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Herausforderung 
Österreichs Hoffnungsträger im Massanzug

Österreichs Hoffnungsträger im Massanzug
Vorliebe für Massanzüge: Österreichs künftiger Kanzler Christian Kern. Keystone

Seine Karriere ist steiler als jede Zugstrecke der Alpenrepublik: Bahnmanager Christian Kern soll Österreichs neuer Bundeskanzler werden. Doch das Auftreten des Hoffnungsträgers passt nicht jedem.

Er gilt als smart, ist hochgewachsen und trägt stets eng anliegende Massanzüge: Die Karriere des österreichischen Bahnmanagers Christian Kern ist steiler als jede Zugstrecke in der Alpenrepublik. Nachdem Kern bei einigen Staatsbetrieben als Manager Halt gemacht hat, soll der 50-jährige gebürtige Wiener nun den zweithöchsten Posten des Landes - den des Bundeskanzlers - übernehmen. Nächste Woche soll er vereidigt werden. Zudem wird Kern wohl auch neuer SPÖ-Vorsitzender.

«Sage, was du machst. Und mache, was du sagst», das Motto von Christian Kern ist ein Klassiker für moderne Führungskräfte. In der staatsnahen Wirtschaft hat der 50-Jährige bewiesen, dass er was bewegen kann.

Grosse Hoffnungen

Die Hoffnungen in Österreich sind gross, dass der Sozialdemokrat mit seiner pragmatischen Art das krisengeplagte Land wieder aufrichtet - und die krisengeschüttelte Regierungspartei SPÖ gleich mit. Österreich leidet unter Rekordarbeitslosigkeit, die SPÖ unter einem seit zehn Jahren andauernden Niedergang.

«Er kann allein schon mit Koordinations- und Überzeugungsfähigkeit punkten», meint der Politikwissenschaftler Peter Filzmaier. Rot-Schwarz in Wien hat die Chance, zur Halbzeit der Legislaturperiode den «Reset»-Knopf zu drücken. Das ist nötig, denn SPÖ und ÖVP liegen in Umfragen mit jeweils nur etwa 21 Prozent weit hinter der rechten FPÖ mit 34 Prozent.

In Windeseile

So hatten die Sozialdemokraten in Windeseile nach dem Rücktritt von Werner Faymann als SPÖ-Vorsitzender und Kanzler die Nachfolgefrage geklärt. Acht Landesfürsten preschten mit ihrem Votum für Kern vor und stellten SPÖ-Interimschef Michael Häupl und dessen mächtigen Wiener Landesverband vor vollendete Tatsachen.

Das war wohl auch der strategischen Vorarbeit von Kern zu verdanken, der als Bahnchef ohnehin beste Verbindungen zu allen neun Bundesländern hat. In durchaus seltener Offenheit erzählte Gerhard Zeiler, Kerns «Konkurrent» innerhalb der SPÖ um den Posten an der Spitze der Regierung, von gemeinsamen Umsturzplänen.

Kern und er hätten seit geraumer Zeit überlegt, wie Faymann zu ersetzen sei. Wäre es zu einem ausserordentlichen Parteitag gekommen, wäre er derjenige gewesen, der offen gegen Faymann als Parteichef kandidiert hätte, sagte Zeiler in Interviews. Im Fall eines Faymann-Rücktritts sollte Kern nach vorne rücken.

«Anti-Establishment»-Stimmung

«Es gab die Vereinbarung zwischen uns, im Fall des Falles den jeweils anderen zu unterstützen. Das war eine klare Rollenverteilung», sagte Zeiler der Zeitung «Die Presse». Dass Kern nie ein höheres politisches Amt bekleidet hat, gereicht ihm in der «Anti-Establishment»-Stimmung im Land zum Vorteil.

Die Vorschusslorbeeren für Kern waren zum inoffiziellen Amtsantritt jedenfalls bemerkenswert. Das Nachrichtenmagazin «News» wählte die Bildzeile «Pragmatisch, praktisch, gut.» Der noch amtierende Bundespräsident Heinz Fischer empfing den neuen Kanzler gleich am Freitagvormittag zum Gespräch. Sein Urteil: «Tüchtig».

Tatkraft wird Kern auch mit einer erheblichen Umbildung der Regierung beweisen wollen. «Er ist nie wieder so mächtig wie in der ersten Sekunde», sagt Filzmaier. Von den sechs SPÖ-Ministern gelten vier als Austauschkandidaten.

Heikle Missionen

Neben der Wirtschaftspolitik hat Kern auch andere heikle Missionen. Da ist die Abkehr von der Willkommenskultur in der Flüchtlingskrise. Sie liegt dem linken Parteiflügel noch im Magen. Da ist die strikte Abgrenzung von der rechten FPÖ auf Bundesebene. Da wollen die Gewerkschaften neue Perspektiven. Hier wird es dem Vernehmen nach darauf hinauslaufen, dass die SPÖ die Rechtspopulisten nicht mehr kategorisch als Partner ablehnt. Diese Frage soll künftig inhaltlich entschieden werden.

