1. Home
  2. People
  3. «Je höher die Ausbildung, desto weniger Frauen»

Interview 
«Je höher die Ausbildung, desto weniger Frauen»

Clelia Bieler, Hochschule für Technik FHNW: «Frauenquote könnte die Entwicklung voranbringen»Keystone

Viele Schweizer Unternehmen klagen über einen Mangel an Fachkräften. Clelia Bieler von der Hochschule für Technik FHNW über Lösungsansätze, die Skepsis bei Männern in Teilzeit und die Frauenquote.

Veröffentlicht 25.07.2014

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Zwar ist der Frauenanteil an der Schweizer Erwerbsbevölkerung mit 45 Prozent im internationalen Vergleich hoch. Seit mittlerweile fünf Jahren stagniert dieser Wert jedoch, meldete das Bundesamt für Statistik vergangene Woche. Hinzu kommt: In der Schweiz arbeiten viel mehr Frauen in Teilzeit als in anderen Ländern – obwohl viele Unternehmen zunehmend über einen Mangel an Fachkräften klagen. Dieser könnte sich noch verschärfen, wenn die Zuwanderungsinitiative rigide umgesetzt wird.

Handelszeitung.ch sprach mit Clelia Bieler, Diversity-Beauftragte an der Hochschule für Technik FHNW. Sie ist zudem verantwortlich für die Nachwuchsförderung.

Frau Bieler, die UBS klagte kürzlich, dass der Schweiz in den kommenden Jahren rund eine halbe Million Arbeitskräfte fehlen könnten. Sie bilden den Nachwuchs aus. Können Sie nicht ein wenig Entwarnung geben?
Das wäre schön. Die Realität ist aber, dass wir besonders in technischen und IT-Berufen nach wie vor einen Mangel an Fachkräften feststellen. Das Problem wäre kleiner, wenn sich mehr Frauen für einen technischen Beruf entscheiden würden.

Wächst denn die Zahl der Studentinnen in technischen Studiengängen nicht?
Die Zahl der Studentinnen ist zwar in den letzten Jahren leicht gestiegen, vor allem bei mehr interdisziplinär ausgerichteten Bachelor-Studiengängen. Bei uns an der Hochschule für Technik FHNW entscheiden sich zum Beispiel mehr Frauen für die Informatik-Profilierung iCompetence, welche Informatik mit Design und Management verbindet. Doch in den klassischen Studienrichtungen wie Elektrotechnik oder Maschinenbau ist der Anteil noch immer sehr klein. Und im Masterstudiengang haben wir zum Beispiel nur fünf Prozent Frauen.

Wie begegnen Sie dem Problem an der Hochschule?
Wir versuchen Jugendliche – sowohl Mädchen als auch Buben – bereits sehr früh für technische Berufe zu begeistern. Etwa mit Workshops und Schnupperveranstaltungen. Vor allem für Mädchen ist es wichtig, sie darin zu bestärken, wenn sie sich für einen geschlechtsuntypischen Beruf interessieren. Das ist allerdings ein langfristiger Prozess, der könnte noch eine ganze Generation dauern. Eltern, Schule und Umfeld müssen noch sensibler werden. Denn Mädchen sind nicht weniger interessiert an technischen Berufen.

Sie meinen also, vor allem das Umfeld prägt bei der Berufswahl?
Technische Berufe werden oft noch immer sehr stark mit Männern assoziiert. Auch das klassische Bild des Wissenschafters ist männlich, mit weissen Haaren und Kittel. Mehr weibliche Rollenbilder könnten da einiges bewegen.

Sie erwähnten den verschwindend geringen Anteil von Frauen im Masterstudiengang. Gilt die gängige Einschätzung «je höher die Ausbildung, desto weniger Frauen»?
Leider ist das so, nicht nur in der Ausbildung, sondern auch im Berufsleben. Wie in Unternehmen erreichen Frauen auch an Hochschulen nur selten die Spitze. Dieses Ziel kollidiert oft mit der Familienplanung. Vor allem Stellen im wissenschaftlichen Bereich sind oft befristet – die Arbeitsplatzsicherheit ist also nicht sehr hoch. Es ist dann mit einem gewissen Risiko behaftet, eine solche Stelle anzustreben. Sobald es um Familienplanung geht, setzen viele Frauen eher auf die Sicherheit.

Sind Frauen im Beruf weniger risikofreudig als Männer?
Es gibt Studien, die darauf hindeuten. Allerdings sind die Bedingungen heute noch immer stark auf den Mann zugeschnitten – und weniger auf die Familie. Die Arbeitszeiten sind oft starr und das Angebot an Kinderbetreuungsplätze ist überschaubar. Die Schweiz hat vor allem bei deren Finanzierung Nachholbedarf gegenüber anderen Ländern.

Aber es gibt bereits fruchtende Initiativen.
Ja, der Bund finanziert beispielsweise die Initiative «Der Teilzeitmann» mit. Das soll Männer unter anderem darin bestärken, mehr Familienaufgaben zu übernehmen, auch damit Frauen entsprechend aufstocken können. Doch Männer in Teilzeitarbeit sind gesellschaftlich oft noch nicht akzeptiert, sondern lösen sogar Skepsis aus.

In einigen europäischen Ländern gibt es die Frauenquote bereits. Braucht es die auch in der Schweiz, um den Anteil von Frauen in der Wirtschaft zu erhöhen?
Das ist letztlich eine politische Frage. Fakt ist, dass in der Schweiz der Anteil von Frauen in Kaderpositionen seit 1996 nur von 29 auf 33 Prozent gestiegen ist. Der Grossteil dieses Anstiegs fand jedoch bis 2002 statt. Seitdem ist der Anteil stagniert. Eine Frauenquote könnte die Entwicklung wieder voranbringen.

Der Schweizer Wirtschaft geht es mit ihrer liberalen Ausrichtung sehr gut. Kritiker misstrauen staatlichen Eingriffen. Was spricht für den Erfolg einer solchen Quote?
Etwa die Erfahrungen Norwegens. Die Skepsis in der Wirtschaft war dort anfangs ebenfalls gross. Und heute, mehr als zehn Jahre nach Einführung der Quote, ist sie bereits fast erfüllt. Die Unternehmen haben gut qualifizierte Frauen für die Stellen in Verwaltungsräten gefunden.

Für wen wollen Sie die Frauenquote in der Schweiz?
Im Herbst wurde beschlossen, dass bei bundesnahen Unternehmen wie der Post oder der SBB bis 2020 mindestens jede dritte Person im Verwaltungsrat eine Frau sein soll. Der Kanton Basel-Stadt hat jetzt auch eine Quote von 33 Prozent für Verwaltungsräte staatsnaher Unternehmen. Das ist ein guter Anfang.

Wie hoch soll denn die Quote sein?
Dies ist wiederum eine Frage, die schlussendlich die Politik beantworten sollte. Aber Norwegen hat bislang gute Erfahrungen mit einer Quote von 40 Prozent für Aufsichtsräte gemacht.

Anzeige