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Portrait 
Martin Schulz: Von Würselen bis ganz nach oben

Bis Anfang des Jahres war Martin Schulz Präsident des EU-Parlaments, nun will er deutscher Kanzler werden. Seine Chancen stehen schlecht, doch der Sozialdemokrat kämpft unverdrossen - wie eh und je.

Als junger Mann träumte Martin Schulz davon, Fussballprofi zu werden. In seinem Heimatstädtchen war er als Linksverteidiger Kapitän des westdeutschen Vize-Jugendmeisters Rhenania Würselen. Zwei Meniskusrisse zerstörten den Traum, machten Schulz zum Sportinvaliden und warfen ihn aus der Bahn. Er kam wieder auf die Beine und machte eine erstaunliche politische Karriere.

Bis Anfang des Jahres war Schulz Präsident des EU-Parlaments, nun will er deutscher Kanzler werden. Seine Chancen stehen schlecht, denn in den Umfragen sind seine Sozialdemokraten weit hinter die Christdemokraten von Amtsinhaberin Angela Merkel zurückgefallen.

Der 61-jährige Herausforderer kämpft unverdrossen - doch mit seinem zentralen Slogan «Zeit für mehr Gerechtigkeit» scheint er die Wähler nicht für sich entflammen zu können.

Neuling in der Bundespolitik

In der Bundespolitik ist Schulz ein Neuling, allerdings dank seiner EU-Karriere der deutschen Öffentlichkeit schon länger bekannt. Er wirbt gerne damit, wie ihm der Aufstieg aus einfachen Verhältnissen ohne Abitur und Hochschulstudium gelang.

Nach seiner Sportverletzung war der junge Schulz zeitweilig arbeitslos und Alkoholiker. Er sei damals ein «Sausack» gewesen, sagte er einmal in einem Interview. Er schaffte es, von seiner Sucht loszukommen, machte eine Lehre als Buchhändler und war zwölf Jahre lang Inhaber einer Buchhandlung in Würselen, einer Kleinstadt unweit des deutsch-belgisch-niederländischen Dreiländerecks.

Streben nach Höherem

Schon geografisch war es von dort nicht weit nach Brüssel. 1984 wurde Schulz Stadtrat, 1987 im Alter von nur 31 Jahren Bürgermeister von Würselen, und 1994 zog er für die SPD ins EU-Parlament ein.

Furore machte Schulz dort am 2. Juli 2003: Mit einer Reihe scharfer Fragen brachte der SPD-Abgeordnete den damaligen italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi derart in Rage, dass dieser ihn für die Rolle eines «Kapo», eines KZ-Aufsehers, in einem Nazi-Film vorschlagen wollte.

Im Jahr darauf wurde Schulz Fraktionschef der Sozialisten im EU-Parlament, 2012 folgte seine Wahl zum Parlamentspräsidenten. Und immer noch strebte Schulz nach Höherem.

Harmonisches TV-Duell mit Juncker

Bei der EU-Parlamentswahl 2014 trat er als Spitzenkandidat mit dem Anspruch an, bei einem Wahlsieg der Sozialisten Kommissionspräsident zu werden. Die Wahl gewannen freilich die in der EVP-Fraktion zusammengeschlossen Christdemokraten und Konservativen, und Kommissionschef wurde Jean-Claude Juncker. Vor der Wahl war Schulz gegen Juncker zu einem TV-Duell angetreten, das angesichts des freundschaftlichen Verhältnisses beider Herren harmonisch verlief.

Parlamentspräsident durfte Schulz nur bis Januar 2017 bleiben, denn gemäss einer Absprache ging der Posten zur Hälfte der Legislaturperiode an die EVP. Schulz musste den Präsidentensessel für den Italiener Antonio Tajani - einen Parteifreund Berlusconis - räumen. Nach seinem Ausscheiden kamen Vorwürfe der «Günstlingswirtschaft» gegen Schulz auf, das EU-Parlament rügte im April im Nachhinein einige seiner Personalentscheidungen.

«Schulz-Effekt» verpufft

Schon kurz vor seinem Abgang aus Brüssel verkündete Schulz im November 2016, als Nummer eins der Landesliste Nordrhein-Westfalen für den Bundestag kandidieren zu wollen. Im Januar verzichtete dann SPD-Chef Sigmar Gabriel angesichts schlechter Umfragewerte auf die Kanzlerkandidatur.

Im März wurde Schulz auch zum SPD-Vorsitzenden gewählt - mit 100 Prozent der Delegiertenstimmen. Doch der «Schulz-Effekt» - der steile Anstieg der SPD-Werte in den Meinungsumfragen - verpuffte schnell, die Partei verlor im Frühjahr drei Landtagswahlen.

Fussballfan ist der zweifache Vater auch heute noch, und auch die Liebe zur Literatur hat sich der einstige mehrsprachige Buchhändler bewahrt. 2015 erhielt Schulz in der nahe Würselen gelegenen alten Kaiserstadt Aachen den Karlspreis. In Berlin fragen sich die Kommentatoren nun, welches Amt er nach der absehbaren Wahlniederlage übernimmt.

(sda/ccr)

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