So könnte dem sportlichen Machertyp Kern auch mancher Fleck auf dem bisher makellosen Anzug drohen. Die Zeitung «Der Standard» meint, für ihn beginne ein «Himmelfahrtskommando»

In der SPÖ «gross geworden»

Seit vielen Jahren gilt der Medienprofi und scharfe Rhetoriker Christian Kern als beste Personalreserve der österreichischen Sozialdemokraten. Der Chef der Bundesbahnen ÖBB ist bestens vernetzt und in der SPÖ «gross geworden» - aber nicht im Parteiapparat gefangen.

Verbindlich im Ton soll der 50-Jährige seinen Mitarbeitern gegenüber sehr fordernd sein, heisst es. Auf Kritik reagiere er im kleinen Kreis schon mal dünnhäutig, er lasse sich nach aussen aber nichts anmerken.

Der vierfache Vater Kern umgibt sich gerne mit langjährigen Weggefährten. Als Bedingung für eine Annahme des SPÖ-Vorsitzes soll er vollen Handlungsspielraum verlangt haben. So könnte der SPÖ ein personeller Umbruch bevorstehen. Für seinen Rückhalt wichtig ist die Zustimmung der Gewerkschaften. Deren Gunst hat er sich als auch sozial kompetenter Manager erworben.

Steile Karriere

Die Karriere des aus einer einfachen Arbeiterfamilie stammenden Wieners ist steil: Nach einem Kommunikationswissenschaften- und Managementstudium startete der einstige Klassensprecher als Wirtschaftsjournalist. Rasch wechselte er als Assistent und später als Büroleiter und Pressesprecher in die SPÖ. 1997 ging Kern zu einem mehrheitlich staatlichen Stromkonzern.

Seine bisher grösste berufliche Herausforderung folgte im Juni 2010, als er zum obersten Eisenbahner wurde. Der Chefsessel der ÖBB gilt in der Alpenrepublik als hochpolitisches Amt. Ohne Wohlwollen der Kanzlerpartei und mächtiger Ministerpräsidenten schafft es dort keiner bis an die Spitze.

Erfolgreich als Chef

Kern schlug sich als Chef gut, darin sind sich Kenner weitgehend einig. Er verlieh dem einst unbeliebten Staatsunternehmen wieder Glanz. Die maroden Finanzen der mit Steuergeld subventionierten ÖBB brachte er grossteils in Ordnung. Dazu halbierte er auch die Zahl der Managerposten auf rund 600. Die ÖBB haben 40'000 Mitarbeiter.

Den angestrebten Gewinn von 200 Millionen Euro hat er 2015 knapp verfehlt: Die Flüchtlingskrise hatte unerwartete Kosten von 15 Millionen Euro verursacht, ihm allerdings die Möglichkeit gegeben, sich vor einem Millionenpublikum medial zu profilieren.

Nicht aus der Ruhe zu bringen

In der anfänglichen Zeit der Willkommenskultur auch in Österreich übernahm die ÖBB eine wichtige Rolle bei der Versorgung und dem unbürokratischen Transport vieler Tausender Flüchtlinge. Kern machte sich am stark betroffenen Wiener Hauptbahnhof nahezu täglich selbst ein Bild davon.

Als bei einer Live-Schalte in der Nachrichtensendung «ZiB2» ein betrunkener, grölender Mann hinter Kern Randale machte, liess er sich nicht aus der Ruhe bringen. Er gab vielen Österreichern Hoffnung, dass eine staatliche Institution geordnet mit der sonst oft chaotischen Lage in der Flüchtlingskrise umgehen könne.

Geschliffene Rhetorik

Doch manche SPÖ-Genossen meinen, das selbstbewusste Auftreten des passionierten Jägers wirke zu arrogant. Die geschliffene Rhetorik des pragmatischen Machertypen passe nicht zu einer Arbeiterpartei. Seine Vorliebe für teure Anzüge brachte ihm bei der ÖBB gar den Spitzname «CK» ein, in Anspielung auf das Modelabel Calvin Klein.

Kern versteht sich als einer der wenigen auf der Polit-Bildfläche im Umgang mit Social Media. Er stellt sich gern als lockerer Typ dar und postet schon mal Selfies vom Rockkonzert. Vor zwei Jahren liess er sich bei der Ice Bucket Challenge von seiner Frau kaltes Wasser über den Kopf schütten.

Finanzieller Abstieg

Kern gilt als einziger Genosse, der sich mit der Zukunftshoffnung des konservativen Koalitionspartner ÖVP, Aussenminister Sebastian Kurz, messen kann. Witze, dass Kern und Kurz künftig die neue «K.-u.-K.»-Republik anführen könnten, zieren schon die Gazetten.

Finanziell wäre eine Beförderung zum Kanzler ein Abstieg, wenn auch auf hohem Niveau. Während dem Regierungschef etwa 300'000 Euro im Jahr bezahlt werden, bekommt Kern als Bahn-Chef samt Bonus schätzungsweise mehr als doppelt so viel.

(sda/reuters/ccr)

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