Beim SAP-Rivalen Oracle endet eine Ära: Firmengründer Larry Ellison räumt nach fast vier Jahrzehnten überraschend den Chefsessel bei dem US-Softwaregiganten. Der schillernde Milliardär und passionierte Segler agiert künftig als Verwaltungsrats- und Technologiechef und überlässt die Geschäftsführung einer Doppelspitze aus dem ehemaligen Hewlett-Packard-Chef Mark Hurd und dem Finanzexperten Safra Catz. «Wir drei arbeiten seit mehreren Jahren gut zusammen», erklärte der 70-jährige Ellison. Dies solle «auf absehbare Zeit» so bleiben.

Ellison war 1977 einer der Oracle-Gründer und der bislang einzige Chef in der Firmengeschichte. Zeitgleich mit dem Führungswechsel legte Oracle Quartalszahlen vor, die schwächer ausfielen als erwartet. Oracle-Aktien gaben zwei Prozent nach.

Pionier der amerikanischen IT-Industrie

Ellison erklärte in einer Telefonkonferenz, nach seinem Rückzug werde sich an Oracles Strategie nichts ändern. Das bekräftigte auch Catz. Der aus Chicago stammende Ellison zählte mit Microsoft-Gründer Bill Gates und dem verstorbenen Apple-Chef Steve Jobs zu den Pionieren der amerikanischen IT-Industrie. Er legte den Grundstein für einen Konzern, der über die Jahrzehnte über viele Zukäufe zu einem der wichtigsten Softwareunternehmen der Welt aufstieg.

Ellison brachte sein Haus 1986 an die Börse mit seinerzeit 55 Millionen Dollar Umsatz. Zuletzt summierten sich die Jahreseinnahmen auf mehr als 40 Milliarden Dollar. Ellisons Vermögen wurde zuletzt auf rund 180 Milliarden Dollar taxiert.

Ellison pflegte legendäre Feinschaft mit SAP-Gründer

Im Bereich von Unternehmenssoftware lieferte sich Ellison seit jeher ein Duell mit der deutschen SAP. Mit SAP-Gründer Hasso Plattner verband ihn eine Intimfeindschaft: Beide stritten sich noch 2010 vor Gericht, ob Plattner dem Amerikaner während einer Regatta den nackten Hintern zeigte oder nicht. Der SAP-Mitgründer bestritt den Vorwurf.

In den vergangenen Jahren zog Ellison jedoch immer mehr Kritik auf sich. Analysten scholten ihn 2010 wegen der gut sieben Milliarden Dollar schweren Übernahme von Sun Microsystems. Ellison hatte zudem das Cloud Computing als «Kokolores» abgetan, als ihn Experten von der Wall Street auf den neuen Trend ansprachen - heute prägt dieses Geschäft die Geschäfte der Branche.

Zuletzt schwänzte der Oracle-Chef zudem mehrfach Analystenrunden oder seine Ansprache auf der firmeneigenen Hausmesse, um die Rennen seiner Segelmannschaft Oracle Team USA während der Regatta America's Cup zu verfolgen. Am Donnerstag versprach er allerdings, künftig wieder bei den vierteljährlichen Telefonkonferenzen teilzunehmen. «Sie müssen noch ein bisschen länger warten, um mich bei den Calls loszuwerden», sagte er. «Ich entschuldige mich bei allen dafür.» In den Augen des Konkurrenten Marc Benioff von Salesforce.com wird Ellison der eigentliche Machthaber bleiben. «Es hat immer und es wird immer nur einen CEO bei Oracle geben», twittere Benioff.

Branchenexperten bezweifeln Sinn der Doppelspitze

Analysten zeigten sich vom Zeitpunkt des Rückzugs überrascht. Das werfe einige Fragen auf, sagte Daniel Ives von FBR Capital Markets. Bill Kreher von Edward Jones sagte, es sei grundsätzlich «nicht ideal», mit einer Doppelspitze zu arbeiten. So seien die 52-jährige Catz und der 57-jährige Hurd sehr unabhängige Denker mit einem starken Willen. «Es ist fast immer so, dass Doppelspitzen eine Notlösung für firmenpolitische Probleme sind», urteilte Professor Jeffrey Sonnenfeld von der Yale-Universität.

Insbesondere die Berufung Hurds sorgte bei Investoren für Stirnrunzeln. Der 57-Jährige verbrachte 25 Jahre beim Geldautomatenhersteller NCR und wechselte dann zu Hewlett-Packard. Dort stürzte er über Vorwürfe, er habe eine Mitarbeiterin sexuell belästigt. Ellison nahm ihn wenig später bei Oracle auf.

Zum Abschied von der Firmenspitze wies Ellison für das abgelaufene Quartal einen Umsatzanstieg von drei Prozent auf 8,6 Milliarden Dollar aus. Analysten hatten allerdings knapp 200 Millionen Dollar mehr erwartet. Der Gewinn stagnierte bei knapp 2,2 Milliarden Dollar.

(reuters/ccr)

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