit Sitz in Basel.

Geheimnisvoller geschäftet Fissler, der führende deutsche Hersteller von Kochgeschirr. Dass die Familienfirma aus Idar-Oberstein in Hessen von einer Schwestergesellschaft in Rotkreuz ZG mit Namen AMC International Alfa Metalcraft Corp. AG ein eigenes Süppchen kochen lässt, soll schamvoll verschwiegen werden. Der Grund für Versteckspiele liegt nahe: Fissler vertraut im Vertrieb von Pfannen und Töpfen auf den Fachhandel. Die AMC-Gruppe schickt vom schweizerischen Rotkreuz aus weltweit mehr als 12 400 Vertriebsmitarbeiter von Haustür zu Haustür. Ein solcher so genannter Direktvertrieb konkurrenziert natürlich das Geschäft von Fachhändlern.

«Alle Aktien befinden sich in Privatbesitz», vernebelt denn auch die AMC International in Rotkreuz ihre Zugehörigkeit zur Fissler-Gruppe, die freilich in der Person von VR-Präsidentin Friederike Fissler-Pechtl sichtbar wird. Die Tochter des Konzernentwicklers Harald Fissler sitzt auch dem Aufsichtsrat der deutschen Fissler GmbH vor. Weniger zugeknöpft zeigt sich AMC, wenn es um die weltweiten Verkaufserfolge geht: Zehn Millionen zufriedene Kunden weltweit, 350 000 Topfkäufer davon in der Schweiz.

Keck schätzte die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» den Kapitalfluss in die Schweiz: Bringe jeder Deutsche im Schnitt 30 Millionen mit, so die Milchmädchenrechnung, gingen dem deutschen Fiskus und der deutschen Vokswirtschaft 240 Milliarden Franken verloren. Pro Jahr. Das ist natürlich ein bisschen verwegen, aber auch hier fehlen systematische Studien. Genauso wenig, sagt Profossort Franz Jaeger, liessen sich dynamische Effekte wie Produktivitätsfortschritte oder Innovationen in hierher verlagerte Unternehmen messen – das deutsche Fachwissen als Treibstoff für die Schweizer Wirtschaft. Auch die Statistik der Schweizerischen Nationalbank bringt wenig Klarheit. Denn innert Jahresfrist wird deutsches Kapital eingeschweizert, wenn der Steuerpflichtige in der Schweiz Wohnsitz nimmt. Insgesamt addiert die Nationalbank das deutsche Kapital per Ende 2002 in der Schweiz auf 16,4 Milliarden Franken.

Es wird tüchtig vermehrt. Aus dem Reservoir der Swiss School von Landsmann Stefan Schörghuber kann zum Beispiel Horst Rahe demnächst Absolventen schöpfen. Mit den Aida-Kreuzfahrtschiffen, mit Hotels und Immobilien hat der Hanseat sein dreistelliges Millionenvermögen gebildet. Im regelmässigen Fami-lienurlaub im Hotel Paradies in Ftan GR entflammte seine Leidenschaft für die Schweiz. Erst kaufte der Norddeutsche das Ferienhotel Paradies; dann richtete Rahe in Ftan eine Familienholding ein. Jetzt kündigt er für 2004 «die grösste private Investition» an: In Arosa will der Tourismus-Entrepreneur gemeinsam mit dem Freizeitkonzern TUI ein riesiges Gesundheitszentrum mit 4000 Betten aus dem Bergboden stampfen, auf Neudeutsch: Medical Wellness, «ein komplettes Programm für Körper, Geist und Seele» (Rahe). Mit der Bürgergemeinde Chur und der Gemeinde Arosa hat Rahe bereits Einvernehmen erzielt. Jetzt fehlt nur noch die Zustimmung des Volkes.

Das Volk in Graubünden profitiert seit langem schon von kapitalkräftigen Touristikinvestoren mit deutschem Pass. Prominentester Dukatengeber dürfte der frühere deutsche Handelskrösus Karl-Heinz Kipp sein. Sicherlich mehr als 200 Millionen Franken butterte der 79-Jährige seit seinem Zuzug nach Arosa in seine kleine Kette von Fünfsternhotels. Zur Freude von Bauunternehmern und Hotelangestellten, deren Arbeitsplätze dank Kipps Zustupf gesichert werden.

