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Erfolgsproduzent 
Michel Merkt und seine feine Nase für gute Filme

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«Ma vie de Courgette»: Am Schweizer Film ist auch Michel Merkt (r.) beteiligt.Keystone

Der Schweizer ­Filmproduzent Michel Merkt reitet international auf einer Erfolgs­welle. Jetzt wird er in Locarno ausgezeichnet.

Von Florence Vuichard
25.07.2017, Aktualisiert am 09.08.2017

Auf einmal stand er da, auf den roten Teppichen der Filmwelt. Noch vor einem Jahr wusste kaum jemand, wer Michel Merkt ist, jetzt schreibt sogar der Boulevard regelmässig über den «Genfer Erfolgsproduzenten». Kein Wunder, Merkt hatte bei erstaunlich vielen herausragenden Filmen des letzten Jahres seine Finger im Spiel, beim heimlichen Cannes-Sieger und Publikumsliebling «Toni Erdmann» ebenso wie beim Schweizer Animationsfilm «Ma vie de Courgette» oder dem Thriller «Elle». Vorläufige Krönung der kurzen und steilen Karriere: 
Mit nur 44 Jahren wird Merkt vom Filmfestival Locar­no mit dem prestigeträchtigen Produzentenpreis Raimondo Rezzonico ausgezeichnet.

Sein Auftauchen aus dem Nichts hat mit seiner Biografie zu tun. Und diese liest sich wie ein Drehbuch, in das ein über­eifriger Autor alle erdenklichen Klischees und Versatzstücke hineingepackt hat: Sozial­drama, 1001-Nacht-Romantik, Monte-Carlo-Glamour und Genfer Privatban­ken-Milieu. Von allem etwas, und mittendrin ein Held, der es nach Umwegen schafft, aus seiner Leidenschaft seinen Beruf zu machen, und es damit weit bringt: von der kleinen Schweiz nach Hollywood an die Oscar-Verleihung.

Selbstbestimmter Weg

Merkt beschreibt sich selbst als Auto­didakten und als Mann, der seinen Weg selbst bestimmt hat – auch die beruflichen Umwege. Sogar seine Adoptiveltern habe er selber ausgesucht, betont er. Seine leibliche Mutter hatte ihn in der Krippe zurückgelassen, wo ihn eine Betreuerin ab und zu über Nacht mitnahm. Bis er ihr im Alter von vier Jahren vorschlug, ihn ganz zu adoptieren. So wuchs er in einem Anwaltshaushalt in Genf auf, besuchte dort Schulen und Gymnasium.

Nachdem Merkt bei der Maturaprüfung «glänzend» durchgefallen war, wie er sagt, ging er nach Brüssel, um dort eine Kommunikations- und Marketingausbildung zu absolvieren. Parallel dazu erhielt er einen Job bei Canal+, zuerst als Praktikant, später als Journalist, und als solcher reiste er zum ersten Mal ans Filmfestival von Cannes. Als es beim Medienkonzern nicht mehr vorwärts­ging, orientierte sich Merkt neu und wollte nach Paris. Er fand bei L’Oréal eine Stelle, die er aber gar nie antrat, weil es ihn in die Genfer Privatbankenwelt verschlug.

Wertvolles Netzwerk geknüpft

Drei Tage sollte das Praktikum bei Ivan Pictet dauern, geblieben ist Merkt fünf Jahre: Von 2000 bis 2005 war er bei der Privatbank verantwortlich für Marketing, Sponsoring und Mäzenatentum. Und er nutzte die Zeit, knüpfte ein Netzwerk, von dem er auch heute noch profitieren kann. Ebenso wie von seinem nächsten Arbeit­geber, Hassanal Bolkiah, dem Sultan von Brunei, den er zwei Jahre lang bei Private-Equity-Geschäften beriet. In dieser Zeit baute er sich sein Geldpolster auf, das ihm erlaubte, ins Filmgeschäft einzusteigen.

Vom Boulevard de Suisse in Monaco aus, wo er mit seiner Frau Kateryna und ihren drei kleinen Kindern wohnt, lenkt Merkt seine Filmproduktionsfirma. Rund 50 Filme hat er seit 2008 mitproduziert, ist Risiken eingegangen und dabei auch etliche Male auf die Nase gefallen. «Es gab den Moment, als ich mich gefragt habe, ob ich wirklich für das Filmgeschäft gemacht sei.» Doch dann kam mit David Cronenbergs «Maps to the Stars» 2014 die Wende. Der Film lief im internationalen Wettbewerb in Cannes, Julianne Moore gewann die Auszeichnung als beste Schauspielerin – und Merkt war angekommen, wo er immer hinwollte: bei den Stammgästen an der Croisette. Heuer war er dort sogar in der Jury der Caméra d’Or, die das beste Erstlingswerk auszeichnet.

Auf der Suche nach dem Wow-Effekt

Seine Vergangenheit beim Genfer Finanz­platz, sein Wohnsitz im monegassischen Steuerparadies und seine Partys, die er in Cannes schmeisst, passen so gar nicht ins Selbstverständnis der hiesigen Filmbranche und sind sicher mit ein Grund, wieso ihn einige lieber als «reichen Financier mit – zugegebenermassen – gutem Film­geschmack» abstempeln. Andere beschreiben ihn als warmherzig, als ambitiös und vor allem als «Chrampfer».

