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Handelsstreit 
«Ich glaube, dass der Konflikt eskalieren wird»

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Donald Trump: Der US-Präsident geht auf Konfrontationskurs mit China.Quelle: Justin Sullivan/Getty Images

US-Präsident Donald Trump hat die ersten Strafzölle gegen China verhängt. China-Experte Arthur Kroeber sagt, wie eine Eskalation verhindert werden könnte.

Marc Bürgi
Von Marc Bürgi
06.07.2018

Wer ist in einer stärkeren Position in diesem Handelskonflikt: Die USA oder China?
Arthur Kroeber: Beide Seiten haben Stärken und Schwächen. China ist noch immer ziemlich abhängig vom US-Markt, die USA beziehen zwischen 18 und 19 Prozent der chinesischen Exporte. Und China ist auch auf US-Technologie angewiesen. Chinas politische Widerstandsfähigkeit ist dafür grösser. Die Regierung kann die betroffenen Industrien besser unterstützen, wenn der Konflikt China wirtschaftlich schaden sollte. Sie kann auch einfacher die Konjunktur mit höheren Infrastrukturausgaben antreiben. Die chinesische Bevölkerung würde eine wirtschaftliche Schwächeperiode wegen des Handelsstreits hinnehmen. In den USA wird es zu einer politischen Gegenreaktion kommen, sobald Konsumenten und Unternehmen die Folgen des Handelsstreits spüren. Es wird für die US-Regierung viel schwieriger als für Peking, nicht von ihrer Position abzurücken.

Wann werden die Konsequenzen des Handelskonflikts in den USA spürbar? Noch vor den «Midterms», den Zwischenwahlen für den US-Kongress diesen November?
Richtig spürbar werden sie wohl erst Anfang des nächsten Jahres, nach sechs bis zwölf Monaten.

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Trump und seine Republikanische Partei werden bei den «Midterms» also keinen politischen Preis für den Handelsstreit bezahlen?
Viele US-Unternehmen haben Vorbehalte gegenüber diesen Zöllen. Falls sie sich zusammenschliessen und gezielt gegen die Zölle lobbyierten, könnte die Regierung Trump unter Druck kommen. Aber im Moment möchte die US-Unternehmenswelt nicht öffentlich Stellung beziehen. Sie hat vom Abbau von Regulierungen und Steuersenkungen der Regierung profitiert – das wollen die Firmenlenker jetzt nicht aufs Spiel setzen. Und wenn sie sich gegen die Zölle stellen, könnten sie als unpatriotisch bezeichnet werden. Deshalb dürfte Trump keinen grossen politischen Preis dafür bezahlen.

Arthur R. Kroeber

Arthur R. Kroeber ist Leiter von GaveKal Dragonomics, ein Analysehaus für die chinesische Wirtschaft und Politik in Peking. Der US-Amerikaner ist ein gefragter Experte für internationale Medien und «Fellow» an der renommierten Denkfabrik Brooking-Singhua Center.

Arthur_Kroeber_Dragonomics

Unterstützt die Mehrheit der US-Amerikaner Trumps Zölle?
Aus meiner Sicht hat die Mehrheit keine Haltung in dieser Frage. Es gibt aber einige Bevölkerungsgruppen – besonders im Mittleren Westen – welche Trumps Handelsstreit unterstützen. Die Meinung in der breiten Bevölkerung ist nicht entscheidend. Für Trump ist wichtig, was bestimmte Interessengruppen vom Vorgehen halten. Und momentan befürworten verschiedene kleine, aber einflussreiche Interessengruppen diese Zölle.

Wird in diesem Streit eine der beiden Seiten einknicken? Oder wird der Konflikt eskalieren?
Ich glaube, dass der Konflikt eskalieren wird. Wenn Trump keinen politischen Preis zahlt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er bis zu den Wahlen den Konflikt anheizt. Er sieht ihn als eine gute Möglichkeit, seine Unterstützer zu mobilisieren. Trump hat viele Anreize, den Konflikt eskalieren zu lassen. China wiederum hat klar gemacht, dass es die US-Forderungen zurückweist. Deshalb sehe ich momentan keinen Spielraum für Verhandlungen.

