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BILANZ-Briefing 
Frankreich leugnet die Realität

Emmanuel Macron: Vielleicht macht der Unerfahrene das Rennen.  Keystone

Viele Arbeitslose, hohes Defizit - Frankreich hat schon bessere Tage gesehen. Und doch stecken nur zwei Kandidaten ihren Kopf nicht in den Sand. Es wird schwierig mit dem geforderten Aufbruch.

Von Dirk Schütz
21.04.2017

Es ist so weit: Die Franzosen bestimmen nach einem viel zu langen Wahlkampf die zwei Kandidaten, die den neuen Präsidenten unter sich ausmachen. Ich verbringe auch dieses Jahr wieder die Woche nach Ostern in Südfrankreich und bin erstaunt über die fehlende Wahlkampfstimmung: Brav hängen die elf Kandidaten ihre Plakate an die eigens aufgestellten kleinflächigen Metalltafeln, so schreibt es das Wahlgesetz vor. Sonst herrscht Ruhe. Da wirkt so mancher Schweizer Abstimmungskampf heisser.

Natürlich gibt es Trends: Rechtsauslegerin Marine Le Pen hat an Terrain verloren, der linksradikale Grossredner Jean-Luc Mélenchon gewonnen. Doch das Entscheidende ist: Die grosse Mehrheit der Kandidaten – neun von elf – befindet sich in einem Zustand, den die Amerikaner «state of denial» nennen.

Sie verleugnen, dass die französische Wirtschaft zum kranken Mann Europas geworden ist. Das Wachstum ist tiefer als in der Euro-Zone, die Arbeitslosigkeit höher, das Haushaltdefizit das zweithöchste der EU. Der Grund ist klar: Die Franzosen gönnen sich die wenigsten Arbeitsstunden der EU – und packen noch rekordhohe Sozialabgaben darauf.

Den Reformverweigerern gegenüber

Doch nur Emmanuel Macron  und Francois Fillion stecken den Kopf nicht in den Sand: Sie wollen als einzige Kandidaten die 35-Stunden-Woche kappen, das rigide Arbeitsrecht lockern und die Produktivität steigern. Fillon ist der radikalere der beiden: Sein Wirtschaftsprogramm stammt von Ex-Axa-Chef Henri de Castries, und der Kosmopolit – er sitzt auch im Nestlé-Verwaltungsrat – will den Niedergang seines Heimatlandes mit aller Macht stoppen. Doch durch die Zahlungen an seine Frau hat Fillon massiv an Glaubwürdigkeit verloren. Und Macron ist unerfahren, zudem hat er keinen Parteiapparat.

Vor allem: Wer immer gewinnt – alle Prognosen sehen beide in einer Stichwahl gegen Le Pen oder Mélenchon vorn – wird der grossen Mehrheit der Reformverweigerer gegenüberstehen. Mir fehlt der Glaube an den Aufbruch. Grande nation? Tristesse économique.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem BILANZ-Briefing von Chefredaktor Dirk Schütz – dem wöchentlichen Blick auf die Köpfe der Wirtschaft aus unserer exklusiven Insider-Perspektive. Abonnieren Sie hier Ihr wöchentliches Briefing.

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