Klar ist: Merkt entspricht nicht dem traditionellen Bild des kreativen Produzenten, da er oft auch relativ spät in Projekte einsteigt. Wie etwa bei «Ma vie de Courgette», wo die Produktionsfirma mit finanziellen Engpässen zu kämpfen hatte. Er habe das Potenzial des Films sofort erkannt, sagt Merkt. Zudem erinnerte ihn das Schicksal des kleinen «Courgette», der seine Mutter verliert, ins Heim kommt und dann adoptiert wird, an seine eigene Kindheit. «Das ist auch ein bisschen meine Geschichte.»

Egal zu welchem Zeitpunkt er einsteigt: Bei der Projektwahl müsse es «Liebe auf den ersten Blick» sein, sagt Merkt. Er suche den «effet wahoooo», den Wow-Effekt. Und Emotionen – kurz: eine gute Geschichte mit Potenzial beim internationalen Publikum. «Es gibt nicht zu viele Filme, es gibt nicht genug gute Filme», sagt er. Der häufigste Grund, wieso er ein Projekt ablehne, sei ein Déjà-vu-Gefühl. So will er auch nichts zu tun haben mit dem US-­Remake von «Toni Erdmann», das mit Jack Nicholson in Planung ist. «Das interessiert mich nicht. Ich habe diesen Film ja schon einmal gemacht.»

Sechs Filme pro Jahr

Ein pfannenfertiges Rezept für ein erfolgreiches Produzentendasein kann Merkt nicht vorweisen. «Man muss mischen, panaschieren, diversifizieren – wie ein gutes Portfolio mit 80 Prozent Nestlé-Aktien.» Obwohl es nicht ganz einfach ist, in der Filmwelt die Nestlé-Papiere, also die sicheren Werte, zu identifizieren. Deshalb brauche er pro Jahr mehrere Filme, sagt Merkt. Am besten sechs: «Von diesen gibt es immer einen, der etwa wegen des falschen Timings untergeht, ein anderer, der an der Kinokasse floppt, zwei, die den Break-even erreichen, und zwei Erfolge.» Nur so könne die Rechnung über die Jahre aufgehen.

Eine weitere Absicherung ist die Kontrolle der ganzen Wertschöpfungskette – von der Produktion über den Weltvertrieb und das Verleihgeschäft bis zum Kino. Er betreibt in Frankreich mit dem Produzenten Saïd Ben Saïd ein Vertriebs- und Verleihgeschäft und ist persönlich an der Kino­kette Cinéma Lumière beteiligt. Auch in Genf will er sich künftig bei einem Kino engagieren. «Hier sprechen wir aber eher von Mäzenatentum denn Geschäft.»

Keine Zauberformel für die Finanzierung

Für die Finanzierung von Filmen gibt es laut Merkt ebenfalls keine Zauberformel. Die alte «Regel» – 30 Prozent öffentliche Gelder, 30 Prozent vorbezahlte Weltrechte, 30 Prozent Eigenmittel und 10 Prozent Private Equity – gelte nicht mehr, bei jedem Projekt funktioniere es anders. In den USA könnten Filme dank steuerlichen Anreizen auch vollständig privat finanziert werden. In Europa hingegen sei die Branche auf die öffentlichen Förderstellen angewiesen. Und auf immer mehr «Kreativität und Flexibilität», um die fehlenden Gelder aufzutreiben.

Merkt steuert aus den Eigenmitteln seiner Firma KNM – die Buchstaben stehen für die Vornamen von seiner Frau und ihm – jeweils etwa zehn Prozent des Beitrags bei. Das vereinfache die Suche nach anderen Investoren. «Ich zeige damit, dass ich persönlich auch ein Risiko eingehe.»

Bevor Merkt aber Geld von Investoren annimmt, will er von ihnen genau wissen, wieso sie es in den Film stecken wollen. Die Antworten fielen jeweils sehr vielfältig aus. Einige wollten einfach mal in Cannes über den roten Teppich schreiten, andere ihren Sohn als Schauspieler platzieren und wieder andere eine möglichst hohe Rendite erzielen. «In diesem Fall jedoch­ gibt es sicherere Anlagemöglich­keiten.» Ein Investor wolle sein Geld zurück, wolle Rendite, das sei klar. «Aber ohne Leidenschaft fürs Kino ist er bei mir an der falschen Adresse.» Wie viel er selbst damit verdient, verrät er nicht. Nur so viel: «Ich mache nicht Filme, um damit Geld zu 
verlieren.»

Oscar-Ambitionen

Mit «Courgette», «Toni Erdmann» und «Elle» schaffte Merkt den Sprung an die Oscars. Dahinter stecke harte Arbeit, sagt er, der jetzt schon in den USA mehrere ­Visionierungszeitfenster blockiert hat für die nächste Award-Saison, auch wenn er noch nicht weiss, mit welchen Filmen er antreten will. Denn er weiss, wie das Spiel um Aufmerksamkeit und Visibilität funktioniert. Und er baut kontinuierlich sein Netzwerk aus bei den 90 beziehungsweise 400 Personen in Amerika, die bei den Golden Globes respektive den Oscars den Ausschlag dafür geben, welche fremdsprachigen Filme auf die Shortlists kommen. 

«Wir können bei einer Oscar-Kampagne finanziell nie mit den grossen Hollywood-Studios mithalten.» Umso wichtiger sei es, clever vorzugehen, die beschränkten Gelder effizient einzusetzen.

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