Am deutschen Händlerwesen durften allerdings auch andere Einrichtungen genesen. In absoluten Zahlen überstrahlt unverändert die Stiftung des verstorbenen früheren Kaufhauskönigs Helmut Horten im Tessin alles seither Nachfolgende. Mindestens drei Milliarden Franken, wahrscheinlich aber deutlich mehr, hinterliess der kinderlose Patron bei seinem Ableben im November 1987 als unantastbaren Grundstock seiner Stiftung zur Förderung des Gesundheitswesens in der Schweiz. Seiner Witwe Heidi, geborene Jelinek, hatte Horten grossherzig gestattet, die Erträge aus der Vermögensverwaltung zu konsumieren – gegen 150 Millionen Franken in einem guten Börsenjahr.

Wenn Stiftungsaufseher allerdings nur lasch kontrollieren, kann Vermögensmasse schon mal ins Ausland abfliessen. Den Tessiner Aufsehern sollte ein warnendes Beispiel sein, was unlängst in der berühmten Villa Favorita ablief. Die dort seit Jahrzehnten ansässige Fonda-zione Thyssen-Bornemisza büsste sämtlichen Besitz ein. Tausende von Kunstschätzen liess Witwe Tita in ihre spanische Heimat spedieren.

Die Stiftungsaufsicht dürfte bei Horten gefordert sein. Witwe Heidi Horten kehrte bereits zurück nach Österreich – und ist sicherlich bemüht, so viel Masse wie nur irgend möglich ebenfalls zu repatriieren.

Manchmal fliesst Geld eben auch aus der Schweiz ins Ausland.

Die top ten aus deutschen Landen
Die grössten Schlagzeilen als Zuzüger lieferte in diesem Jahr der deutsche Milchkönig Theo Müller. Als zweifacher Milliardär zählt er jedoch nicht zu den zehn reichsten Deutschstämmigen im BILANZ-Ranking.



1. Curt G. Engelhorn | 5–6 Mrd.


Neuerdings lässt der abgedankte Pharmakönig auch Stiefsohn Tim von seinen Milliarden zehren.


2. Erben Ströher | 5–6 Mrd.


Vor dem Verkauf ihrer Wella-Aktien schäumten die Ströher-Erben den Börsenkurs noch einmal um 92 Prozent auf.


3. Familie August von Finck | 5–6 Mrd.


August Baron von Finck muss augenscheinlich noch lernen, dass die Schweiz kein Tax-free-Land ist.


4. Karl-Heinz Kipp | 4–5 Mrd.


Der 79-Jährige spendiert mal wieder Millionenbeträge, um seine Fünf-Sterne-Hotels in der Schweiz aufzumöbeln.


5. Heinz G. Baus | 3–4 Mrd.


Der bald 70-jährige Do-it-yourself-Bauhaus-König schwimmt mit seinem Nebenerwerb, dem aus Thun BE gesteuerten Sanitärausstatter Duscholux.


6. Otto Beisheim | 2–3 Mrd.


Am 3. Januar 2004 feiert der Metro-Gründer seinen 80., bald darauf der Handelskonzern den 40. Geburtstag.


7. Otto B. Happel | 2–3 Mrd.


Der Wahlluzerner steuert als grösster Einzelaktionär die MG Technologies jetzt aus dem Aufsichtsrat.


8. Klaus J. Jacobs | 2–3 Mrd.


In Britannien geniesst der deutschstämmige Schweizer Ex-Kaffee- und heutige Kakao-König eine gnädige Steuerpauschale für Ausländer.


9. Familie Liebherr | 2–3 Mrd.


Bei Liebherr Machines in Bulle rotieren 560 Mitarbeiter bis zu 50 Stunden pro Woche.


10. Madeleine Schickedanz Herl | 2–3 Mrd.


Die grösste Einzelaktionärin des Waren- und Versandhauskonzerns KarstadtQuelle spürt die andauernde Konsumflaute.
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