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Memoiren 
Fall Raoul Weil: Ex-UBS-Top-Shot gibt Einblick

Raoul Weil: «Das Schreiben hielt mich im Knast über Wasser.»  Keystone

Raoul Weil war die Nummer drei der UBS, bis ihn die USA wegen Beihilfe zum Steuerbetrug anklagten. Nun kommt seine Sicht auf einen der aufsehenerregendsten Wirtschaftsprozesse in die Buchläden.

Veröffentlicht 03.12.2015

Es war einer der aufsehenerregendsten Wirtschaftsprozesse der letzten Jahre: Der Fall des früheren UBS-Bankers Raoul Weil, der von der US-Justiz wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung angeklagt war. Jetzt veröffentlicht Weil seine Memoiren - über die Zeit von der Verhaftung in Italien bis zum Freispruch in den USA.

Das Buch «Der Fall Weil» besteht grösstenteils aus Tagebuchnotizen und Prozessaufzeichnungen, ergänzt mit Hintergrundinformationen zum Steuerstreit zwischen der Schweiz und den USA. Darin zeichnet der ehemalige Chef der weltweiten Vermögensverwaltung und Nummer 3 der UBS das Bild eines unbescholtenen Managers, der von der US-Steuerbehörde als Sündenbock im Kampf gegen die Steuerhinterziehung missbraucht wurde.

Nicht von der Chefetage orchestriert

Die damaligen Praktiken der UBS in den USA wurden gemäss Weil nicht von der Chefetage orchestriert, sondern gingen auf einzelne Kundenberater zurück: «Bei 63'000 Mitarbeitenden gab es schlicht eine statistisch extrem hohe Wahrscheinlichkeit, dass sich das eine oder andere schwarze Schaf darunter befand.»

Neben der Schweizer Justiz geht Weil auch mit seinen früheren Arbeitskollegen bei der UBS hart ins Gericht: «Die Art und Weise, wie mir ehemalige Weggefährten, von denen ich bei einigen dachte, es seien Freunde, den Schwarzen Peter zuschoben, erschütterte mein Vertrauen zu den Menschen in seinen Grundfesten.»

Untersuchungshaft in Italien

Weils Buch, das sich wie ein Kriminalroman liest, beginnt mit seiner Verhaftung in Bologna und der Schilderung des 56-tägigen Aufenthalts in Untersuchungshaft. Dabei kam es immer wieder zu ungemütlichen Begegnungen mit seinen Mitgefangenen: «Tarek packte mich mit der linken Hand am Kragen und drängte mich gegen die Tür der Zellentoilette. Mit dem rechten Unterarm quetschte er meinen Hals an das Sperrholz. Der Druck auf meinen Kehlkopf liess mich würgen und husten. Blitzschnell zückte er eine unter dem Tischchen festgeklemmte Klinge und fuchtelte mit der scharfen Waffe wild entschlossen vor meiner Nasenspitze herum.»

Weil beschreibt anekdotenhaft den Gefängnisalltag, die grosse psychische Belastung und die Unsicherheit über seine Zukunft. Insgesamt dreimal wird sein Antrag auf Hausarrest abgelehnt. Einen wichtigen Teil in Weils Aufzeichnungen nimmt seine Frau ein. Immer wieder besucht sie ihn im Gefängnis in Bologna und koordiniert von der Schweiz aus die juristischen Belange.

Prozessvorbereitung in den USA

Der inhaltlich brisantere Teil des Buchs beginnt mit Weils Auslieferung an die USA und dem 10-monatigen Hausarrest mit elektronischen Fussfesseln. Durch die Schilderung der minutiösen Prozessvorbereitung mit seinen Anwälten erhält der Leser eine neue Perspektive auf den Fall.

Immer wieder ist auch vom Kronzeugen der US-Staatsanwaltschaft, Martin Liechti, die Rede. Sein Name wurde im Buch in Dieter Dunkel geändert. Der frühere Chef des amerikanischen Offshore-Geschäfts wurde 2008 von den US-Behörden unter Hausarrest gestellt und zur Kooperation gezwungen. Im Austausch gegen eine detaillierte Zeugenaussage gegen seinen ehemaligen Chef Weil kam er jedoch auf freien Fuss.

Wie im Buch zu erfahren ist, geriet das Protokoll der Aussage Liechtis aufgrund eines Missgeschicks des US-Justizdepartements bereits vor Prozessbeginn in die Hände der Verteidigung. Weil beschreibt diesen Moment als wichtigen Etappensieg. Seine Anwälte hätten dadurch die Hauptangriffsargumente gegen ihn auf dem Tisch gehabt.

Zum Inhalt des Protokolls schreibt er: «Beim Lesen wurde mir nicht nur übel, ich fühlte mich zum Kotzen! Unglaublich, wie Menschen in Bedrängnis die Wahrheit zurechtbiegen, um ihre eigene Haut zu retten.»

Einstimmiger Freispruch

Die Beschreibung des eigentlichen Prozesses vor dem Gericht in Fort Lautherdale, der drei Wochen dauerte und bei dem Weil einstimmig von der Anklage der Verschwörung zum Zweck des Steuerbetrugs freigesprochen wurde, fördert wenig Neues zu Tage. Das meiste ist bereits aus der Prozessberichterstattung der Medien bekannt.

Auch hier ist vor allem die persönliche Perspektive interessant. So ist einiges über die Strategie und Taktik von Weils Anwälten beim Kreuzverhör mit Liechti zu erfahren: «Wir wollen gegenüber der Staatsanwaltschaft keine Flanke eröffnen und schleifen Dunkel durch den ganzen Montag, so bieten wir dem Departement of Justice keine Gelegenheit, über Nacht oder während der Mittagspause eine optimale Abwehr zu organisieren. Wir müssen Dunkel morgen vor elf Uhr blitzartig niederstrecken, damit die Staatsanwaltschaft gezwungen ist, unsere Attacke aus dem Stegreif zu parieren.»

Von persönlichen Motiven getrieben

Gemäss Weil war Liechti beim Prozess auch von persönlichen Motiven getrieben: «Er versuchte in erster Linie, mich in die Pfanne zu hauen und jegliche Verfehlungen seitens der OSB (gemeint ist die UBS) auf mich abzuwälzen. Dabei ging er weiter, als es seine Verpflichtungen gegenüber dem DoJ nötig gemacht hätte. Ganz offenbar schien er mich für seine Situation verantwortlich zu machen. Sein Hass auf mich muss auch für die Geschworenen ersichtlich gewesen sein.»

Weil hält fest, dass es ihm mit seinem Buch nicht um eine persönliche Abrechnung mit den involvierten Personen gehe. Vielmehr gehe es ihm darum «jene Facetten zu schildern die in der öffentlichen Berichterstattung auf der Strecke blieben.» Und weiter: «Das Schreiben hielt mich im Knast über Wasser. Mit jeder geschriebenen Seite konnte ich Ballast abwerfen und die Geschehnisse verarbeiten.»

(sda/ccr/jfr)

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