Könnte Europa von diesem Konflikt profitieren?
Eine Eskalation des Handelskonflikts könnte 2019 zu einer globalen Rezession führen. Davon würde niemand profitieren. Aber es ist wahrscheinlich, dass sich in bestimmten Sektoren der chinesischen Wirtschaft Chancen eröffnen, von denen europäische Unternehmen profitieren könnten. Es ist im chinesischen Interesse, in Europa und in anderen Regionen Verbündete zu gewinnen, im Kampf gegen den US-Protektionismus.

Trump ist schon in anderen Konflikten von seiner Position abgerückt...
In diesem Jahr hat er sich nicht gemässigt. Im Jahr 2017 machte Trump Drohungen, die er dann nicht in die Tat umsetzte. Im 2018 hat sich das geändert, er doppelt ständig nach. Das sahen wir beispielsweise bei den Zöllen auf Stahl- und Aluminiumprodukte, die er Anfang Jahr ankündigte. Zuerst hiess es, es werde Ausnahmen geben – doch dann setzte er sie alle durch. Es sieht danach aus, als möchte Trump das globale Handelssystem durcheinanderwirbeln, und dass er von diesem Vorhaben nicht abrücken wird.

Xi Jinping und Donald Trump
Xi Jinping und Donald Trump: Die Gegenspieler in diesem Handelskonflikt.
Quelle: Getty Images

Und wie entschlossen ist die chinesische Regierung in diesem Konflikt?
China will das heutige globale Wirtschafssystem weiterführen. Das ergibt Sinn, schliesslich profitiert China immens davon. Sie haben in Reaktion auf die US-Zölle gewisse Wirtschaftsbereiche für das Ausland geöffnet, beispielsweise die Finanzdienstleistungen oder die Autobranche. China öffnet sich teilweise. Aber sie werden ihre Firmen auch in Zukunft schützen und ihre Wirtschaft staatlich fördern, besonders den Technologiesektor. China spricht sich für den Freihandel aus und hat einige Konzessionen gemacht – in Bereichen, wo sie dies einfach machen können. Aber letztlich halten sie an ihrer Industriepolitik fest.

China wird also nicht zum Verfechter des freien Handels?
Nein. Und wer davon ausgegangen ist, hat sich etwas vorgemacht. Es war schon immer offensichtlich, dass China eine Wirtschaft will, in welcher der Staat eine grosse Rolle innehat. Der Staat will Chinas Handel und die Investitionen bestimmen können.

Was muss passieren, damit dieser Handelskonflikt nicht ins Rollen kommt?
Im Moment ist der Konflikt festgefahren, beide Seiten halten an ihrer Position fest. Der Konflikt wird nur gelöst, falls die Kosten in den USA steigen, so dass Trump unter Druck kommt, nachzugeben. Das könnten politische Kosten sein – wenn er merkt, dass er wegen dieses Konflikts bei den Wahlen im November Stimmen verlieren wird. Oder wirtschaftliche Kosten – falls die Preise für die Konsumenten steigen oder die Unternehmen unter den Zöllen leiden.  

Sie erwähnen nur die USA. Ist China in diesem Konflikt leidensfähiger?
China ist entschlossen, diesen Konflikt auszuhalten. Und sie sind dazu auch in der Lage. Falls die chinesische Wirtschaft in Schieflage gerät, kann die Regierung sie stützen, beispielweise mit Investitionsprogrammen und Subventionen für Exporteure. Weil China ein autoritäres System hat, kann die Regierung einfach handeln. Sie kann Debatten und kritische Äusserungen verhindern. Und grundsätzlich ist die chinesische Wirtschaft in guter Form, Präsident Xi Jinping ist populär. Es fällt der Regierung einfach, Unterstützung für einen Handelskrieg gegen die USA zu erhalten. China hat in einem langwierigen Handelskonflikt die besseren Karten als die USA.

Aber auch die chinesische Wirtschaft wird unter diesem Konflikt leiden?
Sicherlich, und der Konflikt kommt zu einem ungünstigen Zeitpunkt, weil sich die chinesische Konjunktur abschwächt. Aber die Wirtschaft ist robust. Und es fällt China leichter, die wirtschaftlichen Folgen eines Konflikts auszuhalten, weil die USA ein viel sensibleres politisches System haben.